Das Geheimnis der Siegertypen

November 2008 | Leben & Arbeiten

Mit mentaler Stärke Ziele erreichen
 
Was für den Spitzensport gilt, lässt sich auch im Berufsleben beobachten: Es gibt Siegertypen, ewige Zweite und ewige „Verlierer“. Mentale Stärke macht den Unterschied. Aber wie lässt sie sich erreichen? In MEDIZIN populär verrät Sportpsychologe Dr. Alois Kogler, wie man sich zu Höchstleistungen motiviert und wie man mit Niederlagen umgehen lernt.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Noch ist die Skiweltcupsaison jung, doch die ersten Rennen sind schon gefahren, und spätestens, wenn im Februar die Weltmeisterschaften im Nationalsport Österreichs ausgetragen werden, werden wir wieder Zeugen eines Phänomens sein, das wir auch aus anderen Spitzensportarten kennen. Wieder wird es die einen geben, die öfter als alle anderen schneller und besser als alle anderen sind, und daher häufiger als alle anderen am Stockerl stehen. Und wieder wird es die ewigen Zweiten und die ewigen Vierten und die noch schlechter Platzierten geben, die immer eine „Medaillenhoffnung“ bleiben. Was haben Siegertypen á la Hermann Maier und Benjamin Raich, was die anderen nicht haben? In sportwissenschaftlicher Fachliteratur steht zu lesen, dass Erfolge im Sport zu zwei Prozent auf die Technik zurückzuführen sind und zu 28 Prozent auf die körperliche Verfassung. Zu 70 Prozent mache den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage das aus, was der jeweilige Sportler sozusagen im Kopf hat. Der Grazer Sportpsychologe Dr. Alois Kogler, der auch Lektor an den Instituten für Psychologie und Sportwissenschaften an der Universität Graz ist, bestätigt diese These. „Je größer die mentale Stärke eines Sportlers ist, desto erfolgreicher ist er“, sagt er und verdeutlicht: „Das heißt, ein Sportler ist umso erfolgreicher, je besser er neben der technischen Ausrüstung und seinem Körper auch die Fähigkeiten seines Gehirns nutzen kann, je besser er seine Gedanken und Gefühle einsetzt, um das Ziel, Sieger zu werden, zu erreichen.“

Schneller, höher, weiter wollen
„Ich will gewinnen!“ Nach diesem Motto haben ganz offensichtlich auch Niki Lauda, Steffi Graf und Armin Assinger während ihrer sportlichen Laufbahn gehandelt, gefühlt und gedacht. Mit ihren beruflichen Erfolgen als Millionenshow-Moderator, Sportjournalistin bzw. Gründer und Chef einer Fluglinie sind die drei heute der beste Beweis dafür, dass man mit den mentalen Fähigkeiten, die im Sport zum Erfolg führen, auch im Berufsleben weit kommen kann. Der frühere Extremkletterer Thomas Bubendorfer gibt sein im Sport gewonnenes Wissen sogar in Kursen an Manager weiter und zeigt vor, wie man lernen kann, seine mentale Stärke zu vergrößern und auf diese Art und Weise den Weg aus der zweiten Reihe in die erste zu finden.

Aber kann das jeder? „Ja, denn die Grundvoraussetzung dafür haben wir alle“, sagt Dr. Kogler. „Das ist nämlich unser Gehirn, das von seiner Struktur her so angelegt ist, dass es sozusagen die antiken Prinzipien ,citius, altius, fortius‘, also ,schneller, höher, stärker bzw. weiter‘ in sich trägt, es möchte Neues tun, möchte Neues entdecken, möchte sich weiterentwickeln.“ Was für die Neandertaler überlebensnotwendig war und sich die Hochleistungssportler zunutze machen, könne, so der Experte weiter, auch dem Angestellten von der Bank ums Eck und der Friseurin im Laden daneben beim Hinaufklettern auf der Karriereleiter helfen. Dafür müssten sie im Prinzip nur drei Fähigkeiten ausbauen, sagt Dr. Kogler. „Das sind das so genannte Commitment oder die Fähigkeit, sich zu engagieren, die Fähigkeit, sich Ziele zu setzen und zu visualisieren, also in Bildern vorauszudenken, wie man diese Ziele erreicht und wie sich der Erfolg anfühlt.“ Drittens, so der Experte weiter, brauche es noch die Fähigkeit, genug Selbstdisziplin aufzubringen, um oft und gut genug trainieren zu können, wie die einzelnen Schritte am Weg zu den Zielen am besten gesetzt werden.

Commitment oder Engagement zeigen
„Wer gefordert und gefördert wird, ist automatisch engagiert“, sagt Psychologe Kogler. Wer sein Engagement selbst steigern möchte, „bemüht sich selbst darum, gefordert und gefördert zu werden“. Was beim Spitzensportler Trainer und Sponsoren erledigen, könnten bei der Friseurin oder dem Bankangestellten die Chefin, der gute Freund oder auch ein professioneller Coach übernehmen. Kogler gibt Beispiele: „Der Bankangestellte fragt seine Chefin, ob er nicht einmal statt am Schalter eine Zeitlang in der Kreditabteilung mitarbeiten darf, die Friseurin fragt ihren Chef, ob sie einen Teil seiner Stammkunden übernehmen darf.“ Wichtig für das Engagement seien auch rasche Rückmeldungen – die man, sofern sie nicht kommen, am besten ebenfalls aktiv einholt.

Ziele setzen und visualisieren
Kogler: „Die zweite Eigenschaft, die mental starke Menschen haben, ist eine gute Fähigkeit, sich Ziele zu setzen und zu visualisieren, was sie zu einem bestimmten Zeitpunkt erreicht haben wollen.“ So wie Skirennläufer kurz vor dem Start noch einmal in Gedanken die Strecke befahren und dabei auch in die Hocke gehen oder sich zur Seite legen, stellt sich der Bankangestellte beispielsweise am Abend vor dem wichtigen Kundengespräch vor, wo die Kunden sitzen werden, wie er das Gespräch einleitet, was die Kunden sagen könnten und was er darauf antworten würde. „Auf diese Art und Weise ist er gegen vieles gewappnet, kann nicht mehr viel falsch machen und ist auf dem Weg zum Sieger schon einen großen Schritt weiter“, sagt Kogler.
Auch mittel- und langfristige Visualisierungen sind wichtig. Sie helfen dabei, sich nicht auf den kleinen Erfolgen auszuruhen und dabei die nächsten Ziele aus den Augen zu verlieren. So wie der Skirennläufer sich nach dem Sieg im ersten Weltcuprennen vorstellt, dass er in der folgenden Saison Weltcupsieger wird, stellt sich der Bankangestellte nach dem gelungenen Kundengespräch vor, wie er in einem Jahr das Büro des Filialleiters bezieht. „Das Visualisieren so ferner Ereignisse gelingt besser, wenn man in seine Vorstellungen Details einbezieht“, rät Kogler. Der Bankangestellte könnte sich beispielsweise schon überlegen, welchen Anzug und welche Krawatte er beim Einzug in das Chefbüro tragen wird.

Selbstdisziplin beweisen
Drittes wichtiges Element für mehr mentale Stärke ist genug Selbstdisziplin, um immer wieder und hochwertig trainieren zu können, wie die gedanklichen Vorstellungen am besten in die Realität umgesetzt werden. Kogler sagt: „Man muss üben, das Denken und Fühlen mit den körperlichen Reaktionen und dem Handeln in Einklang zu bringen.“ So wie der Abfahrtsprofi zigmal mit Kopf und Körper trainiert, wie er am besten die Mausefalle auf der Streif in Kitzbühel bewältigt, übt die Friseurin am besten in Gedanken und an Frisurenmodels, extravagante Stufenschnitte oder Bobs zu schneiden. Das kann, wie Kogler weiß, einige Zeit in Anspruch nehmen, denn ehe wir eine Bewegung automatisch wie gewünscht und perfekt ausführen, müssen wir sie 10.000 Mal perfekt ausgeführt haben.

Niederlagen als Chance sehen
Wer daran verzagt und sogar scheitert, kann sich auch wieder etwas von Spitzensportlern abschauen: Wie man am besten mit Niederlagen umgeht, ja sogar, wie man immer wieder mit derart viel Stil verliert, dass man auch als ewiger Zweiter, Vierter oder noch schlechter Platzierter in die Sportgeschichte eingeht wie etwa Werner Grissmann oder Gerhard Berger. Psychologe Kogler sagt: „Das Geheimnis besteht darin, die Niederlage als Chance zu sehen, und zwar in dem Sinn, dass man nun ja weiß, was man besser machen könnte.“ Um letzteres zu erkennen, bedarf es allerdings der Fähigkeit, offen und ehrlich zu sich selber zu sein. Auch eine Möglichkeit: Beim Coach, dem guten Freund oder der Chefin nachfragen, was man besser machen kann und sich aufbauen lassen, indem man sich eine so genannte Vertrauensübertragung holt. „Es wäre ideal, wenn einem jemand sagt, du kannst das schon, da vertraue ich dir.“

Wenn nötig Schlussstrich ziehen
Keinesfalls sollte man nach Niederlagen eines tun: Negative Selbstgespräche nach dem Motto „Immer geht alles schief“ führen. „Dann besteht die Gefahr der sich selbst erfüllenden Prophezeiung, und man führt möglicherweise genau das herbei, was man nicht möchte“, sagt der Experte, räumt aber ein, dass es manchmal auch einen Punkt gibt, an dem es besser wäre, doch das Ziel zu vergessen und sich neu zu orientieren, um vielleicht in einer anderen Branche und in einem anderen Job an die Spitze zu gelangen. Diesen Punkt erkennen wir, indem wir uns drei Fragen stellen. Diese lauten: Will ich meinem Ziel im nächsten Jahr noch genauso viel Arbeitszeit opfern, wie ich es in diesem Jahr getan habe? Will ich mein Leben weiterhin diesem Ziel unterordnen? Werde ich dabei weiterhin Spaß haben? Psychologe Kogler: „Lautet auch nur eine dieser Antworten Nein, so ist klar, dass ein Schlussstrich mit anschließendem Neuanfang die beste Lösung ist.“

BUCHTIPP:

Kogler, Die Kunst der Höchstleistung. Sportpsychologie, Coaching, Selbstmanagement, ISBN 978-3-211-29129-0, 304 Seiten, € 34,90 Verlag Springer, Wien New York 2006
 

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