Sozialphobie: Ich trau mich nichts!

Oktober 2007 | Gesellschaft & Familie

Wie man die Angst vor herausfordenden Situationen überwindet
 
Eine Rede halten, sich lautstark über etwas beschweren, einfach so jemanden ansprechen? Jeder Zehnte hat sie: Angst vor anderen Menschen und vor Situationen, in denen man sich lächerlich machen könnte. Die Betroffenen ziehen sich mehr und mehr zurück und vergeben sich viele Chancen im Leben. Woher kommt dieses lähmende Gefühl, und was kann man dagegen tun?
 
Von Mag. Sabine Stehrer

L’enfer, c’est les autres“, „die Hölle, das sind die anderen“, heißt ein Spruch des französischen Philosophen und Schriftstellers Jean-Paul Sartre, der ziemlich genau trifft, was Menschen empfinden, die Angst vor anderen Menschen und ihrem Urteil haben. So wie Anna B. Die Studentin der Germanistik und Geschichte macht jedes Mal Höllenqualen durch, wenn sie ein Referat halten muss. Beim Blick vom Pult auf den vollbesetzten Saal beginnt ihr Herz wie wild zu klopfen, die Hände zittern, sie hat Schweißausbrüche, weiß auf einmal nicht mehr, was sie eigentlich sagen wollte, wird rot und beginnt zu stottern. Dann möchte die 26-Jährige am liebsten alles stehen und liegen lassen und weglaufen. Doch sie bleibt und liest Wort für Wort ihres Vortrags vom Skriptum ab, was die Zuhörerschaft, wie sie weiß, extrem langweilig findet. Sie hat sich deswegen auch schon dazu entschlossen, doch lieber nicht Lehrerin zu werden, was sie ursprünglich vorhatte, „sondern vielleicht Bibliothekarin. Da brauche ich nie im Vordergrund stehen und kann trotzdem meinen Interessen nachgehen“, sagt sie.

Anna B. leidet an Sozialphobie. Wie viele Frauen und Männer in Österreich von diesem Problem betroffen sind, wisse man nicht, sagt Ass. Prof. Dr. Peter Berger, Leiter der Sozialphobie-Ambulanz am AKH in Wien. „Wir gehen aber davon aus, dass so wie in anderen Ländern auch zehn Prozent der Bevölkerung Sozialphobiker sind.“ Das heißt: Jeder Zehnte hat Angst davor, Reden zu halten, sich beispielsweise in einem vollbesetzten Lokal lautstark über die Qualität des Essens zu beschweren oder auch in einer Bar einfach so jemanden anzusprechen. „Das mache ich auch nicht“, sagt Stefan K., 28 Jahre alt. „Ich glaube aber nicht, dass ich eine Angststörung habe, ich bin nur ein bisschen schüchtern.“ Hat er Recht?

Krankhafte Angst oder Schüchternheit?
Prof. Berger: „Zwischen Schüchternheit und einer krankhaften Sozialphobie können wir unterscheiden“, sagt er und zählt die Kriterien auf. „Sozialphobiker beginnen irgendwann, die Angst machenden Situationen zu vermeiden.“ Wenn der logische Aufstieg in der Firma damit verbunden ist, in der ersten Reihe zu stehen, vermeiden sie ihn, oder sie wählen von Vornherein Berufe, in denen sie möglichst ohne Kontakt zu anderen Menschen in Ruhe vor sich hin arbeiten können. Manche ziehen sich darüber hinaus auch noch nach und nach aus der Gesellschaft zurück, lehnen Einladungen zu Partys ab, verbringen schließlich auch die gesamte Freizeit allein in ihrer Wohnung.
Prof. Berger: „Im Gegensatz zu den so genannten einsamen Wölfen, die gern ein Leben als Einzelgänger führen, hätten die Sozialphobiker aber lieber Menschen um sich.“ Deswegen leiden sie unter ihrer selbst gewählten, aber nicht freiwilligen Isolation. Manche versuchen die Angst zu kompensieren, indem sie zu viel Alkohol trinken, Drogen nehmen, Medikamentenmissbrauch betreiben oder in die Welt des Internets flüchten. Manche entwickeln depressive Verstimmungen, Depressionen, haben Selbstmordgedanken.
„Helfen lassen sich leider die wenigsten“, sagt Prof. Berger. Meistens wird erst dann eine Ärztin oder ein Arzt aufgesucht, wenn eine Folgeerkrankung der Sozialphobie für ernsthafte Beschwerden sorgt, oder wenn die Angehörigen nicht mehr weiter wissen.

Gefühle haben sich festgesetzt
So wie im Fall von Karoline F. Die heute 30-Jährige musste über viele Jahre fast jeden Tag am Stadtrand von Wien abgeholt werden. Waren in der Straßenbahn, mit der sie von der Arbeit heimfuhr, die Türen verstellt, traute sie sich nicht, den Leuten zu sagen, dass sie aussteigen möchte, wenn sie angekommen war. Sie blieb lieber sitzen und fuhr bis zur Endstation weiter. Experte Berger kennt auch Sozialphobiker, die sich schwer damit tun, in ein Geschäft mit Bedienung einkaufen zu gehen, weil sie entweder nicht sagen können, was sie möchten, oder nicht ablehnen können, was ihnen angeboten wird. Andere gehen nie Essen, weil sie nicht imstande sind, den Ober an den Tisch zu rufen, oder fürchten, das Glas umzustoßen, das Messer hinunterzuwerfen, sich anzupatzen. Und alle sehen es, alle lachen spöttisch, alle reden schlecht über das Missgeschick.
Was kann der Auslöser für die Angst vor anderen Menschen sein? „Wir denken, dass mehrere Faktoren eine Rolle spielen“ sagt Prof. Berger. In den meisten Fällen kommen geerbte Wesenszüge wie Introvertiertheit und/oder Schüchternheit mit dem Erleben einer oder mehrerer Situationen in der Kindheit und Jugend zusammen, die besonders schlimm für die Betroffenen waren, weil sie große Angst ausgelöst haben. „Das Gefühl hat sich festgesetzt, und man spürt es immer wieder, wenn man in einer Lage ist, die dem schlimmen Erlebnis ähnelt“, sagt Prof. Berger. Geschwister, die einen ausgelacht haben, nachdem man sich beim Essen schon wieder den Pullover bekleckert hat, stehen für die Gäste im Lokal. Der Lehrer, der einen vor allen Mitschülern kritisierte und verspottete, weil man eine Frage nicht beantworten konnte, steht für einen Zuhörer im Vorlesungssaal.

Verkettungen erkennen und auflösen
Indem versucht wird, diesen Verkettungen auf die Spur zu kommen und sie aufzulösen, wird die Sozialphobie behandelt. Auch mit den Methoden der Verhaltenstherapie werden gute Erfolge erzielt, sagt Prof. Berger. Dabei lernen die Betroffenen, wie sie sich in der Angst auslösenden Situation entspannen können. Statt sich zu sagen: „Das kann ich sicher wieder nicht, und die anderen finden das blöd“, wird geübt, zu denken: „Das kann ich jetzt vielleicht nicht so gut, aber die anderen können auch vieles nicht“. Andere Methoden: Man stellt sich das Gegenüber in Unterwäsche vor oder mit einem Vogel auf dem Kopf. Parallel kann man medikamentös etwas gegen die Sozialphobie machen. Prof. Berger: „Es gibt Medikamente, die das Angstniveau so weit senken, dass ein Phobiker die nächste Angst auslösende Situation besser bewältigt.“ In Erinnerung an diese Erfahrung gelinge es dann meistens, dasselbe noch einmal – und wieder und wieder durchzustehen. Karoline F. hat es auf diese Art und Weise nach ein paar Monaten Therapie geschafft und versteht heute gar nicht mehr, wie sie lieber lange Fahrten in Kauf nehmen konnte, statt Leute darum zu bitten, den Weg zur Tür frei zu machen. „Ich frage einfach ,Steigen Sie aus?‘, und das war’s dann.“
           

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