Hodenkrebs: Zahl der Betroffenen steigt

Juni 2008 | Medizin & Trends

Der häufigste Tumor der 15- bis 35-Jährigen
 
Die Zahl der Menschen mit Hodenkrebs ist in den letzten 20 Jahren so stark angestiegen wie bei keiner anderen Tumorerkrankung. Und doch ist Hodenkrebs jener Krebs, über den in unserer Gesellschaft noch immer der Mantel des Schweigens gebreitet wird. Genau darin liegt aber die große Gefahr: dass Betroffene sich aus Unwissenheit, Angst und Scham zu spät behandeln lassen. Lesen Sie über Ursachen, Symptome und Therapie einer Tumorart, die immer mehr junge Männer betrifft. Zu Wort kommt auch ein Patient, der den Hodenkrebs besiegt hat und nun das Tabu bricht.
 
Von Mag. Helga Schimmer

In Österreich erkranken jährlich etwa 300 Männer an Hodenkrebs. Damit tritt diese Tumorart zwar insgesamt selten auf, in der Altersgruppe der 15- bis 35-Jährigen ist sie aber die häufigste Krebserkrankung. Und nicht nur das: Wie kürzlich bei einem internationalen Symposium zum Thema Hodenkrebs in München festgestellt wurde, ist die Zahl der?Betroffenen in den letzten 20 Jahren stärker gestiegen als bei jeder anderen Tumorerkrankung. Die Gründe für den dramatischen Anstieg von Hodenkrebsfällen sind  bisher nicht ­geklärt. Umso mehr weiß man aber ­inzwischen über Diagnose- und Heilungsmöglichkeiten.

Schnelles Handeln nötig
„Am Beginn steht oft eine Größenzunahme eines Hodens oder ein kleiner, harter und höckeriger Knoten“, sagt Dr. Michael Eisenmenger, Facharzt für Urologie und Andrologie in Bruck an der Leitha und zweiter Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin. „Die ersten Symptome sind meistens kaum schmerzhaft, so dass viele sie herunterspielen und erst in späteren Erkrankungsstadien zum Urologen gehen.“
Eine rasche und frühe Diagnose erhöht jedoch die Heilungschancen von Hodenkrebs stark und erspart dem Betroffenen unnötige Therapiebelastungen. „Deshalb“, betont Eisenmenger, „ist es auch so wichtig, die Risikofaktoren zu beachten: Neben Personen mit familiärer Krebshäufung oder mit seltenen Erbkrankheiten sind Buben mit Hodenhochstand besonders gefährdet, im späteren Leben an Hodentumoren zu erkranken.“
Der Mediziner rät Eltern von Buben daher, die Lage der Hoden von Geburt an regelmäßig zu kontrollieren. „Spätestens am Ende des ersten Lebensjahres sollten die Hoden im Hodensack sein. Bei manchen Kindern rutschen sie während des Wachstums aber wieder Richtung Leiste zurück. Wenn hier Unklarheit besteht, sollte man auf jeden Fall zum Urologen!“
Der Facharzt diagnostiziert einen Hodentumor zunächst durch die Tastuntersuchung. Ergibt sich dabei ein Krebsverdacht, macht er ein Ultraschallbild vom Hodeninneren und sucht nach so genannten Tumormarkern im Blut. Bestätigt sich der Verdacht, so muss der kranke Hoden durch einen kleinen Schnitt in der Leiste freigelegt und entfernt werden. Eine Computertomographie des Brust- und Bauchraumes klärt, ob der Tumor bereits Tochtergeschwüre abgesiedelt hat, denn etwaige Metastasen beeinflussen die weitere Therapie.

Gute Heilungschancen
Je nach Tumorart und Erkrankungsstadium erfolgt nach dem chirurgischen Eingriff eine Strahlen- oder Chemotherapie. „Da bei etwa fünf Prozent der Betroffenen auch der zweite Hoden erkrankt, sind häufige Nachuntersuchungen erforderlich“, erläutert Eisen­menger.
Die positive Nachricht: Eine gezielte Hodenkrebstherapie ist sehr erfolgreich. Die Heilungschancen liegen bei über 90 Prozent. Falls Kinderwunsch besteht, kann vor der Operation Sperma entnommen und konserviert werden. Dr. Eisenmenger: „Am besten ist aber, man sorgt durch die monatliche Selbstuntersuchung der Hoden rechtzeitig vor.“ Wobei „rechtzeitig“ in diesem Fall „bereits ab dem Teenageralter“ bedeutet.

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INTERVIEW

„Ich hatte Hodenkrebs“
Herbert Oth, der Gründer der Plattform „Hodenkrebs Austria“, erzählt im Gespräch mit MEDIZIN populär, wie er die Krankheit besiegt hat.

MEDIZIN populär
Herr Oth, 1982 erfuhren Sie, dass Sie an Hodenkrebs erkrankt sind. Wie erging es Ihnen damals?

Herbert Oth
Es hat mir buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich war 33 Jahre jung, vital und verschwendete keinen Gedanken an den Tod. Doch plötzlich hat das Leben eine Endlichkeit bekommen. Ich habe überhaupt nicht gewusst, wie ich damit umgehen soll. Die Leute aus meiner Umgebung haben mich angeschaut, als würde ich schon im Grab liegen. Überhaupt erstaunt mich immer wieder, wie gering in der Bevölkerung das Wissen um Krebs ist. Manche glauben sogar, die Krankheit sei ansteckend.

Wie wurde Ihr Tumor erkannt?

Zufällig. Ich hatte einen länger andauernden grippalen Infekt mit starken Kreuzschmerzen. Also ging ich zum Allgemeinmediziner. Seine Gründlichkeit war mein Überlebensglück, denn er hat sich auch meine Hoden angesehen, eine Vergrößerung bemerkt und mich sofort an eine Spezialambulanz überwiesen. Am nächsten Tag wurde ich im Krankenhaus aufgenommen und bereits am übernächsten Tag operiert. Das war wichtig, denn es handelte sich um einen besonders rasch wachsenden, aggressiven Tumor.

Welche Therapiemaßnahmen folgten anschließend?

Mit einem einzigen chirurgischen Eingriff war es bei weitem noch nicht getan. Ich habe vier Operationen, mehrere Chemotherapien und ergänzende Behandlungen gebraucht, um den Krebs wirkungsvoll zu bekämpfen. In eineinhalb Jahren war es geschafft. Dann kamen aber noch die regelmäßigen Nachkontrollen, jedes Mal mit dem bangen Warten auf das Untersuchungsergebnis. So ging das etliche weitere Monate lang. Heute, 25 Jahre nach der Diagnose, bin ich völlig geheilt.

Wie geht es Ihnen jetzt?

Sehr gut, danke der Nachfrage. Meine fehlende natürliche Testosteron-Produktion, eine Folge der seinerzeit notwendigen Operationen, gleiche ich medikamentös aus. So kann ich ein ganz normales „Mann-Leben“ führen, ohne jegliche Einschränkung.

Was hat Sie bewogen, Ihre schmerzlichen Erfahrungen mit Neuerkrankten zu teilen?

Vor einiger Zeit ist mir ein Folder der Wiener Krebshilfe mit dem Titel „Krebs und Beruf“ in die Hände gefallen. Da ist mir die Idee gekommen, meine Erfahrungen an andere Betroffene weiterzugeben. Ich habe so viel erlebt und Gott sei Dank auch überlebt, dass es mir ein Bedürfnis ist, den Menschen Mut zu machen. Dafür reicht oft schon die einfache Botschaft: Schau her, ich bin ein Beispiel dafür, dass man Hodenkrebs gut überstehen kann!

Wie stark ist die Resonanz auf Ihre Internet-Plattform „Hodenkrebs Austria“?

Meine Website hat zirka 1000 Zugriffe monatlich. Im selben Zeitraum erhalte ich ungefähr 25 Anfragen über E-Mail oder Telefon. Den Kontakt nehmen meistens die Partnerinnen der Erkrankten auf, denn Frauen fällt das offene Reden darüber viel leichter. Manche Männer sind derart gehemmt, dass ihnen nicht einmal das Wort Krebs über die Lippen kommen will. Überhaupt verarbeiten Männer die schwerwiegenden Probleme anders. Sie machen oft Witze über die Krankheit, die sie doch so sehr fürchten.

Welche Empfehlungen geben Sie den Betroffenen?

Das Hauptanliegen der Hodenkrebs-Patienten ist eine allgemeine Aufklärung über die Krankheit und die Behandlungsmöglichkeiten. Auch die Angst vor dem Aufsuchen des Urologen und dem Bekanntwerden der Erkrankung im persönlichen Umfeld wird oft angesprochen. Medizinische Empfehlungen gebe ich grundsätzlich nicht, denn ich bin ja kein Arzt. Was ich aber sehr wohl rate, ist das Nachfragen, wenn man etwas nicht verstanden hat. Ich sehe den Arzt als Partner, dem der Patient sich im Gespräch öffnet und dadurch hilft, rasch und effizient zu heilen.

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Hodenkrebs-Früherkennung:
Darauf sollten Sie achten

Wenige Minuten Zeit pro Monat ist alles, was Sie für die Selbstuntersuchung Ihrer Hoden benötigen. Am besten geht es unter der Dusche oder in der Badewanne, denn warmes Wasser entspannt den Hodensack.

  • Mustern Sie Ihre Hoden genau. Gibt es sichtbare Schwellungen oder Knoten?
  • Rollen Sie die Hoden vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. Fühlen Sie knotige Verhärtungen, Schwellungen, Unebenheiten oder ungewohnte Druckempfindlichkeit?
  • Nehmen Sie die Hoden abwechselnd in die Hand und vergleichen Sie Größe und Schwere. Bemerken Sie einen auffälligen Unterschied?
  • Haben Sie mindestens eines der genannten Anzeichen an sich entdeckt, suchen Sie unverzüglich Ihren Urologen auf!

           

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