Das kaputte Knie

Juni 2008 | Medizin & Trends

Wenn Knorpelschäden zur Qual werden
 
Sie können einem das Leben zur Hölle machen: Knorpelschäden im Knie sind eine Ursache für starke und dauerhafte Schmerzen. MEDIZIN populär erklärt, was man dagegen tun kann und wie man am besten vorbeugt.
 
Von Mag. Michael Krassnitzer

Das Kniegelenk hat’s nicht leicht. Auf ihm lastet beinahe das gesamte Gewicht des Körpers. Beim Laufen oder beim Bergabgehen beträgt diese Belastung das bis zu Vierfache des Körpergewichts. Verletzungen und Abnutzungserscheinungen im Kniegelenk führen daher zu starken, anhaltenden Schmerzen – insbesondere, wenn die Knorpel an den Gelenksflächen von Oberschenkel und Unterschenkel betroffen sind. Denn hier, mitten im größten Gelenk des menschlichen Körpers, bewegen sich Oberschenkel und Schienbein gegeneinander.

Schier unerträgliche Schmerzen
Anfänglich machen sich Knorpelschäden durch Schmerzen bei Belastungen wie Bergabgehen oder Treppensteigen bemerkbar. Mit der Zeit treten die Schmerzen auch bei längerem Sitzen auf. Bei fehlender Behandlung wird der Knorpel brüchig, fasert aus und bricht ab. Sobald der Knorpel abgebrochen ist und die Knochenoberfläche freiliegt, werden die Schmerzen schier unerträglich.
Die Medizin unterscheidet zwischen genau lokalisierbaren Knorpelverletzungen und diffusen abnutzungsbedingten Knorpelschäden, der Arthrose. Doch die Arthrose ist nicht nur eine unvermeidliche Alterserscheinung: „In vielen Fällen steht eine Knorpelverletzung am Beginn einer Arthrose“, erklärt der Wiener Unfallchirurg und Sportarzt Univ. Prof. Dr. Christian Gäbler, Oberarzt an der Universitätsklinik für Unfallchirurgie in Wien und Leiter einer Sportordination in Wien, der aufgrund seiner Erfahrung auf dem Gebiet der Sporttraumatologie als Chief Medical Officer für die medizinische Betreuung aller Spitzenteams während der Fußball-Europameisterschaft eingesetzt wird. „Knorpelverletzungen sollten daher unbedingt behandelt werden!“ Eine andere häufige Ursache für Knorpelschäden ist eine Beinfehlstellung, die durch eine entsprechende Operation beseitigt werden muss. Erst dann macht die Behandlung der entstandenen Knorpelverletzungen Sinn.
Verletzungen des Knorpels im Kniegelenk entstehen durch abrupte Stöße oder in Zusammenhang mit anderen Knieverletzungen. Die Bandbreite reicht von Prellungen über Risse bis hin zu Absprengungen von Knorpelstücken. Das Problem dabei ist, dass Knorpelgewebe sich von selbst kaum wieder herstellt. Körpergewebe regeneriert sich normalerweise dadurch, dass durch den Blutkreislauf Stammzellen an die verletzte Stelle transportiert werden, aus denen dort neue Gewebszellen wachsen. Doch Knorpelgewebe ist nicht durchblutet. Die wenigen Stammzellen, die aus der Gelenksflüssigkeit in den Knorpel gelangen, reichen bei weitem nicht aus, um die Knorpelverletzungen zu reparieren.

Gute Behandlungsmöglichkeiten
Mittels Kernspintomographie (MRI) oder Arthroskopie („Kniespiegelung“) können Knorpelverletzungen gut diagnostiziert werden. Entgegen der früheren Ansicht, dass man gegen Knorpelschäden machtlos ist, bietet die moderne Medizin eine Reihe von Möglichkeiten, um Knorpelverletzungen zu behandeln:

Mosaikplastik
Dabei wird Knorpel aus Bereichen des Kniegelenkes, an denen er nicht gebraucht wird, entnommen. Diese Knorpelzylinder werden dann in den Knorpeldefekt eingesetzt und heilen dort ein. Mit dieser Methode können kleinere Knorpeldefekte in den Belastungszonen des Kniegelenkes behandelt werden.

Mikrofrakturierung
Dabei wird der Knochen mit einer Art Ahle angebohrt, so dass Blutgefäße in den verbliebenen Knorpel einsprießen. So gelangen Stammzellen an die betroffene Gelenksfläche und bilden einen stabilen und belastbaren Ersatzknorpel. Meist ist der Knorpelschaden schon nach wenigen Monaten nicht mehr erkennbar.

Knorpeltransplantat
Größere Defekte werden mit Knorpeltransplantation behandelt. Dazu muss in einer ersten Operation Knorpel entnommen werden. Dieser wird dann außerhalb des Körpers kultiviert und vermehrt. Ungefähr sechs Wochen nach der ersten Operation kann dann der neu gezüchtete Knorpel an der schadhaften Stelle als Transplantat eingesetzt werden.

Zusätzlich zu diesen Therapien kommen auch Medikamente zum Einsatz: Zum einen eine medikamentöse Kombinationstherapie, oftmals bestehend aus Chondroitinsulfat und Glucosaminulfat, zum anderen die so genannten Aufbauspritzen, die Hyaluronsäure enthalten. Weiters kann der Arzt auch zur Einnahme diverser Nahrungsergänzungsmittel raten.

Künstliches Kniegelenk
Bei einer Arthrose, also der altersbedingten generalisierten Knorpelabnutzung, kommt man mit den beschriebenen Eingriffen nicht weit. Die Arthrose wird in der Regel allein medikamentös behandelt – ob mit Spritzen oder Kombinationstherapie, ist von Patient zu Patient verschieden. Ziel ist es, die weitere Zerstörung des Knorpelgewebes zu verzögern, die Regenerationsfähigkeit zu verbessern und die Schmerzen zu verringern. Das gilt auch für Sportler: Bei Marathonläufern etwa finden sich häufig nur diffuse Veränderungen des Knorpels, die sich mit einer medikamentösen Kombinationstherapie aus Chondroitinsulfat, Glukosaminsulfat und Kollagen sowie einer Trainingsoptimierung sehr gut behandeln lassen.
Ist das Kniegelenk aufgrund einer ausgeprägten Arthrose oder einer schweren Verletzung zu stark geschädigt, bleibt nur noch ein künstliches Kniegelenk. Wann es soweit ist, hängt vom Leidensdruck des Betroffenen ab. Sind die Schmerzen so stark, dass man zum Beispiel in der Nacht aufwacht oder nur noch kurze Gehstrecken ­bewältigen kann, dann wird eine Prothese operativ eingesetzt.
„Diese Operationen haben inzwischen ihren Schrecken verloren“, bekräftigt Unfallchirurg Gäbler. Zwar könnten Kniegelenke – im Gegensatz zu künstlichen Hüftgelenken – noch nicht mittels minimal invasiver Eingriffe („Schlüssellochchirurgie“) eingesetzt werden, doch seien die Zugänge mittlerweile so klein geworden, dass Komplikationen deutlich geringer ausfielen als früher. „Die älteste Patientin, der ich ein neues Knie gemacht habe, war über 90 Jahre alt, und sie litt fürchterlich darunter, dass sie aufgrund ihrer Schmerzen das Haus nicht mehr verlassen konnte. Inzwischen geht sie wieder fröhlich spazieren – dem 100er entgegen“, berichtet der Experte.
Weil die Lebensdauer eines künstlichen Kniegelenks durchschnittlich 15 Jahre beträgt und eine Zweitimplantation ungleich schwieriger ist, versuchen die Ärzte in der Regel, den Einsatz der Prothese bis ins sechste Lebensjahrzehnt hinauszuzögern. Bei Sportlern allerdings, die durch zahlreiche Verletzungen das betroffene Gelenk komplett zerstört haben, muss oft schon in jüngeren Jahren ein künstliches Gelenk eingesetzt werden. Sport und künstliches Kniegelenk schließen einander übrigens keineswegs aus: Radfahren, Schilaufen, Langlaufen, Wandern, Golfen oder Tanzen sind absolut erlaubt. Nur vom Ball- und Laufsport raten Experten ab.

 

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Knieschäden vermeiden:
Hobbyfußballer aufgepasst!

„Die beste Therapie für den Knorpel ist die Prävention“, betont Unfallchirurg und Sportarzt Univ. Prof. Dr. Christian Gäbler. Zum einen besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Auftreten der Arthrose und Übergewicht. Abnehmen ist also nicht nur für den Kreislauf, sondern auch für die Knie eine Wohltat.
Als knieschonende Sportarten empfiehlt Gäbler Radfahren, Schwimmen oder Nordic Walking. Und Stiegensteigen – allerdings nur hinauf; hinunter ist nach Möglichkeit der Lift zu nehmen.
Und wer hobbymäßig dem Ballsport frönt, sollte folgende Vorsichtsmaßnahmen beherzigen: Wer untrainiert Fußball oder Handball spielt, läuft unter Ärzten als „Knee Abuser“, weil die damit verbundenen, raschen Stop-and-go-Bewegungen eine enorme Belastung für das Knie darstellen. „Wer Ballsport betreibt, muss auch Kondition und Koordination trainieren sowie Krafttraining machen, denn Muskelmasse schützt das Kniegelenk“, weiß Gäbler, der selbst begeisterter Läufer, Mountainbiker und Schifahrer ist. Folglich sind Profisportler viel weniger häufig am Knie verletzt als Amateure, die diesen Ratschlag nicht befolgen.

        

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