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Experte sagt: So bauen wir Aggressionen ab
Zwei von drei Österreichern knirschen im Schlaf mit den Zähnen. Bruxismus wird dieses unangenehme Phänomen genannt. Zerbeißt und zermalmt man in der Nacht das, was man am Tag hinunterschlucken musste? Ein aktuelles Forschungsprojekt an der Donau-Universität Krems lässt spannende Erkenntnisse rund um das weit verbreitete Problem erwarten. Für MEDIZIN populär erklärt der Leiter des Projekts, was es mit Bruxismus auf sich hat und warum er dabei nicht so sehr an eine Krankheit, als vielmehr an eine nützliche Strategie zur Stressverarbeitung denkt.
Von Mag. Michael Krassnitzer
"Bei Schwindel, Sehstörungen oder Kopfschmerzen wird oft gesucht und gesucht und gesucht, aber kein Auslöser gefunden", weiß Prof. Dr. Anton Leitner. Doch der Leiter des Departments für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie der Donau-Universität Krems kennt eine weitere mögliche Ursache für die genannten Beschwerden: Bruxismus.
Bruxismus ist das unbewusste, meist nächtliche Zähneknirschen oder Aufeinanderbeißen von Zähnen. Dabei entsteht ein Druck, der um das Zehnfache stärker ist als der gewöhnliche Kaudruck; das entspricht dem Gewicht von nicht weniger als einer halben Tonne. Dadurch werden Zähne verschlissen, das Zahnhaltegewebe wird geschädigt, Kiefergelenk sowie Kieferknochen werden überlastet und auch Muskelgruppen in Mitleidenschaft gezogen, die zur Stabilisierung des Kopfes angespannt werden. Die möglichen Folgen des nächtlichen Knirschens und Pressens: Kopfschmerzen, Nackenschmerzen, Ohrpfeifen (Tinnitus), Schwindel, Sehstörungen, Übelkeit, Abschürfungen sowie Absplitterungen der Zähne, Zahnverlust. Wenn man also morgens oft mit Kopfschmerzen, Nackenschmerzen oder schmerzenden Kiefermuskeln aufwacht, dann sollte man an die Möglichkeit von Bruxismus denken.
Dieses Schicksal trifft mehr als zwei Drittel aller Österreicher: Sozialmediziner Leitner schätzt, dass nicht weniger als 70 Prozent der Bevölkerung Bruxisten sind und viele davon unter den Folgen leiden. „Es stellt sich die Frage, ob Bruxismus nicht eine natürliche physiologische Funktion des Kauorgans
ist“, meint Leitner (siehe Interview), der „nicht alles zur Krankheit stilisieren“ möchte. In diesem Sinne dient Bruxismus dem Stress- und Aggressionsabbau: Man zerbeißt und zermalmt in der Nacht das, was man am Tag hinunterschlucken musste. Wenn der Bruxismus freilich Beschwerden nach sich zieht, dann seien therapeutische Maßnahmen sinnvoll, betont der Mediziner und Psychotherapeut.
Die Ursache von Bruxismus liegt im Dunkeln. Laut einer amerikanischen Studie gelten Schlafstörungen, chronischer Stress, Angst, Alkohol, Koffein und Rauchen als Risikofaktoren. Im ganzheitlichen Weltbild des Sozialmediziners Leitner ist Bruxismus – wie jede andere Störung auch – mit der Persönlichkeitsstruktur und mit Lebenszusammenhängen verbunden.
Nicht bei allen Betroffenen äußert sich Bruxismus mit hörbarem Zähneknirschen, das dem Partner den Schlaf raubt. Manche bemerken es erst, wenn scheinbar grundlos der erste Zahn ausfällt. Festgestellt werden kann Bruxismus in einem Schlaflabor oder mit Hilfe von „Bite Strips“. Das sind Sensoren, die nächtens an die Wange geklebt werden und die Häufigkeit der Kaubewegungen zählen.
Es gibt zur Zeit vier etablierte Methoden, Bruxismus zu behandeln:
- Okklusionsschiene. Der Zahnarzt fertigt einen Aufsatz an, der in der Nacht über die obere Zahnreihe gestülpt wird. So werden lautes Knirschen sowie Abrieb und andere Beschädigungen der Zähne verhindert.
- Biofeedback-Therapie. Am Kaumuskel wird eine Sonde angebracht, um die Muskelspannung zu messen. Überschreitet die Spannung eine gewisse Grenze, dann ertönt ein Warnton. So wird sich der Betroffene seines Zähneknirschens bewusst und kann den Kauimpuls willentlich unterbrechen. Das Ziel ist es, die zu hohe Kaumuskelspannung auch ohne warnendes Piepsen wahrzunehmen und zu stoppen.
- Medikamente. Gegen Bruxismus können auch bestimmte Psychopharmaka (Antidepressiva, Neuroleptika) eingesetzt werden. Das ist kein Zufall, denn Bruxismus ist manchmal auch die Folge einer psychiatrischen oder neurologischen Erkrankung. Experten sprechen dann von „sekundärem Bruxismus“.
- Psychosoziale Intervention. Davon ausgehend, dass die soziale Umwelt Beschwerden mit beeinflusst, setzt diese Art der Behandlung auf Psychotherapie und psychosoziale Medizin. Wichtig sind in diesem Zusammenhang auch diverse Entspannungsmethoden, zum Beispiel die Technik der progressiven Muskelrelaxation, bei der durch die bewusste An- und Entspannung bestimmter Muskelgruppen ein Zustand tiefer Entspannung des ganzen Körpers erreicht wird.
Am Department für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie der Donau-Universität Krems beginnt derzeit in Kooperation mit der Universitätszahnklinik Wien, Abteilung Prothetik, ein Forschungsprojekt, bei dem der Erfolg, die Nachhaltigkeit sowie die psychischen Auswirkungen der verschiedenen Therapieformen miteinander verglichen werden. Drei Versuchsgruppen werden mit den genannten Therapieformen behandelt und schließlich mit einer unbehandelten Kontrollgruppe verglichen. Der Abschlussbericht soll im kommenden Jahr vorliegen.
„Ein Ziel ist es herauszufinden, ob die psychosoziale Intervention mit den anderen Therapien konkurrieren kann“, erklärt Projektleiter Leitner. Obwohl natürlich keine Ergebnisse vorweggenommen werden können, ist der Sozialmediziner überzeugt: „Es wird wohl so sein, dass die psychosoziale Intervention bei einer bestimmten Anzahl von Patienten empfohlen werden kann.“
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INTERVIEW
„Man sollte nicht alles zur Krankheit stilisieren“
Vom möglichen Nutzen des Zähneknirschens
Prof. Dr. Anton Leitner ist Sozialmediziner mit den Schwerpunkten Psychotherapeutische Medizin und Psychotherapie. Er ist der Leiter des Departments für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie der Donau-Universität Krems, an dem gerade ein Forschungsprojekt über die Behandlung von Bruxismus läuft.
MEDIZIN populär
Wie viele Menschen sind von Bruxismus betroffen?
Prof. Leitner
Es wird geschätzt, dass 70 Prozent aller Menschen von Bruxismus betroffen sind. Bei dieser Häufigkeit stellt sich die Frage, ob Bruxismus nicht eine natürliche physiologische Funktion des Kauorgans ist. Bei Kindern und Jugendlichen ist Bruxismus eigentlich etwas ganz Normales. Bei unserer laufenden „Vorstudie“ haben bisher alle untersuchten Jugendlichen mittel- oder hochgradigen Bruxismus aufgewiesen. Man sollte nicht alles zur Krankheit stilisieren – dieser Gedanke ist mir wichtig.
Wenn Bruxismus eine ganz normale Funktion der Kauorgans ist – welchen Nutzen hat er?
Bruxismus könnte dazu dienen, Stress zu verarbeiten und Aggressionen abzubauen – um den Preis, dass es zu Schmerzen und Abnützung der Zähne kommt. Eine österreichische Studie hat gezeigt, dass Menschen mit Bruxismus geringere Aggressionswerte aufweisen als Nicht-Bruxisten.
Bei Ihrem Forschungsprojekt wird auch die Wirksamkeit von „psychosozialen Interventionen“ untersucht. Was genau ist das?
Wenn ein Mensch bei der Tür herein kommt, dann hat man es mit fleischgewordener Geschichte zu tun. Der Mensch ist eingebettet in einen sozialen Kontext in einer bestimmten Lebenszeit. Daher ist es auch ein Fehler, alle Menschen über einen Kamm zu scheren und gleich zu behandeln. Bei den psychosozialen Interventionen geht es auch darum, ein feines Gespür für die Zusammenhänge im eigenen, gegenwärtigen Leben zu entwickeln: Was beschert mir Stress? Was belastet mich? Welche Umgangsformen habe ich zu einem Muster gestrickt?



