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Ausgabe 09/2006

 





Gehen Sie sich gesund!

Würden die Menschen mehr zu Fuß gehen, gäbe es weniger Zivilisationskrankheiten. Denn das Gehen bringt so viele gesundheitliche Vorteile, dass man es eigentlich ärztlich verordnen sollte. Und einfach zu realisieren ist es obendrein.

 

Von Mag. Wolfgang Bauer

Auch wenn das Wetter nicht immer dazu einlädt, steht für den Salzburger Steuerberater Walter B. unverrückbar fest, dass er seine Termine in der Stadt stets zu Fuß wahrnimmt. Freilich kommt ihm zugute, dass viele seiner Kunden in der überschaubaren Innenstadt beheimatet sind und dass er auf den kurzen Wegen vielleicht sogar zu Fuß schneller unterwegs ist als mit einem PKW. „Zu Fuß erspare ich mir Staus und die aufreibende Parkplatzsuche, beim Gehen kann ich mich außerdem mental gut auf den nächsten Termin vorbereiten“, schwärmt der begeisterte Marschierer.

Auch die Wiener Lehrerin Martina S. ist eine leidenschaftliche Geherin. „Ich gehe bewusst rund 15 Minuten zu Fuß zur nächsten U-Bahn-Station und verzichte auf den Bus als Zubringer. So werde ich in der Früh richtig munter und nach der Arbeit kann ich gut entspannen, wenn ich von der U-Bahn nach Hause gehe.“ Ein weiterer Vorteil: Besteht Gefahr sich zu verspäten, so kann sie zu Fuß an Tempo zulegen und aus eigener Kraft den zeitlichen Rückstand wettmachen. Wartet sie hingegen passiv auf ein öffentliches Verkehrsmittel, so steigen Stress und Nervosität beim ständigen Blick auf die Uhr.

Ein Ritual wie Zähneputzen
Was die beiden gemeinsam haben: Gehen gehört für sie genauso zum täglichen Ritual wie das Zähneputzen. Von einer derartigen Einstellung kann Dr. Lukas Trimmel von der Abteilung für Physikalische Medizin und Rehabilitation am Wiener Wilhelminenspital nur träumen. „Die Fitness des Durchschnittsmenschen in Österreich ist nicht gerade berauschend ausgeprägt, so dass er allein durch regelmäßiges Gehen bereits enorm profitieren würde. Er müsste gar nicht laufen, Rad fahren oder ein spezielles Trainingsprogramm absolvieren, durch das Gehen wäre ein ausreichender Trainingsreiz gegeben, um die Ausdauer anzukurbeln und so manchen entgleisten Stoffwechselwert wieder ins Lot zu bringen“, so Osteopath Trimmel. Seiner Meinung nach müsste man mindestens 90 bis 120 Minuten pro Woche unterwegs sein, wobei zwei oder drei längere Einheiten besser seien als 15 Minuten pro Tag.

Wie schafft man es, dass man das Gehen zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Alltags macht? Dr. Trimmel: „Sie gehen kürzere Distanzen einfach zu Fuß. Wenn Sie zum Beispiel am Abend nach der Arbeit mit dem Bus oder der Straßenbahn nach Hause fahren, können Sie einige Stationen früher aussteigen und den restlichen Heimweg marschieren. Wenn Sie außerdem auf Rolltreppen und Aufzüge verzichten und statt dessen die Stiegen zu Fuß bewältigen, dann machen Sie sogar ein passables Kraftausdauertraining. Das ist einfach, billig und vor allem gesund.“

Einfach losmarschieren
Im Unterschied etwa zum Laufen oder Schwimmen kann man beim Gehen kaum etwas falsch machen. Ob man watschelt wie eine Ente oder einherstampft wie ein Elefant: „Im Grunde wählt jeder das Gangbild, mit dem er am besten vorankommt. Sie können beim Stehen oder Sitzen viel eher eine problematische Haltung einnehmen als beim Gehen, indem Sie zum Beispiel am Schreibtisch zu hoch oder zu niedrig sitzen“, sagt Dr. Trimmel.

Gesundheitliche Probleme kann man sich allerdings mit dem falschen Schuhwerk einhandeln. So sind Schuhe, die beim Gehen stören oder gar weh tun, sicherlich nicht gut gewählt. Sie können nicht nur Blasen, sondern auch Knieschmerzen und Rückenprobleme verursachen. Zu enge Stöckelschuhe führen oft sogar zu Fußdeformierungen. „Grundsätzlich sind Schuhe optimal, die ein Geh-Gefühl ermöglichen, das dem Barfußgehen möglichst nahe kommt. Dafür ist ein ausgeklügeltes Angebot am Markt“, sagt Dr. Trimmel.

Wer Lasten zu tragen hat, verteilt diese am besten gleichmäßig auf beide Arme, damit die Wirbelsäule entlastet wird. Noch besser für den Rücken: Lasten in einem langen schmalen Rucksack transportieren.

Barfußwege
Fix installierte Fühlpfade, die barfuß zu begehen sind, werden zunehmend beliebter. Auf wechselndem natürlichen Untergrund (durch Gräser, Bäche, Matschstrecken usw.) wird die Sinneswahrnehmung gefördert. Erst kürzlich wurde der Barfußweg der Gemeinde Bizau im Bregenzerwald mit dem Vorarlberger Tourismus Innovationspreis ausgezeichnet.


Was Gehen bringt
Wer regelmäßig geht,

  • trainiert die Ausdauer und erhöht die allgemeine Leistungsfähigkeit
  • beugt Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes vor
  • schult Koordination und Gleichgewicht – besonders für ältere Menschen wichtig
  • kann besser abschalten und entspannen. Die gleichmäßige, monotone Geh-Bewegung kann in einen tranceähnlichen Zustand führen
  • schöpft Kraft in der freien Natur, z. B. beim Spazierengehen oder bei Wochenendwanderungen
  • hält die Gelenke in Schwung – Gehen hilft gegen beginnende Gelenksarthrosen
  • verbraucht, je nach Geschwindigkeit, zwei- bis zehnmal so viele Kalorien wie im Ruhezustand


Kleine Kulturgeschichte des Gehens
Spazieren stammt vom Italienischen spaziare und bedeutet „sich räumlich ausbreiten“. Es wurde ursprünglich von der Aristokratie in den barocken Gärten und Parks gepflegt, im 18. Jahrhundert zunehmend auch von Bürgern an Sonn- und Feiertagen. In Kurorten und Seebädern wurden spezielle Spazierwege errichtet, die Promenaden. Ein berühmter Spaziergänger war Goethe: „Ich ging im Walde so für mich hin, nach nichts zu suchen, das war mein Sinn.“

Flanieren, aus dem Französischen flaner, bedeutet „umherstreifen, umherschlendern“. Ein Flaneur ist ein Mensch, der beim Spaziergehen durch die Straßen der Städte schaut und genießt.

Wandern, ursprünglich dem Bürgertum vorbehalten. Besonders gegen Ende des 18. Jahrhunderts erkundeten unzählige Wanderer weite Teile Europas zu Fuß und schrieben ihre Beobachtungen von fremden Ländern und Leuten nieder. Im 19. Jahrhundert wurde das Wandern durch die Gründung von Wander- und alpinen Vereinen institutionalisiert.


Berühmte Zitate

„Zu Fuß meinen Weg machen, bei schönem Wetter, in schöner Landschaft, ohne Eile, als Ziel meiner Reise vor mir etwas Angenehmes, diese Lebensweise ist am meisten von allen nach meinem Geschmack.“ Jean Jacques Rousseau, 1712 - 1778

„Ich halte den Gang für das Ehrenvolleste und Selbstständigste in dem Manne, und ich bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge“. Johann Gottfried Seume, 1763 - 1810
   

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