Jetzt kommt Bewegung in die Schule

September 2007 | Fitness & Entspannung

Verschiedene Projekte sollen Krankheitsrisiko von Schülern senken
 
Österreichs Schülerinnen und Schüler werden immer fauler. Die Folgen: Übergewicht, Haltungsschäden, Stoffwechselerkrankungen und erhöhte Verletzungsgefahr, weil die Kinder durch zu wenig körperliche Aktivität an Geschicklichkeit verlieren. Verschiedene Projekte bringen jetzt Bewegung in den Schulalltag. Damit sinkt nicht nur das Krankheitsrisiko der Kinder und Jugendlichen, sondern – wie erste Erfahrungen zeigen – auch deren Aggressionspotenzial.
 
Von Mag. Wolfgang Bauer

Rechenunterricht in einer Volksschulklasse in Pram in Oberösterreich: Die Mädchen und Buben addieren in Sechserschritten von sechs bis 60: also sechs, zwölf, 18, 24 … bis 60. Dabei sitzen sie nicht regungslos auf ihren Sesseln, sondern bewegen sich zu jeder errechneten Zahl: bei sechs – Sprung in die Grätsche, bei zwölf – Beine wieder zusammen, bei 18 – Klatschen in die Hände usw. So macht Rechnen Spaß, alle sind mit Begeisterung dabei, sie addieren spielerisch so gut wie fehlerfrei und machen nebenbei zehn Bewegungsübungen.

Große Pause im Bundesrealgymnasium in Salzburg: Während sich viele Schüler der höheren Klassen auf die Terrasse begeben, strömen die Kinder der Unterstufe in den Schulhof, wo verschiedene Geräte an sie ausgegeben werden. Im Nu verwandelt sich der Schulhof in eine Art Zirkusarena, manche gehen auf Stelzen, andere bewegen sich auf Pedalos, balancieren auf Scheiben, hüpfen mit Springschnüren oder jonglieren mit Bällen. Drei Wochen dürfen die Schüler die jeweiligen Geräte benutzen, dann sind andere Klassen am Zug. Diejenigen, die sich in der Pause auf eine Prüfung vorbereiten oder Vokabeln lernen wollen, ziehen sich in dieser Zeit in ruhigere Bereiche zurück. Nach der Pause werden die Geräte wieder eingesammelt, alle gehen in ihre Klassen zurück, so mancher drischt auf dem Weg dorthin ein paar Mal kräftig gegen die Boxsäcke, die in den Gängen aufgestellt sind.

Faul, dick, ungeschickt
Jetzt kommt Bewegung in Österreichs Schulen. Aktiv statt mucksmäuschenstill – so lautet die Devise quer durch alle Schultypen. Im Mittelpunkt der Bewegungsinitiativen steht aber nicht die Turnstunde, das Interesse gilt vielmehr dem übrigen Unterricht sowie den Pausen.  
Höchste Zeit für Maßnahmen dieser Art, denn Österreichs Kinder werden immer fauler. Die Folgen des zunehmenden Bewegungsmangels: Bereits jedes vierte Kind ist übergewichtig, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes Typ II, der früher nur bei älteren Menschen anzutreffen war, sind bei den Kids auf dem Vormarsch. 30 bis 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen acht und 17 Jahren haben bereits Haltungsschäden. „Den Kindern fehlt es auch zunehmend an Geschicklichkeit und Beweglichkeit. Immer weniger Mädchen und Buben können eine Rolle vorwärts oder erreichen bei einer Rumpfbeuge mit den Fingern ihre Zehen“, beklagt Prim. Univ. Doz. DDr. Anton Wicker, Leiter der Abteilung für Physikalische Medizin an den Salzburger Landeskliniken sowie ärztlicher Leiter eines groß angelegten Bewegungsprogramms, das der Arbeitskreis für Vorsorgemedizin Salzburg (AVOS) den Schulen des Bundeslandes anbietet. „Bewegte Pausen können die Gesundheit der Jugendlichen zwar nicht in großem Stil verbessern.    

Aber das bisschen Bewegung bewirkt immerhin, dass das Gehirn besser durchblutet wird. Die Schüler werden dadurch leistungsfähiger, und sie werden auch ruhiger. Lärmpegel und Aggressionsniveau sinken“, sagt Wicker.
Letzteres kann auch Elisabeth Kolb bestätigen, die Leiterin der Volksschule Pram, welche vor einigen Jahren als sport- und bewegungsfreundlichste Schule Österreichs ausgezeichnet wurde. „Wir legen großen Wert auf das Lernen in Bewegung. Der Unterricht wird mit Bewegungspausen aufgelockert, es werden aber auch für die Pausen Bewegungs- und Spielgeräte zur Verfügung gestellt. Unsere Besucher sind immer wieder erstaunt, wie niedrig der Geräuschpegel ist, wenn die Kinder spielen. Bewegung bedeutet nicht automatisch lautes Herumtollen und Schreien.“

Bewegen statt am Sessel kleben
Bewegung macht nicht nur ruhiger und friedlicher. „Bewegung ist bekanntlich das beste Mittel gegen Übergewicht“, sagt Mag. Helga Cvitkovich-Steiner, wissenschaftliche Leiterin von forum.ernährung heute, dem Verein zur Förderung von Ernährungsinformationen. Und Bewegung macht Spaß – stellten die Kids bei einem Projekt im vergangenen Schuljahr begeistert fest. Dafür wurde in allen neun Bundesländern jeweils eine Schule ausgewählt, in der im Rahmen der Nachmittagsbetreuung wöchentlich eine zusätzliche Turnstunde angeboten wurde. „Es ging aber nicht um Leistung oder die Vermittlung von bestimmten Sporttechniken, sondern um Spaß an der Bewegung“, so Cvitkovich-Steiner. Der Erfolg gibt ihr Recht: Mit Bewegungsspielen und Tanz konnte man sogar jene Schüler zum Mitmachen motivieren, die nicht zu den „Sportassen“ zählen und die dem Turnunterricht sonst oft fernbleiben.
„Am Ende des Schuljahres haben wir die Kinder gefragt, warum sie mitgemacht haben. Dabei haben sie Spaß und Geselligkeit als hauptsächliche Motivation zum Sportbetreiben genannt. Manche haben sogar gemeint: Ich brauch das einfach!“ Spaß – eine gute Voraussetzung für ein bewegteres Leben der Kinder und ein guter Grund für mehr bewegte Schulen: Das Projekt „Bewegen statt am Sessel kleben“ wird jedenfalls im heurigen Schuljahr fortgesetzt.

Infos

Volksschule Pram: www.eduhi.at/schule/vs.pram
Arbeitskreis Vorsorgemedizin Salzburg (AVOS): www.avos.at
forum.ernährung heute: www.forum-ernaehrung.at
      

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