Das Immunsystem

Oktober 2007 | Medizin & Trends

Selbstverteidigung des Körpers
 
Die Gesundheitspolizei des Körpers macht niemals Urlaub. Um Bakterien, Viren, Pilze und andere Krankheitserreger aus dem Verkehr zu ziehen, arbeitet das Immunsystem ununterbrochen und mit den verschiedensten Tricks. Lesen Sie, wie das funktioniert.
 
Von Dr. Marcus Franz & Dr. Karin Gruber

Ganze Heerscharen potenzieller Feinde haben es auf uns abgesehen: Bakterien, Viren, Pilze, Protozoen – und wie die Krankheitserreger alle heißen. Zum Schutz vor diesen Angreifern haben wir zum Glück eine äußerst effiziente Waffe in uns: das Immunsystem, die Selbstverteidigung des Körpers.
Milliarden von Zellen bilden unsere ureigene Gesundheitspolizei, etwa 50 Botenstoffe und eine Reihe weiterer Substanzen arbeiten mit, verschiedene Organe und Gewebe gehören dazu: Unser Immunsystem ist untrennbar mit Knochenmark, Thymus, Milz und Lymphe verbunden, und natürlich mit dem Blut, das die Abwehrzellen dorthin transportiert, wo sie gerade gebraucht werden. Um Viren, Bakterien & Co den Kampf anzusagen, setzt das Immunsystem auf drei Mechanismen:

1. Haut, Haar, Chemie: abschreckend und abstoßend
Unser Körper besitzt verschiedene mechanische und chemische Barrieren, um sich vor schädlichen Eindringlingen zu schützen: Schon die dicht verschachtelten, verhornten Zellen der äußersten Hautschicht stellen einen nicht zu unterschätzenden Schutz dar. Die Schweißdrüsen mit ihrem Milchsäure-hältigen Sekret halten gemeinsam mit der Hautflora den pH-Wert im sauren Bereich, so dass viele krank machende Bakterien und Pilze abgeschreckt werden. In der Lunge sorgt ein Teppich von Flimmerhärchen dafür, dass Fremdkörper so rasch wie möglich wieder hinausbugsiert werden. Das Säurebad im Magen überstehen die wenigsten Krankheitserreger, da muss es sich schon um ungeheure Mengen handeln oder um solche, die sich spezielle Schutzvorrichtungen einfallen haben lassen: Das bekannte Bakterium Helicobacter pylori zum Beispiel „bewohnt“ bei vielen Menschen die Schleimhaut des Magens, fühlt sich dort pudelwohl und sorgt nicht immer, aber oft für Probleme wie Gastritis & Co.

2. Geborene Killer: Diskret und effizient
Teile des Immunsystems wurden uns in die Wiege gelegt, sind zu Killern geboren. Diese so genannten angeborenen, unspezifischen Abwehrmechanismen schaffen es, die meisten Krankheitserreger aus dem Verkehr zu ziehen, bevor sie Schaden anrichten. Das tun sie üblicherweise so „diskret“, dass wir nichts davon bemerken.
Hier sind besonders effiziente Körperzellen im Einsatz: Dazu gehören die Fresszellen, von denen die so genannten Makrophagen die wichtigsten sind. Sie umfließen Eindringlinge und veränderte Körperzellen und lösen sie auf. Hier wirken aber auch die „Natürlichen Killerzellen“, indem sie Virus-infizierte oder bösartig veränderte Körperzellen vernichten. Andere weiße Blutkörperchen wiederum machen Parasiten wie Würmern den Garaus.
In diesem Teil des Immunsystems sind aber auch schützende Substanzen am Werk: das Lysozym zum Beispiel, das in der Tränenflüssigkeit und im Nasen-Rachen-Raum enthalten ist und bestimmte Bakterien zerstören kann, und das so genannte Komplementsystem, ein Giftcocktail aus 20 Eiweißstoffen, der fremde Zellen vernichten kann.

3. Trainierte Spezialisten: Gelehrig und wehrhaft
Die dritte Barriere des Immunsystems ist nicht angeboren, sondern entwickelt sich im Laufe des Lebens, und zwar dann, wenn sich der Körper mit Krankheitserregern auseinandersetzt, wenn unsere Selbstverteidigung trainiert wird. In der Fachsprache spricht man von den erworbenen, spezifischen Abwehrmechanismen. Um sie auszubilden, braucht es den Kontakt mit Eindringlingen beziehungsweise mit bestimmten Bestandteilen von ihnen, den so genannten Antigenen.
In diesem Teil des Immunsystems sind gelehrige Zellen im Dienst, die so genannten T- und B-Lymphozyten: Sie verlieren sich nicht in blindwütigem Kampfgeschehen, sondern merken sich gut, welche Feinde sie bekämpft haben und spezialisieren sich auf sie, indem sie Antikörper bilden. Wenn ­bereits bekannte Antigene erneut in den Körper eindringen, so wird sofort die Produktion von Antikörpern angeworfen, um die Feinde gezielt zu vernichten.
Die Zellen, die hier für die Gesundheitspolizei des Körpers arbeiten, kümmern sich um eine große Aufgabe: das immunologische Gedächtnis, die Archivierung des Wissens über das wirksame Vorgehen gegen Krankheitserreger. Auf dieses Prinzip stützen sich die Schutzimpfungen mit dem Ziel, den Körper gegen einen bestimmten Feind immun zu machen.

Beeindruckendes Arsenal
Man geht davon aus, dass der Organismus in der Kindheit den Großteil der Erreger und Fremdstoffe in seiner Umgebung kennen lernt. Schätzungen zufolge muss sich unser Körper in dieser Lebensphase mit rund einer Million Fremdkörpern herumschlagen. Ausdruck dieses Kennenlernens sind Kinderkrankheiten wie Mumps, Scharlach oder Röteln. Auf der molekularen Ebene gewinnen wir daraus ein beeindruckendes Arsenal von fünf bis zehn Milliarden Antigen-spezifischer T-Lymphozyten, also Zellen, die ganz genau wissen, wie sie gegen bestimmte Eindringlinge vorgehen müssen.

Für Störungen anfällig
Gesunder Lebensstil und ausgewogene Ernährung sind wichtig für ein gut funktionierendes Immunsystem. Aufgrund ihrer komplizierten Struktur ist unsere Abwehr aber gar nicht so selten anfällig für Störungen. Das merkt man nicht nur, wenn der Hals kratzt oder die Nase rinnt, weil einmal ein Kampf verloren wurde.
Leider ist das Immunsystem auch zu wenig sinnvollen bzw. übertriebenen Abwehrreaktionen fähig. Allergien zum Beispiel sind überschießende Immunantworten, also die Folge eines überaktiven Immunsystems. Meist werden dabei harmlose fremde Stoffe wie Pollen, Tierhaare oder andere attackiert, die unkontrollierte Produktion von Antikörpern setzt ein. Das führt zu einer Überempfindlichkeit auf diese Fremdstoffe, der Mensch reagiert allergisch.
Chronische Polyarthritis, Multiple ­Sklerose, Diabetes Typ 1 oder Morbus Crohn werden vermutlich durch fehlerhafte Reaktionen des Immunsys­tems verursacht, bei denen der Organismus körpereigenes Gewebe für fremd und gefährlich hält und dagegen ankämpft. Man spricht hier von den so genannten Autoimmunerkrankungen, also dem irrtümlichen Kampf des Körpers gegen sich selbst.

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Antigene und Antikörper

Antigene sind keine Gene, sondern Strukturen, die der Körper als fremd erkennt, um daraufhin seine Verteidigung in Gang zu setzen, indem er Antikörper bildet.

„Antigen“
ist eine Kurzform der englischen Bezeichnung „Antibody generating“. Ihrer chemischen Natur nach sind Antigene überwiegend reine oder zusammengesetzte Proteine.

Antikörper (Immunglobuline) erkennen Antigene nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip. Wie groß der fremde Organismus auch ist, das Immunsystem erkennt ihn an relativ kleinen Strukturelementen.
Antikörper heften sich an für sie passende Antigene an, markieren sie gleichsam und alarmieren so andere Zellen des Immunsystems, die dann mit der Vernichtung des Eindringlings beginnen.

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Impfung baut aufs Immunsystem
Die Lernfähigkeit des Immunsystems wird bei Impfungen (Immunisierung) ausgenützt, wo dem Körper abgetötete oder abgemilderte Erreger zugeführt werden. Bei echten Infektionen mit dem jeweiligen Keim kann das Immunsystem sehr rasch in passender Weise reagieren, der geimpfte Mensch erkrankt dann nicht oder höchstens mit abgeschwächten Symp­tomen. Man unterscheidet zwei Arten von Impfungen:

Aktive Immunisierung:
Das ist die klassische Schutzimpfung, bei der das Immun­system durch die Zufuhr von Erregern zur Bildung von Antikörpern ­animiert wird, zum Beispiel Wundstarrkrampf (Tetanus) oder Keuchhusten (Pertussis).

Passive Immunisierung:
Das ist eine therapeutische Impfung mit Antikörpern, um das Immunsystem im Kampf gegen eine Infektion zu unterstützen, zum Beispiel bei Verdacht auf eine Tollwut-Infektion nach ­einem Hundebiss oder auf eine Infektion mit dem FSME-Virus nach einem Zeckenbiss.

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Was geschieht bei …

… Entzündungen?
Das sind Anzeichen einer größeren Schlacht des Immunsystems gegen Fremdstoffe. Entzündungsstoffe wie Histamin machen das Gewebe durchlässiger, so dass mehr Blut und damit Immunzellen zum Einsatzort gelangen. Dadurch steigt aber der Druck und das tut weh. Eiter entsteht dann, wenn viele Immunzellen selbst zugrunde gehen und umliegendes Gewebe zerstört wird.

… Fieber?
Es wird deshalb vom Körper produziert, weil es die Arbeit des Immunsystems erleichtert. Viele Krankheitserreger mögen Temperaturen über 37° Celsius ganz und gar nicht. Darüber hinaus beschleunigt das Fieber die Abläufe im Immunsystem, das immer im Wettlauf mit der Zeit liegt. Bei Körpertemperaturen über 40° Celsius wird allerdings auch körpereigenes Gewebe zerstört und das wird gefährlich.

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Lebensraum Mensch
Für eine Unzahl von Mikroorganismen ist der menschliche Körper ein äußerst attraktiver Lebensraum. Viele davon sind nützlich – zum Training für das Immunsystem, als Schutzwall vor krank machenden Keimen und für anderes mehr. Auf der Hautoberfläche leben fast so viele Mikroorganismen wie Menschen auf der Erde und das ist gut so. Wenn die Hautflora etwa durch Antibiotika gestört wird, können sich Hautpilze in kürzester Zeit ausbreiten. Auch der Darm ist von unzähligen nützlichen Bakterien besiedelt.

Selbst wenn es möglich wäre: Der Versuch, die Umgebung „keimfrei“ halten zu wollen, sollte erst gar nicht gestartet werden. Desinfektion immer und überall führt zur Entstehung resistenter Keime, die dann erst recht Schaden anrichten können. Außerdem gibt es Hinweise, dass die Zunahme von Allergien nicht zuletzt damit zu tun haben dürfte, dass das Immunsystem unterfordert ist, weil es immer weniger „Anregungen“ ausgesetzt ist.

BUCHTIPP

Wunderwelt
Eine Geschichte des menschlichen Körpers
Marcus Franz, Karin Gruber

Verlagshaus der Ärzte €19,90
ISBN 978-3-902552-13-6
     

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