Kaffee: Muntermacher und Multitalent

Mai 2006 | Ernährung & Genuss

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der Kaffee mit seinem angeschlagenen Ruf zum Star der Ernährungsmedizin aufsteigt? Tatsächlich bestätigen aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen, dass der liebste Morgentrunk der Österreicher das Risiko senkt, Diabetes zu bekommen und dass er ein wohlschmeckendes Mittel gegen depressive Stimmung ist. Allerdings nicht unter allen Umständen – und nur dann, wenn er richtig zubereitet wird.
 
Von Mag. Petra Iglseder-Hesz

„Heiß wie die Hölle, süß wie die Liebe und schwarz wie die Nacht“ – dieser Spruch, der dem französischen Staatsmann Talleyrand in den Mund gelegt wird, beschreibt ziemlich genau, wie die Österreicher ihren Kaffee haben wollen. Die Ansprüche sind hoch, denn kaum ein anderes Land in Europa ist so „kaffeeverrückt“ wie das unsere: An die 50 verschiedene Variationen finden sich in den Cafés zwischen Bregenz und Wien, und stolze 160 Liter pro Kopf helfen uns jährlich durch so manches Nachmittagstief – oft mit schlechtem Gewissen. Aber damit ist jetzt Schluss, denn die annähernd 20.000 Studien der letzten Jahrzehnte zum Thema Kaffee kommen zu dem erfreulichen Ergebnis, dass das Getränk weitaus mehr Vorteile hat als vermutet.

Koffein macht glücklich
Wer hätte gedacht, dass schon das Einatmen des Kaffeeduftes gesundheitliche Vorteile bringt? Klingt unglaublich, stimmt aber: Japanische Forscher konnten beweisen, dass das Koffein im rrröstfrischen Duft mithilft, die Atemmuskulatur von Asthmatikern zu entspannen. Umso mehr Wirkung hat der Kaffee, wenn man ihn trinkt. Dank der Studien ist jetzt quasi amtlich, was Kaffeefans immer schon wussten: Eine Melange, ein großer Brauner oder ein Cappuccino machen tatsächlich froh. Koffein fördert nämlich die Aufnahme des Glückshormons Serotonin im Gehirn.

Senkt Diabetes-Risiko
Mehrere Untersuchungen kamen zu dem überraschenden Ergebnis: Regelmäßige Kaffeetrinker sind nicht nur fröhlicher, sie haben auch ein geringeres Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Ebenso unerwartet folgender Effekt: Kaffeefans haben um 25 Prozent seltener Gallensteine. „Der Kaffee regt die Gallenblase an, sich zusammenzuziehen: das kann der Entstehung von Gallensteinen vorbeugen“, erklärt Univ. Prof. Dr. Kurt Widhalm, Ernährungsmediziner aus Wien, die Zusammenhänge.

Enthält wichtige Vitamine
Aber das ist noch nicht alles: Weil der morgendliche Muntermacher ein richtiges Multitalent ist, hilft er sogar mit, unseren Nährstoffbedarf zu decken. Im braunen Trunk stecken nämlich die Vitamine Niacin und Kalium, und die brauchen wir für zahlreiche Stoffwechselfunktionen, erklärt Dr. Widhalm. Mit einer Tasse deckt man etwa 20 Prozent der empfohlenen Tagesmenge von Niacin und fünf Prozent des täglichen Kaliumbedarfs. Selbstverständlich kann Kaffee, so der ausdrückliche Hinweis des Mediziners, kein Ersatz für eine gesunde und ausgewogene Ernährung sein.

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Warum Kaffee munter macht

Aufstehen und ins Büro ohne morgendlichen Kaffee-Kick? Für viele ist das schlicht unvorstellbar – und sie haben recht, denn Kaffee macht wirklich munter. Warum, erklärt Prof. Widhalm so: „Das Koffein verengt sanft die Gefäße, wodurch das Blut mit mehr Druck durch den Körper gepumpt wird. Herztätigkeit, Stoffwechsel und Atmung werden beschleunigt, das Gehirn wird stärker durchblutet, das steigert die Konzentration. Außerdem blockiert das Koffein einen Botenstoff, der uns müde macht.“ Mit einem Wort: Wir sind fit für den Tag.

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Falsch oder richtig?

Um Melange, Cappuccino & Co. ranken sich viele Legenden und Behauptungen. MEDIZIN populär fragte nach, was daran wahr ist.

  • Kaffee erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen:
    Das ist möglich, aber die Gene und der Kaffeekonsum haben dabei ein Wörtchen mit zu reden, wie jüngste Studien beweisen. Wer nämlich Erbmaterial mit dem kryptischen Namen CYP1A2*1F besitzt, baut Kaffee langsamer ab – und das erhöht das Risiko eines Herzinfarktes gleich um 36 Prozent. Woher weiß man, ob man dieses Gen in sich trägt? Prof. Widhalm: „Einfach und schnell lässt sich das natürlich nicht feststellen, dazu braucht man komplizierte Untersuchungen. Deswegen ist es am besten, man setzt auf ein gesundes Mittelmaß. Wer bis zu drei Tassen am Tag trinkt, sollte auf der sicheren Seite sein. Wichtig ist die Zubereitung. Es sollte nämlich Filterkaffee und kein türkischer Mokka oder Kaffee aus so genannten Stempelsieben sein. Denn die lassen die schädlichen Fettsäuren – und damit das Cholesterin – durch, Filterpapier fängt es ab.“
  • Kaffee schadet den Knochen:
    Die Menge macht’s. Wer viel Kaffee und wenig Kalzium zu sich nimmt, erhöht tatsächlich das Osteoporose-Risiko. Prof. Widhalm: „Frauen nach der Menopause sollten ihren Kaffeekonsum auf zwei, höchstens drei Tassen täglich beschränken und immer einen Schuss Milch in den Kaffee geben und zusätzlich auf eine kalziumreiche Ernährung achten.“

  • Kaffee ist ein Schlafräuber:
    Kann sein, muss aber nicht sein. Denn jeder reagiert anders auf Koffein, die Wirkung hält beim einen eineinhalb und beim anderen fünf Stunden an. Auch der Gewöhn-Faktor ist zu berücksichtigen: Wer viel trinkt, kann auch am Abend problemlos zum Espresso greifen. „Und der Stoffwechsel spielt eine Rolle. Wer einen schnellen Umsatz hat, baut das Koffein und damit auch die Wirkung rascher ab – das gilt etwa für Raucher“, weiß Dr. Widhalm. „Langsamer verarbeitet wird Koffein meistens von dickeren Menschen, Frauen, die die Pille nehmen, und Schwangeren.“ Allerdings sind auch so genannte paradoxe Wirkungen des Koffeins bekannt: Mancher wird auf Kaffee müde und schläfrig, statt munter und fit. Warum, ist nicht bekannt.
  • Koffeinfrei ist viel gesünder:
    Falsch. Studien brachten überraschende Ergebnisse: Koffeinfreier Kaffee regt die Magensäureproduktion stärker an als der starke Kollege. Außerdem kann die sanfte Melange zu einer Erhöhung des Cholesterinspiegels beitragen. Trotzdem hat entkoffeinierter Kaffee auch gute Seiten: Im Rahmen einer Studie tranken übergewichtige Versuchspersonen (Bodymaßindex über 25) regelmäßig die schwache Kaffee-Variante und konnten damit die Menge des „guten“ HDL-Cholesterins erhöhen. Das wiederum hilft mit, Arteriosklerose vorzubeugen. Bei Normalgewichtigen war das nicht der Fall.
  • Espresso ist stärker als Filterkaffee:
    Falsch. Die Bohnen werden länger geröstet und sind daher säureärmer. Weil das Wasser mit hohem Druck durch das Kaffeemehl gepresst wird, landen auch nicht so viele Reizstoffe in der Tasse. Ideal also bei Magenbeschwerden und auch am Abend – denn Espresso enthält bis zu 40 Prozent weniger Koffein als üblicher Bohnenkaffee.
  • Türkischer Kaffee ist optimal:
    Irrtum. Türkischer Kaffee oder die bei Franzosen beliebten Press-Stempelkannen sind für den täglichen Gebrauch nicht so empfehlenswert, sagen Ärzte, denn die gesundheitlichen Vorteile des Filters fehlen. Besser sind Kaffee- oder Espressomaschinen. Experten meinen: Wer die Jause so richtig zelebrieren will, sollte am besten per Hand aufgießen. Das holt das volle Aroma aus jeder Bohne.
  • Ganze Bohnen schmecken besser:
    Stimmt, denn im Ganzen wird das Aroma einfach am besten konserviert. Für den Geschmack spielt aber auch der Mahlgrad eine Rolle. Ist er zu fein, kann der Kaffee leicht bitter werden, weil das Wasser zu lange in Kontakt mit dem Kaffee ist. Ist die Mahlung zu grob, schmeckt das Endergebnis fad, weil das Wasser nicht genug „mitnehmen“ kann. Auch die Wasserqualität ist von Bedeutung: Kaffee schmeckt am besten, wenn er mit weichem Wasser aufgegossen wird. Bei zuviel Kalk geben Sie eine Prise Kakao oder Natron in den Filter.
  • Lieber Süßstoff als Zucker:
    Ein Vorurteil. Ob Sie nun zwei Stück Zucker nehmen oder doch lieber Süßstoff, der Linie wegen, ob Sie den Kaffee mit Milchschaum oder einem Klecks Schlagobers krönen – egal wie, das hat auf die gesundheitlichen Vorteile keinen Einfluss. Achten sollte man nicht darauf, was man in den Kaffee hinein gibt, sondern was man dazu isst, sagt Prof. Widhalm: „So manches saure Obst auf einer üppigen Torte oder Kolatsche verträgt sich nicht mit einigen Kaffeesäuren. Dazu gehören etwa Ananas, Zwetschken oder Johannisbeeren.“ Empfindliche Mägen können dann beleidigt reagieren.


   

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