Aus für X- und O-Beine

Oktober 2007 | Medizin & Trends

Neue Operationsmethode richtet Beine gerade
 
Den X- und O-Beinen bei Kindern hat man in Wien den Kampf angesagt: Mit einer neuen Operationsmethode werden die verformten Gehwerkzeuge wieder gerade gerichtet. Das verbessert nicht nur das Aussehen, sondern erspart den Kleinen unangenehme Folgen in späteren Lebensjahren.
 
Von Dr. Kurt Markaritzer

An der Abteilung für Kinder- und Jugendorthopädie im Orthopädischen Spital Speising wurden bisher bereits mehr als 40 junge Patientinnen und Patienten zwischen 6 und 13 Jahren mit dieser Methode behandelt. Dass die Patienten so jung sind, hat einen guten Grund: Das Verfahren kann nur während der Wachstumsphase der Knochen eingesetzt werden, also bei Mädchen bis zum Alter von 13 bis 15 Jahren, bei Buben bis zum Alter von 14 bis 17 Jahren.
Operiert wird deshalb in so jungen Jahren, weil es später wesentlich schwieriger ist, die Fehlstellungen der Beine zu verändern. Univ. Prof. Dr. Franz Grill, Ärztlicher Direktor des Speisinger Spitals: „In leichten Fällen hilft dann möglicherweise das Aufsetzen eines Keils am Schuh oder an der Einlage, prinzipiell aber können korrekturbedürftige Fehlstellungen nur durch einen chirurgischen Eingriff beseitigt werden, der aufwändiger und komplizierter ist als bei Kindern.“

Bei Babys ganz normal
Beine in der ungeliebten X- oder O-Form sind bei Kindern häufig anzutreffen, die Fachwelt hat für die schweren Fehlstellungen sogar eigene Bezeichnungen. Von Varus-Stellung spricht man, wenn die gedachte Achse der Beine zur gleichfalls gedachten Mittellinie des Körpers so abweicht, dass sich O-Beine ausbilden. Bei der Valgus-Stellung wiederum führt die Achsenabweichung zu X-Beinen. Eltern von Kleinkindern brauchen sich in den meisten Fällen keine Sorgen zu machen, wenn die Beine ihres Sprösslings nicht so gerade sind wie bei den Babys in der Fernsehwerbung. Schließlich kommen Neugeborene immer mit O-Beinen zur Welt, weil vor der Geburt im Mutterleib nicht genügend Platz für ein geradliniges Wachstum der langen Röhrenknochen ist.
Wenn die Kinder mit dem Laufen beginnen, also zwischen dem 12. und 24. Lebensmonat, ändert sich die Beinhaltung. Aus den O-Beinen werden meist X-Beine, das ist bei Schulkindern bis zum 10. Lebensjahr der Normalzustand. Danach wachsen sich die Gehwerkzeuge aus, bis sie die gewünschte Geradlinigkeit haben.
So problemlos verläuft das Wachstum allerdings nicht bei allen Kindern. Manchmal kommt es zu Verformungen, die ausgeprägt sind und nicht von selbst verschwinden. Ausgelöst werden können sie beispielsweise durch Krankheiten wie Kinderlähmung oder Rachitis, durch Verletzungen oder auch durch Entzündungen des Knochengewebes.

Kosmetik ist Nebensache
Die krummen oder x-förmigen Beine sind störend für das Aussehen, aber das ist nicht der Hauptgrund, warum der Arzt bei hartnäckigen Stellungsfehlern frühzeitig eingreifen muss, der kosmetische Aspekt spielt höchstens eine untergeordnete Rolle. Prof. Grill: „Das ist ein angenehmer Nebeneffekt, der Eingriff ist aber alles andere als eine Schönheitsoperation. Wir machen ihn nur dann, wenn dafür ernste medizinische Gründe vorliegen.“
Die Gefahren, die von X- und O-Beinen ausgehen, sind nicht zu unterschätzen. Wenn die Achsenfehlstellungen der Beine nicht bereits in der Kindheit beseitigt werden, haben die Betroffenen eine erhöhte Gefahr von Arthrose in verhältnismäßig frühen Lebensjahren. Spätestens mit 30, 40 Jahren müssen sie mit schweren Abnützungen am Knochen rechnen.

Bisher wurden bei den operativen Eingriffen so genannte Blount-Klammern verwendet, die das Wachstum der Knochen so steuern, dass die Beine wieder eine gerade Form bekommen. Die Klammern haben allerdings den Nachteil, dass sie sich manchmal lockern – und dann ist eine weitere Operation notwendig.
Dieses Risiko ist bei der neuen Operationsmethode nicht gegeben. Sie wird nur dann eingesetzt, wenn Untersuchungen ergeben, dass ein chirurgischer Eingriff notwendig und sinnvoll ist. Durch Röntgenaufnahmen, eine Computertomografie und andere klinische Untersuchungen wird festgestellt, in welche Richtung die Knochen verformt sind, ob die Fehlbildungen an einem Bein auftreten oder an beiden, ob die beiden Beine unterschiedlich lang sind und ähnlich wichtige Details. An Hand der Resultate lassen sich die Erfolgsaussichten sehr gut abschätzen.

Wachstum einseitig blockiert
Die Idee hinter der Methode, die in Speising erfolgreich angewendet wird, baut auf der Art und Weise auf, wie sich menschliche Knochen ausbilden. Nach der Geburt werden die in der Schwangerschaft gebildeten Knorpel allmählich durch Knochenzellen ersetzt. Der Prozess verläuft aber nicht einheitlich. An den Knochenenden verknöchert der Knorpel nämlich von innen heraus. Dadurch bleibt außen weiche Knorpelmasse erhalten, die wie ein Stoßdämpfer dafür sorgt, dass sich ein frisch ausgebildeter Knochen nicht am nächsten reibt. Im Mittelteil des Knochens ist natürlich kein Kontakt zu anderen Skelettteilen möglich, deshalb bildet sich dort zuerst außen eine dünne Knochenschicht, die dann in die Tiefe wächst.
Zwischen den Knochenenden und dem Mittelteil bleibt bis zum Ende der Pubertät eine Trennschicht aus Knorpel bestehen, die Wachstumsfuge. Sie ist der Ausgangspunkt für das Wachstum der Knochen und wird deshalb bei dem neuen Operationsverfahren einseitig blockiert. Prof. Grill: „Wir implantieren an der Wachstumsfuge am Ober- oder Unterschenkel eine so genannte Eight-Plate, das ist ein kleines Implantat in Achter-Form mit zwei Schrauben. Die etwa zwei Zentimeter lange Platte wird innen oder außen eingesetzt, je nachdem, ob es sich um X- oder um O-Beine handelt. Der Eingriff ist für unsere kleinen Patienten kaum belastend, weil dafür ein nur zwei Zentimeter langer Schnitt notwendig ist, die Operation dauert auch nur etwa 20 Minuten und die postoperativen Schmerzen sind gering.“

Alle drei Monate zur Kontrolle
Durch die kleine Platte wird das Knochenwachstum auf einer Seite des Beines blockiert, während es sich auf der anderen Seite unverändert fortsetzt. Durch das einseitige Wachstum normalisiert sich die Achsenstellung im Laufe der Zeit, die X- oder O-Beine werden wieder gerade. Bei Röntgenkontrollen werden im Drei-Monats-Abstand die Fortschritte überprüft. Wenn die X- oder O-Stellung beseitigt ist, wird die Platte wieder entfernt, die Knochen wachsen dann ungehindert auf natürliche Art weiter. Bis dahin dauert es freilich seine Zeit, es dauert zumindest einige Monate und in schwereren Fällen ein ganzes Jahr, bis die normale Form der Beine erreicht ist.

   

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