Bett oder Büro?

Oktober 2008 | Medizin & Trends

Wann man sich unbedingt schonen und zum Arzt gehen sollte
 
Nicht nur draußen vor der Tür, auch am Arbeitsplatz weht der Wind immer rauer. Dementsprechend geht die Zahl der Krankenstandstage weiter zurück. Immer mehr Beschäftigte quälen sich trotz Husten, Halsweh und Fieber in die Arbeit. Manchmal ist das für die Betreffenden nicht nur beschwerlich, sondern ernsthaft gesundheitsgefährdend. Lesen Sie in MEDIZIN populär, in welchen Fällen man unbedingt ärztlichen Rat einholen und das Bett hüten soll.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Matt und mit glasigen Augen sitzt die Kollegin in der Besprechung, ihr akustischer Beitrag beschränkt sich im Wesentlichen auf regelmäßige Hustenanfälle und heftiges Niesen. „Das wird schon wieder“, meint sie tapfer, als sich ein Kollege später nach ihrem Befinden erkundigt. Wahrscheinlich hat sie Recht: Oft verschwindet eine Verkühlung nach einigen Tagen von selbst wieder. In einigen Fällen sollte man jedoch – Bürostress hin, angespannter Arbeitsmarkt her – unbedingt einen Arzt aufsuchen.
Dass die Patientinnen und Patienten immer seltener in Krankenstand gehen, beobachtet auch Dr. Henriette Hospodka, Ärztin für Allgemeinmedizin und Fachärztin für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten sowie Ästhetische Chirurgie im HNO-Bereich in Wien. „Die meisten kommen erst, wenn sie Schmerzen haben und es ihnen richtig schlecht geht“, berichtet sie. „Es passiert nicht selten, dass ich einem Patienten dringend zu einigen Tagen Krankenstand raten muss.“ Denn ein verschleppter Infekt kann eine schwere Folgeerkrankung oder sogar gefährliche Komplikationen nach sich ziehen. Außerdem werden die Krankheitserreger beim Husten oder Niesen via Tröpfchen übertragen – und verbreiten sich flugs im Kollegenkreis. Um bald wieder hergestellt zu sein, sollte man deshalb auf den eigenen Körper hören – und bei den nachfolgend beschriebenen Anzeichen auf die Ärztin oder den Arzt seines Vertrauens.

Schnupfen
Die Nase rinnt und das Kundengespräch wird ein paar Mal von kräftigem Niesen unterbrochen. So lästig er ist – ein gewöhnlicher Schnupfen ist kein Grund, der Arbeit fernzubleiben. „Patienten, die ansonsten gesund sind, können bei einem Schnupfen mit klarem Sekret sicher ins Büro gehen“, erklärt Henriette Hospodka. „Zusätzlich empfehle ich Meersalztropfen aus der Apotheke, welche die Patienten beliebig und ohne ärztliche Verschreibung nehmen können.“ Wenn zusätzlich Schmerzen und/ oder Nasenbluten auftreten oder sich die Farbe des Nasensekrets verändert, sollte man allerdings bei einem Arzt vorstellig werden. „Wenn das Sekret gelb oder grün wird, könnte eine Nasen-Nebenhöhlenentzündung dahinterstecken“, betont die Medizinerin.

Halsweh
Schmerzen beim Schlucken oder ein Kratzen im Hals können die Begleiterscheinung einer Verkühlung, aber auch Anzeichen für eine Mandelentzündung sein. Wenn Gurgellösungen oder Lutschtabletten keine Linderung bringen und man außerdem fiebert, sollte man sich auf alle Fälle ärztlich untersuchen lassen. „Manchmal wird eine Blutabnahme verordnet, um festzustellen, ob eine virale oder bakterielle Infektion vorliegt“, erläutert Henriette Hospodka. Wer trotz anhaltender Symptome nicht zum Arzt geht, riskiert, dass die Infektion sich auf andere Organe wie das Herz oder die Nieren überträgt. „Im Zuge einer bakteriellen Infektion könnte es zu Absiedlungen der Bakterien auf die Herzklappen kommen – eine seltene, aber besonders gefährliche Komplikation“, warnt die HNO-Ärztin.
 
Husten
Ob es sich um trockenen Reizhusten  handelt oder aber um feuchten Husten mit Auswurf – wenn die Beschwerden länger als ein paar Tage andauern, sollte man einen Arzt konsultieren. „Trockener Husten wird meistens von einem viralen Infekt verursacht“, erklärt Hospodka. „Man sollte abklären lassen, ob der Reizhusten z. B. durch eine Sekretion aus der Nase oder den Nasennebenhöhlen verursacht wird.“ Schleimproduzierender Husten kann von einer Erkältung, einer Bronchitis oder Lungenerkrankung herrühren. „Bei diesem Husten sollte durch einen Arzt abgeklärt werden, ob nicht eine Lungenentzündung vorliegt“, rät die Ärztin. Ist man aufgrund eines Infekts geschwächt – sei es ein viraler oder bakterieller – und geht trotzdem zur Arbeit, riskiert man eine so genannte Superinfektion, d. h. zum bestehenden Infekt kommt noch ein weiterer hinzu. „Wir hatten heuer bereits einige Patienten in unserer Ordination, die trotz einer Infektion arbeiten gegangen sind, sich mit Hausmittelchen über Wasser gehalten haben und schließlich an einer Lungenentzündung erkrankt sind“, berichtet Hospodka von Fällen aus ihrer Praxis.

Kopfschmerzen
Mit Kopfschmerzen in erträglichem Ausmaß ist man durchaus arbeitsfähig – ausschlaggebend ist, wie fit man sich sonst fühlt. „Wenn die Kopfschmerzen allerdings so stark sind, dass die Konzentration darunter leidet, rate ich bestimmten Berufsgruppen mit großer Verantwortung, etwa Piloten, vom Arbeiten ab“, erklärt die Allgemeinmedizinerin Hospodka. Wenn sich das Kopfweh nach ein bis zwei Tagen Schmerzmitteleinnahme nicht bessert und sich außerdem Fieber und ein Krankheitsgefühl einstellen, könnte eine Infektion dahinterstecken, die ärztlich abgeklärt werden muss. „Auch eine Sinusitis, eine Entzündung der Nasennebenhöhlen, wird mitunter von Kopfweh begleitet“, ergänzt die Ärztin.

Ohrenschmerzen
Ohrenschmerzen werden von vielen Patienten wesentlich schlechter toleriert als Kopfschmerzen – entsprechend häufiger wird deshalb ein Arzt konsultiert, beobachtet Hospodka. „Der Schmerz ist meistens stärker – ähnlich den Zahnschmerzen“, berichtet sie. Als Ursache kommen Infektionen im Bereich des Gehörgangs oder des Mittelohrs in Frage. „Auch Wirbelsäulenprobleme können mitunter auf das Ohr ausstrahlen“, ergänzt die Ärztin. Seltener sind Kiefergelenksprobleme die Ursache.

Durchfall und Erbrechen
Bei Brechreiz, Erbrechen oder Durchfall sollte man keinesfalls ins Büro gehen – die Symptome können auf eine ansteckende Magen-Darmvirus-Erkrankung hinweisen. „In diesem Fall heißt es: zu Hause bleiben und viel trinken, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen“, rät Henriette Hospodka. Tritt nach ein, spätestens zwei Tagen keine Besserung ein, ist ein Arztbesuch angezeigt.

Fieber
Fieber ist ein häufiges Krankheitssymptom, auf das jeder Mensch anders reagiert: Während sich manche bei knapp 38 Grad schon sterbenskrank fühlen, sind andere noch putzmunter. „Manche fiebern schon bei einer leichten Verkühlung stark an, andere fiebern äußerst selten“, veranschaulicht Hospodka. Wenn das Thermometer auf 37,9 und mehr klettert und man sich außerdem krank fühlt, sollte man zu Hause bleiben. „Zum Arztbesuch rate ich bei Fieber ab 38,5 Grad Celsius“, sagt die Ärztin. Auch wer über einen längeren Zeitraum subfebril ist, also eine erhöhte Temperatur hat, sollte sich untersuchen lassen. „Ständig erhöhte Temperatur kann auf einen Infekt hindeuten, z. B. eine Mittelohrentzündung oder eine Tropenkrankheit nach einer Auslandsreise.“
 
Geschwollene Lymphknoten
Lymphknotenschwellungen, die länger als zwei, drei Wochen andauern, sollten ärztlich kontrolliert werden. Schmerzhafte Schwellungen können verschiedene Ursachen haben, z. B. Erkältungs- oder Grippeviren. „Mit einer Blutuntersuchung überprüfen wir, ob eine schwere Infektion oder eine Erkrankung des Lymphatischen Systems dahintersteckt“, so die HNO-Ärztin Hospodka.

Steifer Nacken
Nackenschmerzen sind oft auf Verspannungen der Halsmuskulatur zurückzuführen. „Das Zervikalsyndrom ist meist durch unsere Körperhaltung bedingt: Wir betreiben zu wenig Sport und arbeiten sehr viel sitzend am Computer“, berichtet Hospodka. „Auch Zugluft kann der Auslöser für Nackenschmerzen sein.“ Zur Linderung empfiehlt sie heiße Duschen, Massagen und Akupunktur. Wenn die Beschwerden nicht nachlassen oder zusätzlich Gleichgewichtsstörungen oder Ohrgeräusche (Tinnitus) auftreten, ist eine eingehende HNO-ärztliche Untersuchung notwendig.

Allgemeines Krankheitsgefühl
Ein Krankheitsgefühl solle niemals ignoriert werden, betont die Fachärztin Hospodka. „Bei Symptomen wie Schwäche, Schüttelfrost, Muskelschmerzen oder Gelenksbeschwerden sollte man einen Arzt aufsuchen.“
Das Fazit der Ärztin: „Wer sich krank fühlt, bleibt besser einen Tag zu Hause oder geht zum Arzt – nicht zuletzt, um zu vermeiden, dass sich die Erkrankung verschlimmert und sich langwierige Folgeerkrankungen einstellen.“

 

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Krankfeiern – nein danke!

Aktuelle Statistiken belegen es: Aufgrund der schwierigen Arbeitsmarktsituation gehen die Österreicher immer seltener in Krankenstand. Der für lange Zeit niedrigste Wert aus dem Jahr 1997 (auf 1000 Erwerbstätige entfielen 13.178 Krankenstandstage) wurde 2005 neuerlich unterboten: Auf 1000 Erwerbstätige entfielen nur noch 12.085 Krankenstandstage. Auch die Krankenstandsdauer nimmt ab: Durchschnittlich dauerte ein Krankenstandsfall bei Männern 11,8 Tage (vgl. 12,7 Tage 1997) und bei Frauen
11,1 Tage (12,0 Tage). (Quelle: Statistik Austria)

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Richtig Fieber messen

Ob noch erhöhte Temperatur oder schon Fieber –  für die korrekte Temperaturanzeige ist ausschlaggebend, wo man misst. „Die Körpertemperatur wird am besten mit einem Ohrthermometer im Ohr oder rektal, also im After, gemessen“, erklärt die Allgemeinmedizinerin und Fachärztin für Hals-, Nasen- und Ohrenerkrankungen Dr. Henriette Hospodka. Das Messen in der Achselhöhle ist die ungenaueste Methode. Hospodka: „Wenn man unter dem Arm misst, zeigt das Thermometer mindestens ein halbes Grad zu wenig an.“

 

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Immunsystem stärken

Damit es nicht so leicht zu Fieber, Husten & Co kommt, kann man das Immunsystem mit verschiedenen Maßnahmen stärken, allen voran mit viel frischer Luft und gesunder Ernährung. „Speziell Patienten, die immer wieder erkranken, empfehle ich die Grippeimpfung“, ergänzt die Wiener Allgemeinmedizinerin und Fachärztin für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten Dr. Henriette Hospodka.
„Außerdem gibt es die Möglichkeit, Immunmodulatoren zu verabreichen.“ Mit diesen Medikamenten lässt sich die Immunabwehr gezielt in jenen Bereichen stärken, die immer wieder von Infekten betroffen sind, z. B. im Bereich der Bronchien. „Bei häufigen Beschwerden im Bereich der Nasennebenhöhlen oder Bronchien hilft außerdem ein Aufenthalt am Meer oder in den Bergen“, so Hospodka.
Besonders anfällig für Infektionserkrankungen sind Allergiker. „Durch die Allergie sind die Schleimhäute der Patienten angeschwollen, bei einer Milbenallergie sogar ganzjährig, – der beste Nährboden für Bakterien“, erläutert die Ärztin. Mit einer entsprechenden Behandlung, etwa einer Impftherapie, lässt sich die Immunabwehr stärken.
           

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