Frauen und Rauchen

Mai 2008 | Medizin & Trends

Über die spezifischen Gefahren des Tabakkonsums für Frauen
 
„Rauchen lässt Ihre Haut altern“, ist vielleicht der Warnhinweis auf Zigarettenpackungen, der Frauen am meisten erschaudern lässt. Dabei drohen gerade ihnen weit schlimmere Folgen. So steigt die Zahl der Lungenkrebsfälle bei Raucherinnen dramatisch an, das Osteoporose-Risiko ist erhöht und auch die Fruchtbarkeit der Frau wird durch den Tabakkonsum beeinträchtigt. Für MEDIZIN populär informiert eine Expertin über die spezifischen Gefahren des Tabakkonsums für Frauen.
 
Von Mag. Michael Krassnitzer

Der Marlboro-Man war gestern. Heute ist der typische Raucher kein Mann in den besten Jahren mehr, sondern jung, arm und weiblich. Der typische Raucher ist also eine Raucherin. Und das macht die Sache nur noch schlimmer: „Rauchen stellt für jeden Menschen eine große Gefahr für die Gesundheit dar. Aber bei Frauen kommen noch einige zusätzliche Risikofaktoren dazu“, erklärt Univ. Prof. Dr. Anita Rieder vom Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien.

Es sind in erster Linie vier Gefahren des Rauchens, von denen allein Frauen betroffen sind:

  • Raucherinnen haben ein erhöhtes Osteoporose-Risiko. Die Tatsache, dass Raucherinnen früher in die Wechseljahre kommen, steigert die Gefahr des Knochenschwunds noch weiter: Bei Frauen steigt mit Einsetzen der Menopause das Osteoporose-Risiko deutlich an.
  • Die Fruchtbarkeit von Raucherinnen ist im Vergleich zu Nichtraucherinnen herabgesetzt. Dieser Umstand hat sich auch bei In-vitro-Fertilisationen herausgestellt.
  • Schwangere Raucherinnen erleben öfters Früh-, Fehl- und Totgeburten. Weil der Tabakkonsum ein verlang­samtes Wachstum des Kindes im Mutterleib verursacht, haben auch Kinder, die termingerecht zur Welt kommen, ein geringeres Geburtsgewicht. Die Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft rauchen, haben häufiger Atemwegs- und Mittelohrinfektionen.
  • Die Kombination von Rauchen und Pille stellt eine große Gefahr dar: Raucherinnen, die hormonelle Verhütungsmittel benutzen, haben ein höheres Risiko, eine Venenthrombose zu bekommen. Ein solches Blutgerinnsel kann Gefäße verstopfen und damit einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder ein tödliches Lungenödem verursachen. Ab 35 Jahren und ab mehr als 15 Zigaretten täglich ist dieses Risiko besonders erhöht, auch für Herzkranzgefäßerkrankungen. „Wenn Sie in dieser Situation sind, sprechen Sie unbedingt mit Ihrem Arzt oder ihrer Ärztin darüber“, mahnt Rieder.

In Österreich gibt es rund eine Million Raucherinnen
„In Österreich gibt es etwas über eine Million Raucherinnen“, konstatiert Rieder. Der Anteil rauchender Frauen an der Bevölkerung ist in den letzten Jahrzehnten drastisch angestiegen. Machte er 1972 nur ein Drittel des Raucheranteils der Männer aus, so hat er sich seither auf hohem Niveau immer weiter dem Anteil der Männer genähert.
Und die Raucherinnen werden immer jünger: Heute beginnen Mädchen schon im Alter von zwölf bis 13 Jahren zu rauchen – Burschen fangen im Durchschnitt ein Jahr später damit an. Seit 1990 hat sich der Anteil der Raucherinnen unter den Mädchen mehr als verdoppelt. Mittlerweile qualmen die Mädchen sogar mehr als die Burschen. Dass es insgesamt noch immer mehr Raucher als Raucherinnen gibt, liegt allein an den Altersgruppen über 60: jene „voremanzipatorischen“ Generationen, in denen Rauchen bei Frauen gesellschaftlich noch stärker abgelehnt wurde.

„Diese Entwicklung des Rauchverhaltens lässt sich auch an den Lungenkrebserkrankungen ablesen“, erläutert Rieder. Während die Zahl der Neuerkrankungen bei Männern sinkt, ist sie bei den Frauen im Steigen. Ungefähr 1000 Österreicherinnen sterben jährlich an Lungenkrebs. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO ist das Rauchen an 90 Prozent der weiblichen Lungenkrebsfälle schuld. „Seit 1970 hat sich bei Frauen die Zahl der verlorenen Lebensjahre infolge Lungenkrebs verdoppelt“, betont die Sozialmedizinerin. An diesem Punkt sollte auch erwähnt werden, dass Rauchen auch ein entscheidender Faktor für Kehlkopf-, Speiseröhren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs ist.

Ein weiterer Zusammenhang besteht zwischen Rauchen und Bildung – und damit Einkommen. Schlecht Ausgebildete und sozial Schwache sind besonders gefährdet, der Zigarette zu verfallen, egal ob Männer oder Frauen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums findet man bei jenen, die eine Lehre gemacht haben, den höchsten Raucheranteil und bei den Maturanten den niedrigsten. Nur bei den Frauen ab 60 sind die Zusammenhänge umgekehrt, weil in gebildeteren Kreisen Frauen ihr Rauchverhalten bereits früher jenem der Männer angeglichen haben.
Eine Umfrage unter Wiener Schülern hat ergeben: Während an höheren Schulen nur zehn bis 15 Prozent der Schüler rauchten, waren es im Polytechnikum 60 bis 70 Prozent. Bei einer anderen Untersuchung erreichten die Wiener Hilfsarbeiterinnen von allen weiblichen Bevölkerungsgruppen den mit Abstand höchsten Raucherinnenanteil: 45 Prozent.

Viele rauchen aus Depression
Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt es auch im Suchtverhalten: Männer sind eher „Spiegelraucher“, das heißt sie rauchen immer gleich viel, während Frauen eher zum „Spitzenrauchen“ neigen, also abwechselnden Phasen intensiven und weniger intensiven Rauchens. Unter den Frauen kommt zwar extreme Nikotinabhängigkeit seltener vor, dafür besteht eine höhere psychosoziale Abhängigkeit. Daher leiden nicht weniger als 70 Prozent der Frauen nach einem Rauchstopp an Entzugs­erscheinungen.

Frauen greifen häufig zum Glimmstängel, um Wut, Enttäuschung und psychische Verstimmungen bis hin zu Depressionen zu bekämpfen. Eine Untersuchung der Universitätsklinik für Psychiatrie der Universität Wien hat ergeben, dass 18 Prozent der Raucherinnen schwere depressive Symptome aufweisen; bei den männlichen Rauchern sind es nur halb so viele. Und auch beim Rückfall nach einem vorübergehenden Rauchverzicht spielen bei Frauen Emotionen eine größere Rolle als bei Männern: „Während Männer eher in einer geselligen Runde rückfällig werden, werden Frauen in negativen Situationen rückfällig: wenn sie in Stress kommen oder psychisch belastet werden“, erklärt Rieder.

Ein weiterer möglicher Grund für die häufigeren Rückfälle bei Frauen ist, dass die Zigarette als Schlankmacher eingesetzt wird. Tatsächlich hat Nikotin eine appetitzügelnde Wirkung und erhöht auch den Grundumsatz, also jene Energiemenge, die der Körper zur Aufrechterhaltung seiner Funktionen benötigt. Daher nehmen Frauen, die mit dem Rauchen aufhören, drei bis vier Kilo zu, wenn nicht gegengesteuert wird. „Viele Frauen verzweifeln schon, wenn sie nur ein halbes Kilo zulegen“, weiß Rieder.
Trotz alledem: „Hören Sie mit dem Rauchen auf. Sie werden länger und auch gesünder leben, und das Aussehen etwa der Haut und der Zähne wird positiv beeinflusst.“

Prävention und Therapien für Frauen
Möglicherweise sprechen Raucherinnen auf solche Hinweise mehr an als auf Warnungen vor bestimmten Erkrankungen. „Präventions- und Therapieangebote sollten stärker an Frauen adressiert sein“, fordert Rieder. Auch beim Aufhören müssen die frauenspezifischen Aspekte des Rauchens in Betracht gezogen werden: Bei Frauen sind im Rahmen einer Therapie die Themen Gewichtszunahme und psychische Belastungen besonders zu beachten. Ernäh­rungs­umstellung und Sport können sowohl die Gewichts­zunahme hint­anhalten, als auch die Gemütslage positiv beeinflussen.

Oft ist eine Schwangerschaft für Frauen der Anlass, um mit dem Rauchen aufzuhören. Es gibt dabei eine Faustregel: Ein Drittel der Frauen, die schwanger werden, hört aus eigener Kraft mit dem Rauchen auf. Ein weiteres Drittel reduziert den Zigarettenkonsum während der Schwangerschaft, fällt aber nach der Geburt in die alten Gewohnheiten zurück. Das letzte Drittel raucht weiter, als ob nichts wäre. Auch hier existiert ein soziales Gefälle: Laut einer US-Studie raucht die Hälfte der Frauen mit niedrigem Einkommen trotz Schwangerschaft weiter wie zuvor.
In diesem Zusammenhang verweist Rieder auf ein seltsames Gerücht, das sich hartnäckig hält: Demnach solle eine Schwangere besser nicht aufhören zu rauchen, weil dann das Kind Entzugserscheinungen bekomme. „Das ist absoluter Unsinn“, bekräftigt die Sozialmedizinerin.
    

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