Nie mehr nervös

April 2006 | Leben & Arbeiten

So bekommt man sich in den Griff
 
Das Herz schlägt schneller, die Hände sind schweißnass, im Magen macht sich ein flaues Gefühl breit: Wie man diese und andere Symptome von Nervosität in den Griff bekommen kann und verhindert, dass sie wiederkehren, fragte MEDIZIN populär die Wiener Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin Dr. Klaudia Szépfalusi-Eibel.

MEDIZIN populär: Frau Doktor Szépfalusi, warum werden wir überhaupt nervös?

Dr. Klaudia Szépfalusi-Eibel:
Die Ursache für das Auftreten nervöser Zustände ist natürlich von Fall zu Fall verschieden, aber generell gilt: Nervosität ist eine Reaktion des Nervensystems auf eine Stress auslösende Situation, die gedanklich negativ besetzt ist. Wenn jemand ständig nervös ist, kann das aber auch auf Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen oder eine Schilddrüsenüberfunktion zurück zu führen sein.

Was hilft gegen die psychisch bedingte Nervosität, die uns zum Beispiel vor schwierigen Gesprächen oder Prüfungen befällt?

Eine gute Vorbereitung und die gesunde Einstellung unter dem Motto: „Ich kann es, und ich schaffe es!“ Am Abend vor der Prüfung oder dem Gespräch kann man ein beruhigendes Bad nehmen, wie zum Beispiel ein Zitronenbad. Dafür schneidet man sechs Zitronen mit der Schale, weicht die Stücke ein paar Stunden in kaltem Wasser ein und drückt sie dann durch ein Sieb ins Badewasser. Eine gute Hilfe ist auch der Klassiker: Baldrian in Form von Tee oder Tropfen.

Kann man sich Ruhe und Gelassenheit auch er-essen?

Wenn man aufmerksam und langsam isst, hat man schon viel für mehr Gelassenheit getan. Überdies sollte man nichts zu sich zu nehmen, was übersäuert, wie Fleisch oder Süßigkeiten, sondern stattdessen zu Kartoffeln, Nudeln oder Nüssen greifen. Wenn man schon kurz vor der nervös machenden Situation oder auch mittendrin ist, hilft bewusstes Atmen sehr gut. Das ist übrigens auch das beste Mittel, um dauerhaft eine Besserung zu erlangen.

Bewusst atmen, wie geht das?

Ich konzentriere mich auf den jetzigen Moment. Dann atme ich vier Pulsschläge lang ein und vier Pulsschläge lang wieder aus. Beim Einatmen füllt sich zuerst der untere, dann der obere Bauchraum. Dann der untere und obere Brustraum. Das Ausatmen beginnt wieder vom unteren Bauchraum langsam aufsteigend bis zum oberen Brustraum.

Was machen Sie mit jemandem, der die Nervosität mit solchen sanften Mitteln nicht weg bekommt?

Ich frage, welche Situationen die Nervosität auslösen. Dann untersuche ich die gedanklichen und emotionalen Verknüpfungen mit der Situation und arbeite Lösungsstrategien aus. Dafür wende ich die Psychotherapie an oder ich arbeite am Körper. Manchmal ist auch eine Kombination das Richtige.

Wie kann so eine Kombi-Behandlung von Körper und Geist ausschauen?

Wenn ich den Körper einbeziehe, wende ich gern ausgleichende Energiearbeit und/oder Atemmassagen an. Als Psychotherapeutin arbeite ich daran, die nervös machenden Verhaltensmuster und Verknüpfungen bewusst zu machen, zu lösen und gesunde neue Zugänge möglich zu machen.

Medikamente würden Sie nicht verordnen?

Das würde ich nur im Notfall tun, wenn die Lage so dramatisch ist, dass der Betroffene keine Zeit für eine längerfristige Behandlung hat, oder wenn er als Folge der Nervosität Krankheiten entwickelt hat, wie zum Beispiel Herzrhythmusstörungen.

Was raten Sie Eltern eines nervösen Kindes?

Wenn ein Kind oft nervöse Zustände hat, sollten Eltern unbedingt einen Arzt aufsuchen. Denn als Folge von Nervosität treten bei Kindern häufig Essstörungen auf, oder es entwickeln sich Ticks, wie der Zwang, sich ständig durch die Haare zu fahren, Nägel zu kauen oder mit den Mundwinkeln zu zucken. Je früher hier die Behandlung beginnt, desto schneller kann man diese Symptome wieder loswerden.

Haben Sie abgesehen von dem bewussten Ein- und Ausatmen noch mehr allgemeingültige Tipps gegen Nervosität?

Auf Zigaretten, Kaffee, Alkohl verzichten und öfter am Tag geistig abschalten und denken: „Ich bin jetzt da und atme.“


Was ist Nervosität?

Galt Nervosität um die Jahrhundertwende 1900 noch als eingebildete Modekrankheit, „vorherrschend ein Übel der Noblen“, und auch als Folge der rapiden technischen Entwicklung, ist Nervosität heute als psychovegetative Störung definiert.

Auslöser von Nervosität:

  • Berufliche oder familiäre Probleme
  • Lampenfieber, Angst vor schwierigen Gesprächen, Prüfungsangst
  • Reizüberflutung durch beruflichen Stress oder falsches Freizeitverhalten wie zu langes Fernsehen oder ComputerspielenStörungen des Schlafs, zum Beispiel durch Lärm, schlechte Luft oder Schichtarbeit
  • Falsche Ernährungsgewohnheiten, übermäßiger Alkoholkonsum
  • Nebenwirkungen von Medikamenten
  • Körperliche Erkrankungen wie Bluthochdruck oder eine Schilddrüsenüberfunktion
  • Psychische Erkrankungen wie Depressionen

Symptome von Nervosität:

  • Schweißausbrüche
  • Zittern
  • Hin- und Herlaufen
  • Schnelle Augenbewegungen
  • Herzpochen
  • Magen- und Darmverstimmungen
  • Gehobene Stimmlage
  • Zuckungen im Gesicht
  • Lidflattern
  • Ticks wie Nägelkauen, durch die Haare fahren, an der Kleidung zupfen

Was in leichten Fällen hilft:

  • Kräuter als Tee, Tropfen oder Öle: Baldrian, Hopfen, Johanniskraut, Kamille, Lavendel, Melisse, Passionsblume
  • Bäder in Essig, Lavendel, Zitronen
  • Bewusstes Atmen, Atemübungen, autogenes Training, Yoga, Meditation und grundsätzlich alle Sportarten, die keinen Stress auslösen, sondern eine entspannende Wirkung haben
  • Bewusste Ernährung mit „beruhigenden“ Lebensmitteln wie Gemüse, Kartoffeln, Nudeln, Nüssen und einem Verzicht auf Übersäuerndes wie zuviel Fleisch, Käse, Milch, Süßigkeiten

Was hilft, wenn der Leidensdruck groß ist:

  • Eine Kombination aus medizinischer Abklärung mit körperlicher Behandlung (Atemmassagen/energieausgleichende Körpertherapie) und klärenden Gesprächen (Psychotherapie)

Körperübung für mehr Ruhe

  • Auf einem Stuhl sitzend die Füße hüftbreit und fest auf den Boden stellen. Die Füße gegen den Boden stemmen, sodass sich der Oberkörper von selbst aufrichtet.
  • UUH summen, sich nach vorne beugen, soweit es angenehm ist.
  • Wenn möglich, den Oberkörper auf den Oberschenkeln ablegen, vorn gebeugt bleiben und mit jedem Atemzug Spannung abgeben.
  • Einatmen, die Füße auf den Boden stemmen, UUH summen und sich langsam Wirbel für Wirbel aufrichten. Ausatmen, HHM summen, die Arme auf die Oberschenkel stützen und einatmen. Die Übung dreimal wiederholen.

             

aktuelle Ausgabe

MP Cover 2023-01

Sie wollen mehr?

Das freut uns!

WÄHLEN SIE EINFACH AUS:
» ABO «
» E-MAGAZIN «
» MEDIZIN-populär-APP «

Abo bestellen

E-Magazin

Abo Service

Gewinnspiel

Kontakt

Newsletter

aktuelle Ausgabe

MP Cover 2023-01

Sie wollen mehr?

Das freut uns!

WÄHLEN SIE EINFACH AUS:
» ABO «
» E-MAGAZIN «
» MEDIZIN-populär-APP «

Abo Service

E-Magazin

Gewinnspiel

Kontakt

Newsletter

Abo Service

Gewinnspiel

E-Magazin

Newsletter