Laktose-Intoleranz

Mai 2008 | Ernährung & Genuss

Übeltäter Milchzucker
 
Wissen Sie, warum Sie bei einem Urlaub in Thailand nur selten Milch angeboten bekommen? Weil in Südostasien fast 100 Prozent der Bevölkerung nicht in der Lage sind, Milchzucker zu verdauen. Das trifft auch auf 70 Prozent der Südamerikaner zu. Somit ist die Laktose-Intoleranz die mit Abstand am weitesten verbreitete Nahrungsmittel-Unverträglichkeit – und der Normalfall in vielen Regionen der Welt. Nicht so z. B. in Schweden, wo nur zwei Prozent betroffen sind, und in Österreich, wo der Genuss von Milch & Co schätzungsweise 15 bis 25 Prozent der Menschen Bauchweh bereitet.
 
Von Mag. Karin Kirschbichler und Dr. Thomas Schwingenschlögl*)

Wo tut’s weh?
Ein Schluck Milch, ein Löffel voll Pudding, ein Bissen vom Liptauerbrot – und schon sind sie wieder da, diese quälenden Beschwerden, die von Blähungen und übel riechenden Darmwinden, Unwohlsein, Übelkeit, Bauchdrücken und Bauchkrämpfen bis zum Erbrechen und zu Durchfällen reichen können? In diesem Fall handelt es sich ziemlich sicher um eine Milchzucker-Unverträglichkeit, hervorgerufen durch einen Mangel am Enzym Laktase im Darm. Je nach Grad des Laktasemangels können die Symptome sehr mild bis aggressiv auftreten und nehmen mit der Menge des konsumierten Milchzuckers zu. Entsprechend ist der Grad der Unverträglichkeit höchst individuell, wie viel Milchzucker vertragen wird, ist von Person zu Person verschieden.

Falsche Tapferkeit kann aber Folgen haben: Wer sich über diese Verdauungsstörung hinwegsetzt, löst eine ständige Reizung der Darmschleimhaut aus, die mit der Zeit irreparabel geschädigt wird. Damit können dann lebenswichtige Nährstoffe, Vitamine und Mineralien nicht mehr aus der Nahrung aufgenommen werden. Es kommt zu Mangelerscheinungen. So wird bei einer Unverträglichkeit von Milchprodukten das für den Knochen wichtige Kalzium zu wenig zugeführt. Das fördert das Entstehen von Osteoporose, einer Knochenerkrankung, die häufig zu vermehrten Knochenbrüchen führt. Menschen mit einer Laktose-Intoleranz sollten daher auf ärztliches Anraten Kalzium und Vitamin D als Nahrungsergänzung einnehmen.

Was fehlt mir?
Bei Menschen mit einer Milchzuckerunverträglichkeit fehlt (ganz oder teilweise) im Darm das Verdauungsenzym Laktase, welches den mit der Nahrung aufgenommenen Milchzucker (= Laktose) normalerweise verdaut. Gelangt unverdauter Milchzucker in den Dickdarm, so wird er von den dort ansässigen Darmbakterien aufgenommen und vergoren. Die Gärungsprodukte verursachen dann die typischen Symptome wie Blähungen und Durchfall. Im Erwachsenenalter produziert unser Körper generell weniger Laktase als im Säuglings- und Kindesalter. Das ist ganz normal und erklärt auch, warum die Symptome einer Milchzucker-Unverträglichkeit oft erst mit zunehmendem Lebensalter auftreten.
Vorsicht: Nicht zu verwechseln ist die Laktose-Intoleranz mit einer echten Allergie gegen Kuhmilch-Eiweiß, die bei Säuglingen häufig vorkommt und durchaus ernste Symptome bis hin zu lebensbedrohlichen Zuständen auslösen kann.

Warum ich?
Laktasemangel kann verschiedene Ursachen haben. Neben der weltweiten Verbreitung eines relativen Laktasemangels, der genetisch bestimmt ist, gibt es auch eine angeborene absolute Laktose-Intoleranz, bei der das Enzym Laktase überhaupt nicht gebildet werden kann. Diese Erkrankung führt zu einer schweren Beeinträchtigung des Wachstums und der Kindesentwicklung und muss behandelt werden.
Auch diverse Krankheiten unseres Verdauungssystems können zu einer Schädigung jener Zellen des Darmes führen, die das Enzym Laktase produzieren, und damit eine Laktose-Unverträglichkeit auslösen: Bakterielle und virale Darm­entzündungen, manche Autoimmunerkrankungen wie chronische Darmentzündungen oder Zöliakie (Gluten-Unverträglichkeit), Operationen mit teilweiser oder totaler Magenentfernung sowie Darmoperationen, Strahlen- und Chemotherapie bei Krebs, aber auch chronischer Alkoholmissbrauch sind mögliche Ursachen einer erworbenen Laktose-Intoleranz.

Wie komme ich dahinter?
Die meisten Betroffenen kommen durch eine exakte Selbstbeobachtung bereits zur Diagnose. Der Diättest kann die Befürchtung bestätigen: Wenn durch eine laktosefreie Diät über mehrere Tage die Beschwerden verschwinden, dann ist eine Laktose-Intoleranz sehr wahrscheinlich. Für eine solche Diät müssen Sie alle Milchprodukte meiden. Achten Sie auch auf versteckten Milchzucker, z. B. in vielen Fertiggerichten!
Möchten Sie es noch genauer wissen, können Sie nach einer solchen Diät einen Expositionstest durchführen. Trinken Sie ein Glas Wasser mit darin aufgelösten 50 bis 100 Gramm Milchzucker. Treten danach innerhalb kurzer Zeit die bekannten Symptome wieder auf, besteht eine Laktose-Intoleranz. Milchzuckerlösungen sind in Apotheken und Drogerien erhältlich.
Ist die Diagnose durch Selbstbeobachtung nicht eindeutig zu belegen, hilft der Arzt mit Tests wie dem H2-Atemtest (im Bild oben), dem Blutzucker-Test, Gentest oder (sehr selten) einer Gewebsprobe aus dem Dünndarm.

Was kann helfen?
Die meisten Arten des Laktasemangels (natürlich, angeboren) sind nicht heilbar. Ein erworbener Laktasemangel nach bestimmten Krankheiten kann sich manchmal wieder geben, wenn die Grundkrankheit erfolgreich behandelt wurde.
Durch eine milchzuckerarme bis -freie Diät, die man lebenslang einhalten muss, kann man die Beschwerden in den Griff bekommen. Ergänzend zu einer Diät kann das Verdauungsenzym Laktase auch in Form von Kapseln oder Kautabletten zugeführt werden. Ihre Dosierung sollte dem Gehalt an Milchzucker in der Nahrung angepasst werden. Dies ist oft schwer abzuschätzen und bedarf einiger Erfahrung. Im Grunde bleibt nur die richtige Ernährung, bei der Sie im Zweifelsfall professionellen Rat einholen sollten.

Wichtige Tipps
Der meiste Milchzucker findet sich in der normalen Kuhmilch, bei uns auch als „süße“ Milch bezeichnet. Sauermilchprodukte werden trotz eines hohen Gehalts an Laktose meist wesentlich besser vertragen. Grundsätzlich gilt: Je länger ein Lebensmittel gereift ist, desto kleiner ist der Gehalt an Milchzucker. Käsesorten wie Parmesan oder Appenzeller, die lange reifen, bevor sie verzehrt werden, sind daher besser verträglich als ein junger Käse wie Gouda.
Vorsicht vor verstecktem Milchzucker: Laktose wird in der Lebensmittelindustrie oft Nahrungsmitteln wie Brot, Fertiggerichten und Wurstwaren zugesetzt. Auch diverse Süßigkeiten enthalten oft Milchzucker (siehe Liste). Da seit kurzem durch eine neue Verordnung zur Kennzeichnung von Lebensmitteln auch Milchzucker auf der Packung angeführt werden muss, können Sie sich selbst von der Unbedenklichkeit eines Produktes überzeugen. Milchzucker ist als Bindemittel auch in vielen Medikamenten enthalten. Der Arzt oder Apotheker kann bei Bedarf jedoch milchzuckerfreie Alternativen nennen.
Inzwischen kommen immer mehr Produkte mit dem Hinweis „laktosefrei“ bzw. „milchfrei“ auf den Markt. Außerdem gibt es heute auch laktosearme Milch und fermentierte Milchprodukte mit lebenden Laktobazillen, die generell gut vertragen werden.

INFOTIPP:
Unter www.oeaie.org finden Sie eine Liste von Ernährungsmedizinern in Österreich.

*) Dr. Thomas Schwingenschlögl ist Facharzt für Innere Medizin, Rheumatologe und Ernährungsmediziner in Wiener Neudorf

*************
Was tut mir gut, was nicht?
Liste für Menschen mit Laktose-Intoleranz, zusammengestellt von der Ernährungswissenschaftlerin Mag. Ingrid Neugebauer, Wien

Empfehlenswert:

  • Joghurt mit lebenden Joghurtkulturen (siehe Hinweis auf der Packung)
  • Hartkäse (z. B. Parmesan)
  • Laktosefreies Brot
  • Laktosefreie Milch (enthält meist noch ca. 5 % der normalen Menge an Milchzucker, wird aber gut vertragen)
  • Obst, Gemüse
  • Fleisch, Fisch
  • Nüsse
  • Kartoffeln, Reis, Nudeln
  • Hülsenfrüchte
  • Getreide, Getreideflocken
  • Mineralwasser, Tee, Kaffee

In Maßen geeignet:

  • Butter, Margarine
  • Helle Brotsorten

Nicht geeignet:

  • Alle Milchprodukte, die nicht durch Bakterien stark verändert wurden: Milch, Molke, Milchpulver, Schlagobers, Frischkäse, Kefir, Topfen
  • Süß- und Nachspeisen wie:  Schokolade, Pudding, Kuchen, Speiseeis
  • Fertigprodukte wie: Müsli, Kartoffelbrei, Knödel, Ketchup, Senf, Saucenbinder

Folgende Produkte können Laktose enthalten:

  • Süßwaren: Sahne- und Karamelbonbons, Nougat, Nuss-Nougat-Creme, Pralinen, diverse Riegel, Eiscreme, Kaubonbons
  • Brot- und Backwaren, Knäckebrot, Kräcker, Kekse, Milchbrötchen, Kuchen, Backmischungen, Müsli­mischungen
  • Instant-Erzeugnisse: Kartoffelpulver (z. B. für Püree, Knödel), Suppe, Saucen, Cremes
  • Fertiggerichte: Konserven, Tiefkühlgerichte, Fertiggemüse, Fleisch- und Wurstwaren, Leberwurst, Wurstkonserven, Margarine
  • Salatsaucen, Mayonnaise
  • Pesto
  • Fischkonserven


BUCHTIPP:

Wolzt, Feffer:
Gesund essen & trotzdem krank. Gluten-, Lactose-, Fructose-, Histamin-Intoleranz.
ISBN 978-3-902552-01-3

144 Seiten, EUR 14,90 Verlagshaus der Ärzte
   

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