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EU-Studie ergibt: Jugendliche sind dicker als geglaubt
Ach, du junges, dickes Europa! Eine EU-Studie brachte es jetzt ans Tageslicht: Die Kinder und Jugendlichen sind noch dicker als bisher immer wieder warnend vermeldet. Fast jeder dritte Bub und mehr als jedes fünfte Mädchen sind übergewichtig, sechs Prozent davon bereits fettsüchtig.
Von Dr. Monika Berthold
Die dicken Fakten gehen aus der bisher größten europäischen Untersuchung über den Lebensstil und die Ernährungssituation von 13- bis 17-Jährigen hervor, die je in Europa durchgeführt wurde. Die unter dem Namen HELENA (Health Lifestyle in Europe by Nutrition in Adolescence) laufende Studie durchleuchtet in insgesamt zehn Ländern neben den Essgewohnheiten auch den körperlichen und seelischen Gesundheitszustand, genetische Faktoren, kulturelle, soziale und umweltbedingte Faktoren. Österreich stellt dabei mit 404 Schülern aus 13 Wiener Lehranstalten das größte Kontingent an Testpersonen.
In medizinischen Kreisen ist man aufgrund des neuen Datenmaterials mehr als besorgt, wie der Leiter des HELENA-Projekts in Österreich Univ. Prof. Dr. Kurt Widhalm, Ernährungsmediziner an der Medizinischen Universität Wien, sagt. Zeigen die Ergebnisse doch, dass das Gewichtsproblem der europäischen Jugend immer dramatischer wird. In manchen Regionen des Kontinents sind bereits mehr als 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen deutlich zu dick. Selbst in Regionen, wo früher die gesunde mediterrane Kost vorherrschte, registrierte man einen beachtlichen Prozentsatz an Übergewichtigen. Mehr noch: Gerade dort fand man im Rahmen der Studie die dicksten Jugendlichen des Kontinents – 16-Jährige mit einem „Kampfgewicht“ bis zu 180 Kilo. Schuld daran ist, so Widhalm, die Abkehr von der traditionellen südlichen Küche mit viel Obst, Gemüse und Fisch, mit frisch zubereiteten Mahlzeiten, vom Kochen mit Olivenöl. Man setzt auch im Mittelmeerraum in zunehmendem Maß auf Fastfood und Fertigmenüs.
WILD AUF SÜSSES • Hauptziel der HELENA-Studie war es, nachzuforschen, was denn die jungen Europäer im Durchschnitt essen. Durch ein spezielles in Belgien entwickeltes Computerprogramm stellte man fest, dass sie auf Obst, Gemüse und die notwendigen Ballaststoffe herzlich wenig stehen. Nur 13 Prozent der Buben und 16 Prozent der Mädchen nehmen die empfohlene Menge an diesen gesunden Nahrungsmitteln zu sich.
Demnach sieht die Nahrungsaufnahme so aus: Ein europäischer Jugendlicher isst täglich im Durchschnitt 100 Gramm Gemüse, 125 Gramm Obst, 160 Gramm Fleisch, 20 Gramm Fisch, 55 Gramm süße Bäckereien, 25 Gramm Schokolade, 260 Milliliter Milchprodukte und trinkt 730 Milliliter Wasser, 310 Milliliter Softdrinks und 14 Gramm Alkohol pro Tag. Nur sieben Prozent des täglichen Verzehrs bestehen aus Obst und Gemüse, 20 Prozent (!) aus Süßem.
Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern trinken österreichische Jugendliche den meisten Alkohol und liegen mit ihrem Verzehr von Süßigkeiten wie Schokolade an der Spitze Europas.
DICKSEIN KANN KRANK MACHEN • Widhalm: „Dieser neue Essstil macht uns Sorgen. Denn dass unsere Kinder immer mehr in die Breite gehen, ist längst kein kosmetisches Problem mehr.“ Dicke plagen sich beim raschen Gehen, schnaufen, schwitzen, reiben sich die Beine wund. Das wäre noch nicht das Schlimmste. Wer lange dick ist, wird krank. Die darauf folgenden Begleiterscheinungen sind Diabetes, Bluthochdruck und Herzerkrankungen. Zehn Kilo Übergewicht erhöhen das Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu bekommen, um satte 30 Prozent. „Was die falsche Ernährung sonst noch verursacht, ist noch gar nicht abzusehen“, meint der Arzt. Blutproben, die in Madrid, Bonn, Rom, Lille und Pecs analysiert wurden, ergeben, dass ein beträchtlicher Anteil der getesteten Buben und Mädchen eine Eisenmangelanämie aufweist. Dabei lagen die Wiener Schüler an der Spitze – bei 4,5 Prozent fand sich eine Anämie, bei 4,4 Prozent ein Eisenmangel. Weitere 24,8 Prozent wiesen sehr magere Eisenspeicher auf. Das hängt damit zusammen, dass die Kinder nicht die richtigen Lebensmittel essen. Eine optimale Eisenzufuhr findet sich beispielsweise bei zwei- bis dreimaligem Verzehr pro Woche von magerem Fleisch am besten in Kombination mit frischem Obst und Gemüse. Darüber hinaus stellte man bei 22 Prozent der europäischen Jugendlichen erhöhte Mengen an bestimmten Eiweißkörperchen fest, die auf infektiöse und nichtinfektiöse Erkrankungen schließen lassen. Das bedeutet, dass bereits etwa ein Fünftel der Jugendlichen Entzündungszeichen hat, die die Funktion der Gefäße beeinträchtigen.
EIN TEUFELSKREIS • Dazu kommen psychische Probleme. Stark übergewichtige Kinder werden im Freundeskreis verlacht, ausgegrenzt. Sie gelten als Versager, als hässlich, dumm, willensschwach und gefräßig. Sie meiden Turn- und Sportstunden, weil sie sich genieren, sich vor anderen auszuziehen. Diese Jugendlichen ziehen sich zurück, bleiben nur noch im Zimmer, sitzen vorm Fernseher, vorm Computer und flüchten sich ins Frustessen – der Teufelskreis ist geschlossen.
Frust, Stress, Kränkungen, Einsamkeit sind gefährlich, wenn es um die Figur geht. Sie sind die Hauptgründe für ständigen Esszwang. Schon vor Jahren hat Widhalm drei Hauptursachen für unkontrollierte Nahrungszufuhr geortet: Schwierigkeiten in der Familie (ständiger Streit, Scheidung der Eltern, Todesfälle), Schulprobleme und Probleme mit der Ich-Findung (die hauptsächlich dann entstehen, wenn niemand zur Verfügung steht, mit dem sich der Jugendliche identifizieren kann).
Bei diesem ständigen Esszwang spielt das bereits genannte Süße die Hauptrolle – Schokolade beruhigt und hellt die Stimmung auf. Detailanalysen im Rahmen der Europa-Studie haben ergeben, dass der größte Teil zuckerhältiger Produkte bereits zum Frühstück konsumiert wird: Cornflakes mit Schokolade, süße Mehlspeisen, Buttergebäck, Schokopops, Nutella, Zuckerkipfeln. Im Laufe des Tages folgen süße Riegel, beim Computerspiel die Bonbontasse. Ein beachtlicher Teil der täglichen Zuckermengen stammt aus den von Jugendlichen bevorzugten Limonaden.
„MIR IST SO FAD“ • Unter den jetzt vorgelegten ersten Ergebnissen findet sich auch ein erstaunliches Detail: Auf die Frage, warum die Jugendlichen essen, gaben die Testpersonen gleich nach dem Hunger „aus Langeweile“ an. Essen scheint ein starker Kompensationsfaktor zu sein, der noch näher untersucht werden muss. Das aber weiß man bereits: Jugendliche, die mit sich und ihrer Zeit nichts anzufangen wissen, sind meist allein, sitzen vor den elektronischen Medien und futtern.
Dazu kommt der „No sports“-Trend, die Bewegungslosigkeit. Nur 58 Prozent der Buben und 31 Prozent der Mädchen bewegen sich täglich mindestens 60 Minuten.



