Wenn dicke Frauen Mütter werden

Dezember 2006 | Medizin & Trends

Achtung: Gefahr für Mutter und Kind
 
Immer mehr Menschen sind bei weitem zu dick und leiden an Adipositas, also an krankhafter Fettleibigkeit. Besonders kritisch ist die Situation bei schwangeren Frauen: Wenn sie viel zu viele Kilos mit sich herumschleppen, ist nicht nur ihre eigene Gesundheit gefährdet, sondern auch die ihres Babys! Wer Mutterfreuden genießen möchte, sollte deshalb unbedingt die ärztlichen Ratschläge beherzigen.
 
Von Dr. Kurt Markaritzer

In der westlichen Welt sind bis zu 40 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter so stark übergewichtig, dass ihre Gesundheit von vornherein bedroht ist. Wenn sie schwanger werden, ist eine weitere Gewichtszunahme unvermeidlich: Im Durchschnitt nehmen Frauen während der Schwangerschaft zwölf bis 14 Kilo zu, zwischen 3,5 und sechs Kilo gehen auf das Konto einer zunehmenden Körperfettmasse. Jedes Kilo zusätzlich beeinflusst den Body-Mass-Index (BMI), jenes unbestechliche Maß, das über Normal- oder Übergewicht entscheidet. Schon bei einem BMI ab 25, den man äußerlich noch gar nicht so stark merkt – Kavaliere würden sagen, dass die weiblichen Rundungen etwas stärker ausgeprägt sind –, erhöht sich die Gefahr von Schwangerschaftsdiabetes oder Infektionen. „Steigt der BMI auf bedrohliche 30 und höher an, sind Probleme in der Schwangerschaft höchst wahrscheinlich“, erklärt Prof. Kautzky-Willer.

Die Bedrohung für die Frau
Übergewichtige Frauen leiden häufig an der Zuckerkrankheit. An der Medizinischen Universitätsklinik in Wien sind bereits 30 Prozent aller betreuten schwangeren Diabetikerinnen Frauen mit Typ 2-Diabetes, den man früher als „Altersdiabetes“ bezeichnet hat. Diese jüngeren Frauen haben generell ein ähnlich hohes Risiko für schwere Komplikationen wie Frauen mit dem „jugendlichen“ Typ 1-Diabetes, werden aber oft unzureichend informiert und schlechter betreut.

Übergewichtige Frauen, die noch nicht zuckerkrank sind, müssen damit rechnen, es in der Schwangerschaft zu werden, denn Adipositas ist der Hauptrisikofaktor für die Entstehung des Gestations(= Schwangerschafts)diabetes, an dem in Europa zwischen fünf und zehn Prozent aller Frauen leiden, die ein Kind erwarten. Bei Frauen mit einem BMI von 30 und mehr vor der Schwangerschaft ist das Diabetesrisiko bis zu 20 Mal höher als bei normalgewichtigen Frauen! Der Diabetes wiederum kann zu Folgekrankheiten führen, die im schlimmsten Fall sogar tödlich sein können.

Nicht zuletzt macht es den betroffenen Frauen zu schaffen, dass sie nach der Geburt weiterhin zunehmen, jede fünfte junge Mutter sogar mehr als fünf Kilo. Damit steigt auch die Gefahr aller anderen Leiden, die mit Übergewicht zusammenhängen wie Gefäßerkrankungen oder Herzbeschwerden.

Die Bedrohung für das Kind
Gefährdet sind auch die Kinder und zwar schon vor der Geburt. Durch die so genannte Präeklampsie – das ist ein schwangerschaftsbedingter Bluthochdruck, bei dem die Mutter über ihren Harn zu viel Eiweiß ausscheidet – und durch ihre schwerste Form, die Eklampsie, kann es zu Schäden an den Blutgefäßen des Mutterkuchens kommen. In diesem Fall wird das ungeborene Kind nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt. Das zeigt sich unter anderem daran, das das Kind auffällig kleiner ist als es nach dem Schwangerschaftsalter sein müsste.

Kinder adipöser Mütter haben andererseits aber auch oft ein höheres Gewicht als Babys anderer Schwangerer. Dieses Phänomen wird Makrosomie genannt und kann schwerwiegende Folgen haben: Bei einem Geburtsgewicht oberhalb von 4000 bis 4500 Gramm steigt die Gefahr von neurologischen Schäden. Und naturgemäß hat so ein Bröckerl auch Schwierigkeiten, ans Licht der Welt zu kommen: Bei der Geburt ereignen sich immer wieder Komplikationen wie die gefürchtete Schulterdystokie, bei der zwar der kindliche Kopf geboren wird, der restliche Körper des Kindes aber mit der Schulter im Geburtskanal stecken bleibt.

Eine andere mögliche Gefährdung ist die Plexusparese – das sind Lähmungen von einzelnen Gliedmaßen oder Teilen davon –, ein weiteres schwerwiegendes Problem ist der berüchtigte Neuralrohrdefekt, der bewirkt, dass beim Ungeborenen Teile des Nervensystems unentwickelt bleiben. In der Folge kann es zu schweren Störungen in der Entwicklung von Gehirn, Rückenmark und Wirbelsäule kommen. Diabetikerinnen, die ein Kind erwarten, sollten zur Vorbeugung am Beginn der Schwangerschaft das Vitamin Folsäure als Nahrungsergänzung zu sich nehmen.

Wie problematisch das Übergewicht der Mütter ist, zeigt auch eine andere Statistik: Der Anteil der Neugeborenen, die intensivmedizinisch betreut werden müssen, ist bei adipösen Müttern 3,5 Mal so hoch wie bei normalgewichtigen Müttern.

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Keine Kinder für dicke Frauen?

Müssen Frauen, die zu dick sind, auf Kinder verzichten? „Natürlich nicht“, sagt Prof. Alexandra Kautzky-Willer. „Sie sollten sich aber an bestimmte Regeln halten.“ Generell müssten Frauen im gebärfähigen Alter aus gesundheitlichen Gründen und nicht zuletzt zum Wohl eines künftigen Kindes mehr auf ihr Gewicht achten. Wenn eine adipöse Frau ein Kind haben möchte, sollte sie – nach Ausschluss hormoneller Störungen – sofort ein Diät- und Trainingsprogramm unter ärztlicher Kontrolle beginnen. Die Ärztin: „Der Frau muss man jedenfalls raten, dass sie verhüten soll, bis sie das vereinbarte Zielgewicht erreicht hat.“ In Extremfällen, bei der so genannten morbiden Adipositas – bei der der BMI auf den astronomischen Wert von 40 und mehr in die Höhe schnellt –, kann im Einzelfall auch ein chirurgischer Eingriff zur Beseitigung des Übergewichtes helfen.

Das Vorbereitungsprogramm sollte jedenfalls so früh wie möglich beginnen, rät die Ärztin, die den Wunsch nach einer unkomplizierten Schwangerschaft und nach einem gesunden Kind auch als Mittel zur Vorbeugung gegen Übergewicht bei jungen Frauen einsetzen möchte: „Weil Schwangerschaften sehr oft ungeplant eintreten wäre es gut, bereits in der Pubertät auf das Problem der Adipositas und mögliche Komplikationen in der Schwangerschaft hinzuweisen. Das wäre für viele junge Frauen wahrscheinlich ein sehr starkes Motiv, ihren Lebensstil in Richtung gesunde Ernährung und mehr Bewegung umzustellen, auch dann, wenn sie noch keinen konkreten Kinderwunsch haben.“

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Übergewichtig und trotzdem schwanger

Am besten wäre es, wenn Frauen erst dann ein Kind bekämen, wenn sie ihr Normalgewicht erreicht haben. In der Praxis werden aber natürlich auch Übergewichtige schwanger. Die moderne Medizin kann in diesen Fällen zum Glück gut helfen. Prof. Alexandra Kautzky-Willer: „Am besten ist es, wenn eine adipöse Frau sofort ein mehrstufiges Betreuungsprogramm beginnt.“ Es umfasst folgende Schritte:

  • Eine Überprüfung der Schilddrüse. Eine Unterfunktion muss ausgeschlossen werden, das ist auch für die kindliche Entwicklung wichtig.
  • Eine eingehende Ernährungsberatung. Das Ziel: In der Schwangerschaft nicht quantitativ für zwei, sondern qualitativ bewusster zu essen. Das bedeutet eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse und Obst, mit einer ausreichenden Zufuhr von Vitaminen, Spurenelementen, Eiweiß und komplexen Kohlenhydraten. Unbedingt empfehlenswert ist der Umstieg auf Pflanzenfett bei gleichzeitiger Reduzierung des Fettkonsums.
  • Regelmäßige Kontrolle des Blutdrucks.
  • Sofortige Überprüfung auf Diabetes durch Messung der Blutzuckerwerte. Wenn der Test positiv ausfällt, muss die betroffene Frau sofort in ein Diabetes-Zentrum gebracht werden. In der 24. bis 28. Schwangerschaftswoche ist ein Zuckerbelastungstest nötig, um einen Schwangerschaftsdiabetes auszuschließen. Auch in diesem Fall heißt es bei einem positiven Ergebnis: umgehend in das Diabetes-Zentrum!
  • Regelmäßige Kontrollen beim Internisten, Endokrinologen und Geburtshelfer.
  • Gewichtsentwicklung unter ärztlicher Kontrolle.
  • Kein Abnehmprogramm in der Schwangerschaft! Als „Nebenwirkung“ einer gesunden Ernährungsumstellung können am Beginn ein bis zwei Kilo verloren gehen, auch das darf aber nur unter medizinischer Überwachung passieren.
  • Den Wunsch nach weniger Gewicht darf man erst nach der Entbindung verwirklichen, extreme Maßnahmen wie Hungerkuren sind verboten! Immer mehr Experten empfehlen bei übergewichtigen Schwangeren allerdings, dass die Gewichtszunahme maximal fünf Kilo betragen soll. Die Energiezufuhr muss also gedrosselt werden, trotzdem sollten die Schwangeren in keinem Fall weniger als 1200 Kilokalorien pro Tag zu sich nehmen. Zur Sicherheit muss der Geburtshelfer außerdem das Wachstum des Kindes strikt überwachen
  • Bewegung ist für Schwangere besonders wichtig, die Frauen sollen aber nach Rücksprache mit dem Arzt vorsichtig beginnen, zum Beispiel mit Spaziergängen und Schwimmen.

   

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