Wasser ist nicht gleich Wasser

November 2007 | Medizin & Trends

Der Unterschied zwischen Thermal- und Heilwasser
 
Mit der kalten Jahreszeit ist die beliebteste Zeit für Wellnessurlaube angebrochen und damit der Sturm auf die Bäder. Ab ins Wasser lautet die Devise für Erholungssuchende. Doch Wasser ist nicht gleich Wasser. Univ. Prof. Dr. Wolfgang Marktl erklärt für MEDIZIN populär, was das Thermalwasser für den Wellnessgebrauch von Heilwasser unterscheidet.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Univ. Prof. Dr. Wolfgang Marktl ist Leiter der Abteilung für Umweltphysiologie und Balneologie an der Medizinischen Universität Wien, beschäftigt sich also unter anderem mit der Wirkung der Heilbäder. Was hält Österreichs erfahrenster Wasserexperte vom Baden in einer Therme? „Wenn man den Wunsch hat, Stress abzubauen und sich zu erholen, ist der Besuch eines Thermalbads äußerst empfehlenswert“, sagt er. „Man fühlt sich danach besser.“ Das würden schon allein die vielen positiven Erfahrungsberichte der Badenden in der langen Geschichte des Badewesens zeigen, die sich auch in der Literatur und in der Malerei niedergeschlagen haben. Nur eines, so Univ. Prof. Marktl weiter, müsse ein Badender bedenken: Über den Jungbrunnen-Effekt gehe die Wirkung von Wellnessbädern in einer Therme nicht hinaus. Wer sich im Urlaub ein paar Mal zum Vergnügen im Wasser räkelt, dürfe sich keine Hoffnung auf Heilerfolge bei bestehenden Krankheiten machen. Der Grund: Wasser ist nicht gleich Wasser. Genauer: Das Thermalwasser, das in die frei zugänglichen Becken einer Therme gefüllt wird, wird behandelt und ist daher nicht mehr eins zu eins vergleichbar mit dem Heilwasser, das im Therapiebereich vielleicht sogar desselben Bades verwendet wird. Univ. Prof. Marktl: „Das ist auch gut so, denn es ist eine Vorsichtsmaßnahme für die Badenden.“ Wovor sie geschützt werden müssen? Auch das sei leicht erklärt, sagt der Experte. „Am besten anhand von Beispielen.“

Heilstoffe werden entzogen
Beispiel eins ist Wien-Oberlaa. Dort sprudelt 54 Grad Celsius warmes Wasser aus dem Boden, das einen extrem hohen Schwefelgehalt hat. Es ist als Heil- und Thermalwasser anerkannt und hilft, wenn man es unter ärztlicher Aufsicht anwendet, zum Beispiel bei chronisch-rheumatischen Erkrankungen des Bewegungsapparats, bei Kreislaufstörungen und bestimmten Hauterkrankungen. Doch ehe es in die Becken des Well­ness­bereichs der Therme Oberlaa gepumpt werden kann, muss dem Wasser der Großteil des Schwefels entzogen werden. Warum? Die Wellnessbadenden sind länger als die Therapiepatienten im Wasser, und wenn sie im Wasser sind, bewegen sie sich darin auch mehr, plantschen und schwimmen. Dabei atmen sie Schwefel ein und nehmen ihn auch über die Haut in den Körper auf. Bliebe die ursprüngliche Schwefelmenge im Wasser, wäre die aufgenommene Schwefeldosis zu viel des Guten, eine Überdosis sozusagen, durch die die Badenden unerwünschte Badereaktionen erleiden könnten. „Typisch wären etwa unspezifische Störungen des Wohlbefindens, Kopfweh oder auch Kreislaufbeschwerden“, sagt Univ. Prof. Marktl.

Beispiel zwei: Bad Gastein im Salzburger Pongau. Dort entspringt Wasser mit einer Temperatur von 46,8 Grad Celsius und einem sehr hohen Radongehalt. Univ. Prof. Marktl: „Auch in Bad Gastein wird dem Wasser, das für den frei zugänglichen Bereich der Therme gedacht ist, der Großteil des Heilstoffs entzogen, also das meiste Radon.“ Im Heilbereich der Therme und im nahegelegenen Dunstbad findet freilich unbehandeltes Quellwasser Verwendung, das unter anderem bei chronisch-entzündlichen und degenerativen Erkrankungen des Bewegungsapparats, bei rheumatischen Nerven- und Muskelerkrankungen, Frauenkrankheiten oder Blutdruckregulationsstörungen hilfreich ist.

Chlor wird zugesetzt
So wie jedes öffentliche Bad unterliegt auch jede Therme dem Bäderhygienegesetz. Das bringt mit sich, dass das Wasser für Wellnessbereiche zudem noch mit Zusätzen behandelt werden muss, die für Sauberkeit sorgen, wie zum Beispiel mit Chlor. Mindestens dieser Zusatz unterscheidet auch das Thermalwasser in den Wellnessbecken weiterer Thermen, wie etwa jener im stei­rischen Bad Waltersdorf oder im burgenländischen Lutzmannsburg vom dortigen Quellwasser, das ebenfalls als Heilwasser anerkannt ist und unter anderem gegen Rheuma und Altersbeschwerden hilft. Das Wasser wirkt aber so sanft, dass es umgekehrt auch nicht schaden kann, weshalb für den Wellnessgebrauch keine Inhaltsstoffe entzogen werden brauchen.

Österreichs Thermal- und Heilwässer
Was sie können und wo sie zu finden sind 

Was ist Thermalwasser?
Thermalwasser ist Wasser, das mit einer Temperatur von mindestens 20 Plusgraden Celsius natürlich vorkommt.

Was ist Heilwasser?
Wasser wird als Heilwasser anerkannt, wenn nachgewiesen ist,
1. dass die Quelle eine für die beabsichtigte therapeutische Anwendung hinreichende Ergiebigkeit besitzt,
2. dass das Quellwasser eine bestimmte spezifische Beschaffenheit aufweist oder pharmakologisch bereits in kleinsten Mengen wirksame Inhaltsstoffe in bestimmten Mindestmengen enthält,
3. dass das Quellwasser ohne Änderung seiner natürlichen Zusammensetzung eine wissenschaftlich anerkannte Heilwirkung ausübt oder erwarten lässt.

Für die Anerkennung eines Wassers als Heilwasser sind in Österreich die Bezirkshauptmannschaften zuständig, für die gesetzliche Regelung des Kurwesens die Bundesländer. Als Grundlage dient das frühere, inzwischen aufgehobene Bundesgesetz über natürliche Heilvorkommen und Kurorte aus 1958 (BGBl. Nr. 272/1958).

Buchtipp

Marktl, Reiter
Wasser
Heilmittel – Lebenselixier – Informationsträger

240 Seiten, geb., ISBN 978-3-902552-00-6 € 19,90
Verlagshaus der Ärzte

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