Weitere Artikel aus dem Themenbereich
Gefährliche ModeMehr Kraft im RückenKrampfadern & Co vermeidenSpreiz-, Senk-, Plattfuß & CoLiften & Co: Die häufigsten SchönheitsoperationenFußdeformationen: Falsche Schuhe sind schuld
Worauf Sie beim Schuhkauf achten sollten
Ärzte beobachten immer mehr schwere Fußdeformationen aufgrund falschen Schuhwerks und appellieren, beim Schuhkauf auf gesunde Fußbekleidung zu achten. Aber die wollen modebewusste Frauen nicht tragen, weil sie gesund und schön für unvereinbar halten. Irrtum, sagt ein Orthopäde, ein Schuh kann gleichzeitig fußgerecht und schick sein. Lesen Sie, was man für den Einkauf wissen muss.
Von Dr. Monika Berthold
Schick, aber autsch. Es ist schon verflixt, dass die schönsten Schuhe am meisten weh tun. Der Prototyp dieser weiblichen Folterwerkzeuge ist schmal, vorne spitz zulaufend und hat möglichst hohe Absätze. Es geht das Gerücht, dass modebewusste Damen vor einem Ball oder Fest Schmerzmittel einnehmen, damit sie es einen Abend lang in dieser peinigenden Schuhbekleidung aushalten.
Warum sich Frauen das antun? „Wir haben darüber zwar keine Motivforschung in der Hand, aber die Gründe sind eindeutig ästhetischer Art“, sagt der Wiener Orthopäde Dr. Christian Lhotka, der sich seit Jahren speziell mit der Fußgesundheit beschäftigt. „Frauen wünschen sich lange schmale Füße und zwängen sich in enge Schuhe. Die zehn, zwölf Zentimeter hohen Stilettos bringen nicht nur einen Größengewinn, sondern verlängern optisch das Bein. Und lange Beine sind in.“
Was solche Gehwerkzeuge anrichten, zeigt eine dramatische Bilanz: In unseren Breiten gibt es kaum noch gesunde Füße. Die Liste der einschlägigen Fußdeformationen reicht vom Spreizfuß bis zur kompletten Zehenverkrüppelung. Was die Orthopäden in der Ordination zu sehen bekommen, ruft nicht selten Kopfschütteln hervor. Lhotka: „Man kann nur staunen und so manche Patienten bewundern, dass sie das so lange aushalten. Denn Fußdeformationen entstehen ja nicht über Nacht, sondern durch monate- bis jahrelange ,Vergewaltigung‘ der gesamten Knochenstruktur.“
Der Schuh ruiniert den Fuß
Das predigt auch einer, der ein Leben lang mit Füßen zu tun hatte: Felix Kabelka, seines Zeichens Fußpfleger in Ruhe. Der umtriebige Wiener, der seit Jahrzehnten im Dienste der Fußgesundheit unterwegs ist, hat Tausende von Füßen vermessen und dokumentiert. Sein Resumée: Die Verkrüppelung der Füße beginnt bereits im Säuglingsalter durch zu kleines Schuhwerk, aber auch einengende Söckchen, Strümpfe und Strampelhosen. Was seiner Meinung nach besonders gefährlich ist, weil die Kinderknochen noch weich und verformbar sind. Nach seinen Messergebnissen, die er in Kindergärten sowie in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Universität Wien, Anatomisches Institut, durchführte, weist bei den drei- bis elfjährigen Buben jeder zweite einen Knick-Senkfuß auf, bei den Mädchen gleicher Altersgruppen haben 73 Prozent einen linksseitigen Hallux valgus (rechtsseitig 68 Prozent). Bei den Erwachsenen fanden sich weniger als zehn Prozent gesunde Füße. Kabelka, der ein eigenes System zur Vermessung der Füße entwickelt hat, möchte dieses und die Ergebnisse der Testserien der Schuhindustrie zur Verfügung stellen. Fernziel: fußgerechtes Schuhwerk, vor allem im Vorfuß breitere Modelle, die den Zehen Raum geben. Zumindest sollten für jede Altersgruppe nicht nur unterschiedliche Längen, sondern auch ein Sortiment unterschiedlicher Breiten zur Verfügung stehen.
Auch Strümpfe können schuld sein
Dass man sich Fußdeformationen durch falsches Schuhwerk einhandeln kann, weiß man seit langem. Nun aber hat die Orthopädie entdeckt, dass auch einengende Strümpfe mitverantwortlich sind. Dr. Lhotka: „Wir sehen Strumpfhosen oder auch Männersocken, die die Zehen regelrecht zusammenpressen. Besonders gefährlich sind Gummi- oder Stützstrümpfe, die den Vorderfuß in ein festes enges Korsett drücken.“ Der Strumpfbekleidung, so der Arzt, kommt eine fast noch größere Bedeutung zu als dem Schuh. Denn die Schuhe wechselt man doch manchmal am Arbeitsplatz oder zu Hause mit Patschen. Strümpfe oder Socken jedoch hat man meistens vom Morgen bis zum Schlafengehen ununterbrochen an.
Tipp des Arztes: Achten Sie beim Einkaufen darauf, dass die Vorderfüße locker gearbeitet sind und die Zehen nicht einengen. Solche Produkte gibt es. Bei Stützstrümpfen gibt es Modelle, die den Vorderfuß überhaupt frei lassen.
***************
Der richtige Schuh
Das wünscht sich der Orthopäde
Der Schuh darf auf keinen Fall zu klein sein. Dr. Christian Lhotka: „Man sollte es nicht glauben, aber ich kenne Patientinnen und Patienten, die um ein bis zwei Nummern zu kleine Schuhe tragen. Das ist das Schlechteste für den Fuß. Das ist schlechter als schmale Schuhe, solange vorne genug Platz für die Zehen ist.“
Ein ganz wichtiges Kapitel ist für den Orthopäden der Bau des Stöckels. Die Fläche am oberen Absatzende, das am Schuh montiert ist, muss parallel zum Boden liegen, damit die Ferse gut draufstehen kann. Nur so wird das Gewicht des Körpers zum Großteil von der Ferse getragen. Ist der obere Teil des Stöckels schräg gearbeitet, dann rutscht der Fuß wie auf einer Rampe in den Vorderteil des Schuhs, die Zehen werden zusammengepresst und deformiert, das ganze Gewicht des Körpers lastet am Vorderfuß.
„Was ich mir noch wünsche“, sagt Lhotka, „ist, dass es nicht nur unterschiedliche Schuhlängen, sondern auch unterschiedliche Breiten gibt – damit schmale Füße nicht hin- und herrutschen und breite nicht gequetscht werden. Ideal: weiches Leder, das nachgibt, und ein eingearbeitetes Fußbett.
***************
Die häufigsten Fußdeformationen im Überblick
Morton-Neuralgie
Durch die ständige mechanische Fehlbelastung in einem zu engen oder zu hochhackigen Schuh kommt es zur Ausbildung von kleinen Nervenknötchen, die am Vorderfuß zu höllischen Schmerzen führen. Lhotka: „Diesen Patienten empfehlen wir das Tragen von Gesundheitsschuhen oder orthopädischen Schuhen, was in den meisten Fällen zu Schmerzfreiheit führt. In schweren Fällen hilft eine Operation, bei der die quälenden Nervenknötchen entfernt werden.“
Spreizfuß
Er entsteht speziell durch das Tragen von hohen Stöckeln, wenn das ganze Gewicht des Körpers über längere Zeit auf der kleinen Fläche des Vorfußes lastet. Das Quergewölbe des Fußes kann dem Druck nicht standhalten, es sinkt ein. Therapiemöglichkeit: gesunde Schuhe und orthopädische Einlagen.
Hallux valgus
Durch den Spreizfuß kommt es zur Verbreiterung des Vorfußes, der in den engen Schuhen keinen Platz hat, aber auch nicht auskann. Die Folge: Die große Zehe muss abknicken, wobei die Zehenspitze in Richtung kleiner Zehe verschoben wird – eine Erkrankung, die sehr häufig und sehr schmerzhaft ist. Lhotka: „So lange es sich um leichte Fehlstellungen handelt, kann man durch fußgerechte Schuhe und Einlagen den Fuß wieder zurecht richten. In schweren Fälle hilft nur noch eine Operation.“ Die Medizin kennt heute über 100 verschiedene Hallux-Operationsmethoden.
Reiterzehe
Dieses Problem (auch Hammerzehe genannt) riskiert, wer den Hallux valgus anstehen lässt. Die Großzehe wird so stark abgeknickt, dass sie sich unter die zweite Zehe schiebt, die dann sozusagen auf der Großzehe „reitet“. Es kann auch sein, so der Arzt, dass sich das Endglied der großen Zehe aus dem Zehenverband komplett herausschiebt und sozusagen neben der Zehe liegt.
Digitus quintus varus
Auch dieses Leiden gibt es des öfteren bei zu engem Schuhwerk. Es handelt sich dabei um eine Fehlstellung der kleinen Zehe, die so lange Richtung Mittelzehe verbogen wird, bis sie sich über die vierte Zehe schiebt und auf dieser aufsitzt. Therapie: Im Anfangsstadium Nachtschiene, später nur mehr durch Operation behebbar.



