Osteopathie – Sanfte Hände für selige Babys

Januar 2007 | Medizin & Trends

Osteopathie kann bei Kindern wahre Wunder wirken. Mit Wunderheilung hat das aber nichts zu tun. Als Mutter eines so genannten Schrei-Babys hat sich Dr. Gudrun Wagner selbst von der Wirksamkeit dieser inzwischen anerkannten Methode überzeugen können. In MEDIZIN populär erklärt die Medizinerin, wie das funkioniert.
 
Von Mag. Michael Krassnitzer

„Schlafen oder schreien: Es gab nur diese zwei Varianten. Ich zweifelte schon an meiner Mutterrolle.“ So beschreibt die Mutter eines so genannten Schrei-Babys die ersten Wochen mit ihrem Kind. Nach vielen Terminen bei ebenso vielen verschiedenen Ärzten fanden die verzweifelten Eltern endlich Hilfe: Ein Mediziner mit Osteopathie-Ausbildung stellte die richtige Diagnose – eine Fehlstellung im Bereich der oberen Halswirbelsäule – und behandelte das Kind osteopathisch. Bald darauf hatte die Leidensgeschichte der jungen Familie ein Ende, wie die überglückliche Mutter erzählt: „Schon in den nächsten Tagen zeigte sich eine Besserung. Es gab plötzlich Momente der Ruhe, wo wir mit unserem Baby da lagen und einfach geschmust haben. Innerhalb von drei Wochen hat es sich stark zum Positiven verändert: Unser Baby wurde immer ausgeglichener.“

Eine Wunderheilung? Mitnichten. Osteopathie ist eine Behandlungsform, die sich gerade bei Kindern immer größerer Beliebtheit erfreut. Osteopathie kann Abhilfe schaffen bei geburtsbedingten Schädel- und Gesichtsverformungen, Schiefhals, Hüftproblemen, Saug- und Schluckproblemen, Bronchitis, Asthma und chronischem Schnupfen. Bei größeren Kindern wird Osteopathie auch bei Lern- und Konzentrationsstörungen oder Verhaltensstörungen angewandt. „Viele Eltern kommen einfach nur, um das Kind auf Blockaden oder Funktionsstörungen durchchecken zu lassen“, berichtet Dr. Gudrun Wagner, Obfrau des Osteopathischen Zentrums für Kinder in Wien. In diesem gemeinnützigen Verein werden Kinder auf Spendenbasis behandelt, sodass sich alle Kinder Osteopathie leisten können.

Ohne Skalpell, ohne Medikamente
Der Ansatz der Osteopathie ist so einfach wie einleuchtend: Der menschliche Organismus bildet eine Einheit. Alle Strukturen des Körpers – Knochen, Gelenke oder Organe – sind in ständiger Bewegung und im Idealfall harmonisch miteinander verbunden. Funktionieren diese Bewegungen nicht richtig, können wichtige Körperflüssigkeiten wie Blut, Lymphe und Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit nicht so fließen, wie sie sollen – der Stoffwechsel wird lokal gestört.

Der Begründer der Osteopathie, der amerikanische Arzt Dr. Andrew Taylor Still (1828-1917), verglich den menschlichen Organismus mit einem Fluss, in den laufend Zweige und Blätter fallen. Normalerweise hat dies keine Auswirkungen. Wenn sich aber Hindernisse dem Strom des Wassers entgegen stellen, dann können sich die Blätter und Zweige dort verfangen und es entsteht ein Stau. Ähnliches, meinte Still, passiert im menschlichen Körper: Wenn der natürliche Strom im Körper behindert wird, entsteht Krankheit.

„Die osteopathische Behandlung hat das Ziel, Einschränkungen der Beweglichkeit von Strukturen und Geweben zu korrigieren und dadurch körperliches und seelisches Wohlbefinden wieder herzustellen“, erklärt Wagner. Dabei geht die Osteopathin ohne Skalpell und ohne Medikamente vor. Das einzige Instrument sind ihre geschulten Hände, mit denen sie Bewegungseinschränkungen aufspürt. Mittels sanfter manueller Techniken werden die Selbstheilungskräfte des Körpers mobilisiert, so dass sich die Funktionsstörungen und Blockaden auflösen.
„Bereits vom ersten Lebenstag an können und sollten Kinder osteopathisch behandelt werden“, ist Wagner überzeugt.

„Osteopathie für Kinder ist jedoch etwas anderes als Osteopathie für Erwachsene“, betont die Allgemeinmedizinerin und Diplom-Kinder-Osteopathin. Der kindliche Körper befinde sich ja noch in Entwicklung. Je jünger das Kind, desto „verschwommener“ die Strukturen, erläutert sie. Deswegen bedarf es auch einer eigenen Ausbildung in Kinder-Osteopathie.
Bewegungseinschränkungen haben unterschiedliche Ursachen, die genau abgeklärt werden müssen. Bei ganz kleinen Kindern ist oft eine schwierige Geburt schuld an Funktionsstörungen, etwa wenn das Neugeborene lange im Geburtskanal feststeckte. Der Osteopath muss daher über die Vorgeschichte seiner Patienten genau Bescheid wissen.
Die Folgen der Behandlung selbst erleben sowohl Therapeut als auch Patient als äußerst angenehm. „Es ist wunderschön, Kinder osteopathisch zu behandeln“, schwärmt Wagner: „Man spürt eine unmittelbare Reaktion. Die meisten Kinder reagieren auf Osteopathie mit einer satten Müdigkeit und Hunger.“

Kein Hokuspokus
Auch wenn sich die Beschreibung von Osteopathie mitunter ein wenig esoterisch anhört: Es handelt sich keineswegs um irgendeinen Hokuspokus! „Osteopathie beruht auf Anatomie, Physiologie und Embryologie“, betont die Wiener Allgemeinmedizinerin. Osteopathie ist ein von der Ärztekammer anerkanntes Fach der Komplementärmedizin. Es gibt hierzulande dafür eine sechsjährige Diplomausbildung, die mit einem akademischen Grad abgeschlossen wird. Diese Ausbildung steht jedem offen, der eine abgeschlossene Berufsausbildung als Arzt, Zahnarzt, Tierarzt, Physiotherapeut, Ergotherapeut oder Hebamme vorweisen kann. Die Ausbildung zum Kinderosteopathen dauert nochmals zwei Jahre. „Osteopathie ist keine Hexerei!“ betont Wagner.

Allerdings hat die Methode Grenzen. Dort, wo die Selbstheilungskräfte des Körpers nicht ausreichen, müssen andere, herkömmliche Behandlungsmethoden her. Infektionskrankheiten, Brüche, Verletzungen, Verbrennungen, Wunden, aber auch psychische Erkrankungen wie Depressionen gehören auf jeden Fall schulmedizinisch behandelt. Jedoch kann sich bei manchen Beschwerden eine osteopathische Behandlung als Begleittherapie anbieten. Wagner: „Der sanfte Hautkontakt kann sich etwa bei Depressionen durchaus positiv auswirken.“    

 

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Den richtigen Osteopathen wählen

Achtung: Wenn Sie sich nach einem Osteopathen umsehen, sollten Sie darauf achten, dass dieser auch entsprechend qualifiziert ist. Theoretisch kann sich jeder „Osteopath“ nennen, denn „Osteopathie“ ist kein geschützter Begriff wie etwa „Arzt“ oder „Architekt“.
Die Wiener Schule für Osteopathie (WSO), die einzige Institution ihrer Art in Österreich, führt auf ihrer Homepage all ihre ausgebildeten Osteopathen an: www.wso.at

Die Österreichische Gesellschaft für Osteopathie (OEGO) bietet eine Liste all jener in Österreich tätigen Osteopathen, die nach internationalen Standards ausgebildet wurden: www.oego.org
Das heißt: Diese haben eine sechsjährige Diplomausbildung absolviert. Vergleichbare Schulen und Institutionen gibt es freilich auch in Deutschland oder in der Schweiz.
Zum Kinder-Osteopathen kann man sich an weltweit nur vier Orten ausbilden lassen: in Hamburg, in London, in den USA und am Osteopathischen Zentrum für Kinder in Wien (OZK). Auch dieses Ausbildungs- und Behandlungszentrum, ein gemeinnütziger Verein, führt auf seiner Homepage eine Liste all seiner Absolventen: www.ozk.at
Wer hier aufscheint, hat zusätzlich zur sechsjährigen osteopathischen Grundausbildung eine zweijährige Ausbildung speziell für Kinder-Osteopathie hinter sich.

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