Die gesunde Schulklasse

Februar 2007 | Gesellschaft & Familie

In der Musterklasse fühlen sich Schüler und Lehrer wohl
 
Eine Schule im oberösterreichischen Innviertel zeigt, wie ein optimales Lernumfeld aussehen kann: Dort gibt es ein Klassenzimmer, das in Sachen Ergonomie, Beleuchtung, Akustik und Raumklima alle Stückerln spielt. MEDIZIN populär überzeugte sich beim Lokalaugenschein.
 
Von Mag. Wolfgang Bauer

Viele Schulen in Österreich platzen aus allen Nähten. Das gilt auch für jenes Haus, in dem die Handelsakademie (HAK) und die Handelsschule (HAS) von Ried im Innkreis untergebracht sind. Das Gebäude wurde in den 1970er Jahren für 16 Klassen und 450 Schüler konzipiert. Doch heute müssen dort 640 Schüler in 24 Klassen beherbergt werden. In den ersten HAK-Klassen halten sich durchschnittlich 35 Schüler in Klassenräumen mit zirka 50 Quadratmetern auf. Da bleibt pro Schüler nur 1,4 Quadratmeter Platz, da gibt es auch kaum Spielraum, um Stühle und Tische für moderne Unterrichtsformen wie Gruppenarbeiten umzustellen. Damit nicht genug: Jene Schüler, die am Rand sitzen, sehen schlecht zur Tafel und am Ende einer Unterrichtsstunde ist die Luft in den überfüllten Räumen zum Schneiden.

Die Schule wurde in einer Zeit errichtet, in der kostengünstige Klasseneinrichtungen anzuschaffen waren und Ergonomie noch keine große Rolle spielte. Seinerzeit gab es noch keine Computer, die eine Menge Platz brauchen. Und es wurde Frontalunterricht durchgeführt, dem die Schülerinnen und Schülern in Reihen sitzend folgten. Vor diesem Hintergrund betrachtet ist die HAK/HAS Ried nicht schlechter dran als viele andere Schulen, die einige Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Als besonders lernfreundlich oder gar gesund gilt ein derartiges Lernumfeld allerdings heute nicht mehr.

Futureclass sticht hervor
Die gesunde Ausnahme bildet ein Klassenzimmer im Rieder Schulgebäude, das alle Stückerln spielt. In diesen Raum wurde nur das Beste in Sachen Funktionalität und Gesundheit eingebaut – und das macht sich bezahlt, denn Schüler und Lehrer fühlen sich dort pudelwohl. Dieses Zimmer dient aber auch für Präsentationen und diverse Abendkurse, Schuldirektoren, Bürgermeister und Architekten aus anderen Bundesländern besichtigen den Raum, um sich für einen anstehenden Neu- oder Umbau ihrer Schule inspirieren zu lassen.
Weil hier ein Lern- und Arbeitsplatz geschaffen wurde, der in Österreichs Schullandschaft im Allgemeinen noch Zukunftsmusik ist, hat man die Musterklasse „Futureclass“ genannt. Sie zeichnet sich im Wesentlichen durch fünf innovative Bestandteile aus.

1. Optimale Akustik und Beleuchtung
Der Fußboden, spezielle Wand- und Deckenverkleidungen sorgen dafür, dass Sprache und Musik gut zu hören sind. Außerdem wurde auf eine bestmögliche Ausleuchtung des Raumes
geachtet, um einer Ermüdung der Augen vorzubeugen.

2. Optimales Raumklima und Belüftung
Eine neue Technologie macht’s möglich, dass sich der Luftaustausch automatisch an die Belegzahl der Klasse anpasst. Das heißt: Je weniger Schüler in der Klasse sind, desto geringer ist der Luftaustausch. So können auch Energiekosten gespart werden.

3. Optimale Farbgestaltung
Weil kahle Wände weder der Aufmerksamkeit noch dem Wohlbefinden der Schüler zuträglich sind, hat man in den Farbtopf gegriffen. Die farbigen Wandanstriche verbessern aber auch die Raumhygiene, da durch die so genannte photokatalytische Wirkung aktiv Gerüche und Schadstoffe in der Luft abgebaut werden. Einige Teile der Wände wurden mit Magnetfarbe beschichtet, damit sie als Pinnwände verwendet werden können.

4. Optimale Präsentationstechnik
Die Schultafel ist flexibel einsetzbar, die Elemente können übereinander und aneinander vorbei geschoben werden und sind von jedem Winkel aus bestens einsehbar.

5. Optimale Ergonomie
Tische und Stühle sind nach dem neuesten Stand der Technik konzipiert. Die Schultische können stufenlos höhenverstellt werden, sodass sie stets die richtige Arbeitshöhe haben und bei Bedarf auch zum Stehpult umgewandelt werden können. Die integrierten Rollen erleichtern die räumliche Veränderung zum Beispiel bei Gruppenarbeiten. Die ebenfalls stufenlos höhenverstellbaren Schulsessel mit der dynamisch gelagerten Sitzfläche unterstützen ein bewegtes, gesundes Sitzverhalten.

Musterschüler erschufen Musterklasse
Die Idee für dieses Klassenzimmer der Zukunft kommt von den Schülern selbst: Sie entstammt einer Abschlussarbeit eines früheren Maturajahrganges. „Eine Gruppe von Schülern hat sich sehr gründlich mit verschiedenen Anforderungen an eine moderne Schulklasse beschäftigt“, sagt Mag. Franz Litzlbauer, der Direktor der Schule, nicht ohne Stolz. Die Ergebnisse wurden in einer 200 Seiten umfassenden Dokumentation festgehalten, für die die Schüler mehrere Anerkennungspreise erhalten haben.
Bei ihren Recherchen für die Musterklasse haben die Schüler von Beginn an den Kontakt mit Experten gesucht. „Einige sind zu mir gekommen, um sich Informationen und Unterlagen über das richtige Sitzen und das Vermeiden von Haltungsschäden zu holen. Dann haben sie ihre Recherchen erweitert, indem sie sich auch mit dem Raumklima, der Akustik und anderen Einflussgrößen auf den schulischen Alltag befasst haben“, erinnert sich Schulärztin Dr. Elisabeth Reiter. Danach wurden Firmen aus der Region kontaktiert, die entsprechende Technologien sowie Lösungsansätze boten. So ist allmählich eine fruchtbare Kooperation mit diversen Unternehmen entstanden. Die Kontakte sind so weit gediehen, dass man nach Abschluss der Maturaarbeit das Projekt nicht einfach ad acta legte – man wollte es mit Hilfe zusätzlicher Sponsoren auch realisieren. Mit Erfolg, denn im Oktober letzten Jahres wurde die „Futureclass“ ihrer Bestimmung übergeben.

Passend für Groß und Klein
Vor allem in punkto Ergonomie tritt der Unterschied der Futureclass zu den anderen Klassenräumen deutlich zu Tage. Dort gibt es die Stühle und Tische in nur zwei verschiedenen Größen: kleinere Möbel für die jüngeren, größere für die älteren Schüler. Muss nun – zum Beispiel im Zuge des geteilten Sprachunterrichts – ein Teil einer höheren Klasse in einen anderen Raum ausweichen, so müssen die größeren Schüler auf den Möbeln der kleineren Platz nehmen, was natürlich weder bequem noch vorteilhaft ist. „Ein weiterer Nachteil der Einheitsmöbel besteht darin, dass die Schüler eines Jahrgangs verschieden groß sind, die einen messen 1,52 und andere 1,88 Meter. Kein Wunder, wenn diejenigen, für die das Mobiliar nicht passt, irgendwie auf ihrem Platz herumlungern und unergonomisch sitzen“, sagt die Schulärztin.
Anders in der Musterklasse: Dort hat jeder Schüler einen variablen Tisch, der mit einfach zu bedienender Mechanik von einem Schreibtisch in ein Stehpult verwandelt werden kann, ohne abgeräumt werden zu müssen. So kann man in Sekundenschnelle die Position wechseln und – sofern es der Unterricht erlaubt – im Stehen schreiben oder zeichnen. „Wir wissen aus der Arbeitsmedizin, dass bei Büroarbeitern, die ihre Arbeitshaltung öfters ändern, die Leistungsfähigkeit steigt. Denn durch den mehrmaligen Positionswechsel steigt die Durchblutung des Körpers, eine Überbeanspruchung des Stützapparates wird verhindert“, so Dr. Reiter. Wer will, kann mit dem Schreibtisch auch den Stuhl „mitwachsen“ lassen und sitzt dann wie auf einem Barhocker etwas höher.

Nachahmer gesucht
Einziger Wermutstropfen: Die Futureclass ist in der 30 Jahre alten HAK/HAS Ried die einzige Klasse dieser Art – und wird das auch noch eine Weile bleiben. „Wir müssen zwar in absehbarer Zeit sukzessive alle Klassen renovieren, können aber aus finanziellen Gründen nicht alle Räume in diese Richtung hin ausbauen. Das ist einfach unmöglich. Wir können uns aber bei den notwendigen Renovierungsarbeiten schon einmal in Sachen Beleuchtung und Belüftung an der Futureclass orientieren“, sagt Direktor Litzlbauer. Ob die Futureclass im Innviertel die Neubauten und Umbauarbeiten anderer Schulen Österreichs beeinflussen wird, wird die Zukunft weisen.

Webtipp www.futureclass.at
 

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