Applied Kinesiology – Mit dem Wissen der Muskeln

Februar 2007 | Medizin & Trends

Muskeltest spürt Unverträglichkeiten auf
 
Ob ein Nahrungsmittel, ein Schmuckstück auf der Haut oder ein bestimmtes Material als Zahnfüllung gut vertragen wird oder nicht, kann man durch Tests an bestimmten Muskeln erfahren. Dieses Wissen macht sich die von ärztlicher Hand durchgeführte Kinesiologie, die so genannte Applied Kinesiology, für Diagnose und Therapie zu nutze.
 
Von Mag. Wolfgang Bauer

„Nicht eine Minute kann er Ruhe geben“, klagt eine Mutter in der ärztlichen Praxis über ihren neunjährigen Sohn. Der Bub, so die verzweifelte Frau weiter, kann sich nur kurze Zeit einer Aufgabe oder einem Spiel widmen und die Lehrer haben sie schon wiederholt über die Unkonzentriertheit des kleinen Zappelphilipp informiert. Der Arzt nimmt eine genaue Anamnese vor. Darauf folgt ein Muskeltest. Dabei zeigt sich, dass gleich mehrere Muskeln schwach werden, wenn der Bub ein Kuhmilchprodukt in den Mund nimmt. Der Verdacht: Hyperaktivität aufgrund einer Unverträglichkeit von Kuhmilchprodukten. Der Mutter wird daher empfohlen, Milch, Käse, Joghurt & Co eine Zeit lang aus dem Speiseplan zu nehmen. Die Mutter beherzigt den ärztlichen Rat – und innerhalb kurzer Zeit normalisiert sich das Verhalten des Buben. Die durch die Kuhmilch geschwächten Testmuskeln haben also zur richtigen Diagnose und Therapie geführt.

Muskeltest zeigt Unverträglichkeiten
Applied Kinesiology heißt die Methode, nach der der Bub behandelt wurde. Und das funktioniert so: „Unserer Ansicht nach kann man durch die Testung bestimmter Muskeln eine diagnostische Aussage darüber machen, wie der Körper von Patientinnen und Patienten auf positive Dinge wie Heilmittel oder auf negative Belastungen wie unverträgliche Substanzen oder Allergene reagiert“, sagt Dr. Harald Stossier, ärztlicher Leiter von VIVA, dem Zentrum für moderne F. X. Mayr-Medizin in Maria Wörth sowie Referent für Komplementärmedizin der Österreichischen Ärztekammer. Auf das Beispiel mit dem hyperaktiven Buben angewandt, heißt das: „Verändert ein Muskel durch den Kontakt mit irgendeiner Substanz seinen Spannungszustand in Sekundenschnelle von stark auf schwach oder umgekehrt von schwach auf permanent angespannt (hyperton), dann werten wir dies als Unverträglichkeitsreaktion des Körpers auf eben diese Substanz“, so Stossier, der auch Vorsitzender der Internationalen Medizinischen Gesellschaft für Applied Kinesiology (AK) ist.
Ein korrekt ausgeführter Muskeltest bildet das Herzstück der ärztlich praktizierten Kinesiologie. Er dient den Medizinerinnen und Medizinern als Biofeedback, als eine Antwort des Körpers auf bestimmte Reize wie Nahrungsmittel oder Medikamente. „Unserer Ansicht nach ist jeder Muskel einem Organ bzw. einem Organsystem zugeordnet, ist Teil einer Energiebahn, die auch Meridian genannt wird. Wenn nun etwa ein Nahrungsmittel nicht vertragen wird, so wirkt sich das nicht nur auf die Verdauung aus, sondern auch auf das zugeordnete Organsystem und die entsprechenden Muskeln. Deren Reaktion kann man testen“, sagt Dr. Stossier.

Stark oder schwach
Die wohl bekannteste Methode ist die Testung des Armmuskels, des Musculus deltoideus. Dabei wird der Arm des Patienten in einem Winkel von 90 Grad vom Körper weg seitlich in die Höhe gehoben, wobei auch im Ellenbogen eine Beugung von 90 Grad gegeben ist. Die Hand des Untersuchers drückt sanft, aber bestimmt dagegen. George Goodheart, der Begründer der AK, beschreibt dies folgendermaßen: „Ich fühle, wie der Patient seine maximale Kraft entwickelt und drücke mit genau gleicher Kraft dagegen. Hat der Patient seine Maximalkraft erreicht, dann erhöhe ich meinen Druck fast unmerklich nochmals um zirka zwei bis vier Prozent für eine Zeitdauer von 1,5 bis 2,5 Sekunden.

Wir nennen den Muskel stark, wenn der Patient dem kleinen Extradruck widerstehen kann; als Schwäche definieren wir, wenn der Patient diesem Extradruck nicht standhalten kann.“
Vereinfacht gesagt, wird es für den Untersuchenden dann interessant, wenn die Reaktion des Patienten bzw. der Patientin zu schwach oder – was auch häufig der Fall ist – zu stark ausfällt. Was zum Beispiel dann passiert, wenn ein Nahrungsmittel oder ein Medikament nicht optimal vertragen wird. Und das wiederum zeigt sich, sobald die entsprechende Substanz die Schleimhaut berührt hat.
Zum kinesiologischen Test eignen sich rund 50 Muskeln. „Wichtig ist aber darauf hinzuweisen, dass das Ergebnis eines Muskeltests alleine nicht für eine ordnungsgemäße Diagnose ausreicht. Dazu müssen noch möglichst viele andere klinische Verfahren herangezogen werden. Aber die AK bietet bei vielen Störungen einen guten ersten Überblick und kann für die weiteren Behandlungsschritte als wichtige Entscheidungsgrundlage dienen“, so Stossier.

Zahnärzte testen Muskeln
Die Zahnheilkunde nützt das Wissen der Muskeln immer öfter, um sich einen ersten Überblick über den Gesamtgesundheitszustand des Patienten zu verschaffen. „Wir können mit dieser Methode beispielsweise testen, ob der Körper die Materialien, die in den Mund eingebracht werden, verträgt“, sagt DDr. Margit A. Riedl-Hohenberger, Fachärztin für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und Ärztin für Allgemeinmedizin in Innsbruck und begeisterte Anwenderin dieser Methode. Sie erklärt, wie die Verträglichkeit von Zahnfüllungsmaterial getestet wird: „Zunächst bekommt der Patient in der Praxis das Füllungsmaterial eine Minute lang auf die Zunge. Und zwar in der Form, in der es später eingebracht wird, also lichtgehärtet, mit allen Haftvermittlern versehen, Metalle im vergossenen Zustand, poliert und so weiter, einfach alles genau so verarbeitet, wie es in den Mund kommen soll. Daraufhin erfolgt der Muskeltest. Verändert sich die Stärke des Muskels, so sagt mir diese Reaktion, dass das Material nicht vertragen wird. In diesem Fall müssen wir nach einem anderen Füllungsmaterial suchen“, so die Ärztin. Hält der Patient jedoch dem Zusatzdruck des Untersuchers stand und ist der Muskel laut Testvorschrift normoton, wie es in der Fachsprache heißt – so ist schon einmal eine erste Hürde geschafft. Der Patient bekommt dieses Material mit nach Hause und muss es 14 Tage mehrmals für zirka 15 Minuten (je öfter desto besser) in den Mund nehmen und den sich bildenden Speichel schlucken. Danach erfolgt in der Praxis ein neuerlicher Muskeltest. Bleibt der Muskel auch nach diesem Probelauf normoton, dann handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um ein für den Patienten zur Zeit individuell verträgliches Material.
Der Muskeltest bildet eine ganz wichtige erste Entscheidungsgrundlage, so Frau DDr. Riedl-Hohenberger. Ein weiterer großer Bereich in der Zahnheilkunde ist die Herd- und Störfeldsuche. „Wir wissen, dass gerade Herde und Störfelder im Zahn- und Kieferbereich zu massiven Störungen überall im Körper führen können, oft sehr weit entfernt vom Herdgeschehen und deshalb oft nicht entdeckt“, sagt die Ärztin. Immer wichtiger wird aber auch das Erkennen von den vom Kiefergelenk und von Fehlbissen ausgehenden zum Teil gravierenden orthopädischen Problemen.

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Nur von Ärzten angewandt
Kinesiologie (aus griech. Kinesis = Bewegung; Logos = Wort, Lehre) bedeutet „Lehre von der Bewegung“. Die vom amerikanischen Chiropraktiker Dr. George Goodheart vor rund 40 Jahren entwickelte „Applied Kinesiology“ (angewandte Kinesiologie) stellt ausschließlich die von Ärzten praktizierte Form der Kinesiologie dar. Andere Spielarten der Kinesiologie sind unter anderem die von Pädagogen angewandte Edu-Kinesiologie oder die für medizinische Laien entwickelten Berührungstechniken „Touch for Health“.

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