Der heilsame Wechsel

September 2008 | Medizin & Trends

Die guten Seiten der Hormonumstellung
 
Die Wechseljahre mit all ihren Begleiterscheinungen bringen vieles im Leben einer Frau durcheinander – und manche Leiden zum Verschwinden. Die moderne Medizin macht sich die heilsamen Seiten der Hormonumstellung zunutze, indem sie im Kampf gegen bestimmte Frauen-Krankheiten das Klimakterium künstlich einleitet. MEDIZIN populär informiert, wie das vor sich geht.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Wenn eine Frau das 40. Lebensjahr hinter sich hat, der Zyklus einmal länger und einmal kürzer dauert und die monatlichen Blutungen einmal stärker ausfallen und ein anderes Mal wieder schwächer, ist davon auszugehen, dass sie sich im so genannten Wechsel befindet. Was sich in dieser Zeit verändert, ist der Hormonstatus: Dies, weil rein altersbedingt Hirnanhangdrüse und Eierstöcke nach und nach die Produktion der Östrogene einstellen, was wiederum dazu führt, dass auch weniger Gestagene, Gelbkörperhormone, produziert werden. Ist es mit der Ausschüttung der beiden weiblichen Geschlechtshormone vorbei, bleibt die Menstruation gänzlich aus und die Frau kann nicht mehr schwanger werden.
Dass die Wechseljahre auch Klimakterium genannt werden, was aus dem Griechischen kommt und so viel wie „kritischer Zeitpunkt im Leben“ heißt, hat aber noch ein paar andere Gründe. Die Frauen, die die Umstellung ohne körperliche und seelische Beschwerden überstehen, sind in der Minderheit. „Ein Drittel der Frauen leidet ständig und sehr stark unter den Wechseljahren, und ein weiteres Drittel hat immerhin ab und zu Wechselbeschwerden“, sagt Univ. Prof. Dr. Christian Singer von der Klinischen Abteilung für Spezielle Gynäkologie am Wiener AKH. Aber, so Prof. Singer: „Mit einem maßgeschneiderten, auf die individuelle Problemlage abgestimmten Therapie-Paket können heute die meisten Symptome der Wechseljahre zumindest gelindert, manchmal sogar ganz beseitigt werden.“ So ein Therapie-Paket kann aus der Einnahme von Medikamenten gegen die einzelnen Beschwerden bestehen, in speziellen Fällen und nach genauer Abwägung von Nutzen und Risiko, auch aus Hormongaben sowie aus einer Lebensstiländerung. Auch pflanzliche Helfer wie Phytohormone, Isoflavone und andere aus Soja & Co kommen mitunter zum Einsatz.

Einschneidender Eingriff
Die Veränderung hat aber auch ihre guten Seiten. Sie bringt einen Einstieg in einen neuen Lebensabschnitt mit sich, der vielfach mit der Entwicklung einer neuen Gelassenheit einhergeht. Außerdem ist man die monatliche Blutung los, braucht beim Sex nie mehr an die Verhütung denken. Und schließlich kann die Hormonumstellung noch etwas sehr Wertvolles nach sich ziehen: Sie ist imstande, ein paar Frauen-Krankheiten einfach so zum Verschwinden zu bringen. Endometriose-Herde, gutartige Geschwülste wie Myome und auch Zysten hören im Wechsel auf zu wachsen, schrumpfen oft sogar wieder und bilden sich manchmal ganz zurück, was Operationen und sonstige Therapien überflüssig macht. In, wenn auch sehr seltenen, Fällen ist das sogar bei bösartigen Tumoren so.
Bei Frauen, die unter den genannten Krankheiten leiden und noch mehr oder weniger weit vom Klimakterium entfernt sind, macht sich die moderne Medizin diese Wirkung des Wechsels zunutze, indem sie ihn künstlich herbeiführt. „Der künstliche Wechsel ist allerdings ein einschneidender Eingriff in den Hormonhaushalt einer Frau und wird daher in erster Linie dann eingeleitet, wenn andere Heilmethoden aus bestimmten Gründen nicht für die Behandlung in Frage kommen oder bereits versucht wurden und nicht zum erwünschten Erfolg geführt haben“, sagt Singer. Was manchmal auch der Fall ist: Die Frau wird vor oder nach einer Operation zur Optimierung des Heilerfolgs in den künstlichen Wechsel versetzt.

Von heute auf morgen
Die Hormonumstellung zu erreichen, ist methodisch einfach. Dafür braucht die Betroffene nur Tabletten schlucken, oder sie bekommt eine Injektion, die für einen Monat oder auch gleich für drei Monate reicht. Die verabreichten Medikamente bestehen aus Substanzen, die bewirken, dass die Hirnanhangdrüse die Produktion von Östrogenen und Gelbkörperhormonen einstellt. Dies allerdings nicht wie im natürlichen Wechsel nach und nach, sondern von einem Tag auf den anderen. Nach sechs bis acht Wochen sind erste Heilerfolge bemerkbar. Um die Heilwirkung zu stabilisieren wird der künstliche Wechsel aber oft auch länger aufrechterhalten. Singer: „Wie lang, das ist von Fall zu Fall verschieden, das kann einige Monate dauern, wenn es um die Therapie von Endometriose geht, aber es können auch Jahre daraus werden, wenn die Betroffene zum Beispiel eine Brustkrebspatientin ist.“
Die Frage, die sich jede stellt: Wenn schon der natürliche Wechsel für viele Frauen so schwer zu ertragen ist, wo sich der Hormonstatus nach und nach verändert, was geschieht dann, wenn man von heute auf morgen mit derselben Umstellung zurechtkommen muss? Zum einen bewirkt das Versetzen in den künstlichen Wechsel, dass der Zyklus nicht mehr stattfindet, die Monatsblutung ausbleibt und eine Schwangerschaft unmöglich wird, was für viele Frauen bereits eine unerwünschte und belastende Nebenwirkung der Hormontherapie ist. Außerdem ist damit zu rechnen, dass auf einmal dieselben Symptome auftreten, wie im natürlichen Wechsel: Von den Hitzewallungen über die Schlafstörungen bis hin zu Depressionen ist alles möglich. „Die meisten Frauen haben, nachdem sie in den künstlichen Wechsel versetzt wurden, mit ausgeprägten Hormonentzugserscheinungen zu kämpfen“, weiß Singer. Aber: „Mit Medikamenten, die gezielt gegen die einzelnen Symptome eingesetzt werden, werden die Nebenwirkungen oft zumindest gelindert, manchmal auch ganz beseitigt.“

Wechsel lässt sich stoppen
Wird die Hormonblockade beendet, nimmt die Hirnanhangdrüse besonders bei jüngeren Frauen unter 35 Jahren ihre Tätigkeit rasch wieder auf und die Wechseljahressymptome verschwinden so plötzlich, wie sie gekommen sind. Zyklus und Monatsblutung stellen sich wieder ein, die Fruchtbarkeit ist wieder gegeben. Bei Frauen über 35 müsse man allerdings mit einer deutlich eingeschränkten Fruchtbarkeit rechnen, sagt Singer. Besteht noch ein Kinderwunsch, könne die Medizin nachhelfen. „In solchen Fällen sollten Betroffene möglichst rasch ein spezialisiertes Fertilitätsinstitut aufsuchen, um sich dort über die Möglichkeiten moderner Reproduktionsmedizin zu informieren.“

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Künstlicher Wechsel:
Wem kann die Methode helfen?

Myome
Die gutartigen Geschwülste finden sich in der Gebärmutter von 25 bis 30 Prozent aller Frauen. Wenn sie keine Beschwerden verursachen, können sie unbehandelt bleiben. Eine Therapie wird dann empfohlen, wenn die Myome zu sehr starken Regelblutungen führen, benachbarte Organe belasten wie die Harnblase oder den Darm, oder wenn ein Kinderwunsch besteht und die Lage der Myome dessen Erfüllung unmöglich macht. Meistens werden die Myome durch eine Operation entfernt, manchmal auch durch die Einleitung des künstlichen Wechsels oder eine Kombination aus Operation und künstlichem Wechsel. Durch den Hormonentzug schrumpfen die Myome, sie können allerdings auch wieder wachsen, wenn die Hormontherapie beendet ist.

Zysten
Auch Zysten sind eine sehr häufige Frauenkrankheit, zehn Prozent der Frauen leiden darunter. Die gutartigen Geschwülste an den Eierstöcken führen häufig zu schmerzhaften Regelblutungen, aber auch zu Unterbauchschmerzen und einer Zunahme des Bauchumfangs. Wenn sich die Zysten drehen, treten sehr starke Schmerzen auf, oft gepaart mit Erbrechen oder sogar einem Kollaps. Auch Zysten werden durch eine Operation entfernt, manchmal in Kombination mit dem künstlichen Wechsel. Die Hormonreduktion lässt sie genau wie die Myome und die Endometriose verschwinden, nur tauchen auch sie oft wieder auf, wenn der hormonelle Normalzustand wieder hergestellt wird.

Endometriose
Bei der Endometriose haben sich Teile aus der Gebärmutterschleimhaut anderswo im Körper angesiedelt, wo sie sich bei jeder Menstruation zusammenkrampfen und bluten, was Schmerzen verursacht. Unter Endometriose leiden zehn bis 15 Prozent der Frauen, die meisten Betroffenen, zwei Drittel, sind unter 35 Jahre alt. Neben den Schmerzen zählt der unerfüllte Kinderwunsch zu den Symptomen, weil die Gewebestückchen meistens die Eileiter verkleben. Die gängige Therapie ist eine Operation, bei der die Gewebeteilchen entfernt werden. Kommt eine Operation nicht in Frage oder reicht sie nicht aus, um die Beschwerden zu lindern, wird der Wechsel künstlich eingeleitet. Durch die Einstellung der Produktion der weiblichen Geschlechtshormone trocknen die Gewebeteilchen aus und sterben ab. Die Therapieerfolge: Die Menstruationsschmerzen hören auf, die betroffene Frau kann schwanger werden. Dies allerdings nur so lang, bis sich keine neuen Endometriose-Herde gebildet haben, was nach der Beendigung der Hormontherapie und der Wiederherstellung des natürlichen Hormonstatus oft der Fall ist.

Krebs
Brustkrebs, Eierstockkrebs und Gebärmutterkrebs zählen ebenfalls zu den Anwendungsgebieten des künstlichen Wechsels. So wie die bösartigen Tumoren durch die weiblichen Geschlechtshormone oft zum Wachstum angeregt werden, kann ihr Wachstum umgekehrt gestoppt werden, wenn Produktion und Ausschüttung der Hormone gegen Null gehen. Bei Krebspatientinnen ist der künstliche Wechsel Teil eines Therapiepakets, zu dem eine Operation und oft auch eine Chemotherapie zählen.
            

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