Seelenpflege stärkt die Psyche

Dezember 2008 | Leben & Arbeiten

Zweimal täglich Zähne putzen, abends das Gesicht gut reinigen, die Nägel immer gerade schneiden… Tipps für die Körperpflege gibt es viele, aber wie pflegt man die Seele, damit sie gesund bleibt?
 
Von Mag. Karin Kirschbichler

Rund zwei Millionen Krankenstandstage pro Jahr gehen in Österreich auf das Konto psychischer Erkrankungen. Die meisten davon sind auf Depressionen zurückzuführen. Diese Zahl, die vor kurzem am Welttag der psychischen Gesundheit präsentiert wurde, „ist in Wirklichkeit noch viel höher“, sagt die Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin Dr. Elisabeth Oedl-Kletter. „So werden viele physische Beschwerden oft gar nicht mit der Psyche in Verbindung gesetzt. Denken Sie nur an Rückenschmerzen, die ja oft einen seelischen Ursprung haben, aber als körperliches Leiden behandelt und registriert werden.“

In Österreich leiden rund 640.000 Menschen an einer depressiven Erkrankung, weltweit schätzt man die Zahl der Betroffenen auf rund 121 Millionen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO befürchtet eine seuchenartige Ausbreitung, so dass Depressionen bis zum Jahr 2020 nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen den zweiten Platz in der Liste der häufigsten Krankheiten einnehmen und somit Krebs auf Platz drei verweisen. „Keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit“, postuliert die WHO, die Rufe nach vorbeugenden Maßnahmen werden immer lauter.
„Die tägliche Seelenpflege soll genauso selbstverständlich werden wie das tägliche Zähneputzen“, lautet entsprechend der Grundgedanke des Salzburger Kuratoriums für psychische Gesundheit, dem Dr. Oedl-Kletter als Vorstandsmitglied angehört. Dazu gilt es zunächst, der eigenen Seele Aufmerksamkeit zu schenken und herauszufinden, was ihr „schmeckt“ und was nicht. Und weil die psychischen Bedürfnisse höchst individuell sind, lassen sich für die Seelenpflege keine allgemeingültigen Regeln und Rezepte formulieren, wohl aber Anregungen, mit denen jeder sein persönliches Seelenpflege-Paket schnüren kann.

Aufmerksamkeit nach innen lenken

Mehrmals täglich innehalten und die Aufmerksamkeit nach innen lenken – das empfiehlt Oedl-Kletter zur Pflege der Seele. Hilfreich ist, sich dabei folgende drei Fragen zu stellen:

1.   Mache ich das, womit ich gerade beschäftigt bin, wirklich gern?
2.   Mache ich es auf die Art und Weise, die mir entspricht?
3.   Mache ich es in der für mich richtigen Umgebung/mit den richtigen Menschen?

„Zumindest einer der drei Faktoren ist in den allermeisten Fällen veränderbar“, sagt die Psychotherapeutin. „Statt sich etwa darüber zu grämen, bei strahlendem Wetter die Erdäpfel in der finsteren Küche schälen zu müssen, könnte man den Topf schnappen und die Arbeit auf dem sonnigen Balkon verrichten“, gibt Oedl-Kletter ein Beispiel. „So hat man sich dazu entschieden, dieselbe Tätigkeit in einer anderen Umgebung auszuüben – und auf eine gesunde, die Seele pflegende Weise reagiert.“ Und wenn gar nichts hilft, wenn weder Tätigkeit, noch Art und Weise noch Umgebung verändert werden können, wenn schlichte Pflichterfüllung angesagt ist? „Wer’s ausprobiert, wird feststellen, dass das extrem selten der Fall ist. Falls doch, dann ist es immer noch besser“, sagt die Therapeutin, „wenn ich mich zumindest gefragt habe, was ich selber will, und meinem Bedürfnis damit Aufmerksamkeit geschenkt habe. Wenn ich mich trotz inneren Widerstands dazu entscheide, etwas zu tun, z. B. um unangenehme Konsequenzen zu vermeiden, dann nehme ich automatisch eine andere,gesündere‘ Haltung ein.“ So wie ein Kind weniger zornig ist, wenn man ihm erklärt, warum es das gewünschte Eis nicht bekommt, anstatt ihm den Wunsch auszureden.

Passenden Rhythmus finden

Die Lebenszeit dritteln – auch das hat sich laut Dr. Oedl-Kletter als Pflegebalsam für die Seele erwiesen: Acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit, also zu annähernd gleichen Teilen passiv, aktiv durch äußere Vorgaben sowie aktiv durch Selbstbestimmung sein, hat sich als gesunde Mischung zwischen Anspannung und Entspannung herausgestellt. Zumindest eineinhalb bis zwei Tage in der Woche frei von fixen Terminen sein, z. B. ein Wochenende verbringen, an dem absolut nichts auf dem Programm steht – wer über längere Zeit auf diese Freiräume verzichten muss, wird irgendwann die negativen Auswirkungen spüren.
Dabei geht es in der Freizeit nicht ums Nichtstun. Nicht jeder entspannt sich im Liegestuhl. Manche kommen vielleicht beim Fensterputzen oder Unkrautjäten, beim Radfahren oder Work-out zur Ruhe. „Das muss jeder für sich herausfinden“, sagt Oedl-Kletter. Und wenn einem nichts einfällt? „Wenn man die Freiräume nicht aushält, keine eigenen Bedürfnisse findet, sondern stets Vorgaben von außen braucht – dann schlägt die Seele bereits Alarm. Und dann sollte man die Freiräume nicht zustopfen, damit man das unangenehme Alarmsignal weder hört noch spürt. Dann sollte man sich so bald wie möglich professionelle Unterstützung holen, um eine Strategie zu entwickeln, wie man auf seine individuelle Art eine Form von Muße entwickeln kann.“ So können schlimmere Folgen für die seelische Gesundheit verhindert werden.

Eigene Tempolimits setzen

Die Geschwindigkeit an die eigenen Bedürfnisse anpassen – ein wichtiger Bestandteil im Pflegepaket der Seele. „Die Frage nach dem passenden Tempo“, sagt Oedl-Kletter, „kommt in unserer Gesellschaft viel zu kurz. Es ist zum Allgemeingut geworden, dass schneller immer besser ist, es gilt als selbstverständlich, stets die schnellste Möglichkeit anzustreben. Und das ist nicht für jeden Menschen sinnvoll.“ Manchen mag es zuträglicher sein, sich an die alte chinesische Weisheit zu halten: Wenn du es eilig hast, gehe langsam. Auch hier gibt es keine Faustregel, jeder sollte sich selbst das für die jeweilige Situation passende Tempolimit setzen und sich möglichst nicht von der Norm mitreißen lassen.
Die Lösung von der scheinbaren Normalität, in der wir leben, kann auch in anderer Hinsicht eine pflegende Wirkung auf die Seele haben. „Ich erlebe oft in meiner Praxis“, erzählt die Psychotherapeutin, „dass sich Menschen für gestört halten, weil sie z. B. nicht einschlafen können, nachdem sie die Zeitung gelesen und die Nachrichten im Fernsehen angeschaut haben. Und ich sage ihnen dann: Das ist ein gutes Zeichen, dass Sie das nicht aushalten. Der Mensch ist nicht dazu da, derartig von Informationen überschwemmt zu werden, wie das für uns heute scheinbar normal geworden ist. Und es ist gesund, für sich zu erkennen, dass es einem besser geht, wenn man abends auf Nachrichten und Zeitung verzichtet.“

Gradmesser Genussfähigkeit

Wie kann man erkennen, ob man die richtige Pflege für die Seele gewählt hat? „Der Übergang zwischen Gesundheit und Krankheit ist natürlich fließend“, sagt Oedl-Kletter. „Ein wichtiger Gradmesser, wie weit man sich sozusagen vom gesunden Bereich entfernt hat, ist die Genussfähigkeit.“ Wenn man sich am Ende eines Tages, zumindest an ein paar Momente erinnern kann, die man wirklich genossen hat, besteht kein Anlass zur Sorge. Ob das der Sonnenuntergang war, den man bei der Heimfahrt angehimmelt hat, oder das Stück Torte, das man sich am Nachmittag auf der Zunge zergehen ließ, oder das Bad, das man sich am Abend gegönnt hat – wichtig ist, dass es selbst an anstrengenden, schwierigen Tagen erinnerbare Situationen gibt, die man mit allen Sinnen wahrnehmen und genießen konnte. Man weiß, dass Menschen, die objektiv gesehen schweren Belastungen ausgesetzt sind wie einem Todesfall oder einer schweren Krankheit, ihre Situation erstaunlich gut bewältigen, wenn sie irgendetwas haben, worüber sie sich richtig freuen können. Oedl-Kletter: „Genussfähigkeit ist somit nicht nur ein guter Gradmesser für den Zustand der Seele, sondern auch ein starker Schutzschild gegenüber Belastungen.“

 

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