Heilsame Gartenarbeit

Mai 2006 | Leben & Arbeiten

So gesund ist das Werken im Grünen
 
Gärten gelten seit altersher als Wohlfühloasen und Orte der Kraft. In jüngster Zeit entdeckte man auch die heilsame Wirkung der Gartenarbeit. Das Rechen, Pflanzen, Gießen, Jäten, Zupfen und Ernten wird zu therapeutischen Zwecken eingesetzt – mit beachtlichen Erfolgen, wie zwei Beispiele aus Niederösterreich beweisen.
 
Von Mag. Wolfgang Bauer

Die Zeit zum Abendessen naht – und Frau M. hat noch etwas zu erledigen. Die betagte Frau bewegt sich in ihrem Rollstuhl auf die schattige Terrasse des Pflegeheimes zu. Ihr Ziel: ein Tisch mit Pflanzen. Dort ist ihr ganz persönlicher Mini-Garten, da wachsen Kräuter, die sie vor geraumer Zeit angebaut hat. Sie pflückt ein Büschel Schnittlauch und etwas Petersilie und rollt zurück in den Speisesaal, wo ihre Tischnachbarn schon sehnlichst auf sie warten. Heute wird ihnen die Suppe besonders gut schmecken, heute sorgen die Kräuter von Frau M. für den würzigen Pfiff.

Frau M. hatte es Zeit ihres Lebens geschätzt, die Mahlzeiten ihrer Lieben mit frischen Kräutern und Gemüse aus dem eigenen Garten zu verfeinern. Dieser Leidenschaft kann sie nun auch als Bewohnerin des Pensionistenheimes frönen – trotz eingeschränkter Bewegungsmöglichkeit, seit sie auf den Rollstuhl angewiesen ist. „Wir haben neben zahlreichen Grünanlagen und einem Biotop rollstuhlgerechte Pflanztische, wo bis zu 15 Personen leichte Gartenarbeit durchführen können“, sagt Viktor Spitzer, Direktor des Landes-Pensionisten und Pflegeheimes Wilhelmsburg in Niederösterreich. „Die Gartenarbeit erfreut sich überaus großer Beliebtheit. Jeder unserer Hobbygärtner betreut zusammen mit einem ehrenamtlichen Helfer ein eigenes Hochbeet. Dort sprießen Blumen, Kräuter oder Gemüse. Die Gartenarbeit stellt für die alten Menschen eine riesige Bereicherung dar. Sie übernehmen Verantwortung für ein kleines Stück Erde, das steigert ihre Eigenständigkeit und ihr Selbstwertgefühl enorm. Die Senioren sind mit großer Hingabe am Werk, denn sie spüren: ‚Ich bin noch wer und kann noch was!‘ Solche Erlebnisse sind ganz wichtig für ihre Lebensqualität.“

„Paradiesgartl“
Gartenarbeit ist auch gut für die Motorik der Senioren. Indem sie jäten, die Erde glätten oder an den Pflanzen zupfen, machen sie unzählige fein- und grobmotorische Bewegungen und führen damit automatisch wichtige ergotherapeutische Übungen durch.

Ebenso wichtig: Der Gartenbereich des Heimes ist ein Kommunikationszentrum. Vielleicht haben die Senioren aus diesem Grund die Gartenterrasse des Pflegeheimes „Paradiesgartl“ genannt.

„Dort wird zum Beispiel darüber gesprochen, wie die Pflanzen gedeihen. Manche präsentieren mit großem Stolz den Besuchern und Familienangehörigen ihre bunten Blumen. Andere geraten in Streit, weil aus irgend einem Beet Beeren verschwunden sind. Mit einem Wort: Dort pulsiert das Leben wie auf einem Marktplatz, und das finde ich überaus wichtig“, schwärmt Direktor Spitzer.

Patienten bauen Bio-Gemüse an
Die City Farm der Emmausgemeinschaft St. Pölten geht einen anderen Weg, kann aber ähnlich beachtliche therapeutische Erfolge verzeichnen. Auf einem weitflächigen Areal nahe des Flusses Traisen bauen Patienten mit psychischen Erkrankungen und langzeitarbeitslose Menschen Bio-Gemüse an. Auch Blumen und Kräuter werden hier gepflanzt.

„Wir sind eine Arbeitseinrichtung“, sagt die Ergotherapeutin Gabriele Kellner. „Unsere Klienten wohnen allesamt extern – also in einer Wohngemeinschaft oder bei ihrer Familie – und kommen zur Arbeit auf die City Farm. Und hier widmen wir uns hauptsächlich dem Gemüseanbau, und zwar von der Aussaat über die Pflege und Ernte bis hin zur Verarbeitung.“ Manche Arbeitseinsätze bestehen auch darin, die Gärten externer Kunden im Raum St. Pölten zu pflegen.

Heilsame Arbeit
Der Erfolg der Gartenarbeit kann sich sehen lassen. „Einige Psychiatrie-Patienten hatten vor der Gartenarbeit einen schlimmen Krankheitsverlauf, mussten mehrmals pro Jahr ins Spital. Durch die Gartentherapie, den dadurch gegebenen regelmäßigen Tagesablauf und die kontinuierliche engmaschige Betreuung konnte jedoch die Anzahl der Krankenhaustage deutlich reduziert werden“, sagt Univ. Doz. Dr. Stefan Frühwald, ärztlicher Leiter des Psychosozialen Dienstes der Caritas St. Pölten und Konsiliar-Facharzt der City Farm. Manche Patienten haben sogar den Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess geschafft.

Gesunder Arbeitstakt
Und das liegt nicht nur an der Arbeit an der frischen Luft. „Aktivität und Bewegung sind grundsätzlich heilsam, das ist seit alters her bekannt. Aber auch Arbeit als sinnvolle Tätigkeit hat etwas Heilsames, denn sie schafft Struktur. Und das ist für unsere Patienten sehr wichtig. Morgens aufstehen, zur Arbeit gehen oder fahren, die Arbeit verrichten. Das klingt banal, doch wer keine Struktur hat oder aus einer Struktur herausfällt, kann depressiv werden, wie es bedauerlicherweise häufig bei Arbeitslosen vorkommt“, betont Prof. Frühwald.

Auf Patienten abgestimmt
Die Arbeit in den Gärten der City Farm wird speziell auf die Defizite und Ressourcen der Patienten abgestimmt. So können Menschen mit geringerer Belastbarkeit und Ausdauer einfachere Arbeiten mit klaren Vorgaben verrichten, etwa das Umtopfen von Pflanzen. Personen mit überschießenden Energien wiederum können sich bei schwererer Gartenarbeit auf gesunde Weise verausgaben und damit zu verbesserter Körperwahrnehmung finden. Auf dem Feld oder bei den Sträuchern werden grobmotorische Bewegungsmuster geschult, feinmotorische verbessert.

Die Arbeit auf der City Farm hat nicht nur therapeutischen Nutzen. Denn hier soll auch Bio-Gemüse für die anderen Einrichtungen der Emmausgemeinschaft und für den Eigenbedarf produziert werden. Apropos Eigenbedarf: Die „Früchte der Arbeit“ werden – unter Anleitung von Köchen – von den Patienten zubereitet und gemeinsam verspeist. Ein weiterer Grund, warum die Gartenarbeit von den Betroffenen so gut und gern angenommen wird.
   

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