Reizdarm: Bauchhirn spielt verrückt

Oktober 2007 | Medizin & Trends

Quälende Bauchschmerzen, starker Durchfall, schmerzhafte Verstopfung: So zeigt sich das Reizdarmsyndrom. Lange Zeit wurde das Leiden als „eingebildete Krankheit“ abgetan, mit der Betroffene von Arzt zu Arzt pilgerten. MEDIZIN populär sagt Ihnen, was es damit auf sich hat und was man dagegen tun kann.
 
Von Mag. Michael Krassnitzer

Bis zu ein Viertel aller Erwachsenen in den Industrieländern ist vom Reizdarmsyndrom betroffen, doppelt so viele Frauen wie Männer. Betroffene leiden unter Bauchschmerzen, Bauchkrämpfen, Blähungen, teilweise starken Durchfällen oder schmerzhaften Verstopfungen. Manche Menschen werden abwechselnd von Verstopfungen und dann wieder von Durchfällen geplagt. Häufig verspürt man Stuhldrang, aber wenn man sich aufs Klo setzt, kommt nichts heraus. Oft hat man das Gefühl, dass der Darm nach dem Stuhlgang noch nicht ganz entleert ist. Nicht selten treten diese Beschwerden auch in Kombination mit anderen Belastungen auf wie Muskelschmerzen, Depressionen, Lebensmittelunverträglichkeiten, Blasenbeschwerden, Kieferbeschwerden, Kopfschmerzen, Migräne, Müdigkeit oder Beckenschmerzen.

Problem liegt im Dickdarm
„Das Reizdarmsyndrom war bis vor kurzem ein Stiefkind der Medizin“, weiß Univ. Prof. Dr. Gabriele Moser, Leiterin der gastroenterologischen Psychosomatikambulanz an der Universitätsklinik für Innere Medizin III im Wiener AKH. Weil am Darm selbst keine organische Veränderung und kein entzündlicher Prozess festgestellt werden konnte, wurde die Erkrankung oft fälschlicherweise als „eingebildete Krankheit“ abgetan. Verzweifelte Betroffene pilgerten von Arzt zu Arzt und ließen sogar unnötige Operationen über sich ergehen.

Mittlerweile jedoch weiß man, dass das Reizdarmsyndrom eine so genannte funktionelle Störung des Dickdarmes ist. Das bedeutet: Obwohl keinerlei organische Anzeichen für eine Krankheit vorhanden sind, funktioniert der Darm nicht richtig. Mögliche Auslöser sind eine lang andauernde Infektion oder eine Behandlung mit Antibiotika. Häufig wird die Erkrankung durch Stress ausgelöst, oder auch durch traumatische Erlebnisse, die sogar weit in der Vergangenheit zurückliegen können. US-Professor Douglas A. Drossman, der Pionier auf dem Gebiet des Reizdarmes, hat herausgefunden, dass 40 Prozent der von einem schweren Reizdarmsyndrom betroffenen Patientinnen eine Vergewaltigung durchgemacht haben.

Überreaktion des Bauchhirns
„Der menschliche Darm ist ein sehr sensibles Organ, das stark auf Emotionen reagiert“, erklärt Reizdarmexpertin Moser. Das Nervensystem, das die Darmtätigkeit steuert, ist so komplex, dass es auch „Bauchhirn“ genannt wird. Es vermittelt dem Gehirn Druck- und Schmerzgefühl, reagiert aber auch auf Befehle vom Gehirn. In Stresssituationen schickt das Gehirn widersprüchliche Botschaften an den Darm – und dadurch wird die Reizbarkeit des Darmnervensystems erhöht. Der Dickdarm beginnt, auf ganz normale Reize viel zu heftig zu reagieren. Auf die ganz gewöhnliche Ankunft des vorverdauten Speisebreies antwortet er mit einem plötzlichen Anhalten oder viel zu heftigen Muskelkontraktionen.
Zugleich sinkt die Schmerzschwelle des Bauchhirns: Die ganz normale Verdauung wird dann als Schmerz wahrgenommen. Es fehlt der Filter, der normalerweise verhindert, dass der Druck des Kotes und der Darmgase sowie die Kontraktionen der Darmmuskulatur als Schmerz wahrgenommen werden. Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Die Schmerzen führen zu einer psychischen Belastung, woraufhin das Gehirn Signale an das Bauchhirn sendet, wodurch dieses noch mehr sensibilisiert wird.

Medikamente, Psychotherapie, Bewegung
Betroffene werden mit Medikamenten behandelt, welche die Darmbewegung regulieren: darmentkrampfende Mittel sowie durchfallsenkende Mittel oder Abführmittel, je nachdem. Zur Standardtherapie gehören auch Antidepressiva – nicht etwa, um eine psychische Erkrankung zu behandeln, sondern weil Antidepressiva die Schmerzschwelle senken. Chirurgische Eingriffe haben keine Auswirkungen auf den Reizdarm. Diverse Entspannungstechniken und eine Psychotherapie hingegen haben nachweislich positive Effekte. Ebenfalls sehr wirksam sei Hypnose, betont Prof. Moser, die auch ausgebildete Psychotherapeutin ist. Doch auch körperliche Bewegung wirkt sich positiv aus: „Ausdauertraining mindestens zweimal pro Woche bringen für das Befinden fast soviel wie eine medikamentöse antidepressive Therapie“, sagt die Reizdarmexpertin.
Der Einfluss der Ernährung ist von Betroffenen zu Betroffenen verschieden. So gut wie jeder Nahrungsbestandteil kann Symptome auslösen. Reizdarmpatienten bleibt nur übrig herauszufinden, was im Speziellen sie nicht vertragen und daher meiden sollten. Am besten lässt sich das mit Hilfe eines Ernährungstagebuchs eruieren.

Andere Erkrankungen ausschließen
Achtung: Die Reizdarmsymptome können gelegentlich auch von anderen Erkrankungen herrühren. Daher müssen alle anderen möglichen Krankheiten vom Arzt ausgeschlossen werden, bevor er die Diagnose Reizdarm stellen kann. Nicht zu den typischen Symptomen gehören: von Tag zu Tag stärkere Schmerzen, blutiger Stuhl, Fettstuhl (glänzend, spiegelglatt, meist sehr weich), Teerstuhl (schwarz wie Kohle), Fieber, Erbrechen, ungewollter Gewichtsverlust. „Solche Beschwerden müssen sofort dem Arzt mitgeteilt werden, da sie auf andere, viel ernstere Erkrankungen hinweisen“, mahnt Univ. Prof. DI Dr. Harald Vogelsang, Leiter der Ambulanz für Morbus Crohn, Colitis ulcerosa und gastroenterologische Funktionsdiagnostik an der Klinischen Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie der Universitätsklinik für Innere Medizin III im Wiener AKH.
Manchmal sind es auch die Nebenwirkungen von Medikamenten, die reizdarmähnliche Symptome hervorrufen. Werden diese Mittel abgesetzt, beruhigt sich die Verdauung in der Regel schnell wieder. Die Patienteninitiative Reizdarm (ÖPRD) verweist darauf, dass das Reizdarmsyndrom sehr häufig mit dem Krankheitsbild Depression auftritt. Ob nun zuerst eine Depression vorliegt und dieser dann ein Reizdarmsyndrom folgt oder der Reizdarmpatient infolge seiner Erkrankung depressiv wird, kann nicht immer eindeutig geklärt werden.

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Anzeichen für ein Reizdarmsyndrom

  • Schmerzen oder Unwohlsein im Bauch seit mindestens sechs Monaten, wobei die Beschwerden während der letzten drei Monate an mindestens drei Tagen pro Monat auftraten.
  • Von den folgenden drei Bedingungen treffen mindestens zwei zu:
    – Nach dem Stuhlgang bessert sich das Gefühl im Bauch.
    – Beginn der Beschwerden mit Änderung in der Stuhlfrequenz (Verstopfung, Durchfall).
    – Beginn der Beschwerden mit Änderung der Stuhlkonsistenz (hart/weich).
  • Zusätzlich kann das Auftreten folgender Symptome die Diagnose Reizdarmsyndrom erhärten:
    – abnormale Stuhlfrequenz (häufiger als dreimal pro Tag oder weniger als dreimal pro Woche)
    – abnormale Stuhlform (hart/klumpig, weich/flüssig)
    – häufiger Stuhldrang
    – Gefühl unvollständiger Entleerung
    – Schleimabgang
    – Völlegefühl, Blähung, Gefühl der Dehnung

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Was tun bei Reizdarm?
Expertentipps für Betroffene

  • Vermeiden Sie Nahrungsmittel, von denen Sie wissen, dass sie Ihre Symptome verschlimmern.
  • Nehmen Sie vom Arzt verordnete Medikamente, um damit akute Krisen bekämpfen zu können; zum Beispiel um die schmerzhaften Krämpfe im Darm zu lösen und die Verdauung zu normalisieren.
  • Nehmen Sie gegebenenfalls ärztlich verschriebene Medikamente gegen Durchfall, bevor Sie das Haus verlassen.
  • Nehmen Sie nicht ständig Schmerztabletten. Das kann gefährlich sein!
  • Vermeiden Sie Verstopfungen indem Sie sich ballaststoffreich ernähren.
  • Suchen Sie nach Stressfaktoren in Ihrem Leben und denken Sie darüber nach, ob und wie Sie etwas dagegen tun können.
  • Lernen Sie, sich zu entspannen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten – Sport, Yoga oder auch ­andere Meditationsübungen können helfen.
  • Versuchen Sie, sich über eventuelle Probleme in Ihrem Leben – unter Umständen mit Hilfe von Fachleuten – klar zu werden.

         Quelle: Patienteninitiative Reizdarm (ÖPRD)

Kontakttipp
Österreichische Patienteninitiative Reizdarm (ÖPRD)
Tel. 01/212 04 90-14, mittwochs von 16-18 Uhr,
www.reizdarm-selbsthilfe.at

     

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