Allergien durch Textilien

Mai 2007 | Medizin & Trends

Achtung: Kleidung kann reizen
 
Es brennt, juckt, Bläschen oder Pusteln bilden sich, und im schlimmsten Fall bricht sogar die Hautkrankheit Neurodermitis aus: So kann sich die so genannte Textilallergie äußern, unter der hierzulande immer mehr Menschen leiden. MEDIZIN populär fragte nach, warum das so ist, was man gegen das lästige Leiden tun kann und wie man der Hautreizung durch Kleidung am besten vorbeugt.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Perfekt geschnitten, in ihrer Lieblingsfarbe Schwarz und preislich günstig: Die Freude war groß, als Viktoria L. neulich beim Shoppen endlich genau jene Jeans fand, nach denen sie lange gesucht hatte. Doch die Freude währte nicht allzu lang. Denn kaum hatte Viktoria die Hose angezogen, begann die Haut an der Innenseite der Oberschenkel zu brennen. „Das ist im Lauf des Tages immer schlimmer geworden, am Abend hat es schon richtig weh getan“, erzählt die junge Frau. So weh, dass sie am nächsten Tag ihren Arzt mit dem Problem konfrontierte. Der diagnostizierte eine allergische Reaktion, ausgelöst durch den schwarzen Farbstoff in der neuen Hose, eine Substanz, die in der EU längst verboten ist.

Doch die Jeans waren in einem Billiglohnland außerhalb Europas hergestellt worden, wo die heimischen Gesetze nicht gelten, ganz so wie zwei Drittel aller Kleidungsstücke, die hierzulande erhältlich sind. Wegen der niedrigen Preise werden die Hosen und Blusen, Hemden und T-Shirts zum Beispiel aus Afrika und Asien aber gern gekauft, „sodass immer wieder Frauen und Männer in die Ordination kommen, die unter so genannten Textilallergien leiden“, sagt Univ. Prof. Dr. Birger Kränke von der Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie an der Medizinischen Universität Graz. Der Fachmann beschreibt, wie sich das Leiden abgesehen von dem schmerzhaften Brennen, das Viktoria L. erlebte, äußern kann: „Manche spüren nur ein Jucken, in schlimmeren Fällen können Bläschen und Pusteln entstehen, oft auch Ekzeme. Bei entsprechender Veranlagung kann es darüber hinaus zum Ausbruch der Hautkrankheit Neurodermitis kommen.“ Ein Hinweis auf eine solche Veranlagung kann sein, dass man bereits Neurodermitis hatte, unter Asthma leidet, oder unter einer Pollen- oder Lebensmittelallergie.

Was tun, wenn die Haut beim Tragen eines Kleidungsstücks unerwünschte Reaktionen zeigt? Prof. Kränke: „Man sollte so bald wie möglich ärztliche Hilfe beanspruchen. Denn je früher die Therapie beginnt, desto rascher kann die Heilung erfolgen.“ Behandelt werden Textilallergien in den meisten Fällen mit Salben, die Cortison enthalten – sowie, „und das ist am wichtigsten“, mit der Vermeidung des Allergens. Das heißt: Man sollte am besten nicht mehr mit der Allergie-auslösenden Kleidung und den reizenden Inhaltsstoffen in Kontakt kommen.

Bis zu 30 Prozent Chemikalien
Wie kann man erkennen, ob eine Bluse, ein T-Shirt, ein Hemd oder eine Hose eine Belastung für die Gesundheit sein können? Ausschlaggebend hierfür sind nicht die Rohmaterialien wie Baumwolle, Wolle, Leinen, Hanf oder Seide an sich, sagt Prof. Kränke. „Schuld an den Attacken auf die Haut ist, was diesen Grundstoffen beigemengt wird.“ Und das ist meistens nicht wenig. Denn selbst nach den strengen Gesetzen aus Brüssel kann ein Kleidungsstück dem Gewicht nach gerechnet bis zu 30 Prozent aus Chemikalien bestehen. Den Stoffen zugesetzt werden neben Chemikalien und Farbstoffen auch Kunstfasern, die Blusen und Hosen, T-Shirts und Hemden pflegeleicht bis hin zu bügelfrei machen wie Polyacryl, Polyamid oder Formaldehydharze.

Bei Kleidungsstücken, die gar keinen Anteil an Rohmaterial aus der Natur haben, sondern zu 100 Prozent aus Kunstfasern bestehen, wie Hemden aus Polyacryl, reagieren hautempfindliche Personen dementsprechend heftiger. Und auch in Funktionsbekleidung für den Sport finden sich Materialien, die laut Expertenmeinung nicht ganz unbedenklich sind, aber versprechen, Schweiß besonders gut durchzulassen, Wasser abzuweisen oder Wind zu stoppen und sogar Gerüche zu neutralisieren: Hier werden auch Antibiotika und hormonähnliche Stoffe zugesetzt.
Aber das ist noch nicht alles: Schon im Anfangsstadium der Produktion von Baumwolle oder Seide kommen Dünge- und Insektenschutzmittel zum Einsatz, die trotz mehrerer Waschungen immer noch in fertigen Textilprodukten nachweisbar sind und unerwünschte Hautreaktionen auslösen können. Auch Rückstände, die nach Verfahren wie dem Bleichen oder dem optischen Aufhellen im Stoff zurückbleiben, können unserer Haut gehörig zu schaffen machen. Nur bei manchen hautreizenden Farbstoffen hilft es, die Kleidung zwei-, dreimal zu waschen, um die Substanzen aus Jeans, T-Shirt & Co herauszulösen.

Je naturbelassener, desto besser
Aus all dem ergeben sich, sagt Prof. Kränke, ein paar wichtige Anhaltspunkte für die Suche nach hautfreundlichen Kleidungsstücken: „Je naturbelassener Textilien sind, desto kleiner ist die Gefahr, dass sie eine allergische Reaktion auslösen.“ Ein weiteres Kriterium: Die Kleidungsstücke sollten (wie es ebenfalls seit Jahren in einer EU-Direktive festgelegt ist) frei von Metallteilen sein, die Nickel oder Chrom enthalten – darauf reagieren insbesondere Frauen häufig allergisch, da ihr Immunsystem durch das Tragen von Modeschmuck aus den selben Metallen sensibilisiert worden ist. Außerdem gelte: „Zu billig sollte man sich nicht einkleiden. Wenn man eine Hose um 15 Euro kauft, kann man sicher sein, dass diese in einem Billiglohnland hergestellt wurde, wo die europäischen Richtlinien häufig nicht eingehalten werden.“ Schließlich besteht noch die Möglichkeit, sich an bestimmten Labels zu orientieren, sagt der Experte. „Öko-Tex“ garantiere zum Beispiel, dass die Textilien in jeder Verarbeitungsstufe auf bestimmte Schadstoffe geprüft werden, und auch am Ende des Produktionsprozesses keine Substanzen enthalten, die sich aus den Stoffen lösen und die Gesundheit unserer Haut gefährden können.
Warum es sich in der bevorstehenden heißen Jahreszeit besonders empfiehlt, zu solchen „guten“ Kleidungsstücken zu greifen? Prof. Kränke: „Je mehr Körperwärme wir produzieren und je mehr wir schwitzen, desto leichter können sich potenziell schädliche Substanzen aus den Kleidungsstücken lösen und in die Haut eindringen. Andere Aufnahmemöglichkeiten gibt es übrigens auch: Bei Kleinkindern ist es das Abschlecken und In-den-Mund-Nehmen, bei Erwachsenen mit einem hypersensiblen Immunsystem kann auch das Einatmen allergische Reaktionen wie Niesen oder Husten zur Folge haben.

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Was (ver)tragen wir auf unserer Haut?
Allergisch auf Knöpfe, Reißverschlüsse & Co

Von allergischen Reaktionen auf Rückstände oder Zusätze in Textilien ist nach Schätzungen von Experten einer von 100 Allergikern betroffen. Wesentlich häufiger sind Hautirritationen nach dem Kontakt mit so genannten Textilanhangsteilen wie Jeansknöpfen, Reißverschlüssen, BH-Verschlüssen, Gürtelschnallen etc. Darunter leiden mehr Frauen als Männer, weil sie durch das Tragen von Modeschmuck, der früher wie die Knöpfe und Verschlüsse häufig Nickel oder Chrom enthielt, besonders sensibilisiert sind: Jede Fünfte kann an jenen Stellen Flecken, Bläschen oder Pusteln entwickeln, wo die Metall-hältigen Anhangsteile auf die Haut treffen.
Auch das Tragen von Schuhen mit Metall- oder Plastikteilen kann Allergien auslösen. Schuld sind ebenfalls Nickel oder Chrom. Denn wer darauf allergisch reagiert, verträgt außerdem kein Leder – und daher keine Schuhe aus echtem Leder auf dem nackten Fuß.

Entwarnung bei Waschmitteln
Als die Waschmittelproduktion in den 1970er Jahren mit optischen Aufhellern experimentierte, ist die Wäsche weißer und die Haut vieler Menschen „röter“ geworden: Die Chemie hat nicht selten Hautirritationen ausgelöst. Das gehört zum Glück der Vergangenheit an. Weder die Weißmacher in den modernen Waschmitteln, noch die Farbauffrischer, Weichspüler oder Putzkörper an sich richten Schaden an, denn die Waschmittel sind heutzutage so konstruiert, dass sie nicht mehr in den Kleidungsstücken hängen bleiben.

Finger weg von Schwarz, Blau, Rot und Orange!
Die Textilindustrie setzt bei der Erzeugung von Kleidungsstücken mehr als 4000 verschiedene Farbstoffe ein. Experten warnen sensible Personen vor allem vor dunklen Farbstoffen wie Schwarz, Grau, Braun und Blau. Blautöne aus so genannten AZO-Farben und der Farbbaustein Anilin stehen sogar im Verdacht, Krebs zu erzeugen, und sind deswegen in Europa verboten. Ebenfalls die Finger lassen sollten Menschen mit sensiblem Immunsystem von Kleidungsstücken in knalligem Rot und Orange.

Ergebnis einer Schweizer Studie:
40 von 278 getesteten Textilhilfsmitteln „sensibilisierend“

Im Auftrag des Schweizer Bundesamtes für Gesundheit wurde vor zwei Jahren eine Studie über Textilchemikalien durchgeführt. Die Ziele waren, eine Übersicht über die in der Textilverarbeitung verwendeten Chemikalien zu geben und aufzuzeigen, welche Textilchemikalien einer gesundheitlichen Risikobewertung unterzogen werden sollten. Das Ergebnis: Bei 40 Substanzen von den insgesamt 278 erfassten Textilhilfsmitteln wurde festgestellt, dass sie nach Hautkontakt sensibilisierend wirken können.


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Was ist „Öko-Tex“?

„Öko-Tex“ steht für die Internationale Gemeinschaft für Forschung und Prüfung auf dem Gebiet der Textilökologie und wurde bereits 1992 als Zusammenschluss von Forschungsinstituten und Firmen der textilen Kette gegründet. In der Folge erarbeitete die Gemeinschaft den Öko-Tex-Standard 100, ein international verfügbares Schadstoffprüfsystem für Textilien. Der Standard orientiert sich am Verwendungszweck (Oberbekleidung, hautnahe Bekleidung, Babybekleidung) und definiert die jeweils relevanten Grenzwerte für Schadstoffe.
Ein weiterer wesentlicher Bestandteil des Öko-Tex-Standards ist die Qualitätssicherung durch den Anbieter der Ware. Der Anbieter muss sicherstellen, dass die Öko-Tex-Produkte auch den Prüfmustern entsprechen, die zur Berechtigung der Auszeichnung geführt haben. Kontrolliert wird per stichprobenartiger Überprüfung der Produktion.

Mehr Information und Bezugsquellen unter:
www.oeko-tex.com

   

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