Depressionen: Traurige Kinderseelen

Dezember 2007 | Gesellschaft & Familie

Schon die Jungen und Jüngsten haben Depressionen

Wenn Kleinkinder, Kinder und Jugendliche unter Depressionen leiden, hat dies immer eine oder mehrere konkrete Ursachen, wie etwa den Verlust eines Elternteils, den Verlust von Freunden beim Wechsel in eine andere Wohnumgebung, Mobbing durch Mitschüler oder Liebeskummer. Für MEDIZIN populär erklärt eine Expertin, wie sich die krankhafte Traurigkeit der jungen Seelen äußert und wie ihnen geholfen werden kann.

Von Mag. Sabine Stehrer

Markus ist 15 Jahre alt und war noch bis vor wenigen Wochen gern mit seinen Freunden Fußballspielen, Mountainbiken und auch sonst viel unterwegs. Doch seit einiger Zeit zieht es ihn nach der Schule gleich nach Hause. Dort sperrt er sich in sein Zimmer ein und will nur noch allein sein. Er ist oft müde, doch nachts schläft er schlecht. Er hat auch das Gefühl, dass ihn niemand mag, dass er zu nichts taugt, und all das macht ihn unendlich traurig. Als er über mehrere Tage hinweg nicht einmal mehr in der Früh außer Haus gehen mag, bringen ihn seine Eltern zum Arzt. Die Diagnose erstellt schließlich Primaria Univ. Prof. Dr. Anna-Katharina Purtscher, Ärztin an der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Landesnervenklinik Sigmund Freud in Graz, nach einer ausführlichen Untersuchung und einem Gespräch mit Markus und seiner Mutter: „Worunter Markus leidet, ist ganz eindeutig eine Depression.“

Mit seiner noch so jungen, aber schon so traurigen Seele ist der 15-Jährige nicht allein. So wie ihm geht es nach Schätzungen von Experten fünf bis acht Prozent aller Jugendlichen ab der Pubertät und bis zum Alter von 18 Jahren, aber auch schon fünf Prozent der Kinder vor der Pubertät, zwei Prozent der Kinder im Volksschulalter und knapp unter einem Prozent der Kleinkinder im Alter von ein bis drei Jahren. Nicht immer äußert sich die Krankheit so wie bei Markus. „Die Symptomatik von Depressionen im Kindes- und Jugendalter ist sehr vielfältig“, sagt Primaria Purtscher. Die Krankheit könne sich auch in ständigem „Granteln“ zeigen, einer Freudlosigkeit, einem Interessenverlust oder in Konzentrationsschwächen.

Die Gesichter der traurigen Seelen
Das Fatale bei Jugendlichen: Oft werden die Symptome für ganz normale Pubertätserscheinungen gehalten, die schon vorübergehen würden, und man betrachtet sie nicht als das, was sie sind: Eine starke Belastung für die Jugendlichen, und auch eine große Gefahr. Jugendliche, die depressiv sind, bei denen die genannten Symptome also zwei Wochen und länger auftreten, leiden unter einem verminderten Selbstbewusstsein, haben oft das Gefühl, wertlos zu sein und entwickeln pessimistische Zukunftsperspektiven, wodurch ihnen die Motivation für das Lernen in der Schule und das Weiterkommen im Beruf fehlt. Depressive Jugendliche nehmen sich zehnmal häufiger das Leben als psychisch gesunde Altersgenossen. Primaria Purtscher: „Deshalb wünsche ich mir, dass Eltern, aber auch Lehrer und Schulärzte oder Leiter von Jugendvereinen und Jugendzentren verstärkt darauf achten, ob bei einem Jugendlichen oder einem Kind etwas auf eine Depression hindeutet, und dass sie auch entsprechend reagieren, also die Erkrankten zu einem Spezialisten schicken.“

Bei Kindern vor der Pubertät, im Volksschul- und Kindergartenalter ist die Depression meistens noch schwerer erkennbar als bei Teenagern. In dieser Altersgruppe zeigt sich die Krankheit zum Beispiel in Form von mangelndem Interesse am Spielen, oder es treten Essstörungen auf. Typisch sind auch Schlafstörungen und immer wieder auftretende Klagen über Bauchweh oder Kopfweh. Primaria Purtscher. „Es fällt auch auf, dass die Betroffenen in der Schule nicht mehr aufzeigen, in der Pause am Platz sitzen bleiben und am Spielplatz nicht mehr herumtoben.“

Kleinkinder im Alter von ein bis drei Jahren könnten unter einer Depression leiden, sagt Primaria Purtscher, „wenn sie kaum zurücklächeln, wenn man sie anlächelt, wenn sie traurig wirken und auch nur langsam wachsen, obwohl sie organisch vollkommen gesund sind“. Eines sei aber bei allen Depressionen von Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen der Fall, sagt die Expertin. „Sie sind immer reaktiv, das heißt, sie treten in Folge eines bestimmten Erlebnisses auf und haben also immer eine oder mehrere konkrete Ursachen.“

Die Gründe der Depression
Was kann die Ursache für eine Depression in jungen Jahren sein? Bei sehr kleinen Kindern stecken meistens Sorgen der Mutter oder des Vaters hinter den Depressionen, die sich auf das Kind übertragen. Manchmal wird die Traurigkeit der Kinderseele auch durch Misshandlungen oder sexuellen Missbrauch ausgelöst. Je älter das Kind oder der Jugendliche, umso größer ist dann die Bandbreite der Gründe für die tiefe Traurigkeit der Seele.

Bei Markus stellte sich beispielsweise heraus, dass er den Tod seines Opas vor einem Jahr noch nicht verwunden hatte und ihn aktuell belastete, dass sein bester Freund mit seinen Eltern nach Norddeutschland gezogen war. Primaria Purtscher: „Außerdem steht er unter Druck, weil seine Eltern gern hätten, dass er später einmal Jus studiert, er aber lieber Architekt oder Hubschrauberpilot werden möchte.“
Leistungsdruck und Überforderung, Verlusterlebnisse nach einem Sterbefall oder nach der Trennung von einem Elternteil oder von Freunden, familiäre Krisen, ein Wechsel der Wohn­umgebung, aber auch Mobbing durch Mitschüler oder Liebeskummer zählen zu den häufigsten Ursachen von Depressionen in jungen Jahren.

Manchmal bricht die Krankheit auch nach Erlebnissen aus, die für sich genommen nicht schlimm erscheinen, in der Geballtheit aber zu Auslösern der Traurigkeit werden. Primaria Purtscher: „Wenn erst der Lieblingslehrer an eine andere Schule geht und dann die Eltern streiten, kann der Tod des Hamsters der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.“

Ebenfalls mögliche psychische Auslöser einer Depression sind ein Mangel an Lob oder ständige Kritik. Und auch genetische Gegebenheiten spielen eine Rolle: Ist ein Elternteil depressiv, dann ist das Risiko eines Kindes, ebenfalls an Depressionen zu erkranken um zehn bis 20 Prozent höher, als wenn beide Eltern gesund sind. Sind beide Eltern depressiv, steigt das Risiko auf 60 Prozent. Zu den organischen Ursachen für Depressionen zählen etwa Hormonstörungen oder ein Mangel an Serotonin, also jenes Botenstoffs, der die Gehirnströme beschleunigt, aktiv und glücklich macht.

Auslöser beseitigen oder mildern
Nach der Ursache für die Depressionen richtet sich auch die Therapie. Fehlendes Serotonin kann zugeführt werden, Hormonstörungen können medikamentös ausgeglichen werden, und in vielen Fällen lassen sich auch die Missstände beseitigen, die die Krankheit ausgelöst haben.
„Wenn zum Beispiel ein Bub in eine HTL geht, ihn aber alles, was dort unterrichtet wird, eigentlich nicht interessiert und er deswegen depressiv geworden ist, kann er auf ein musisches Gymnasium wechseln und es wird ihm bald wieder gut gehen“, sagt Primaria Purtscher. Depressionen nach schweren Verlusten, aber auch nach Traumata, wie sie zum Beispiel nach sexuellem Missbrauch auftreten, können freilich nicht so einfach bewältigt werden. „Dafür ist schon eine längere Therapie notwendig.“ Diese wird auf den individuellen Bedarf zugeschnitten und kann aus einer Psychotherapie bestehen, die eventuell mit einer medikamentösen Behandlung und/oder einem stationären Aufenthalt mit sozialtherapeutisch-pädagogischer Betreuung kombiniert wird, bei der manchmal auch Eltern und Lehrer miteinbezogen werden.
Mit einer solchen Kombitherapie konnte auch Markus geholfen werden. Man kam darin überein, dass sich der 15-Jährige ruhig noch Zeit mit der Berufswahl lassen kann. Außerdem darf er die Ferien bei seinem Freund in Deutschland verbringen, und seine Trauer um den Opa versucht er zu bewältigen, indem er hin und wieder mit der Oma auf den Friedhof geht und ihr bei der Grabpflege hilft.

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Depressiv in der Schule
Ein Fall für die Schulärzte

Die Österreichische Ärztekammer fordert ein psychologisches Betreuungsangebot an Schulen durch Schulärztinnen und Schulärzte.

„Wir werden zunehmend zur Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen“, sagt die Sprecherin der Österreichischen Schulärztinnen und -ärzte in der Österreichischen Ärztekammer Dr. Gudrun Weber über sich und ihre bundesweit mehr als tausend Kolleginnen und Kollegen. Und sie fügt auch gleich an: „Das ist auch gut so, denn bei uns bekommen die Betroffenen Hilfe, indem wir ihnen zuhören, sie an Spezialisten weitervermitteln und ihre Lehrerinnen und Lehrer informieren.“ Schlecht sei hingegen, dass die Schulärztinnen und Schulärzte viel zu wenig Zeit für ein psychologisches Betreuungsangebot haben. Dr. Weber: „An Bundesschulen ist für 60 Schülerinnen und Schüler ein Schularzt für eine Wochenstunde in der Schule vorgesehen, an Pflichtschulen und an allen anderen Schulen ist das Angebot noch knapper.“ Das, so Dr. Weber, könne nicht so bleiben. „Wir fordern zumindest eine Angleichung unserer Beschäftigungsverhältnisse an den Bundesschulbereich, damit wir uns besser um die psychische und soziale Gesundheit der Kinder und Jugendlichen kümmern können.“

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Kinderseele in Not
Auf diese Warnzeichen sollten Sie achten:

  • Verschlechterung schulischer Leistungen
  • Negatives und/oder feindseliges Verhalten, Reizbarkeit
  • Unfähigkeit, sich zu konzentrieren
  • Gefühle der Hilflosigkeit
  • Veränderte Essens- und/oder Schlafgewohnheiten
  • Ruhelosigkeit
  • Sich-Fernhalten von Freunden und Aktivitäten
  • Weinen, Traurigkeit, Depression
  • Weggeben von ursprünglich besonders geschätzten Besitztümern
  • Verwendung von Drogen und/oder Alkohol
  • Kürzlicher Verlust durch Tod, Scheidung oder Übersiedlung
  • Gespräche über Tod/Selbsttötung
  • Vorhergehende Selbsttötungsversuche

Quelle: www.weil-graz.org

Kontakttipp
Beratung und Erste Hilfe für Kinder und Jugendliche in Not sowie ihre Eltern bieten neben dem Hausarzt oder der Hausärztin, Lehrerinnen und Lehrern, Schulärztinnen und Schulärzten auch die Kriseninterventionsstellen und -zentren:

Graz 0316/711 004
Innsbruck 0512/58 00 59
Klagenfurt 0463/31 00 21
Linz 0732/21 77
Salzburg 0662/43 33 51
Wien 01/406 95 95
Überregional und kostenlos:
Telefonseelsorge 142

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