Patchwork-Familie: Meine Kinder, deine Kinder, unsere Kinder

Juli 2008 | Gesellschaft & Familie

Die Krisen und Chancen der (Patchwork-)Väter
 
Rund 400.000 Menschen in Österreich leben in Patchwork-Familien. Tendenz ebenso steigend wie die Zahl der Scheidungen. Der Gesetzgeber reagiert nun auf den gesellschaftlichen Trend und ist bestrebt, die Stiefeltern mit mehr Rechten und Pflichten auszustatten. Indessen finden sich viele Väter in der schwierigen Situation zwischen Ex-Partnerin und neuer Partnerin, zwischen eigenen und nicht eigenen Kindern. Lesen Sie, wie die (Patchwork-)Papas damit zurechtkommen können.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

„Jetzt darf ich mein Kind nur mehr alle 14 Tage sehen, und das auch nur im Beisein der Kindesmutter! Das ist ausgesprochen belastend“, klagt Günter H., der sich seit seiner Scheidung vor einigen Monaten als „verwaister Vater in Not“ sieht. Wie ihm geht es vielen Vätern nach dem Ende einer Beziehung: Im Kampf um die Obsorge erleben sie sich als Trennungsopfer, als „Zahlväter“ mit gesetzlich reglementiertem Besuchsrecht.

Immer mehr Männer machen deshalb mobil und kämpfen für ihre Vaterrechte. Was die Nöte der „verwaisten Väter“ nicht mindert: Die Kindesmütter haben die Gesellschaft auf ihrer Seite und können auf den „Mutterbonus“ zählen. „Die weit verbreitete Ansicht ist, dass Kinder die Mütter dringender brauchen als die Väter. Bei strittigen Scheidungen werden sie fast immer der Mutter zugesprochen“, erklärt Dr. Ekkart Schwaiger, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Psychotherapeut und Mediator für Trennungs-, Scheidungs- oder Erbschaftsstreitigkeiten in Wien. „Dabei kann es vorkommen, dass der Vater mehr Kontakt zu den Kindern hat oder ihnen liebevollere Gefühle entgegenbringt als die Mutter. Wenn die Kinder dann trotzdem der Mutter zugesprochen werden, ist das besonders kränkend.“ Wut, Frustration und Ohnmachtsgefühle sind die Reaktionen der Betroffenen. „Gerade jetzt habe ich einen Mann in Therapie, der sich den Bedingungen, die die Mutter stellt, total ausgeliefert fühlt“, berichtet Schwaiger.

Kämpfen oder nicht?
Wie geht ein gekränkter Vater am besten mit diesen Gefühlen um? „Es gibt die Möglichkeit zu kämpfen oder zu trauern, dann zu akzeptieren und den Kontakt mit den Kindern so gut wie möglich zu halten“, weiß Schwaiger, der sich im Zuge seiner eigenen Scheidung für die zweite Variante und gegen den Kampf entschieden hat. „Bei den Kindern bleibt die Sehnsucht nach beiden Elternteilen erhalten. Wenn die Fronten durch diverse Kämpfe nicht total verhärtet sind, suchen die Kinder irgendwann, spätestens in der Pubertät, den Vater.“ Deshalb warnt der Psychotherapeut davor, um jeden Preis das eigene Recht durchzusetzen und den Konflikt vor Gericht auszufechten. „Der Vater kann damit etwas erzwingen, was die Exfrau womöglich sabotiert oder die Kinder in einen schweren Zwiespalt bringt. Sie wissen nicht, wie sie sich entscheiden sollen, weil sie keinen kränken wollen“, so der Psychotherapeut. Er empfiehlt dem Vater, sich selbst und den Kindern Zeit zu geben. „Die meisten Kinder versuchen möglichst lange, die Eltern wieder zusammenzubringen“, ergänzt Schwaiger. „Wenn das scheitert, kann es sein, dass sie sich gegen den wegziehenden Elternteil, zumeist den Vater, entscheiden. Das passiert nicht aus einer bewussten Strategie heraus, sondern aus der Notwendigkeit, sich mit demjenigen gut zu stellen, bei dem sie leben.“ Diese Ablehnung macht den Vätern zusätzlich zu schaffen. „Wenn Wut, Trauer, Verzweiflung und Selbstwertzweifel nicht adäquat gelebt und verarbeitet werden können, können bei entsprechender Veranlagung Depressionen bis hin zur Suizidgefahr ausgelöst werden sowie die gesamte Palette der psychosomatischen Erkrankungen“, warnt der Mediziner.

Innenschau
Welche psychotherapeutischen Maßnahmen helfen dem Mann über die Trennungskrise hinweg? „Ich versuche, ihn dabei zu unterstützen, die subjektive Wirklichkeit herauszuarbeiten, das heißt die unbewussten Motive, die Vorstellungen oder Wunden aus der Kindheit, um in der Folge die wirklichen Bedürfnisse und Möglichkeiten zu entdecken“, erklärt Ekkart Schwaiger. „Die Sichtweise, wie jemand die Welt erlebt – ob liebevoll oder feindlich – entwickelt sich nämlich schon sehr früh, in der Vorschulzeit. Wird sie nicht aufgearbeitet, behält man sie das ganze Leben bei.“ Die neuere Hirnforschung hat herausgefunden, dass die Wahrnehmung zu mehr als 90 Prozent durch die eigene Geschichte gefiltert wird. „Die Aufgabe ist es, die eigenen Stolpersteine zu erkennen und anders als gewohnt und also nicht mehr automatisch damit umzugehen“, formuliert Schwaiger das Ziel. Im Zuge der Bewusstseinsarbeit kommen die Männer zu ganz unterschiedlichen, mitunter überraschenden Ergebnissen: „Da gibt es Väter, die im leiblichen Kind ihr inneres Kind entdecken, dem sie geben wollen, was sie selbst nicht hatten. Manche Väter kommen drauf, dass sie eigentlich mit den Kindern nichts anfangen können. Andere entdecken, dass der Abstand, der durch die Trennung entsteht, für sie genau richtig ist“, berichtet der Therapeut.

Partner und Stiefvater
Ist die Trennungskrise erst bewältigt und der Mann frisch verliebt, ergeben sich im Rahmen einer neuen Partnerschaft oft neue Herausforderungen – etwa, wenn die Frau ein Kind mit in die Beziehung bringt. „Schwierig ist dabei für den Mann, dass er die Frau will und mit dem Kind plötzlich eine Zugabe kriegt, die er eigentlich nicht will“, erklärt Ekkart Schwaiger. „Da gilt es zu akzeptieren, dass es diese Frau quasi nur ,im Kombipack‘ gibt.“ Ist die Frau außerdem schon länger getrennt, hat sich möglicherweise eine sehr enge Mutter-Kind-Beziehung entwickelt, und der Mann wird vom Nachwuchs als Eindringling erlebt. Hier steht der frisch Verliebte einem ablehnenden oder gar feindseligen Kind gegenüber. Es kann aber auch sein, dass der Mann in eine kindliche Geschwisterrivalität verfällt und mit dem Kind um die Gunst der Frau konkurriert. Damit steht die junge Liebesbeziehung auf dem Spiel. „Indem der Mann um die Frau wie um eine Mutter kämpft, verliert er die Achtung der Frau und den Machtkampf mit dem Kind, weil die Mutter-Kind-Beziehung älter und möglicherweise tragfähiger ist“, so Schwaiger, der aus seiner Praxis ein weiteres Beispiel für unaufgearbeitete Geschwisterrivalität gibt: „Einer meiner Klienten hat eigene Kinder, die Frau hat Kinder mitgebracht und dann haben sie noch gemeinsame Kinder. Die Schwierigkeit ist, dass jeder misstrauisch beäugt, ob der Partner die eigenen Kinder bevorzugt, ihnen etwas zusteckt, was dadurch den mitgebrachten oder den gemeinsamen Kindern weggenommen wird.“ Der Grund für den Konflikt? „Hier spielt die Angst mit, dass die eigenen Kinder genauso benachteiligt werden wie der Mann sich in der Kindheit den Geschwistern gegenüber benachteiligt gefühlt hat.“ Das Bewusstmachen von alten Überzeugungen, Konzepten und automatisierten Verhaltensweisen ist deshalb wesentlich, damit sich besonders in Lebenskrisen gesunde Beziehungen entwickeln können.

Klare Trennung
Ob der geschiedene Mann noch die Trennung verarbeitet oder bereits am Beginn einer neuen Partnerschaft steht – im Idealfall ist die alte Beziehung innerlich komplett abgeschlossen. „Wirklich getrennt ist ein Paar, wenn beide Seiten auch anerkennen können, was an der Beziehung gut war“, veranschaulicht Ekkart Schwaiger. „Wenn man soweit ist, kann sich auch ein gutes Einverständnis bezüglich der Kinder entwickeln.“ Dies ermöglicht dem Vater nicht nur eine intakte Beziehung zu den leiblichen Kindern, sondern ist auch die Basis, um unbelastet in eine neue Liebesbeziehung zu gehen und sich als Patchwork-Papa zu behaupten. „Wenn die Trennung gut gelingt, kann eine neue Beziehung des Geschiedenen eine Bereicherung auch für die Kinder der neuen Partnerin sein, da er als ­neuer Partner weitere Anregungen und Sichtweisen mitbringt“, weiß der Psychotherapeut.
Und: „Möglicherweise kann der Stiefvater mit den anderen Kindern Seiten von sich leben und erleben, zu denen er mit seinen eigenen Kindern noch keinen Zugang hatte.“

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Ist mein Kind ein „Kuckuckskind“?
Immer mehr Väter machen den Test
Ist der Rosenkrieg entflammt, verstärken sich bei so manchem Mann die Zweifel an der Vaterschaft. Um Klarheit zu bekommen, ob die Kinder wirklich die eigenen sind, lassen immer mehr Väter eine DNA-Analyse vornehmen – österreichweit werden im Jahr etwa 5000 Vaterschaftstests durchgeführt. Mittels Analyse kann eine Vaterschaft zu 99,99 Prozent bestätigt bzw. zu 100 Prozent ausgeschlossen werden. Als DNA-Spurenmaterial kommen etwa Haare mit Wurzeln oder Speichelproben in Frage. „Die meisten Personen kommen für einen privaten Test zu jeweils 420 Euro, Aufträge von Gericht kommen in zirka zehn Prozent der Fälle“, berichtet die Molekulargenetikerin Mag. Susanne Haas vom Wiener Labor „Confidence“. Man geht davon aus, dass in Österreich rund zehn Prozent aller Kinder so genannte Kuckuckskinder sind.
      

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