Gastritis

Januar 2007 | Medizin & Trends

Der Magen schmerzt, der Bauch fühlt sich an wie ein aufgeblasener Ballon, die Übelkeit ist mindestens so unangenehm wie der irritierende Geschmack im Mund: typische Zeichen einer Gastritis, einer Krankheit, die jeder kennt, von der aber kaum einer weiß, was sie eigentlich ist.
 
Von Dr. Kurt Markaritzer

Der legendäre Kabarettist Helmut Qualtinger tat sich mit seiner Erklärung der Gastritis noch ziemlich leicht. In „Travniceks Weihnachtseinkäufe“ räsonierte er: „Das mit dem Lebkuchenhaus ist ganz und gar unpädagogisch. Die Kinder verderb’n sich den Magen, kriegen a Gastritis, wer’n bösartig.“ Nun ja, so aggressiv sind Patienten mit Magenschmerzen üblicherweise nicht, aber besonders umgänglich sind sie auch nicht, schließlich ist ihr Leiden mehr als lästig. „Ich hab’ eine Gastritis“, stöhnt da bald einer, auch wenn er diese Krankheit in Wirklichkeit gar nicht hat.

Große Unbekannte
Vor Missverständnissen ist bei dieser Krankheit kaum jemand gefeit, nicht einmal Mediziner, sagt Univ. Prof. Dr. Günther Krejs, Leiter der Klinischen Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie der Medizinischen Universität Graz: „Das Wort Gastritis wird in der Umgangssprache sowohl von Patienten als auch von Ärzten oft für Dyspepsie, also für Reizmagen, verwendet, aber das trifft die Sache nicht wirklich.“

Manchmal wird die Gastritis auch mit der Refluxkrankheit verwechselt, dem Sodbrennen, das vielen Leuten zu schaffen macht. Es entsteht dann, wenn der saure Magensaft nicht aus dem Magen in den Darm fließt, sondern zurück in die Speiseröhre. Dabei empfinden die Patienten ein brennendes Gefühl, das von der Oberbauchgegend hinter dem Brustbein aufsteigt und in Hals und Kehle ausstrahlt. Auch das ist also keine „echte“ Gastritis. Was aber steckt dann hinter dieser so oft zitierten Erkrankung?

Univ. Prof. Dr. Brigitte Dragosics, Past-Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie, bringt die Sache auf den Punkt: „Es gibt verschiedene Formen von Gastritis. Die häufigste ist eine Entzündung der Magenschleimhaut, die vom Bakterium Helicobacter pylori hervorgerufen wird.“

Diese Form der Gastritis geht bei uns zurück, weil die Verbreitung des Bakteriums durch die verbesserten hygienischen Bedingungen gebremst wurde. Nutznießer dieser Entwicklung sind vor allem Angehörige der jüngeren Generation. Von den heute 20-jährigen Frauen und Männern tragen nur etwa 15 Prozent diesen Keim in sich, bei Menschen, die in der Vorkriegszeit geboren wurden, sind es dagegen noch etwa 50 bis 60 Prozent.   

Wirkung nach Jahrzehnten
Dieses Bakterium, das seinen „Entdeckern“ Barry Marshall und Robin Warren aus Australien im Jahr 2005 den Medizinnobelpreis eingebracht hat, ist ausgesprochen langlebig. Es nistet sich meist in der Kindheit in den menschlichen Körper ein, entfaltet seine schädliche Wirkung aber erst Jahrzehnte später.

Dann allerdings ist der Effekt alles andere als harmlos. Im schlimmsten Fall bildet sich als Folge einer Helicobacter-Infektion ein Magenkarzinom. Diese Krebsgefahr ist auch der Grund dafür, warum man die Strategie bei der Bekämpfung drastisch geändert hat. Prof. Dragosics: „Früher war es gängige Meinung, dass man den Keim schlicht und einfach ignorieren sollte, so lange er keine Beschwerden verursacht. Heute geht man aber dazu über, den Helicobacter so früh wie möglich, schon bei jungen Leuten, zu eradizieren, also mit Hilfe von Antibiotika plus einem so genannten Protonenpumpenhemmer – das ist ein Arzneistoff, der die Bildung von Magensäure hemmt – aus dem Körper zu entfernen, um mögliche schädliche Folgen zu verhindern.“

Über die von Helicobacter pylori ausgelöste Gastritis und die dabei entstehenden Magengeschwüre weiß die Medizin heute gut Bescheid, hier hat die wissenschaftliche Forschung weitgehende Klarheit gebracht.

Probleme im Griff
Schwieriger ist die Situation bei anderen Schäden an der Magenschleimhaut, die sehr unangenehm bis schmerzhaft sind und sogar zu gefährlichen Magenblutungen führen können. Sie werden zum Beispiel durch Schmerzmittel wie etwa nichtsteroidale Antirheumatika ausgelöst. Die moderne Medizin kann auch in diesen Fällen helfen. Der Arzt verschreibt als Magenschutztherapie Protonenpumpenhemmer. Als Alternative stehen die COX-2-selektiven Antirheumatika, die Coxibe, zur Verfügung. Wenn bei Rheuma-Patienten zusätzlich das Helicobacter-Bakterium gefunden wird, erhalten sie Antibiotika zur Beseitigung des Keimes. Damit bekommt man die Magenprobleme ganz gut in den Griff, allerdings nur sie. Beschwerden im Darm werden dadurch nicht beseitigt.

Prof. Krejs: „Es gibt auch eine Form der Gastritis, die durch Antikörper bedingt ist und etwa zehn Prozent aller Fälle ausmacht. Diese Antikörper beeinflussen die Produktion der Magensäure und dadurch entstehen auch die für eine Gastritis typischen Beschwerden.“ Auch diese Erkrankung ist derzeit noch eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Die Mediziner haben aber festgestellt, dass diese Form der Gastritis oft in Kombination mit anderen Autoimmunerkrankungen wie etwa Typ-1-Diabetes, Unterfunktion der Nebennierenrinde oder Weißfleckenkrankheit auftritt und unter anderem einen Mangel an dem Vitamin B12 verursacht. In diesem Fall hilft die Zufuhr dieses Vitamins.

Stress und seelische Belastung
Besonders schwierig ist die Diagnose bei gastritisartigen Beschwerden, die sowohl akut als auch chronisch sein können, bei denen aber keine Veränderungen im Gewebe der Magenschleimhaut feststellbar sind. Vordergründig fehlt den Patienten in diesem Fall nichts, sie leiden aber an Beschwerden, die in diesen Fällen psychosomatisch bedingt sind. Einer der häufigsten Auslöser ist Stress, auch seelische Belastungen können die Ursache sein. Hier muss man im Gespräch mit den Patienten behutsam den Hintergrund der Krankheit ausleuchten und durch Entspannungstechniken und dergleichen versuchen, die Auslöser der Beschwerden zu stoppen.

Die gastritisartigen Beschwerden werden von vielen, die daran leiden, nicht sonderlich ernst genommen. Wenn die Beschwerden nur leichter Natur sind, werden sie vielfach ignoriert oder mit Hausmitteln wie Teemischungen bekämpft.

Genaue Untersuchung ab 40
Sind die Symptome aber so schwer, dass die Kranken deswegen den Arzt aufsuchen, dann sind gründliche Untersuchungen notwendig. Sie gelten vor allem dem Nachweis einer Helicobacter-Infektion und erfolgen meist durch eine Gastroskopie, wie die Magenspiegelung in der Fachsprache genannt wird. Viele Patienten haben vor dieser Untersuchung Angst, obwohl sie praktisch schmerzfrei ist und die unangenehmen Begleiterscheinungen heute weitgehend abgemildert werden können. Dennoch sollten sich ältere Betroffene dazu entschließen. Prof. Krejs: „Wir empfehlen die Endoskopie allen Patientinnen und Patienten über 40, damit bei der Untersuchung nicht womöglich ein entstehender Magenkrebs übersehen wird. Unter 40 kann man auch andere Diagnoseverfahren einsetzen, da ist ein Karzinom sehr selten.“ Diese anderen Verfahren bestehen in Stuhlproben oder Messungen der Atemluft, die deutliche Hinweise auf das Bakterium ergeben.

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Helicobacter pylori – Was ist das?
Das ausgesprochen langlebige Bakterium nistet sich meist in der Kindheit in den menschlichen Körper ein und entfaltet seine schädliche Wirkung oft erst Jahrzehnte später. Dank der verbesserten hygienischen Bedingungen konnte die Verbreitung des Bakteriums in unseren Breiten aber gebremst werden.

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Das Gastritis-ABC
Beim Begriff „Gastritis“ herrscht selbst unter Fachleuten eine gewisse Sprachverwirrung, schließlich verbergen sich dahinter Krankheiten in unterschiedlichen Formen. Eine der Erklärungen, die man sich gut einprägen kann, besteht neben der Unterscheidung zwischen akuter und chronischer Gastritis im Rückgriff auf die ersten drei Buchstaben des Alphabets: Es gibt demnach als Hauptformen die A-, B- und die C-Gastritis.

A  steht für Autoimmunkrankheit
Dabei schädigen Antikörper aus dem Immunsystem bestimmte Zellen der Magenschleimhaut, es kann zu einem Gewebeschwund der Schleimhaut  kommen.

B  bezieht sich auf das Bakterium Helicobacter pylori,
das der häufigste Auslöser von Gastritis ist. In den meisten Fällen verursacht es Entzündungen, in der Folge kann es zu Geschwüren oder sogar zu Magenkrebs kommen.

C  bedeutet Chemisch induzierte Gastritis
Die Krankheit wird dabei hauptsächlich durch vermehrte Magensäureproduk-
tion, durch eine Schwächung der Schutzschicht in der Magenschleimhaut oder durch die Einnahme von Medikamenten verursacht. Auch zu viel
Alkohol kann diese Gastritis auslösen.

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So beugt man vor

Bis zu einem gewissen Grad kann man gastritisartigen Beschwerden so wie anderen Magenbeschwerden vorbeugen. Das Rezept ist simpel: Es gilt, möglichen Auslösern zu entkommen. Im Idealfall vermeidet man also beispielsweise Stress oder auch Medikamente, welche die Magenschleimhaut attackieren. Patienten, die derartige Arzneimittel trotzdem nehmen müssen  – zum Beispiel viele Rheumatiker –, können ihre Wirkung durch die Einnahme Magen schützender Medikamente erträglich machen. Wer bestimmte Speisen, Fette oder Alkohol nicht verträgt, sollte darauf einfach verzichten. Sehr günstig ist es, Übergewicht abzubauen und möglichst auf das Normalgewicht zu kommen. Radikaldiäten führen in diesem Fall aber nicht zum Ziel, warnt Prof. Krejs: „Man darf aus den Patienten keine Diätkrüppel machen, denen sozusagen alles und jedes verboten ist. Es gibt für so extreme Einschränkungen keine wissenschaftliche Grundlage.“

       

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