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Ausgabe 03/2009

 



Schmerzen in der Schulter

Wie die quälenden Beschwerden verschwinden

 

Wenn man nachts nicht mehr auf der Seite liegen kann und das Anheben des Armes eine Tortur wird, ist es Zeit für den Gang zum Orthopäden. Wer Schmerzen ignoriert, riskiert irreparable Gelenksschäden. Lesen Sie in MEDIZIN populär, was man gegen Schulterbeschwerden tun kann.

 

Von Dr. Monika Berthold

Erst ist das Buch im oberen Regal unerreichbar und das Über-Kopf-Anziehen des T-Shirts eine schmerzhafte Angelegenheit. Dann ist man nicht einmal mehr in der Lage, sich zu frisieren. Klarer Fall von Schulterproblemen.
„Es handelt sich dabei zwar nicht ausschließlich um ein Seniorenleiden. Aber die Schmerzsymptome nehmen mit steigendem Lebensalter aufgrund altersbedingter Verschleißerscheinungen zu“, erklärt Dr. Alexander Lehner, Orthopäde in Wien.

Das kann schuld sein

Woran liegt es, wenn jede Armbewegung weh tut? Auf diese immer wieder gestellte Frage kann Dr. Lehner mit einer ganzen Antwort-Palette aufwarten. So können die Ursachen in über Jahre gepflegten unrichtigen Bewegungsmustern zu finden sein, wenn man z. B. beim Sport falsch trainiert und es an der Schulter zu einem so genannten Engpass-Syndrom (Einklemmung der Sehne unter dem Schulterdach) kommt. Dasselbe kann bei beruflicher Tätigkeit passieren, wenn immer wieder eine verkehrte Haltung eingenommen oder mit Werkzeugen nicht richtig umgegangen wird. Auch Entzündungen verursachen Schulterschmerzen, die den Patienten vor allem nachts peinigen und zu äußerst unangenehmen Folgen wie dem Teilabriss oder dem kompletten Abriss der Sehnenmanschette der Schulter führen können.

Zu den Menschen, die es immer wieder in der Schulter haben, zählen jene, bei denen diese oberen Regionen von Natur aus ein Schwachpunkt sind  –  etwa durch schwache Haltebänder am Gelenk, was schon bei Kindern der Fall sein kann.

Als weitere Ursache nennt Lehner Unfälle und Verletzungen, bei denen das Schultergelenk „ausgekugelt“ wurde. „Das sind Beschwerden, die bei Belastung immer wieder auftreten und an denen viele Betroffene ihr Leben lang leiden“, so der Orthopäde. Übrigens kann es nach Verletzungen spontan zu einer kompletten Schultersteife kommen. Dann geht gar nichts mehr.
Bei älteren Semestern entstehen Schulterbeschwerden meist durch durch Abnützungserscheinungen und Verkalkungen  vor allem des Schultergelenks und des Schlüsselbein-Schulterblattgelenks, durch Sehnenrisse sowie durch Brüche, besonders des Oberarmkopfs.

Fast schon ein Volksleiden

Die schlechte Nachricht: Schultererkrankungen zählen zu den häufigsten Leiden überhaupt. Fast jeder hat zumindest einmal in seinem Leben Schulterschmerzen, die behandelt werden müssen. Und je älter man ist, umso gefährdeter ist man, sie zu bekommen. Laut Berichten des Universitätsklinikums Salzburg treten bei rund 50 Prozent der Über-65-Jährigen – das sind in Österreich etwa 800.000 Personen – Schulterprobleme auf. 7,5 Prozent der Über-75-Jährigen (rund 50.000 Österreicher) leiden an einer Schultergelenksarthrose, bei jedem zweiten dieser Patienten ist die Arthrose kombiniert mit einem Riss der so genannten Rotatorenmanschette, einer Muskelgruppe, die den Schultergelenkskopf wie eine Haube umgibt. 70 bis 80 Prozent dieser Gruppe sind so schwer betroffen, dass sie die Arme nur 30 Grad vom Körper wegbewegen können.

 

Behandlungsmöglichkeiten

Die gute Nachricht: Die moderne Medizin macht es möglich, dass heute fast jedem geholfen werden kann. Wie Dr. Lehner feststellt, verfügt man über eine ganze Reihe guter Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehören:

*   Die so genannte konservative Behandlung mit schmerzstillenden, antirheumatischen und entzündungshemmenden Arzneien sowie mit Infiltrationen (Einbringen durch Injektionen), die direkt an der betroffenen Stelle wirksam werden.

*   Heilgymnastik, mit der die Beweglichkeit und die Kraft im Schultergürtel wiederhergestellt wird. Die richtige Behandlung kann in vielen Fällen Schulterbeschwerden deutlich lindern. Auch nach einer Schulteroperation ist die richtige Heilgymnastik unumgänglich.

*   Physikalische Therapie, bei der mit Wärme, Kälte und elektrischen Reizen gearbeitet wird sowie Medikamente über die Haut verabreicht werden.
*   Stosswellentherapie oder Röntgen-Schwachbehandlung.

*   Arthroskopie (Gelenksspiegelung) oder offene Schulteroperation.


Keine Angst vor der Operation

Wenn die genannten konservativen Methoden zu keinem guten Erfolg führen oder die Gefahr einer fortschreitenden Schädigung besteht, bleibt noch die im letzten Punkt aufgelistete Operation. „Dabei muss man mit einem Vorurteil aufräumen. Oft scheuen sich Patienten vor einem chirurgischen Eingriff, weil der Nachbar oder die Oma sagen, das hilft eh nichts“, berichtet Lehner. Schulteroperationen führen entgegen der landläufigen Meinung in den allermeisten Fällen zu ausgezeichneten Erfolgen, betont der Arzt. „Es kommt darauf an, die richtige Diagnose zu stellen.“

Erst dann kann entschieden werden, welche Therapie die richtige ist. Lehner: „Im Zweifelsfall werde ich für ein zeitlich abgestuftes Vorgehen plädieren. Das heißt: Beginn mit einfachen Behandlungen wie Infiltrationen, Heilgymnastik oder schmerzstillenden, antirheumatischen Medikamenten. Wenn das nicht hilft, dann folgt der nächste Schritt bis hin zum chirurgischen Eingriff.“
Nach Meinung des Arztes ist dabei Ehrlichkeit gefragt. Es ist nicht alles machbar. Die richtige Aufklärung und Erläuterung der Behandlungsmöglichkeiten verhindert übersteigerte Erwartungshaltungen des Patienten. Wichtig ist es, dem Betroffenen offen zu sagen, welche Erfolge zu erwarten sind und was nicht behoben werden kann.

Bewegung ist alles

So einfach es klingt, so notwendig ist es, dass das Schultergelenk richtig bewegt wird – auch und vor allem nach Operationen. Das ist deshalb so wichtig, weil die Schulterpartie eine höchst sensible Zone ist. Das Schultergelenk ist das beweglichste Kugelgelenk des menschlichen Körpers. Die große Bewegungsfreiheit des Armes beruht auf dem optimalen Zusammenspiel von Muskeln und Gelenken des Schultergürtels. Die Bewegungen werden kaum durch knöcherne Strukturen eingeschränkt. Gesichert wird das Gelenk vor allem durch die Muskulatur und die Bänder, die für Stabilität sorgen.

Dass es bei dieser anatomischen Konstellation wichtig ist, keinen Teil des gesamten Gefüges ständig zu überanstrengen, liegt auf der Hand. Falsches Training beim Sport, so der Orthopäde, einseitige überlastende Bewegungsabläufe aber auch schlechte Haltung können die Schulter beträchtlich aus dem Gleichgewicht bringen.
Mit gezielter Gymnastik ist es möglich, nicht nur die Koordination der Muskulatur wiederherzustellen, sondern sogar Bewegungseinschränkungen zu behandeln. Das Buch vom oberen Regal ist erreichbar, man kann sich wieder selbst die Fönfrisur machen.

Und was Heilgymnastik nach einem operativen Eingriff bewirkt, zeigen die Aussagen Hunderter von Patienten, die sich nachher wie neugeboren fühlen. Für den Behandlungserfolg ist jedoch ein abgestimmtes Therapieprogramm wichtig. Denn Schmerzen führen zu Schonhaltungen, falsche Bewegungsmuster haben sich eingeschliffen, die nun umgelernt werden müssen. Lehner: „Aber es ist immer wieder ein faszinierendes Erlebnis zu sehen, wie sehr sich oft schon in den ersten Tagen nach der Operation die Bewegungsmuster verändern.“


Wie bleibt die Schulter gesund?

*   Bewegung ist alles. Regelmäßige und richtige Bewegung sorgt für gute und kräftige Muskulatur und den Erhalt der Beweglichkeit in alle Richtungen.

*   Einseitige Belastung und Überlastungen sollte man meiden. Tipps für das richtige Sporttraining, über Ausgleichsübungen zu beruflich einseitiger Belastung kann man sich beim Orthopäden holen.

*   Bei Auftreten von ersten Beschwerden sollte man zum Arzt. Fehlhaltungen, falsche Bewegungsabläufe, nicht ausgeheilte Entzündungen und Sehnenrisse können zu irreparablen Schäden, bleibenden Schmerzen und Bewegungseinschränkungen führen.



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