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Ausgabe 10/2009

 



Speiseröhrenkrebs

Neue Methode der Früherkennung und Behandlung

 

Immer mehr Österreicher erkranken an Speiseröhrenkrebs. Wurden in den 1980er Jahren noch 150 Neuerkrankungen im Jahr registriert, so sind es heute mit 300 schon doppelt so viele. Nun gibt es eine neue Methode der Früherkennung von Krebsvorstufen, die – sind sie einmal entdeckt – auch sofort beseitigt werden können. Die nahezu schmerzlose Prozedur kann vor einem langen Leidensweg bewahren.

 

Von Mag. Sabine Stehrer

Sie hat einen Durchmesser von zwei bis drei Zentimetern, ist beim Erwachsenen etwa 25 bis 30 Zentimeter lang, wird von Muskeln und Bindewebe gebildet, von einer Schleimhaut ausgekleidet und hat zum Magen hin einen Verschluss: die Speiseröhre. Funktioniert der Verschluss nicht so, wie er funktionieren sollte, fließt Magensäure in die Speiseröhre zurück: Reflux entsteht, ein Leiden, das oft mit Sodbrennen, Husten, Halsbrennen oder Zungenbrennen einhergeht und nicht so harmlos ist, wie viele Betroffene glauben.
„Reflux, also der Rückfluss von Magensäure in die Speiseröhre, ist die häufigste Ursache für die Entstehung von Speiseröhrenkrebs“, erklärt Univ. Prof. Dr. Franz Martin Riegler, Facharzt für Chirurgie im Laboratorium für Chirurgische Funktionsdiagnostik am AKH Wien. Und an Speiseröhrenkrebs erkranken hierzulande immer mehr Menschen. Seit den 1980er Jahren hat sich die Zahl der Neuerkrankungen auf 300 im Jahr verdoppelt. Die meisten Betroffenen sind zwischen 50 und 60 Jahre alt, Frauen erkranken genauso häufig wie Männer.

Lebensstil als Risikofaktor

Schuld an der rasanten Zunahme seien, so Riegler, Lebensstilfaktoren. „Es wird zu oft und zu schwer gegessen, Übergewicht entsteht, es wird zu viel geraucht und Alkohol getrunken.“ All das überlaste den Stoffwechsel des gesamten Körpers und auch des Verdauungstrakts, dehne den Magen aus, schwäche den Verschluss zum Magen, führe zu Reflux und über die Speiseröhrenentzündungen und die damit verbundene ständige Reizung der Speiseröhrenschleimhaut zur Bildung von Tumoren. Riegler: „Da der Krebs lang keine Schmerzen verursacht und die Symptome nicht ernst genommen werden, wird die Krankheit meistens erst spät erkannt.“ Und sehr oft auch erst dann, wenn es bereits zu spät für eine erfolgversprechende Therapie ist. Die Sterblichkeitsrate bei Speiseröhrenkrebs ist deswegen sehr hoch: Fünf Jahre nach der Diagnose sind weniger als 20 Prozent der Erkrankten noch am Leben.

Neue Methode in vier Schritten

Doch das soll nun anders werden: Mit einer neuen Methode der Früherkennung und Behandlung von Vorstufen des Speiseröhrenkrebs, der so genannten Radiofrequenz-Ablation, will man die Zahl der Erkrankungen wieder reduzieren. Weltweit wurde die Methode inzwischen 30.000 Mal angewandt, auch am Wiener AKH wird sie seit kurzem von einem interdisziplinären Ärtzeteam aus Chirurgen und Gastroenterologen praktiziert.
Riegler: „Die neue Früherkennung und Behandlung läuft im Prinzip in vier Schritten ab.“

1. In einem ärztlichen Gespräch wird über das Vorhandensein von Risikofaktoren für Speiseröhrenkrebs und über Beschwerden gesprochen.

2. Bestehen einschlägige Beschwerden und Risikofaktoren, wird eine Speiseröhrenspiegelung durchgeführt. Dabei wird der Patient in einen Kurzschlaf versetzt. Ein Spiegelungsgerät wird in die Speiseröhre geschoben, Gewebeproben werden entnommen und anschließend vom Pathologen unter dem Mikroskop untersucht. Findet sich eine Krebsvorstufe, benötigt der Betroffene einen nächsten Termin mit stationärem Aufenthalt.

3. Der Patient wird wieder in einen Kurzschlaf versetzt. Nun wird mit der Radiofrequenz-Ablation gearbeitet. Über den Mund wird ein Ballonkatheter in die Speiseröhre eingeführt. Auf der Oberfläche des Ballons befinden sich Elektroden. Dann wird ein Spiegelungsgerät nachgeschoben, und der Ballon wird so aufgeblasen, dass die Elektroden die Schleimhautstellen der Speiseröhre berühren, die behandelt werden müssen. Mit der Radiofrequenzenergie, die durch die Elektroden auf die Schleimhaut geleitet wird, wird die erkrankte Schleimhaut zerstört. Anschließend wird der Ballon wieder aus der Speiseröhre entfernt, die Schleimhaut wird abgeschabt. Kommt es dadurch zu Schmerzen, werden Schmerzmittel gegeben.

4. Nach der Behandlung wird der Patient regelmäßig zu Arztgesprächen und Kontrolluntersuchungen eingeladen.

Riegler über den Heilungserfolg: „Am AKH haben wir die Radiofrequenz-Ablation mittlerweile 16 Mal durchgeführt und bei den Patienten den Krebs sozusagen beseitigt, noch ehe er entstehen konnte.“ Der Sinn der Prozedur lasse sich auch an Zahlen festmachen, sagt der Experte. „Wir wissen, dass eine von zehn Personen mit Krebsvorstufen in der Speiseröhre binnen der nächsten 20 Jahre ein Karzinom bekommen wird.“  

Gefährlich in fortgeschrittenem Stadium

Was geschieht, wenn sich bei der Speiseröhrenspiegelung herausstellt, dass sich bereits bösartige Knoten auf der Schleimhaut gebildet haben? „Befindet sich der bösartige Tumor im oberen Bereich der Schleimhaut, wird er während eines Kurzschlafs des Patienten mittels Endoskopie herausgeschnitten“, sagt Riegler. Hat der Tumor hingegen tiefere Wandschichten befallen, wird der erkrankte Teil der Speiseröhre operativ entfernt. Als Ersatzteil dient dann der Magen, er wird hochgezogen und weiter oben an die Speiseröhre angeschlossen. Bei beiden Eingriffen handelt es sich um schwere Operationen in Vollnarkose, die mehrere Stunden dauern. Parallel erfolgt eine medikamentöse Anti-Krebs-Therapie und/oder eine Bestrahlungstherapie. Nach einer solchen Behandlung sind fünf Jahre später noch 70 bis 90 Prozent der Erkrankten am Leben – vorausgesetzt der Tumor befand sich in einem frühen Entwicklungsstadium.
Wird Speiseröhrenkrebs erst in sehr weit fortgeschrittenem Stadium festgestellt, können dem Patienten nur noch die Schmerzen genommen – und das Schlucken erleichtert werden, etwa, indem spezielle Stents in die Speiseröhre eingesetzt werden, die die Wegsamkeit wieder herstellen. Eine Heilung ist nicht mehr möglich.


Reflux vorbeugen als Schutz

Kann man Speiseröhrenkrebs vorbeugen? Riegler: „Ja, indem man Reflux vorbeugt, also einen gesünderen Lebensstil führt.“ Wenn es dafür schon zu spät ist und es durch die Refluxkrankheit bereits zu Entzündungen der Speiseröhre gekommen ist, könne man zur Krebsvorbeugung auch eine chirurgische Maßnahme setzen, sagt Riegler. „Man kann einen Teil des Magens um die untere Speiseröhre wickeln, wodurch der Reflux unterbunden wird und die Entzündung in der Speiseröhre abheilen kann.“ Oft bilden sich dann auch die Krebsvorstufen zurück und das Krebsrisiko ist gebannt.


Speiseröhrenkrebs reduzieren

Die Verbreitung der Früherkennung von Speiseröhrenkrebs und die damit einhergehende frühzeitige Beseitigung von Vorstufen durch die Radiofrequenz-Ablation hat sich ein interdisziplinäres Team um Univ. Prof. Dr. Franz Martin Riegler zum Ziel gesetzt und dafür die Initiative „GERD Center of Excellence“ gegründet. Zunächst soll in einer Pilotstudie erhoben werden, wie viele Österreicher welcher Altersgruppen gefährdet sind, an Speiseröhrenkrebs zu erkranken. Könnte die Früherkennung in die Vorsorgeuntersuchung einbezogen werden, ließe sich mithilfe der neuen Methode die Häufigkeit der Krankheit deutlich senken, sind Riegler & Co überzeugt.




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