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Haariges und Mythisches
Glatt oder lockig, schneller oder langsamer, mehr oder weniger: MEDIZIN populär erklärt, wie Haarwuchs funktioniert, warum er so unterschiedlich ausfällt und räumt mit Mythen rund um die menschliche Haarpracht auf.
Von Mag. Astrid Bauer
Unsere Haare sind unser schönster Schmuck – und dieser Schmuck genießt als Statussymbol seines Trägers großes Ansehen und besondere Aufmerksamkeit. Vor allem Frauen sind stolz auf eine prachtvolle Mähne und investieren viel Zeit und noch mehr Geld in die Pflege ihres natürlichen Kopfschmuckes. Aber auch Männer wissen dichtes, volles Haar zu schätzen und trauern der mit zunehmendem Alter oft schwindenden Haarpracht besonders wehmütig nach. Kein Wunder, denn die Haare prägen das äußere Erscheinungsbild eines Menschen maßgeblich und haben deshalb eine große ästhetische Bedeutung für uns.
„Auf der menschlichen Kopfhaut befinden sich durchschnittlich 100.000 bis 120.000 Haare, die in einem mosaikartigen Verteilungsmuster wachsen. Der Lebenszyklus des einzelnen Haares am Kopf beträgt meist drei bis sieben Jahre“, erklärt Univ. Prof. Dr. Jolanta Schmidt, Leiterin der Haarambulanz im Wiener AKH.
Mehr oder weniger:
Die Anatomie des Haarwuchses
Bereits in der sechsten Schwangerschaftswoche entstehen beim Fötus im Mutterleib etwa fünf Millionen Haarfollikel, aus denen später die Haare wachsen. Allerdings wird nicht aus jedem der angelegten Haarfollikel später ein Haar wachsen – glücklicherweise, denn dann hätte der Mensch ein Fell wie ein Schimpanse. Wie viele oder wie wenige Haare letztendlich wirklich gebildet werden, ist durch unsere Gene festgelegt. Neben der genetischen Steuerung des Haarwuchses beeinflussen aber auch unsere Hormone den Haarwuchs. Doch nicht nur das: Die mittlere Anzahl an Haaren hängt interessanterweise auch mit der Haarfarbe zusammen. So haben blonde Menschen etwa 140.000 Haare, Brünette „nur“ 100.000, dafür aber dickere Haare, und Rothaarige haben gar nur 85.000 Haare.
Auch der Zeitpunkt, wann die Haare ausfallen, ist genetisch fixiert. Doch keine Panik! Ein paar ausgefallene Haare sind noch nicht die Vorboten einer Glatze. Durch den Haarzyklus fallen täglich zwischen 50 und 100 Haare aus, was kein Grund zur Besorgnis, sondern ein völlig natürlicher Vorgang ist.
Schneller oder langsamer:
Das ewige Warten auf den Haarwuchs
Besonders aktiv sind die Haarzwiebeln der Kopfhaut, weshalb das Kopfhaar rascher wächst als Haar an anderen Stellen des Körpers. Frauen können in der Regel eine Haarlänge von bis zu 80 Zentimeter erreichen. Männerhaare könnten auf eine maximale Länge von 60 Zentimetern kommen – vorausgesetzt, die Haare werden niemals geschnitten. Talkshow-Kuriositäten mit bodenlangen Mähnen sind eine Ausnahme. Der Lebenszyklus der Haare sorgt nämlich sehr verlässlich dafür, dass die Haare vorher ausfallen. „Nur selten ist das eigene Haar dazu geeignet, die Strapazen zu überstehen, denen es in den vielen Jahren ausgesetzt ist, die es zum Wachsen benötigt. Denn unser Haar wächst durchschnittlich nur zirca einen Zentimeter pro Monat“, so Prof. Schmidt. Wenn man also langes Haar haben möchte, muss man vor allem eines sein: beha(a)rrlich!
Glatt oder lockig:
Eine Laune der Natur?
Ob man als Lockenkopf oder mit glatten Haaren durchs Leben geht, steht schon von Anfang an fest. Doch was ist nun der Unterschied zwischen glatten und lockigen Haaren? Die Grundsubstanz der Haare ist das Eiweiß Keratin und wie jedes Eiweiß besteht auch Keratin aus Aminosäuren, welche Ketten bilden, die sich untereinander vernetzen. Diese Feinstrukturen werden je nach Genetik unterschiedlich zusammengefügt und gefaltet, so dass Locken oder eben glatte Haare dabei herauskommen. Bemerkenswert ist auch, dass diese Verbindungen bei der Haarwäsche zerstört werden, was erklärt, dass nasse Haare meist glatt sind. Wenn die Haare trocknen, werden die Verbindungen wieder ausgebildet, wobei das Haar meist die Form beibehält, die es zum Zeitpunkt des Trocknens hatte. Und jeder, der sich schon einmal mit nassen Haaren ins Bett gelegt hat, weiß, was das bedeutet! Glücklicherweise kann man die verknitterte Haarpracht aber mit erneuter Wäsche wieder in die gewünschte Form bringen.
Verwandlungskünstler:
Medikamente verändern Haarfarbe
Der Haarwuchs bleibt nicht auf alle Ewigkeit gleich und kann sich verändern. So wachsen Haare zum Beispiel nach einer Chemotherapie anders, sowohl was Farbe als auch Wuchs betrifft. Nicht nur das: „Es gibt einige Medikamente, die zu einer Veränderung der Haarfarbe führen. Am bekanntesten ist dies für bestimmte Antimalariamittel, die nach drei- bis viermonatiger Anwendung zu einer Silberweißverfärbung bei blonden und rothaarigen Personen führen“, weiß Prof. Schmidt. Andere Medikamente können Ergrauen (nicht dauerhaft!) bewirken oder zu einem Nachdunkeln der Haare führen. Doch nicht nur Medikamente haben Einfluss auf die Färbung unserer Haare. So kann einfaches Wasser mit hohem Kupfergehalt zu einer Grünfärbung von weißen oder blonden Haaren führen.
Was ist dran an den Mythen rund um die Haare?
- Fördert häufiges Schneiden den Haarwuchs?
Nein, die Haarwuchsmechanismen werden durch den Haarschnitt in keiner Weise beeinflusst.
- Fetten Haare bei häufigem Waschen schneller nach?
Ja, bei zu häufiger Entfettung der Kopfhaut wird die Talgdrüsenproduktion angeregt und ein rascheres Nachfetten ist die Folge. Generell bringt zu häufiges Waschen (täglich mit Shampoo) die natürliche Physiologie der Kopfhaut aus dem Gleichgewicht und ist deshalb abzulehnen.
- Fördert häufiges Haarewaschen den Haarausfall?
Nein, dieser Eindruck erscheint nur subjektiv, da sich durch die mechanische Prozedur und die begleitende Massage die bereits nicht mehr in den Haarwurzeln verankerten Haare vermehrt aus der Kopfhaut lösen. Bei der Haarwäsche können übrigens bis zu 300 Haare ausgehen! Dafür fallen an den Tagen danach weniger Haare aus.
- Lassen Kopfmassagen die Haare sprießen?
Nein, die Zahl der Haare, die wir haben, ist genetisch fixiert, mehr können es nicht werden!
- Kann man über Nacht ergrauen oder alle Haare verlieren?
Nein, für plötzliches Ergrauen als Folge von einschneidenden seelischen Erlebnissen wie Trauer oder Schock gibt es keinerlei wissenschaftliche Untersuchungen, nur Interpretationen. Allerdings gibt das Phänomen eines akuten kreisrunden Haarausfalls, bei der in kurzer Zeit alle farbigen Haare ausfallen und nur die grauen auf dem Kopf verbleiben. Hierbei wird Stress als mögliche Ursache diskutiert. Über plötzlichen Haarverlust über Nacht gibt es anekdotische Berichte von Verschütteten im Krieg. Von dermatologischer Seite ist jedoch kein solcher Fall bekannt, weshalb dieses Phänomen bis dato weder abgeklärt noch bestätigt werden konnte.
- Machen 100 Bürstenstriche am Tag schöne Haare?
Nein. Dieser Mythos ist uralt und stammt aus der Zeit in der Frauen durchwegs lange Haare trugen. Außer einem Entwirren der Haarpracht und einem Verteilen des Haarfettes bis zu den Spitzen kann man dem Bürsten jedoch keine „schönheitsfördernde“ Wirkung zubilligen.
- Wachsen Haare nach dem Tod weiter?
Nein. Mit dem Tod eines Menschen bleiben alle Lebensprozesse stehen, auch der Haarwuchs. Selbst wenn die Bindegewebszellen nach dem Hirntod noch einige Stunden weiterarbeiten, so ist das Haarwachstum in dieser Zeit so gering, dass es nicht zu erkennen ist.



