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Frauen sind anders

Immer mehr neue Erkenntnisse der Gender-Medizin

 

Frauen haben andere gesundheitliche Risiken als Männer, andere Krankheitssymptome und auch so manches Medikament wirkt bei ihnen anders. Trotzdem wurden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der Medizin bisher vernachlässigt. Die Gender-Medizin rückt jetzt die Frauen ins Blickfeld. MEDIZIN populär über die wichtigsten Erkenntnisse.

 

Von Mag. Alexandra Wimmer

An jenem Maitag fühlte sich Gerda S. schon seit dem Aufstehen äußerst unwohl: Sie war extrem müde, Übelkeit, Atemnot und ein Druckgefühl in der Magengegend machten ihr zu schaffen. Die Hausarbeit ging mehr schlecht als recht von der Hand. „Weil ich nichts mehr weitergebracht habe, habe ich mich entschlossen, am nächsten Tag gleich in der Früh die Hausärztin aufzusuchen“, berichtet die 58-Jährige. Von der Diagnose der Allgemeinmedizinerin war Gerda S. dann schockiert: Herzinfarkt. Dabei kann die Hausfrau von Glück reden, dass die praktische Ärztin die Symptome zu deuten wusste und sie sofort ins nächste Spital einwies.

Typisch weiblich
Dieser Vorfall kann als typisch für Frauen und ihren Umgang mit der eigenen Gesundheit gelten: Oft mangelt es ihnen am Bewusstsein für die gesundheitlichen Risiken, sie vernachlässigen ihren Körper und setzen die Versorgung von Familienangehörigen und Haushalt und/oder die berufliche Karriere an erste Stelle. Vielen ist außerdem – wie im Fall von Gerda S. – nicht bewusst, dass ihre Symptome im Vergleich zu den Männern manchmal weniger eindeutig sind. Während zum Beispiel der „männliche“ Herzinfarkt oft mit den typischen Beschwerden (Thoraxschmerz, Vernichtungsgefühl) einhergeht, sind die Symptome der Frauen häufig unspezifisch (z. B. Atemnot, Übelkeit, allgemeine Müdigkeit). „Aufgrund des mangelnden Risikobewusstseins verschleppen Frauen Symptome leichter“, erklärt Dr. Ingrid Pichler, Ärztin für Allgemeinmedizin im niederösterreichischen Poysdorf und Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM). Nicht nur die Patientinnen, auch die Ärztinnen und Ärzte wissen über die geschlechtsspezifischen Unterschiede oft (noch) zu wenig Bescheid. Wie sich jetzt zeigt, lassen sich viele körperliche Beschwerden aber erst mit diesem Wissen richtig deuten und behandeln. Ob in der Vorsorge, der Diagnostik oder der Wahl der richtigen Therapie – es wird immer deutlicher, dass der „kleine Unterschied“ so klein gar nicht ist.

Gender – ganz praktisch
Schon in der allgemeinmedizinischen Praxis – für viele Patienten der erste Kontaktpunkt zum Gesundheitssystem – ist genderssensibles Bewusstsein gefragt. „Ich denke, gerade bei Frauen sollte man als Allgemeinmediziner immer auch die Lebenssituation mit einbeziehen“, erklärt Ingrid Pichler. Als Ärztin am Land sei es für sie z. B. oft schwierig, Frauen im Fall einer Erkrankung davon zu überzeugen, sich zu schonen oder eine notwendige Behandlung durchführen zu lassen. „Es passiert immer wieder, dass ältere Frauen, die ihre eigenen betagten Eltern betreuen, auf sich selbst und ihre Gesundheit vergessen. Dann bedarf es großer Anstrengung, die Frau zu der notwendigen Kur zu überreden.“

Was bedeutet „Gender“?
Während man im Deutschen nur einen Begriff für „Geschlecht“ kennt, wird im Englischen zwischen „Sex“ (= biologisches Geschlecht) und „Gender“ (= soziales Geschlecht) unterschieden. Entsprechend werden in der Gender-Medizin nicht nur die biologischen Unterschiede (z. B. Gene, Hormone) zwischen Frau und Mann erforscht und berücksichtigt, sondern auch die durch soziale Rollen erworbenen (z. B. Lebensstil, Aufgabenbereich).
Das erklärte Ziel der noch jungen Wissenschaft, die hierzulande mit der Österreichischen Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin (ÖGGSM) ein Sprachrohr hat: Durch eine umfassende genderspezifische Ausrichtung soll die medizinische Versorgung beider Geschlechter nachhaltig verbessert werden. Das umfasst neben der Information der Patientinnen und Patienten auch die Ausbildung und Sensibilisierung von Ärztinnen und Ärzten, die Durchführung entsprechender klinischer Studien sowie geschlechtsspezifische Vorsorge-, Diagnose- und Therapiemaßnahmen.

Schwierige Diagnose
Im Arztgespräch neigen Frauen dazu, ihre Beschwerden zu verharmlosen und als „nicht so schlimm“ abzutun oder Erklärungen für ihren Zustand abzugeben. „Dann ist es schwierig, die tatsächliche Ursache für die Beschwerden herauszufinden“, berichtet Pichler. Denn wie die Patientinnen die Symptome wahrnehmen und beschreiben, beeinflusst in der Folge auch die ärztliche Einschätzung der Krankheit. Es hat sich gezeigt, dass Frauen häufiger fehl- bzw. unterbehandelt werden als Männer. Sie erhalten öfter eine psychosomatische Diagnose, während Männer, die seltener einen Mediziner konsultieren, eher mit einer somatischen Diagnose konfrontiert und entsprechend organisch durchgecheckt werden. „Ich denke, dass es sehr wichtig ist, dass man sich als Ärztin oder Arzt die Unterschiede in den einzelnen Krankheitsbildern immer wieder vor Augen führt“, betont Pichler.

Eine Frage der Hormone
Eine besondere Rolle bei der Gesundheit von Mann und Frau spielt die Wirkung der Geschlechtshormone. „Wir wissen zum Beispiel, dass das Testosteron eine Substanz beinhaltet, die dazu führt, dass Männer schon in jüngeren Jahren Bluthochdruck bekommen“, erklärt Univ. Prof. Dr. Jeanette Strametz-Juranek, Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie und Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin. „Auf der anderen Seite ist bekannt, dass das weibliche Sexualhormon Östrogen die Gefäßwände vor schädlichem oxidativem Stress sowie vor Substanzen schützt, die Arterosklerose auslösen können.“ Wegen der Östrogene ist das Herzinfarktrisiko für Frauen vor dem Wechsel um bis zu 50 Prozent niedriger als bei Männern und steigt dann kontinuierlich an. Allerdings endet für Frauen unter 60 ein Herzinfarkt häufiger tödlich: 38 Prozent sterben im ersten Jahr nach dem Infarkt, bei den Männern sind es 25 Prozent. Auch ein Schlaganfall, der bei Frauen im Durchschnitt fünf Jahre später auftritt, verläuft meist schwerer.                        

Herzenssachen
Immer noch zu wenig bekannt ist, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den industrialisierten Ländern die häufigste Todesursache für Frauen darstellen. Die Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht belasten Frauenherzen besonders stark. „Durch Nikotin wird das Risiko eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu bekommen, bei Männern um das 2,5-fache, bei Frauen um das 4,5-fache gesteigert“, erklärt die Kardiologin Strametz-Juranek.
Männliche Diabetiker haben ein dreifach erhöhtes Risiko, weibliche Diabetikerinnen hingegen ein achtfach erhöhtes Risiko, ein Herz-Kreislauf-Problem zu bekommen. Und die weit verbreitete Meinung, dass Frauen belastbarer sind als Männer, sollte dringend ins Reich der Märchen verbannt werden: Negativer beruflicher Stress erhöht bei den Frauen das Risiko für einen Herzinfarkt um 69 Prozent, durch Stress im familiären Bereich wird das Risiko sogar um 300 Prozent gesteigert.

Vorsicht bei Medikamenten!
Bei der medikamentösen Behandlung zeigt sich einmal mehr: Frauenherzen schlagen anders. „Frauen haben von Geburt an eine höhere Herzfrequenz als Männer. Manche Medikamente können bei ihnen sogar zu Herzrhythmusstörungen führen“, betont Strametz-Juranek. Ihr Risiko für unerwünschte oder gefährliche Arzneimittelwirkungen ist um das 1,7-fache erhöht. Während zum Beispiel Medikamente, die man bei Herzrhythmusstörungen einsetzt, bei Männern gut wirken, verschlimmern sie bei Frauen mitunter die Symptome. Auch ACE-Hemmer – Medikamente, die man bei Bluthochdruck oder einer Herzinsuffienz verschreibt – werden von Frauen schlechter vertragen. Vom ACE-Hemmer-Husten sind sie vier Mal so oft betroffen wie Männer.

Männerdominierte Forschung
Der Grund für die schlechte Verträglichkeit mancher Medikamente liegt in der einseitigen Medikamentenforschung: Lange Zeit war es üblich, einen neuen Wirkstoff ausschließlich an Männern zu testen und die Ergebnisse einfach auf die Frauen zu übertragen. So wollte man ausschließen, dass der schwankende Hormonspiegel der Frauen die Studienergebnisse beeinflusst. Wie problematisch diese Vorgehensweise ist, zeigte schließlich eine groß angelegte US-amerikanische Studie über die Wirksamkeit der antiviralen HIV-Therapie: Sie ergab, dass Männer durch die Behandlung eine um 30 Prozent verbesserte Überlebensrate hatten, während Frauen aufgrund der Therapie um 20 Prozent häufiger starben. Der Grund: „Sie waren schlichtweg überdosiert“, erklärt Strametz-Juranek. Erst nach und nach werden die Konsequenzen gezogen. Um unbekannte Medikamentenwirkungen auf den weiblichen Körper zu vermeiden, sollen zukünftig in alle Phasen der klinischen Studien mehr Frauen integriert werden, lautet eine Forderung der Gender-Medizin. Für verschiedene Medikamente, beispielsweise Antibiotika, werden derzeit außerdem Dosierungsrichtlinien für Frauen diskutiert. Das Credo: „Frauen brauchen eine niedrigere Dosis.“

 

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Das Alter ist weiblich

Die optimale medizinische Versorgung von Frau und Mann wird umso wichtiger, als mit der rasch steigenden Lebenserwartung immer mehr Menschen – und zwar ganz besonders Frauen – bis ins hohe Alter betreut werden müssen: Von den alten und sehr alten Menschen sind zwei Drittel weiblich. Die Lebenserwartung liegt bei den Frauen derzeit bei 82,7, bei den Männern bei 77,1 Jahren.

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Die Stärken, die Schwächen
Paradoxes rund um die Frauengesundheit

  • In westlichen Industrieländern leben Frauen länger als Männer, trotzdem sind sie mit ihrem Gesundheitszustand weniger zufrieden.
  • Frauen sind gesundheits- und vorsorgebewusster als Männer, dennoch schätzen sie ihre Risiken teilweise falsch ein: Sie glauben, dass sie mehrheitlich an Krebs, und zwar an Brustkrebs, sterben. Fakt ist, dass eine von 30 Frauen an Brustkrebs stirbt und – statistisch betrachtet – eine von 1,26 Frauen an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung.
  • Frauen gehen öfter zum Arzt, trotzdem werden organische Erkrankungen bei ihnen öfter übersehen.
  • Frauen haben ein besseres Immunsystem: Sie produzieren mehr T-Abwehrzellen und sind daher weniger anfällig für Infektionskrankheiten; aus demselben Grund sind sie jedoch häufiger von Autoimmunerkrankungen betroffen.

                  

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