Gluten-Intoleranz

September 2008 | Ernährung & Genuss

Bauchweh von Brot & Co
 
Gluten ist ein Eiweiß, das in vielen Getreidesorten vorkommt und von vielen Menschen nicht vertragen wird. Die derzeit einzige Therapie für Betroffene: das strikte Meiden bestimmter Lebensmittel. Wer sich zu lange Zeit nicht daran hält, riskiert schwere gesundheitliche Schäden.
 
Von Mag. Karin Kirschbichler und Dr. Thomas Schwingenschlögl*)

Wo tut’s weh?

Eine Semmel mit Schmelzkäse, ein Roggenbrot mit Wurst, ein Salzstangerl zum Malzbier – und viele andere Gerichte und Lebensmittel, die man vordergründig nicht mit Getreide in Verbindung bringt, lösen bei Menschen mit einer Gluten-Intoleranz oft qualvolle Beschwerden aus. Bei der so genannten Zöliakie (auch gluteninduzierte bzw. glutensensitive Enteropathie oder Sprue genannt) kommt es durch den Genuss von Gluten – das ist ein Eiweiß, welches in vielen Getreidesorten vorkommt – zu einer chronischen Entzündung der Dünndarmschleimhaut. Das verursacht einerseits Beschwerden wie Durchfälle, Blähungen, Erbrechen und Bauchschmerzen.

Auf der anderen Seite führt die Entzündung des Darmes zu einer Schädigung der Dünndarmzotten. In diesen Zotten sitzen aber wichtige Verdauungszellen, die die für uns lebensnotwendigen Nährstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Proteine, Fettsäuren und Zucker aus der Nahrung herausfiltern und unserem Organismus zuführen. Gehen diese Darmzellen zugrunde, kommt es zu Verdauungsstörungen und in der Folge zu einem oft ausgeprägten Mangel an essentiellen Nährstoffen. Schwere gesundheitliche Schäden drohen. Der im Darm unverdaut zurückbleibende Nahrungsbrei verursacht zusätzliche Beschwerden.

Wer ist betroffen?

Die Zöliakie kann bereits Babys treffen, wenn etwa zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr auf getreidehaltige Kost umgestellt wird. Aber auch im Erwachsenenalter kann sie jederzeit auftreten. Sie ist definiert als eine lebenslange Unverträglichkeit unseres Körpers gegen das Klebereiweiß Gluten, das in den Getreidesorten Weizen, Roggen, Dinkel, Hafer und Gerste vorkommt.

Die Gluten-Intoleranz wird oft sehr lange nicht erkannt. Bei vielen ist der Verlauf sehr milde. Diese Menschen leiden dann unter geringen unspezifischen Beschwerden und werden oftmals gar nicht auf das Vorliegen einer Zöliakie getestet. Darum kann die Zahl der Betroffenen nur geschätzt werden. Man nimmt an, dass in Mitteleuropa jeder 300. an Zöliakie leidet. Zehn bis 20 Prozent davon weisen das Vollbild der Erkrankung mit schweren Symptomen auf.

Wie komme ich dahinter?

Fast alle Betroffenen leiden unter teils heftigen Durchfällen. Da die Fettverdauung im Darm eingeschränkt ist, wird das in der Nahrung enthaltene Fett unverdaut wieder ausgeschieden. Klebrige, fettglänzende und zum Teil massige Stühle sind die Folge. Dazu kommt es zu Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Blähungen, Bauchschmerzen und einem allgemeinen Gefühl von Unwohlsein.

Sind die Dünndarmzotten durch die chronische Entzündung weitgehend zerstört, wird der Speisebrei kaum noch verdaut. Dem Körper fehlen dann lebenswichtige Stoffe. Es kommt zu einer oft dramatischen Gewichtsabnahme und diversen Mangelerscheinungen. Durch die verminderte Aufnahme von Calcium wird der Knochen weicher, Osteoporose kann entstehen. Ein Eisenmangel führt zu Anämie und starker Müdigkeit. Ein Mangel an Vitaminen bewirkt eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte. Auffälligkeiten des Verhaltens und Depressionen sind häufig. Bei Kindern kann es zu deutlichen Entwicklungs- und Wachstumsstörungen kommen.

Wer nach dem Genuss getreidereicher Mahlzeiten unter den beschriebenen Beschwerden leidet, sollte zur genauen Abklärung zum Arzt. Durch Bestimmung verschiedener Antikörper im Blut kann eine Zöliakie nachgewiesen werden. Die endgültige Diagnose wird durch eine Biopsie des Dünndarmes gestellt. Dazu wird mittels einer Magenspiegelung ein winziges Stück Darmschleimhaut aus dem Zwölffingerdarm herausgenommen und genau im Mikroskop untersucht. Bei Zöliakie-Patienten zeigen sich charakteristische Veränderungen.

Was hilft mir?

Nach der zweifelsfreien Diagnose hilft nur eines: Eine strenge glutenfreie Diät, die man lebenslang durchführen muss. Das ist derzeit die einzige Möglichkeit, die Erkrankung zu stoppen. Die Diät bringt schon innerhalb weniger Tage eine Besserung der Beschwerden und je nach Ausmaß der Schädigung kann sich der Dünndarm ganz oder teilweise regenerieren – aber nur, wenn die Diät strikt eingehalten wird. Dafür müssen Getreidesorten mit einem hohen Glutengehalt wie Weizen, Roggen, Gerste, Dinkel und Grünkern absolut gemieden werden. Meist unbedenklich sind kleine Portionen Hafer.

Alles Böse liegt im Körberl – aber nicht nur: Getreide bzw. Gluten kommt beileibe
nicht nur im Brot vor (siehe Liste). Und es versteckt sich in vielen Lebensmitteln, in denen man es gar nicht vermuten würde. Speziell bei Fertiggerichten sollte man die Inhaltsstoffe auf der Verpackung genau prüfen. Denn häufig finden sich zumindest Spuren von Mehl, Weizenkleie und Weizenstärke. Manchmal ist Gluten direkt beigemischt. Aufpassen müssen Betroffene daher auch bei fertigen Saucen, Salatdressings und Suppen. Auch Wurst, Speiseeis, Kroketten, Kartoffelpuffer, Chips und sogar Ketchup, Senf und Schokolade enthalten manchmal Gluten.
Viele Reformhäuser, mittlerweile aber auch die großen Lebensmittelketten, bieten eine Reihe von glutenfreien Lebensmitteln an, die speziell gekennzeichnet sind („glutenfrei“, durchgestrichene Ähre). Auch Brot und Gebäck wird in glutenfreien Varianten angeboten.

Indessen forscht die moderne Wissenschaft nach Möglichkeiten, die Zöliakie zu behandeln. Eine Enzymtherapie soll Erleichterung bringen. Die Forscher haben spezielle Enzyme isoliert, die das Gluten in der Nahrung in kleine Stücke spalten, die dann den Darm nicht mehr schädigen können. Solche Medikamente soll es in Zukunft zum Schlucken geben. Bis dahin heißt es aber für alle Betroffenen: Bitte kein Gluten essen!

*) Dr. Thomas Schwingenschlögl ist Facharzt für Innere Medizin, Rheumatologie und Ernährungsmediziner in Wiener Neudorf

***************

Was tut mir gut, was nicht?

Liste für Menschen mit Gluten-Unverträglichkeit, zusammengestellt von der Ernährungswissenschaftlerin Mag. Ingrid Neugebauer, Wien

Empfehlenswert

  • Mais, Reis, Hirse, Buchweizen, Quinoa, Amaranth
  • Kastanienmehl, Kartoffel-, Mais- und Reisstärke, Sojamehl, Maisgrieß
  • Sonnenblumenkerne, Leinsamen, Sesamkerne, Kürbiskerne
  • naturbelassenes Fleisch / selbst zubereitete Fleischgerichte
  • Eier
  • Geflügel, Fisch, Krusten- und Schalentiere
  • naturbelassene Milch und Milchprodukte
  • Naturkäsesorten ohne bemehlte Rinde
  • Butter, Pflanzenöle
  • Obst, Gemüse
  • Nüsse
  • Zucker, Honig, Marmelade
  • Gewürze (keine fertige Gewürzmischung), Kräuter, Kochsalz, Essig
  • Kaffee, Tee, Kakao, Mineralwasser, Wein, Sekt
  • glutenfreie Spezialprodukte wie Brot, Backwaren, Mehl und Teigwaren

Nicht geeignet

  • Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel, Grünkern und die daraus hergestellten Produkte
  • wie Teigwaren, Brot, Gebäck, Kuchen, Semmelbrösel
  • panierte oder im Teig frittierte Speisen
  • Müsli, Kleie, Schrot, Zwieback
  • Grieß, Puddingpulver
  • Fertiggerichte (enthalten oft Mehl oder Stärke als Bindemittel)
  • Verdickungsmittel (Feuchthaltemittel) auf Weizenstärkebasis
  • Backtriebmittel mit Weizenstärke
  • Malzgetränke, Malzzuckerln, Malzkaffee
  • alle Biersorten

Kann versteckt Gluten enthalten

  • Fertiggerichte, Fertigsuppen, Fertigsaucen
  • Kartoffel-Fertigprodukte (z. B. Kroketten, Pommes frites, Kartoffelpuffer, Chips)
  • bestimmte Wurstwaren
  • pflanzliche Brotaufstriche, deren Zusammensetzung nicht genau bekannt ist
  • Fleischzubereitungen (z. B. Faschiertes)
  • Fischkonserven
  • Fruchtzubereitungen (z. B. Fruchtjoghurt)
  • Fruchtsaft mit Ballaststoffzusatz
  • Käse-, Frischkäse- und Schmelzkäsezubereitungen
  • Brühwürfel
  • Fertiggewürze, Tomatenketchup, Senf, Mayonnaise
  • Süßwaren wie Fertigdesserts, Cremespeisen, Schokolade, Speiseeis, Nougatcreme


WEBTIPP:
Österreichische Arbeitsgemeinschaft Zöliakie: www.zoeliakie.or.at

BUCHTIPP:
Wolzt, Feffer: Gesund essen & trotzdem krank. Gluten-, Lactose-, Fructose-, Histamin-Intoleranz, ISBN 978-3-902552-01-3, 144 Seiten, € 14,90,
Verlagshaus der Ärzte

     

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