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Ausgabe 07-08/2011

 



Gefahr liegt in der Luft

Wie Feinstaub und Ozon der Gesundheit schaden

 

Nach der extrem hohen Feinstaubbelastung im vergangenen Winter schlagen Experten jetzt auch Ozon-Alarm. Aktuelle Messungen zeigen: Die Luft ist heuer rekordverdächtig schlecht und bringt immer mehr Menschen in Atemnot. Doch nicht nur das: Wie man inzwischen weiß, beeinträchtigt die dreckige Luft nicht nur Lungen und Bronchien, sie wird auch für Herzinfarkte und Schlaganfälle mitverantwortlich gemacht. Erst jüngst hat man herausgefunden, dass das Giftgemisch in der Luft direkt ins Gehirn gelangt und sich dort in kürzester Zeit negativ auswirkt. Neuerdings wird sogar ein möglicher Zusammenhang zwischen Luftschadstoffen und Alzheimer diskutiert. MEDIZIN populär über die weit unterschätzte Gefahr, die in der Luft liegt.

 

Von Mag. Sabine Stehrer und Mag. Karin Kirschbichler

Über ganz Österreich sind sie verstreut, die 158 kleinen Hütten mit den charakteristischen Stahlzylindern auf dem Dach, die gleichsam unsere Luft überwachen: Sie messen, wie hoch die Schadstoffbelastung ist, und schlagen Alarm, wenn die Grenzwerte erreicht sind. Und das ist heuer schon so oft geschehen, wie schon lange nicht. Bis zu 25 Mal im Jahr darf in Österreich laut Gesetz an jeder Messstation die Grenze für die Luftbelastung überschritten werden. In Graz war das erlaubte Feinstaub-Jahreslimit schon im Februar überschritten, in Wien bereits im März fast zur Hälfte, und in anderen Landeshauptstädten sah die Lage nicht viel besser aus.
Zum Feinstaub, der im vergangenen Winter in rekordverdächtig großen Mengen in der Luft lag, gesellt sich nun Ozon – ebenfalls in hoher Konzentration. „Die bisherigen Messungen zeigen, dass wir im heurigen Sommer einen negativen Rekord erleben werden, was die Belastung der Luft angeht“, sagt OA Doz. DI Dr. Hans-Peter Hutter vom Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien.
    
Feinstaub geht direkt ins Gehirn

Es ist nicht nur das Rekordhoch von Feinstaub und Ozon selbst, das Experten wie Hutter Sorgen bereitet. Auch die neuen Erkenntnisse über die Auswirkungen von Luftschadstoffen auf die Gesundheit geben allen Grund zur Beunruhigung. Wie man heute weiß, werden längst nicht nur die Atemwege in Mitleidenschaft gezogen: „Über die Nase eingeatmet, dringen die Feinstaubpartikel entlang des Riechnervs direkt in das Gehirn ein“, sagt Hutter. „Treffen winzigste Feinstaubteilchen auf die Gehirnnervenzellen, kann das entzündliche Veränderungen der Gehirnnervenzellen auslösen.“
Die Folgen sind schon nach kürzester Zeit, binnen ein, zwei Stunden in verschmutzter Luft, zu bemerken: Man fühlt sich benommen, kann sich schlecht konzentrieren, hat Schwierigkeiten beim Denken. Hutter: „Wer sich häufig und länger in schlechter Luft aufhält, also etwa an einer stark befahrenen Straße wohnt, muss damit rechnen, dass mittel- und langfristig bestimmte geistige Fähigkeiten nachlassen.“ Der Experte über eine mögliche weitere langfristige Folge: „Diskutiert wird auch, dass sich das Risiko für die Entwicklung von Demenzerkrankungen wie Alzheimer erhöhen könnte.“

Schadstoffe kommen auch ins Blut

So wie der Schmutz in der Luft über den Riechnerv direkt ins Gehirn eindringt, gelangt er auch direkt in die Blutbahn. Wie das geht und was das heißt, weiß Prim. Univ. Prof. Dr. Wolfgang Pohl, Vorstand der Abteilung für Atmungs- und Lungenkrankheiten am Krankenhaus Hietzing in Wien: „Die Feinstaubpartikel werden nicht wie andere Staubpartikel von den Flimmerhärchen in der Nase oder den Schleimhäuten der anderen Atemwege wieder ausgestoßen“, sagt er. „Sie sind so winzig, dass sie beim Einatmen alle Filter durchdringen, also auch die Barriere zwischen den Bronchien bzw. der Lunge und dem Blutkreislauf.“ Im Blutkreislauf angelangt, kann Feinstaub auch dort Entzündungsprozesse in Gang setzen, und Entzündungen verengen die Blutgefäße. Pohl: „Wer verengte Blutgefäße hat, hat wiederum ein erhöhtes Risiko für Thrombosen, Schlaganfälle und Herzinfarkte, die lebensbedrohlich sein können.“
Durch das ungefilterte Eindringen des Feinstaubs in die Blutbahn und in das Gehirn besonders gefährdet sind Ältere, die bereits an Arteriosklerose (Gefäßverengungen) leiden oder durch andere Krankheiten geschwächt sind. Aber auch Kinder sind besonders betroffen, wenn Gefahr in der Luft liegt: Ihnen droht wegen der Belastung des Gehirns mit den giftigen Partikeln, dass ihr Denkvermögen nicht nur abnimmt, sondern „erst gar nicht richtig ausgebildet wird“, sagt Hutter.

Aggressive Pollen durch giftige Luft

Schon länger bekannt ist die Gefahr, die verschmutzte Luft für Menschen darstellt, die an Atemwegserkrankungen wie Asthma oder Bronchitis leiden. „Die Entzündungen der Atemwege, die bei ihnen bereits bestehen, werden durch das Einatmen von Feinstaub und Ozon nachweislich verstärkt“, sagt Experte Pohl. „Und damit verstärken sich auch die Beschwerden.“ Und die reichen von vermehrten Hustenanfällen und Atemnot bis hin zu lebensbedrohlichen Asthmaanfällen.    
Mit einer Verschlimmerung ihrer Beschwerden müssen in der schlechten Luft auch Pollen-Allergiker rechnen. Denn nicht nur, dass Feinstaub und Ozon für sich genommen ihren empfindlichen Atemwegen zusetzen, macht das giftige Staub-Gas-Gemisch auch die in der Luft schwirrenden Pollen aggressiver. Experte Hutter: „Die Luftschadstoffe dringen auch in die Pflanzen ein und bewirken, dass sich ihre Zusammensetzung verändert.“ Diese Veränderung betrifft vor allem die Eiweißstruktur, und das Eiweiß in den Pflanzen ist jene Substanz, auf die das Immunsystem von Pollenallergikern überreagiert. Möglicherweise, so Hutter, ist diese Veränderung in den Pollen auch einer der Gründe dafür, dass immer mehr Menschen überempfindlich auf sie reagieren und die Zahl der Pollenallergiker von Jahr zu Jahr steigt.

Schadstoffe wirken schnell

Welche Auswirkungen Feinstaub & Ozon sonst noch auf die Gesundheit des Menschen haben, weiß man derzeit nicht, sagt Pohl. Was man aber nach dem aktuellen Stand der Forschungen weiß: Die Schadstoffe wirken schnell. „Schon nach einem kurzen Spaziergang in einer Luft, die extrem belastet ist, kann bei empfindlichen Menschen eine Verschlechterung des Gesundheitszustands eintreten“, so Pohl. Was man außerdem weiß: „Wer einmal ein, zwei Stunden lang in sehr schlechter Luft spazieren gegangen ist, hat einen gewissen Schaden im System bzw. in den Körperzellen erlitten, der nicht eins zu eins ausgeglichen werden kann“, sagt Hutter. „Auch dann nicht, wenn man gleich nach dem Spaziergang zum Beispiel vier Stunden lang reine Bergluft einatmet.“

Schlechte Luft verkürzt das Leben

Heilbar sind chronische Schäden durch Feinstaub & Co auch nicht mit den Mitteln der modernen Medizin – allenfalls lassen sich die jeweiligen Beschwerden durch Medikamente lindern. Die einzige Lösung wäre, das Übel an der Wurzel zu packen und die Luftverschmutzung einzudämmen. Aber dafür braucht es Maßnahmen, die über entsprechende Gesetze eingeführt werden.
Um die Politik von der Dringlichkeit, diesbezüglich tätig zu werden, zu überzeugen, haben Mediziner im Auftrag von Umwelt- und Gesundheitsministern verschiedener Länder bereits in den 1990-er Jahren verschiedene Berechnungen über die Gefahr aus der Luft angestellt. „So wissen wir, dass die Feinstaubbelastung jeden von uns durchschnittlich acht Lebensmonate kostet, und dass jedes Jahr etwa 5600 Österreicherinnen und Österreicher an den Folgen von Luftverunreinigungen vor allem mit Feinstaub sterben“, sagt Hutter.
Ganz umsonst waren die Rechnungen nicht. Immerhin wurde das Thema damit für die Entscheidungsträger greifbarer und man bemühte und bemüht sich zumindest in den größeren Städten um den Ausbau öffentlicher Verkehrsnetze und die Einschränkung des Individualverkehrs. Für Umweltmediziner Hutter ist das freilich zu wenig. Seine Forderungen: „Die Politik muss sich viel stärker für den Gesundheitsschutz der Bevölkerung und besonders der Kinder einsetzen. Sie muss sich unter anderem darum kümmern, dass öffentliche Verkehrsmittel nicht an den Stadtgrenzen enden, und dass viel mehr als bisher mit dem Rad gefahren und zu Fuß gegangen wird.“  

Raumluft nicht zusätzlich verschmutzen

Wie kann man sich vor der Gefahr, die in der Luft liegt, schützen? „Der beste Schutz für sich selbst und zugleich für andere besteht darin, weniger mit dem Auto zu fahren“, sagt Hutter. So bleibt den Mitmenschen das Einatmen der Abgase erspart, und man selber bleibt von den Abgasen der anderen Autos verschont, die in das Wageninnere dringen.
„Insbesondere Menschen, die bereits an Erkrankungen der Atemwege oder des Herz- und Kreislaufsystems leiden, sollten an Tagen und zu Zeiten mit erhöhter Feinstaub- und Ozonbelastung möglichst nicht ins Freie gehen“, rät Pohl. Das gilt auch für gesunde Ältere und Kinder. Alle anderen sollten sich zumindest zu Zeiten der Belastungsspitzen zu Mittag und am frühen Nachmittag im Freien nicht so sehr anstrengen, dass sie besonders große Mengen schlechter Luft einatmen. Das heißt im Klartext, dass sportliche Aktivitäten auf andere Zeiten verlegt werden
sollten.
„Schützen kann man sich auch, indem man die Luft in den eigenen vier Wänden möglichst rein hält“, sagt Pohl. „Das heißt, dass man an belasteten Tagen die Wohnung besser nur frühmorgens und spätabends lüftet.“ Ansonsten gilt: In der Wohnung nicht rauchen, keine Duftsprays, -lampen oder ähnliches benutzen und keine Kerzen anzünden – um die Luft nicht noch zusätzlich zu verschmutzen.


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Was ist Ozon?

Ozon ist ein Gas, das in höheren Luftschichten in hoher Konzentration vorkommt und uns dort vor zuviel Sonneneinstrahlung schützt. Während längerer Perioden mit starker Sonneneinstrahlung und hohen Temperaturen bildet sich auch in Bodennähe Ozon – und zwar aus sogenannten Vorläufersubstanzen, den Stickoxiden und flüchtigen organischen Verbindungen, die aus dem Kfz-Verkehr und der Industrie stammen. Das Ozonloch bildete sich u. a. aufgrund des Ausstoßes von bestimmten Kohlenwasserstoffen, die als Treibgase in Sprays verwendet wurden.

Was ist Feinstaub?

Feinstaub ist ein Gemisch aus winzigen Teilchen, die aus verschiedenen Quellen stammen. Dazu zählen die Pollen von Pflanzen genauso wie Russpartikel aus Vulkanausbrüchen oder Waldbränden. Feinstaub enthält aber auch Partikel, die über Kamine von Privathaushalten, Fernheizwerken, Industrieanlagen in die Luft gefeuert werden. Als Hauptverursacher hoher Feinstaubbelastung gilt der Verkehr – vom Straßenverkehr über den Flug- bis zum Schiffsverkehr. Aber auch Wind und Wetter spielen eine Rolle: „Bei Wetterlagen, die Wind aus den Quellgebieten von Feinstaub bringen, werden die Feinstaubwolken nach Österreich geweht“, erklärt Umweltmediziner Hutter. So landet Feinstaub aus ganz Mitteleuropa auf dem hiesigen Boden. In den vergangenen Jahren kam viel Wind aus dem Osten, der uns Schadstoffe aus osteuropäischen Fabriken bescherte – was die Belastung ebenfalls verstärkte.

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Die Feinstaub-Rekordhalter in Österreich

Die Feinstaub-Hotspots 2010 mit den
häufigsten Grenzwert-Überschreitungen:

1. Wien – Belgradplatz
2. Wien – Rinnböckstraße
3. Graz – Don Bosco
4. Graz – Tiergartenweg
5. Leibnitz – Lastenstraße

Für die Zeit von 1. Jänner 2011
bis Redaktionsschluss sieht die Reihung so aus:

1. Leibnitz – Lastenstraße
2. Graz – Don Bosco
3. Graz – Tiergartenweg
4. Wien – Rinnböckstraße
5. Klagenfurt – Völkermarkterstraße

Quelle: Umweltbundesamt

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Die gemessene Gefahr
Alarmierende Ergebnisse

  • An einem Tag im Mai dürfen sich die Bewohner rund um die Messstation am Hietzinger Kai über saubere Luft freuen, denn dann werden alle Belastungsgrenzen unterschritten. Der Grund: Anlässlich des Wien­Marathons werden die Straßen rund um die Luftmessstation  für den Verkehr gesperrt – und zumindest einen halben Tag lang keine Abgase aus Autos, Lkw, Bussen & Co ausgestoßen.
  • Aufwändige wissenschaftliche Studien in Argentinien zeigten, dass Kinder, die in der Nähe von stark befahrenen Straßen leben, doppelt so häufig an Husten, pfeifenden Atemgeräuschen, Lungenentzündungen und Asthmaanfällen leiden wie Kinder, die auch nur wenige Kilometer weiter entfernt von den selben stark befahrenen Straßen am Stadtrand wohnten. Die Studien basieren auf Untersuchungen von 1200 sechs- bis zwölfjährigen Mädchen und Buben über einen Zeitraum von zwei Jahren.
  • Wie schnell schlechte Luft wirkt, zeigen Studien aus Großbritannien. Dort luden Wissenschafter Menschen an der stark befahrenen Einkaufsstraße Oxford-Street in London vor und nach ihrer Shoppingtour zum Lungenfunktionstest. Das Ergebnis: Schon nach einem zweistündigen Einkaufsbummel atmeten die Getesteten weit schwerer als davor.


Webtipp:
Informationen über die Luftqualität in der eigenen Wohnumgebung gibt es unter www.umweltbundesamt.at. Dort finden sich im Abschnitt „Umweltsituation – Luft“ tägliche Luftgüteberichte.


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