Stalking: So wehren Sie sich

September 2006 | Gesellschaft & Familie

Von Stalking sind längst nicht nur Prominente betroffen. Laut einer aktuellen Studie werden zwölf Prozent der Bevölkerung einmal in ihrem Leben Opfer eines Stalkers. Von aufdringlichen Anrufen über permanentes Auflauern bis hin zu gefährlichen Drohungen reicht die Palette des Psychoterrors, der die Verfolgten in Angst versetzt. Angst, die sie krank macht, ihr Leben massiv beeinträchtigt und sogar ihre Existenz zerstören kann. Das neue Gesetz gegen „beharrliche Verfolgung“ hat eine wahre Anzeigenflut ausgelöst. Im September findet der erste Prozess statt.
 
Von Mag. Karin Kirschbichler

Wir haben lange auf das Gesetz gewartet“, begrüßt Marina Sorgo, Sozialarbeiterin und Leiterin des Gewaltschutzzentrums Steiermark, die Entscheidung des Gesetzgebers, Stalking zum Straftatbestand zu erklären. „Nun kann man nicht nur gegen Körperverletzung, gefährliche Drohung, Sachbeschädigung, Nötigung etc. vorgehen, sondern auch gegen die viel subtilere Form von Gewalt, die die Stalker auf ihre Opfer ausüben.“ Auch Mag. Barbara Michalek, Juristin und Leiterin vom 24-Stunden-Frauennotruf der Stadt Wien, sieht im Anti-Stalking-Paragrafen ein „wichtiges gesellschaftspolitisches Zeichen, das den Betroffenen von staatlicher Seite bestätigt: Was der Stalker tut, ist nicht recht“.

28 Monate Stalking-Terror
„Stalking“ ist ein Begriff aus der Jägersprache und bedeutet wörtlich übersetzt „anpirschen“. In den 1990er Jahren wurde die Bezeichnung auf ein menschliches Verhaltensmuster übertragen, das sich in verschiedenen Facetten zeigt: Der Stalker gewinnt damit Macht und Kontrolle über das Leben seines Opfers. Der Stalkee, wie man das Opfer auch nennt, wird in Angst und Schrecken versetzt und richtet sein Denken und Handeln darauf aus, seinem Verfolger zu entkommen. Doch der lässt sich nicht so leicht abwimmeln. Wiederholtes „Lass mich in Ruhe!“-Flehen stachelt ihn womöglich noch mehr an. Monate-, mitunter jahrelang demonstriert der Stalker seinem Opfer: „Du entkommst mir nicht!“ Laut einer kürzlich abgeschlossenen Studie aus Darmstadt dauert der Stalking-Terror im Durchschnitt 28 Monate.

Der Stalker ist meist der Ex
Stalker sind, wie internationale Studien belegen, zu 90 Prozent Männer, Stalkingopfer zu 80 Prozent Frauen. Der überwiegende Teil der „beharrlichen Verfolger“, 60 Prozent, hatte mit seinem Opfer eine intime Beziehung und schafft es nicht, die Trennung zu akzeptieren.

Das deckt sich auch mit den Erfahrungen in den Opferschutzeinrichtungen. Mag. Barbara Michalek vom Frauennotruf: „Unsere Statistik zeigt zudem, dass die meisten Frauen, die von ihrem Ex-Partner gestalkt werden, auch schon in der Beziehung psychische oder physische Gewalt erlebt haben.“

Stalking ist „oft eine Fortsetzung der Kontroll- und Machtausübung, die bereits in der Beziehung bestanden hat und zumeist auch Trennungsgrund war“, sagt auch Marina Sorgo vom Grazer Gewaltschutzzentrum.

Mit Liebeswerben hat Stalking nichts zu tun. Wer seinen Ex-Partner oder seine Ex-Partnerin nach der Trennung mit zeitweiligen Anrufen, Briefen oder Besuchen zurückgewinnen will, ist noch kein Stalker. Die Dosis macht das Gift. Aber auch die Wirkung, die erzielt wird, gilt als Stalking-Kriterium: „Sobald das Bemühen Angst macht, permanenten Stress verursacht, das Leben einer Person komplett durcheinanderbringt, weil sie nicht mehr weiß, was passiert, sobald sie zur Tür hinausgeht – dann ist es ein klarer Fall von Stalking“, sagt die Grazer Sozialarbeiterin Sorgo.

Das kann extreme Formen annehmen, wie Mag. Michalek vom Frauennotruf weiß: „Wir haben eine Frau betreut, die von ihrem Ex-Mann bis zu 300 Anrufe pro Tag erhalten hat.“ Solche Extrembeispiele zeigen: Stalking kann zur „Fulltime-Beschäftigung“ werden – für den Täter ebenso wie für das Opfer. Die permanente Beeinträchtigung stürzt die Opfer in Verzweiflung, Hilflosigkeit, Ausweglosigkeit, der Psychoterror macht sie krank. Sie leiden unter Angstgefühlen und Panikattacken, chronischen Schlafstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen oder hegen sogar Selbstmordgedanken. Viele Opfer geraten in soziale Isolation. Um ihre Freunde und Bekannten vor dem Stalker zu schützen, ziehen sie sich vor ihnen zurück. Viele trauen sich nicht mehr aus dem Haus. Manche wechseln die Wohnung oder gar den Wohnort, einige verlieren durch viele Krankenstandstage oder aber durch häufiges Eindringen des Stalkers am Arbeitsplatz ihren Job.

Zeichen der Allmacht
Frauen, die vom Ex-Partner gestalkt werden, haben es zudem nicht leicht, wieder eine Beziehung einzugehen, weil sich der Täter dann vielleicht auf den neuen Partner stürzt. Marina Sorgo berichtet von einem besonders nachhaltigen Fall: Eine Frau war von ihrem Ex-Partner längere Zeit mit verschiedensten Methoden belästigt worden. Dennoch konnte sie eine neue Liebe finden, der Hochzeitstermin wurde fixiert, das Glück schien perfekt. Doch mit List und Tücke gelang es dem stalkenden Ex-Partner, den Termin am Standesamt zu stornieren. Unter enormen Vorsichtsmaßnahmen hat sich das Paar zu einem späteren Zeitpunkt das Jawort gegeben. Die Frau nahm den Namen ihres nunmehrigen Ehegatten an. Dasselbe machte der Ex-Partner: Auch er legte sich den neuen Namen seiner ehemaligen Partnerin zu und setzte ein weiteres Zeichen seiner Allmacht: „Auch wenn du mit einem anderen verheiratet bist, ich bin immer noch dein Mann!“

Opfer stärken, Täter schwächen
81 Stalkingopfer haben im ersten Halbjahr 2006 bereits am Gewaltschutzzentrum Steiermark Rat und Hilfe gesucht. Beim 24-Stunden-Frauennotruf in Wien wurden im selben Zeitraum schon 300 Beratungsgespräche zum Thema Stalking geführt. „Mittlerweile wendet sich bereits jede siebte Anruferin wegen Stalking an uns, während es 2003 noch jede zehnte war“, so Frauennotruf-Leiterin Michalek. In den Beratungen werden den Betroffenen Verhaltenstipps gegeben (siehe Kasten auf der nächsten Seite), die „das Opfer stärken und den Täter schwächen sollen“, sagt die Leiterin des Gewaltschutzzentrums Steiermark.

Und seit 1. Juli geht es auch darum, die Opfer bei der Beweissammlung zu unterstützen, falls sie sich – wie das sehr oft der Fall ist – für eine Anzeige des Täters entscheiden. „Alle Kontaktaufnahmen müssen penibelst dokumentiert werden, die Anrufe, die Verfolgungen, alles. Da muss man die Opfer, die ohnehin schon traumatisiert und angespannt genug sind, entlasten.“

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Das neue Gesetz
„Wer eine Person widerrechtlich beharrlich verfolgt, ist mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr zu bestrafen“, heißt es seit 1. Juli 2006 im Anti-Stalking-Paragraf 107a im Strafgesetzbuch. Das Gesetz hat eine wahre Anzeigenflut ausgelöst, man rechnet mit 200 bis 300 Stalking-Strafverfahren pro Jahr. Mag. Ulrike Steinkogler vom Bundesministerium für Justiz gibt aber zu bedenken, dass „es sicher mitunter schwer zu beweisen ist, dass mir jemand wirklich unentwegt auflauert. Unser Rat ist daher: Sammeln und dokumentieren! Betroffene sollen Aufzeichnungen darüber führen, wann der Verfolger wo war, ihn am besten dabei fotografieren, Briefe, E-Mails, SMS, Nachrichten auf Mailbox oder Anrufbeantworter etc. unbedingt aufheben!“ Beim Opfernotruf des Justizministeriums geben Rechtsanwälte Betroffenen kostenlose Auskunft, wie sie in ihrem Fall am besten juristisch vorgehen können: 0800/112 112

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INTERVIEW

Vernichten, was man nicht besitzen kann
Dr. Maria Brunner-Hantsch, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und Psychotherapeutin in Graz, erklärt, was dahintersteckt, wenn der Ex die Trennung nicht akzeptiert.

Medizin populär: Woran liegt es, wenn ein Ex-Partner das Aus der Beziehung nicht hinnehmen kann und zum Stalker wird?

Dr. Maria Brunner-Hantsch: Zum Stalker wird man nicht von heute auf morgen. Das Verhalten ist in Zügen in einem Menschen vorhanden und zeigt sich auch schon in der Beziehung. Stalker sind meistens zwanghafte Persönlichkeiten, die unter einem Kontrollzwang leiden oder pathologisch eifersüchtig sind. Auffällig ist, dass sie oft auch sehr geizig sind. Vor allem aber sind sie sehr rigide, unflexible Menschen, die nicht damit umgehen können, wenn etwas für sie Unvorhergesehenes passiert, was außerhalb ihres Kontrollbereiches liegt.

Wie reagieren diese Menschen auf den Kontrollverlust?

Entweder mit Aggression, indem sie einen Vernichtungs- und Rachefeldzug gegen die Ex-Partnerin – die meisten Opfer sind ja Frauen – beginnen, also zum Beispiel einen Stalking-Terror gegen sie starten. Oder sie reagieren mit Regression, ziehen sich vollkommen zurück und werden depressiv.

Sind sich die Stalker bewusst, dass ihr Verhalten falsch, zerstörerisch ist?

Überhaupt nicht. Ein Stalker ist überzeugt, eine Person zu lieben, die endlich einsehen soll, dass er der Einzige für sie ist. Er ist vom Zwang getrieben, diesen Menschen zu besitzen. Und was er nicht besitzen kann, glaubt er vernichten zu müssen. Diese Menschen kommen mit dem ständigen Wechsel aus Loslassen und Neubeginn, den das Leben ja mit sich bringt, nicht zurecht.

Warum häufen sich die Stalkingfälle in der heutigen Zeit?

Stalking hat es immer gegeben, aber die neuen Technologien machen es den Verfolgern heute viel leichter. Via Handy zum Beispiel können Stalker ihre Opfer ja immer und überall erreichen.

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Wer sind die Stalker?

1. Der Zurückgewiesene ist der häufigste und beharrlichste Stalker-Typus. Er hatte zumeist eine intime Beziehung zu seinem Opfer und beginnt seine Verfolgung nach der Trennung. Sein Verhalten zielt entweder auf eine Aussöhnung oder aber auf Rache.

2. Der Liebesuchende wünscht sich eine Beziehung zu seinem Opfer und entwickelt oftmals einen Liebeswahn. Sein Stalking hat das Ziel, die „geliebte Person“ zu erreichen. Opfer dieses Typus sind oft Prominente, aber auch Psychiater und Psychotherapeuten.

3. Der inkompetente Verfolger zeigt eine geringe soziale Kompetenz, ist unerfahren im Anbahnen und Aufrechterhalten von Beziehungen. Sein Opfer ist zumeist eine unbekannte Person oder eine Zufallsbekanntschaft, die er mit Stalking-Methoden zu einem Treffen „nötigen“ will.

4. Der Rachesuchende verfolgt sein Opfer aufgrund eines vermeintlichen oder tatsächlich erlittenen Unrechts. Sein Ziel ist es, Angst und Schrecken auszulösen, er führt einen Rachefeldzug – etwa gegen den Dienstgeber, der ihn entlassen hat, oder den Arzt oder Rechtsanwalt, vom dem er sich schlecht behandelt fühlte.

5. Der Beutelustige spioniert sein Opfer aus, verfolgt es und plant einen sexuellen Übergriff. Dieser Typus gilt als äußerst gefährlich, ist aber sehr selten.

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Prominente Opfer

  • Ex-Beatle John Lennon. Er wurde 1980 vor seiner Wohnung von einem Stalker erschossen.
  • Ronald Reagan. Als „Akt der Liebe“ bezeichnete John Hinckley seinen Mordanschlag auf US-Präsidenten Ronald Reagan 1981. Mit seiner Tat wollte er der Schauspielerin Jodi Foster die Ernsthaftigkeit seiner Zuneigung beweisen.
  • Monika Seles. 1993 wurde Tennis-Ass Monica Seles mit einem Messer niedergestochen und schwer verletzt. Der Täter wollte damit der von ihm abgöttisch verehrten Steffi Graf die Rückkehr auf den ersten Platz der Weltrangliste ermöglichen.
  • Rebecca Schaeffer. Mit dem Mord an der relativ unbekannten US-Schauspielerin Rebecca Schaeffer im Jahre 1989 begann in den USA die Stalking-Forschung und das Ringen um eine entsprechende Gesetzgebung. Der Täter hatte sein Opfer mit werbenden Briefen, die immer bedrohlicher wurden, bombardiert und in seiner Fantasiewelt eine obsessive Liebesbeziehung zum Objekt seiner Begierde entwickelt. Als er die 21-Jährige in einer Liebesszene im Fernsehen sieht, fühlt er sich von ihr betrogen, dreht er durch. Er beauftragt ein Detektivbüro, die Adresse von Rebecca Schaeffer herauszufinden, klingelt an ihrer Tür und erschießt sie.

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Tipps für Betroffene

  • 1. Machen Sie dem Täter nur einmal klar, dass Sie keinen weiteren Kontakt mehr wollen. Ignorieren Sie dann die Person konsequent.
  • 2. Dokumentieren Sie jede Kontaktaufnahme und sichern Sie Beweise (Briefe, SMS, E-Mails etc.)
  • 3. Informieren Sie Ihr privates und berufliches Umfeld, dass Sie gestalkt werden. Das stärkt Sie und schwächt den Täter.
  • 4. Bei Telefonterror informieren Sie sich bei Ihrem Anbieter über technische Schutzmöglichkeiten (Fangschaltung, Geheimnummer).
  • 5. Wenn Sie mit dem Auto verfolgt werden, fahren Sie direkt zur nächsten Polizeidienststelle.
  • 6. Nehmen Sie Rat und Hilfe bei diversen Opferschutzeinrichtungen in Anspruch, auch in Hinblick auf eine mögliche Anzeige.

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Kontakt Tipps

  • Kriminalpolizeilicher Beratungsdienst Telefon: 0800/216 346
  • Opfernotruf des Justizministeriums Telefon: 0800/112 112
  • 24-Stunden-Frauennotruf der Stadt Wien Telefon: 01/717 19, Internet: www.frauennotruf.wien.at (Beratung auch im Chat und per E-Mail, Möglichkeit zum Austausch im Forum)
  • Gewaltschutzzentrum Steiermark Telefon: 0316/774 199
  • Einen Überblick über Interventionsstellen in ganz Österreich bietet die Ärztekammer: www.aerztekammer.at/service/Opferschutzeinrichtungen.doc

          

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