Themen  > Medizin & Vorsorge  > Künstliche Hüften: Beweglich wie in jungen Jahren

Ausgabe 02/2007

 





Künstliche Hüften: Beweglich wie in jungen Jahren

Neuartige Prothesen sollen länger halten

 

Wenn das Hüftgelenk beschädigt ist, wird jede Bewegung zur qualvollen Anstrengung. Egal, ob man geht, steht oder sitzt – alles ist ungemein schmerzhaft. Der Ausweg: eine künstliche Hüfte, mit der man sogar wieder Sport betreiben kann! MEDIZIN populär über neuartige Prothesen, die mehr Beweglichkeit und längere Haltbarkeit bieten sollen.

 

Von Dr. Kurt Markaritzer

Jedes Jahr lassen sich mehr als 15.000 Frauen und Männer in Österreich Hüftprothesen einsetzen, der Ersatz des Hüftgelenks zählt zu den häufigsten Operationen überhaupt. Kein Wunder: Jeder zweite Mensch über 60 leidet an beträchtlichen Abnützungserscheinungen im Hüftgelenk. Aber auch jüngere Leute sind zunehmend betroffen, Frauen etwas häufiger als Männer. Die Ursachen dafür sind vielfältig und zum Teil genetisch bedingt: Arthrosen, Entzündungen, Fehlbildungen und Deformierungen, Verletzungen oder auch Überlastungen können das Hüftgelenk nachhaltig schädigen. Insgesamt sind etwa zehn bis 15 Prozent aller Kandidaten für eine künstliche Hüfte jünger als 60 Jahre.
Für diese jüngeren Patienten besonders geeignet ist eine Operationsmethode, die Prim. Univ. Prof. DDr. Archibald von Strempel, Vorstand der Abteilung für Orthopädie am LKH Feldkirch in Vorarlberg, seit Dezember 2005 anwendet: Er implantiert derzeit als einziger Orthopäde im gesamten deutschsprachigen Raum eine neuartige Großkopf-Hüftprothese nach einem besonders schonenden Verfahren. Bisher erhielten zehn Patienten auf diese Art eine neue Hüfte.

Wie ein Kugellager
Prof. von Strempel: „Die Besonderheit der Großkopf-Prothese ist der Gelenkkopf, eine Kugel aus einer speziellen Metalllegierung. Sie ist deutlich größer als die meisten bisher üblichen Implantate und die Legierung hat eine besondere Eigenschaft: Sie sorgt dafür, dass sich zwischen dem Gelenkkopf und der Gelenkpfanne ein Flüssigkeitsfilm bildet. Man kann sich das so ähnlich vorstellen wie ein gut geschmiertes Kugellager: Wenn sich die Patienten bewegen, verhindert dieser Film die Reibung zwischen dem künstlichen Gelenk und der Gelenkpfanne. Dadurch bleiben die Einzelteile des Gelenks länger erhalten und vor allem wird der so genannte Abrieb vermieden, das sind winzige Partikel, die das umliegende Gewebe belasten und ihm schaden.“
Um diesen Abrieb als negative Begleiterscheinung von künstlichen Hüftgelenken auszuschalten, wurden und werden oft kleinere Gelenkköpfe mit 28 Millimeter Durchmesser eingesetzt. Die dahinter stehende Überlegung: je kleiner der Kopf, desto geringer die Abriebfläche und damit auch der Abrieb. Tatsächlich wird bei kleineren Gelenken die Reibung vermindert, dafür ist aber die Gefahr von Luxationen größer: Die kleinen Kugeln springen aus der Gelenkpfanne, die Betroffenen können sich die Hüfte ausrenken.
Prof. von Strempel: „Schon früher wurden deshalb künstliche Gelenke implantiert, die so groß sind wie das natürliche Hüftgelenk. Das Problem war allerdings, dass die Fertigungstechniken lange Zeit nicht präzise genug waren. Es ist vorgekommen, dass sich künstliche Großgelenke aus Metall in der Gelenkpfanne verklemmt und sie zerstört haben.“
Die Konsequenz: Die Mediziner verwenden andere Materialien wie zum Beispiel Keramik oder bestimmte Kunststoffe. Sie bewähren sich wesentlich besser, haben aber nach wie vor gewisse Nachteile. Bei Keramik-Gelenken ist zwar der Abrieb sehr gering, wenn aber der Gelenkkopf oder die Pfanne splittern oder brechen, lassen sich die Keramikpartikel nie restlos aus dem Gewebe entfernen. Diese kleinen Teilchen beschädigen dann die neuen Implantate, die nach solchen Zwischenfällen eingesetzt werden müssen. Diese Komplikationen bleiben bei dem Kunststoff Polyethylen aus, dieses Material hat jedoch den Nachteil eines deutlich höheren Abriebs.

Lange Haltbarkeit
Der Vorarlberger Orthopäde: „Mit dem ASR XL-Großkopfsystem, das wir jetzt in Feldkirch verwenden, haben wir eine Lösung gefunden, die aus mehreren Gründen vorteilhaft ist. Einerseits ist das Gelenk stabil. Wir rechnen damit, dass es fünf bis zehn Jahre länger hält als herkömmliche Prothesen. Weil das künstliche Gelenk gleich groß ist wie das ursprüngliche Hüftgelenk, stellt sich bei den Patienten nach der Operation sehr rasch wieder ein natürliches Körpergefühl ein. Die Beweglichkeit ist von Anfang an gut, die Patienten können bald auch wieder Skifahren und dergleichen. Extremsportarten wie zum Beispiel Mountainbiking oder Klettern sollten sie nicht ausüben, es bleiben aber genug andere Möglichkeiten für sportliche Betätigung.“

Nur ein kurzer Schnitt
Die neue Hüfte wird mit einer schonenden, minimal-invasiven Operationsmethode eingesetzt, die viele Vorteile hat. Es ist nur ein kurzer Hautschnitt von etwa zehn Zentimetern nötig, Muskeln und Gewebe werden bei dem Eingriff zur Seite geschoben und nicht durchtrennt, der Blutverlust ist gering, die Heilung verläuft schneller und die Patienten haben nach der Operation weniger Schmerzen. Die Implantation der Großkopf-Prothese dauert zwischen 35 und 70 Minuten. Bereits am Tag danach können die Patienten die ersten Schritte mit der neuen Hüfte wagen. Etwa zwei Wochen lang brauchen sie Stützkrücken, die Rehabilitation dauert insgesamt vier bis fünf Wochen.
Vorgesehen ist die künstliche Hüfte mit dem großen Gelenkkopf für Frauen und Männer unter 60. Warum die Alterseinschränkung sinnvoll ist, erklärt der Arzt so: „Grundsätzlich wäre die Großkopf-Hüftprothese auch für ältere Leute geeignet. Sie erfordert aber sehr solide Knochen und die sind bei Über-60-Jährigen oft nicht mehr in ausreichender Qualität vorhanden. Bei den Jüngeren ist die Knochenqualität besser, sie nutzen außerdem ihre Gelenke intensiver und brauchen deshalb besonders haltbare Prothesen.“

Form-Gedächtnis-Prothese
Für Senioren ist die von Prof. von Strempel entwickelte Form-Gedächtnis-Prothese gedacht. Die Prothese, an der der Wissenschafter seit 2001 arbeitet, besteht aus einer speziellen Metalllegierung, die sich durch die Körperwärme ausdehnt. Von Strempel: „Durch die Wärme stellen sich Metallzacken auf, die an der Prothese angebracht sind. Sie verspreizen sich im Knochen und sorgen so dafür, dass die implantierte künstliche Hüfte von Anfang an stabil verankert ist und gut einwachsen kann. Das Prinzip ist so ähnlich wie bei einem Spreizdübel, den man in die Wand einschlägt und der stabiler ist als ein Nagel.“
Diese Art der Verankerung ist eine ideale Alternative zu Methoden, bei denen die künstlichen Gelenke einzementiert werden. Mit dem Knochenzement hält das neue Gelenk sehr gut. Wenn es aber ausgewechselt werden muss – was in den meisten Fällen spätestens nach 15 bis 20 Jahren notwendig ist, bei unvorhergesehenen Zwischenfällen auch schon früher –, zeigen sich die Nachteile: Bei der dann notwendigen Operation muss auch der Zement wieder entfernt werden, der zweite Eingriff ist also wesentlich aufwändiger und komplizierter als die erste Operation.
Bei dem künstlichen Gelenk des Vorarlberger Wissenschafters stellt sich dieses Problem nicht. Prof. von Strempel: „Wenn es notwendig ist, wird das künstliche Gelenk abgekühlt. Das Metall wird dann weicher und eine Entfernung könnte leichter vorgenommen werden.“
Von dieser neuen Prothese profitieren auch Patientinnen und Patienten, die an der gefürchteten Osteoporose leiden. Der Knochenabbau macht es normalerweise schwierig, das künstliche Gelenk gut im Knochen zu befestigen, die Metallzacken der Form-Gedächtnis-Prothesen halten aber auch bei diesen Patienten.

    << zurück
abo
by indesign und landwirt.com