Ist „bio“ besser?

Mai 2008 | Ernährung & Genuss

Das Schadstoffproblem aus ärztlicher Sicht
 
Die „Ärzte für eine schadstofffreie Nahrung“ setzen sich für eine möglichst schadstoffarme Ernährung ein. Im Gespräch mit MEDIZIN populär erläutert Primar Univ. Prof. Dr. Karl Zwiauer, Präsident des Vereins sowie Ernährungsmediziner und Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde am Landesklinikum St. Pölten, die Wichtigkeit dieses Anliegens.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

MEDIZIN populär
Herr Primar Zwiauer, die Anbieter von biologischen Lebensmitteln melden alle Jahre wieder ein Umsatzplus. 2007 haben nach einer Umfrage des Marketing-Informationsunternehmens AC Nielsen schon 85 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher beim Einkaufen zu Bio-Produkten gegriffen. Trotz der höheren Preise ist „bio“ offensichtlich auf Erfolgskurs, aber sind Bio-Produkte auch wirklich besser?

Primar Univ. Prof. Dr. Karl Zwiauer
Es bringt ganz sicher gewisse Vorteile mit sich, sich mit Lebensmitteln zu ernähren, die aus kontrollierter biologischer bzw. ökologischer Landwirtschaft stammen. Verschiedene Tests haben gezeigt, dass Bio-Produkte einen deutlich geringeren Anteil an Schadstoffen enthalten als andere Lebensmittel.

Was ist denn so schädlich an diesen anderen, nicht-biologischen Lebensmitteln?

Naja, wenn ein Erwachsener Äpfel oder Weintrauben isst, die mit Pflanzenschutzmitteln behandelt wurden, hat das höchstwahrscheinlich gar keine Auswirkungen auf seine Gesundheit, nicht einmal dann, wenn er über einen längeren Zeitraum hinweg jeden Tag große Mengen davon isst. Aber insbesondere bei Kindern bis zu drei Jahren könnte das schon eine Rolle spielen, denn ihr Körpervolumen ist im Vergleich zur Nahrungsmenge, die aufgenommen wird, sehr klein. Im Vergleich zu einem Erwachsenen und in Relation zur Körpergröße nehmen sie daher größere Mengen an Nahrung zu sich, und etwaige Schadstoffbelastungen wirken sich entsprechend intensiver aus. Das können Rückstände aus Pestiziden sein, die der Schädlingsbekämpfung dienen, oder aus Herbiziden, das sind Unkrautvernichtungsmittel. Auch Insektizide, Phytoöstrogene, Hormone und Antibiotika, die in der Mast von Rindern und Schweinen eingesetzt werden und sich als Rückstände in Fleisch- und Wurstprodukten finden, sollten kleine Kinder besser nicht zu sich nehmen.

Was können die genannten Schadstoffe im Körper der Kinder anrichten?

Dazu gibt es eine erst kürzlich publizierte wissenschaftliche Studie. Im Rahmen dieser Untersuchung hat man Kinder aus einer bestimmten Region in Südamerika, wo Pestizide und Herbizide eingesetzt wurden und auch in den Lebensmitteln enthalten waren, mit Kindern aus einer benachbarten Region verglichen, wo biologische Landwirtschaft betrieben wurde und Bio-Produkte auf den Tisch kamen. Es hat sich gezeigt, dass die Kinder aus den belasteten Gebieten gegenüber den Kindern aus den unbelasteten Gebieten in ihrer geistigen Entwicklung beeinträchtigt waren. Sie konnten sich zum Beispiel weniger merken, konnten komplexe Aufgaben schlechter lösen und ihre räumliche Vorstellungskraft war eingeschränkter als die der Kinder aus der Bio-Region.

Warum halten Sie es für besonders wichtig, Kindern in den ersten drei Lebensjahren Bio-Produkte zu geben. Oder anders gefragt: Warum ist es später nicht mehr ganz so wichtig?

Eigentlich sollte man noch früher ansetzen. Schon die werdende Mutter sollte darauf achten, dass sie sich möglichst schadstofffrei ernährt, denn alles, was sie isst, hat bekanntlich einen großen Einfluss auf den Organismus des Kindes. Aber um auf die ersten drei Lebensjahre zurückzukommen: In dieser Zeit finden entscheidende En­t­wicklungsprozesse im Gehirn statt. Bei der Ausbildung des Zentralnervensys­tems oder auch beim Aufbau des Nervengewebes spielt es eine Rolle, ob zu einem bestimmten Zeitpunkt Schadstoffe aufgenommen werden oder nicht. Die Schadstoffe können abgesehen vom Nervensystem auch das Immunsystem, das Gehirn und die Leber schädigen. Bei älteren Kindern, bei Jugendlichen und Erwachsenen sind diese Prozesse schon teilweise abgeschlossen und der Organismus reagiert nicht mehr so sensibel auf Pestizide, Herbizide, Schwermetalle oder Hormone, die über die Nahrung aufgenommen werden.

Daraus könnte man den Schluss ziehen, dass es bei Menschen ab dem dritten Lebensjahr egal ist, ob sie „bio“ essen oder nicht…

So möchte ich das auch wieder nicht sagen, denn je freier man von Schadstoffen bleibt, desto besser. Sich den Schadstoffen zu entziehen, die unsere Umwelt insgesamt belasten, ist ohnedies kaum möglich. Bei der Nahrung kann man aber wenigstens selber etwas dazu tun, um die Schadstoffbelastung zu minimieren, indem man eben biologisch isst. Man muss halt nur auch bereit bzw. in der Lage dazu sein, die leider oft wesentlich höheren Preise zu bezahlen, die für Bio-Produkte verlangt werden.

Abgesehen von der geringeren ­Schadstoffbelastung: Welche Vorteile haben Bio-Produkte noch?

Sie schmecken besser. Das hat wahrscheinlich auch dazu geführt, dass in entsprechenden Versuchen am Ludwig-Boltzmann-Institut für biologischen Landbau in Wien Ratten Bio-Karotten gegenüber herkömmlichen Karotten in einem Futterwahltest mit 81 zu 19 bevorzugt haben. Bio-Produkte sind auch länger haltbar, und wer sie konsumiert, hat außerdem noch etwas dazu beigetragen, dass auf unserer Erde nachhaltiger und im Sinn eines umfassenden Umwelt- und Tierschutzes gewirtschaftet wird. Auf biologisch bewirtschafteten Feldern ist die Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen viel größer, und wenn der Boden nicht mit Düngemitteln gedüngt wird, die für Nitrat-Rückstände in den Lebensmitteln sorgen, sondern mit organischen Mitteln, nimmt die Fruchtbarkeit zu.

Was ist „bio“?

  • KENNZEICHNUNG

Bio-Lebensmittel sind in Österreich durch folgende Hinweise gekennzeichnet:

  • aus (kontrolliert) biologischem (ökologischem) Anbau
  • aus (kontrolliert) biologischer (ökologischer) Landwirtschaft
  • aus (kontrolliert) biologischem (ökologischem) Landbau

Abgesehen davon muss auf der Verpackung eine Prüfstellennummer angegeben sein. Das Produkt kann, muss aber nicht, außerdem ein Bio-Logo tragen, wie das AMA-Biozeichen, das auf die Produktion in Österreich hinweist, oder das Bio AUSTRIA-Logo, das Produkte von Bio-Bauern aus Österreich kennzeichnet. Alle für die biologische Landwirtschaft wichtigen Vorschriften finden sich in der EU-BIO-Verordnung.

  • VERARBEITUNG

Hersteller von Bio-Lebensmitteln müssen auf viele Zusatzstoffe verzichten wie künstliche Aromata, Farbstoffe, Geschmacksverstärker, Konservierungsstoffe oder Phosphate. Auch dürfen bestimmte Verfahren nicht angewendet werden wie das chemische Härten von pflanzlichen Fetten oder die Verwendung von gentechnisch veränderten Organismen.

  • PRODUKTION

In der EU dürfen allein 350 verschiedene Sorten von Pestiziden verwendet werden. Ähnlich „großzügig“ ist man, was die Verwendung von Herbiziden und chemischen Düngemitteln angeht. Beim Anbau von biologischem Obst, Gemüse und Getreide ist die Verwendung von Chemie verboten. Dass sich das bezahlt macht, zeigte ein Vergleich von 128 internationalen Studien seit dem Jahr 1930 bis heute. Demnach ist der Pestizidgehalt in Bio-Produkten geringer als in herkömmlichen Produkten. Außerdem geringer ist der Nitrat-Gehalt. Was da wie dort gleich ist, ist der Anteil an Schwermetallen, der durch die allgemeine Umweltbelastung entsteht. Bei der Tierhaltung in der biologischen Landwirtschaft dürfen keine Antibiotika oder Hormone zum Einsatz kommen. Auch müssen Stallplätze, Käfige und Gehege so groß sein, dass die Tiere Platz haben, sich ausreichend zu bewegen.

               

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