Schwindel: Wenn sich alles dreht

September 2007 | Medizin & Trends

Warum Purzelbäume den Schwindel vertreiben
 
Die Symptome lassen das Schlimmste befürchten: Heftige Schwindelattacken, wenn man sich im Bett umdreht oder aufstehen will. Dazu große Übelkeit, manchmal Erbrechen. All das passiert scheinbar grundlos und so plötzlich, dass es den Betroffenen große Angst macht. Woran liegt es, wenn sich alles dreht, und was kann man dagegen tun?
 
Von Mag. Heide Müllner

Der Name der Schwindelkrankheit mit den besorgniserregenden Beschwerden klingt harmlos: gutartiger Lagerungsschwindel (in der Fachsprache Benigner Paroxysmaler Vertigo oder BPV genannt). Für die Betroffenen stellt sich die Situation aber alles andere als harmlos dar. „Auf der linken Seite kann ich nicht liegen, denn da dreht sich alles!“ Oder: „Wenn ich mich nachts im Bett umdrehe, dann wird mir total schwindlig und schlecht!“ So oder so ähnlich schildern die Patienten die Symptome.
Charakteristisch sind kurze Drehschwindelattacken von nur wenigen Sekunden nach Änderung der Lage, etwa im Liegen. „Die Beschwerden können aber auch heftig einsetzen und danach langsam abklingen, etwa in der Form, dass sich in der Früh beim Aufsetzen im Bett plötzlich Drehschwindel einstellt, der erst im Laufe des Tages allmählich abklingt. In diesen Fällen erzählen die Patienten, dass sie längere Zeit brauchen, bis die Unsicherheit nachlässt und sie ihren Alltagsaktivitäten nachgehen können“, sagt Dr. Bela Büki, Facharzt für HNO-Krankheiten und Leiter der Ambulanz für Hör- und Gleichgewichtsstörungen am Landesklinikum Krems.

Schuld sind winzige Steinchen
Der gutartige Lagerungsschwindel zählt zu den häufigsten aus einer Vielzahl von Gleichgewichtsstörungen. Er wird in einem der beiden Gleichgewichtsorgane verursacht. Diese liegen hinter Trommelfell und Hörschnecke im Innenohr (siehe Grafik oben) und beinhalten die Messinstrumente für die Bewegungen des Kopfes: Die Drehbewegungen werden von den Bogengängen gemessen, die geradlinigen Bewegungen des Kopfes (nach vorne oder hinten, oben oder unten) von den so genannten Otolithenorganen. Die Ergebnisse dieser Messungen werden über den Gleichgewichtsnerv zum Gehirn, genauer gesagt zum Hirnstamm, weitergeleitet. Die Zellen, die dort diese Informationen erhalten, leiten sie ihrerseits blitzschnell weiter zu den Augen- oder Körpermuskeln, die mit entsprechenden Bewegungen reagieren.
In den Otolithenorganen befinden sich kleine Ohrsteinchen bzw. Kristalle: die Otolithen. Sie sind in eine gelartige Masse eingebettet, können sich allerdings aus ihrer Verankerung lösen und in die Bogengänge gespült werden. Dort sorgen sie für erhebliche Verwirrung und bewirken eine Aktivierung des betroffenen Gleichgewichtsorgans. Dies wird als Drehschwindel empfunden, selbst wenn man sich nicht bewegt.
„Die Steinchen lösen sich zum Beispiel nach Verletzungen von den Otolithenorganen ab. Die Loslösung kann aber auch ohne erkennbaren Grund – die Fachsprache nennt dieses Phänomen idiopathisch – geschehen“, so Dr. Büki. In diesem Fall kristallisiert sich wahrscheinlich ein lockeres Netzwerk von Kalzium-Karbonat spontan in den Bogengängen aus der Flüssigkeit des Innenohres heraus. Allerdings wurden bei den idiopathischen Krankheitsformen interessante mögliche Zusammenhänge mit anderen Krankheiten entdeckt. Dr. Büki: „Neuere Forschungen haben gezeigt, dass bei Migränepatienten dreimal so häufig die Ohrsteinchen freigesetzt werden als in der Gruppe der Patienten mit Schädelverletzungen. Offenbar kann die bei einer Migräne auftretende Gefäßverengung zu Degenerationen im Innenohr führen und Ohrsteinchen freisetzen“.

Risiko Osteoporose
Auch bei Frauen über 50, die an Osteoporose leiden, können gehäuft freigesetzte Otolithen nachgewiesen werden. Man nimmt an, dass die hormonellen Veränderungen bzw. die verminderte Östrogenproduktion, die letztlich zur Osteoporose geführt hat, die Verankerung der Ohrsteinchen schädigen und somit destabilisieren können. Dadurch wird das Loslösen der Steinchen begünstigt.
Schwimmen die Teilchen einmal in der Flüssigkeit der Bogengänge, sinken sie der Schwerkraft entsprechend nach unten bis zum tiefsten Punkt des Bogenganges und bewirken eine Reizung der Sinneszellen. „Das Gehirn erhält die Information: der Kopf dreht sich, obwohl sich der Körper in Ruhelage befindet“, so Büki.

Schwindel herbeiführen
Der gutartige Lagerungsschwindel kann ohne großen Aufwand diagnostiziert werden. Schon die ausführliche Schilderung der Beschwerden durch die Patienten führt meist auf die richtige Spur.
Aber: „Die Patienten sind zumeist beschwerdefrei, wenn sie in die Ambulanz kommen, die letzte Schwindelattacke liegt bereits einige Tage zurück. Daher werden bestimmte Manöver durchgeführt, mit deren Hilfe sozusagen Schwindel provoziert wird. Das ist nötig, damit wir die Diagnose endgültig absichern und die richtige Behandlung einleiten können“, sagt Dr. Büki.
Zu diesem Zweck werden die Patienten in sitzender oder liegender Position zur Seite gedreht. Oder aber man führt spezielle Kopfbewegungen an ihnen durch. Dadurch kommt Bewegung in die Flüssigkeit der Bogengänge, die Ohrsteinchen reizen die Sinneszellen – den Patienten wird schwindlig.
„Bei diesen Manövern muss ich die Augen der Patienten genau beobachten, denn sie reagieren auf die Provokationen nach ein paar Sekunden mit einem Augenzittern, dem so genannten Nystagmus. Diese natürliche Reaktion dient dazu, das Sichtfeld zu fixieren, um wieder Ordnung in das Drehchaos zu bringen“, so Dr. Bela Büki.

Was die Augen verraten
Die Augenbewegungen liefern nun den entscheidenden Hinweis auf das zugrundeliegende Problem, also auf den Bogengang mit den Ohrsteinchen. Denn die Bogengänge im Innenohr, die ja die Drehbewegungen des Kopfes messen, sind mit den Augen bzw. mit bestimmten Augenmuskeln besonders eng verbunden. So können bei Kopfbewegungen auch die entsprechenden Augenbewegungen blitzartig aktiviert werden. Durch dieses Zusammenspiel von Gleichgewichtsorgan und Augen lässt sich für einen erfahrenen Arzt oder eine erfahrene Ärztin aus der Richtung der zitternden Augenbewegungen schließen, in welchem Bogengang sich die Schwindel auslösenden Steinchen befinden.

Purzelbaum als Therapie
Ist durch ein bestimmtes Lagerungsmanöver der betroffene Bogengang mit den steinigen Inhalten ausgemacht worden, so können diese wiederum durch ein spezielles Lagerungsmanöver aus dem Bogengang hinausgespült werden. Wenn man die Lage der Bogengänge bedenkt, erkennt man, dass die Steinchen aus den Bogengängen am besten mit einer langsamen Purzelbaum-Bewegung entfernt werden können:

  • aus dem vorderen Bogengang: Purzelbaum nach vorne,
  • aus dem hinteren Bogengang: Purzelbaum nach hinten,
  • aus dem seitlichen – horizontal liegenden – Bogengang: seitliches Rollen (wie die Kinder auf der Wiese, oder Grillhühnchen am Spieß)

Allerdings ist ein Purzelbaum nicht jedermanns Sache. Deswegen haben australische Experten ein Gerät gebaut, in welchem der Patient angeschnallt in jede Richtung gedreht werden kann. „Die Ganzkörperdrehung der Patienten in der richtigen Ebene kann die Beschwerden lösen“, berichtet Dr. Büki.
Es gibt aber eine noch einfachere Methode: In den USA hat man einen Bewegungsablauf ausgearbeitet, mit welchem ein Purzelbaum in zwei Phasen, ohne vollständige Drehung, an einem Bett bequem durchgeführt werden kann (das so genannte Befreiungsmanöver nach Epley).

Man „dreht und wendet“ also den Patienten, damit die Steinchen aus dem Bogengang gespült werden. Danach haben die Patienten oft noch einen kurzen, starken Schwindelanfall, häufig begleitet von Erbrechen, danach sind sie in der Regel beschwerdefrei.
Manchmal kann es allerdings vorkommen, dass durch dieses Manöver die Teilchen in einen anderen Bogengang gelangen. In solchen Fällen müssen die Steinchen wiederum durch bestimmte Bewegungsabläufe entfernt werden.

BuchTIPP

Büki, Jünger, Bauer
Schwindel und Gleichgewichtsstörungen Ursachen, Diagnose und Therapie
ISBN 978-3-902552-18-1,   €14,90
         

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