Depression: Dunkler Schatten über der Partnerschaft

November 2006 | Gesellschaft & Familie

Tipps für das Leben mit einem depressiven Menschen
 
Wenn der Schatten der Depression über die Partnerin, den Partner fällt, ist nichts mehr, wie es vorher war. Der Kranke zieht sich in eine freudlose Welt zurück, die der Gesunde nicht verstehen kann. Der Gesunde muss jetzt viel Geduld, Kraft und Sensibilität aufbringen, um dem Kranken helfen zu können. Wie kann das gelingen? Experten über den richtigen Umgang mit depressiven Menschen.
 
Von Mag. Karin Kirschbichler

„Meine Frau war ein richtiges Energiebündel, voller Freude und Engagement in ihrem Beruf, voller Pläne und Unternehmungslust im Privatleben“, erinnert sich Herbert K. an die Zeit, bevor die Depression in sein Eheleben trat. „Ich habe mich immer gewundert, wie sie das alles schafft. Als sie dann anfing, kürzer zu treten, länger zu schlafen, weniger Kontakte mit unseren Freunden zu halten, habe ich das zunächst für normal gehalten. Ich dachte, sie braucht eben einmal eine Pause, und habe sie darin bestärkt.“

Doch dann ist es immer schlimmer geworden, sagt Herbert K. „Lisa hat sich mehr und mehr zurückgezogen, war auch für mich immer weniger zugänglich, wollte gar nichts mehr unternehmen. Sie hat sogar davon gesprochen, ihren Beruf, der ihr immer so viel Spaß gemacht hat, an den Nagel zu hängen. Auf meine Fragen, was denn mit ihr los sei, sagte sie oft: ,Ich fühle mich so leer, mich freut nichts mehr.‘ Ich versuchte sie aufzumuntern, zu motivieren, habe eine Reise an unseren Lieblingsort gebucht, Konzertkarten von ihrem Lieblingssänger besorgt – sie war zu nichts zu bewegen.

Es war die beste Freundin meiner Frau, die mich darauf gebracht hatte, Lisa könnte depressiv sein. Ich habe meine Frau darauf angesprochen, sie wollte nichts davon wissen, geschweige denn zu einem Arzt gehen.“

 

Die Zeichen erkennen

Wenn ein Partner, ein Familienangehöriger depressiv wird, wirkt sich das immer auf die Beziehung, das Zusammenleben, die ganze Familie und das Umfeld aus, weiß Dr. Adelheid Gassner-Briem, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und Psychotherapeutin in Feldkirch in Vorarlberg. „Depressive Menschen ziehen sich zurück, teilen sich wenig mit, nehmen an den Aktivitäten nicht mehr teil, grübeln, können allmählich ihre Aufgaben kaum mehr erfüllen, und haben Probleme, Entscheidungen zu treffen.“

Die Freundin von Lisa K. hat die Symptome richtig gedeutet. „Der depressive Mensch wird zusehends freudloser, lustloser, er verliert seine Energie und den Antrieb, um sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Die Gedanken kreisen um negative Themen, Sorgen und Ängste. Manche, besonders ältere Menschen, äußern vor allem die Klagen über körperliche Beschwerden und Schlafstörungen, hinter denen sich die Depression versteckt“, zählt die Expertin die wichtigsten Zeichen der Krankheit auf.

 

Arztbesuch arrangieren

In den meisten Fällen ist den Betroffenen und den Angehörigen nicht bewusst, dass es sich um eine Krankheit handelt – eine Krankheit, die immer mehr Menschen betrifft, die aber vorübergeht und sich gut behandeln lässt, vorausgesetzt, man sucht professionelle Hilfe. Wie kann der Depressive davon überzeugt werden, zum Arzt zu gehen? „Es kann helfen, sich an den Hausarzt zu wenden, der vielleicht nichts davon weiß und in der Regel guten Kontakt zu seinen Patienten hat. Er könnte einen Hausbesuch machen, besonders wenn man sich ernsthaft Sorgen macht und wenn eine Selbstmordgefährdung bestehen könnte“, sagt Dr. Gassner-Briem. „Ich empfehle auch, nicht lange zu fragen: Willst du zum Arzt?, da sich der Depressive ja schwer tut, Entscheidungen zu treffen. Ich rate vielmehr, den Arztbesuch ohne große Vorwarnung zu arrangieren und umzusetzen, im Sinne von: Wir müssen jetzt zum Arzt gehen!“

 

Im Gespräch bleiben

Nicht aufhören, mit dem kranken Partner Kontakt zu halten und zu reden, auch wenn er sich abwendet und verschließt, ist eine der schwierigen Aufgaben, die dem Angehörigen nun abverlangt werden. Sätze wie „Lach doch wieder!“ oder „Reiß dich zusammen!“ bringen allerdings nichts. Sie können im Gegenteil sogar schaden. Denn der Kranke ist nicht dazu in der Lage – und Aufforderungen wie diese führen ihm sein Unvermögen schmerzhaft vor Augen.

Dr. Gassner-Briem: „Es geht in erster Linie darum, für den Depressiven da zu sein. Für Angehörige ist es wichtig, sich stets vor Augen zu führen, dass es sich bei Depression um eine Krankheit handelt, die den Menschen vorübergehend verändert. Man soll den Partner akzeptieren und ihm signalisieren, dass er so sein darf. Man soll ihm auch zeigen, dass man weiß, dass er keine Wahl hat und keine böse Absicht hinter seinem derzeitigen Verhalten steckt. Wenn mein Partner mit einer Lungenentzündung im Bett liegt, so werde ich ihn auch mit seiner Krankheit und all ihren Symptomen akzeptieren und für ihn da sein. Genauso muss ich versuchen, den depressiven Menschen in seiner Krankheit und mit seinen Beschwerden anzunehmen, die sich nicht etwa durch Fieber, sondern durch Antriebsschwäche, Lustlosigkeit und vieles andere mehr zeigen.“

 

Auf eigene Grenzen achten

Viele beziehen es auf sich, wenn der Partner depressiv wird. Sie bekommen Schuldgefühle, weil sie meinen, durch eigenes Verhalten oder etwaige Verfehlungen der Vergangenheit die Depression ausgelöst zu haben. Sie fühlen sich hilflos, weil sie nicht wissen, wie sie helfen können. „Viele sind auch überfordert“, erzählt Dr. Gassner-Briem aus ihrer Praxis, „und entwickeln durch Mitleiden und fehlende eigene Abgrenzung ein Burnout-Syndrom und schließlich selbst eine Depression. So werden die Angehörigen zu hilflosen Helfern. Viele berichten auch über mangelndes Verständnis und fehlende Unterstützung der Umgebung. Die Depression wird nicht selten von der Umgebung, dem Arbeitgeber, als Faulheit interpretiert“, schildert die Ärztin die Probleme. Gibt es eine Lösung?

„Wenn Schuldgefühle da sind, scheint es mir wichtig, dass der nicht-depressive Partner selbst Psychotherapie in Anspruch nimmt, um diesen Emotionen auf den Grund zu gehen“, rät die Expertin. „Wenn Mitleid überhand nimmt“, warnt Dr. Gassner-Briem weiter, „laufe ich Gefahr, selbst zu leiden, also krank zu werden – und dann kann ich nicht mehr helfen. Es ist also sehr wichtig, sich abzugrenzen und bei aller Betreuung und Begleitung des Kranken auf die eigenen Ressourcen und Grenzen zu achten. Man soll die eigenen Hobbys und Freundschaften mit anderen nicht vernachlässigen, sich selbst immer wieder etwas Gutes tun und hin und wieder Abstand gewinnen.“

 

Hilfe in Anspruch nehmen

Familienmitglieder, Freunde, Bekannte, Kollegen können nicht nur unverzichtbare Kontaktpersonen der „gesunden“ Welt, sondern auch Hilfskräfte in der Betreuung des Kranken sein. Auch wenn viele Vorschläge abgelehnt werden: Man soll nicht aufhören, den Tag zu strukturieren, dem depressiven Menschen kleine Aufgaben zuzumuten, ihn zu Aktivitäten zu ermutigen und Angebote zu machen – freilich ohne ihn unter Druck zu setzen. Hier kann das Umfeld wesentlich mithelfen.

Je nach Schwere der Depression kann es eine Zeit lang nötig sein, die Einnahme von Antidepressiva zu kontrollieren und den Kranken zu „überwachen“, vor allem wenn Selbstmordgefahr besteht. „Äußert der Partner Suizidgedanken, so informieren Sie den Hausarzt, den behandelnden Facharzt oder auch den Amtsarzt. Letzterer kann als einziger bei Suizidgefahr gegen den Willen und zum Schutz des Patienten eine stationäre Aufnahme einleiten“, so Dr. Gassner-Briem. Der Arzt oder Therapeut, der den Depressiven behandelt, kann auch dem Nicht-Depressiven weiterhelfen, wenn der einmal nicht mehr aus und ein weiß. „Nehmen Sie als Angehöriger Hilfe in Anspruch, sprechen Sie über Ihre eigenen Nöte und Belastungen“, rät die Ärztin.

 

Wie sagt man’s den Kindern?

Vor allem dann, wenn es Kinder gibt, braucht man jede Hilfe. In diesem Fall wird es sich nicht nur um seelische, sondern auch um ganz praktische Unterstützung handeln. Schließlich ist der depressive Partner vorübergehend nicht in der Lage, seine Pflichten im Familienleben so wahrzunehmen, wie er das früher getan hat. Um den gesunden Partner zu entlasten, kann das Umfeld eine Reihe von Hilfsdiensten übernehmen.

„Die Kinder selbst“, so die Fachärztin, „sollte man entsprechend ihrem Alter und Auffassungsvermögen informieren, dass die Mutter oder der Vater krank sind und sich daher so verhalten, wie sie sich eben verhalten. Es scheint mir wichtig, den Kindern wiederholt klar zu machen, dass sie nicht schuld an diesen Problemen sind. Man soll die Kinder stets auch ermuntern, über ihre Gefühle zu sprechen, und ihnen immer gut zuhören. Gemeinsam mit dem behandelnden Arzt kann man auch entscheiden, ob es sinnvoll ist, die Schule über die aktuellen Probleme zu Hause zu informieren.“

 

Depression als Chance

Die Depression eines Partners ist eine große Herausforderung für die Beziehung und das Zusammenleben. „Eine Partnerschaft, die vorher schon instabil war, ist dieser Herausforderung in der Regel nicht gewachsen und zerbricht daran“, erzählt Dr. Gassner-Briem aus ihrer langjährigen Erfahrung mit der Krankheit. „Wenn aber ein Paar diese Krise miteinander bewältigt, dann erlebe ich immer wieder, dass die Depression die Partnerschaft wesentlich vertiefen und intensivieren kann. Die Depression ist dann auch eine große Chance, ein Neubeginn für die neu definierte Partnerschaft.“

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Volkskrankheit Depression

In Österreich ist fast jeder zehnte betroffen

Rund 640.000 Österreicherinnen und Österreicher leiden an einer depressiven Erkrankung, aber nur ein Viertel der Betroffenen befindet sich in ärztlicher Behandlung. Weltweit sind 121 Millionen Menschen betroffen – Tendenz stark steigend: Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge werden Depressionen bis zum Jahr 2020 nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen den zweiten Platz in der Liste der häufigsten Krankheiten einnehmen und somit Krebs auf Platz drei verweisen.

Vom vorübergehenden Stimmungstief unterscheidet sich die Depression dadurch, dass sie über Wochen und Monate anhalten kann. Die wichtigsten Symptome: Konzentrations-, Appetit- und Schlafstörungen sowie Entscheidungsunfähigkeit, Antriebslosigkeit, Energiemangel, Denkblockaden, Gefühle von Traurigkeit, Auftreten von Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstmordgedanken. Durch den Einsatz von Antidepressiva und Psychotherapie ist die Depression vor allem bei frühzeitiger Diagnose gut behandelbar, die Heilungschancen sind groß.

 

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Ich will nicht mehr leben!
Suizidgedanken ernst nehmen und ansprechen

Prim. Priv. Doz. Dr. Reinhold Fartacek, Leiter des Sonderauftrages für Suizidprävention an der Universitätsklinik für Psychiatrie in Salzburg, kennt die ganze Dimension der Krankheit. „Im Rahmen einer schweren Depression kann der empfundene Schmerz so unerträglich sein, dass sich eine Hoffnungslosigkeit entwickelt, in der manchmal der Suizid als letzter Ausweg erscheint. Das ist besonders tragisch, da die betroffenen Menschen in ihrer Verzweiflung nicht mehr sehen können, dass eine Depression ein zeitlich begrenztes Leiden ist und depressive Phasen fast immer wieder abklingen.“

Viele Angehörige meinen, das offene Ansprechen der Selbstmordgedanken würde das Suizidrisiko erhöhen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Wer das Gefühl hat, ein Mensch könnte an Suizid denken, soll den Betroffenen danach fragen. „Das ehrliche Ansprechen der Sorge und der vermuteten Gefahr ist in jedem Fall hilfreich“, so Prim. Fartacek.

Ab einer deutlichen Ausprägung der Suizidgefährdung ist dringend ärztliche oder stationäre Behandlung nötig. „Es gelingt Betroffenen oft“, so Fartacek, „diese freiwillig in Anspruch zu nehmen. Wird die Behandlung abgelehnt, muss der Suizid durch Beiziehen des Amtsarztes/Sprengelarztes bzw. mit Hilfe der Polizei verhindert werden. In Österreich sind wir verpflichtet, in einem solchen Fall diese Art der Ersten Hilfe zu leisten.“

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Tipps für Angehörige

Mitfühlen, aber nicht mitleiden

  • Seien Sie sich darüber im Klaren, dass Depression eine Krankheit ist. Holen Sie möglichst viele Informationen und ärztliche Hilfe ein.
  • Sprechen Sie mit dem Depressiven auch über Ihre Ängste im Sinne von: „Ich mache mir Sorgen und beobachte, dass du …“
  • Sprechen Sie das Thema Depression auch in Ihrem Umfeld an. Nicht verdrängen, sondern enttabuisieren und ein Netzwerk schaffen!
  • Bleiben Sie in Kontakt mit der depressiven Person, auch wenn das oft schwierig ist. Hören Sie zu und versuchen Sie zu verstehen.
  • Mitfühlen, aber nicht mitleiden. Wer mitleidet, läuft Gefahr, selbst krank zu werden und nicht mehr helfen zu können.
  • Versuchen Sie einen möglichst geregelten Tagesrhythmus einzuhalten: Aufstehen, Körperpflege, Mahlzeiten etc. sollten täglich ungefähr zur selben Zeit geschehen.
  • Ermutigen Sie den Betroffenen zu Aktivitäten, machen Sie Angebote, immer und immer wieder. Aber setzen Sie ihn nicht unter Druck!
  • Achten Sie auf Ihre eigenen Ressourcen und Grenzen. Halten Sie Kontakt zu „gesunden“ Menschen, pflegen Sie Ihre Hobbys, gehen Sie ab und zu aus!
  • Scheuen Sie sich nicht, selbst die Hilfe in Anspruch zu nehmen, die Sie brauchen.

 

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