Wie schädlich ist rauchloser Tabak?

Januar 2008 | Medizin & Trends

Kau-, Lutsch- und Schnupftabak aus ärztlicher Sicht
 
Der Glimmstängel ist zunehmend verpönt, Rauchen außerhalb der eigenen vier Wände an mehr und mehr Orten verboten. Immer mehr Fans von Zigarette, Zigarre oder Pfeife steigen deshalb auf rauchlosen Tabak um – aber damit vertreiben sie den Teufel mit dem Beelzebub, warnen Experten.
 
Von Dr. Kurt Markaritzer

Besorgt fragt eine MEDIZIN-populär Leserin aus der Steiermark: „Mein Sohn (31) hat sich während seines Studienaufenthaltes in Schweden angewöhnt, ,General Tabak‘ oral zu konsumieren, er wird gelutscht. Ich habe diesbezüglich arge Bedenken, was Folgeerkrankungen und -schäden betrifft, wogegen mein Sohn meint, dass diese Art von Tabakkonsum ,gesünder‘ als Rauchen sei!“

Die Steirerin hat mit ihren Bedenken Recht. Bei dem schwedischen Nikotinpräparat, das ihr Sohn ausprobiert hat, handelt es sich um „Snus“, einen Lutschtabak, den viele Schweden mehrmals am Tag konsumieren, der aber in allen anderen Staaten Europas verboten ist. Verkauft wird er in Dosen, aus denen man ein schwarzes Pulver entnimmt, das zwischen den Fingern leicht geknetet und dann in den Mund zwischen Oberlippe und Zahnfleisch geklemmt wird. Das Nikotin wird dabei über das Zahnfleisch direkt ins Blut aufgenommen.

Gefahr für Frauen und Kinder
Angesichts der europaweiten Raucherskepsis bemühen sich die Erzeuger, für ihr Produkt neue Märkte und Konsumenten zu schaffen, sie arbeiten dabei allerdings mit zweifelhaften Methoden. Wurden früher Tabakstücke angeboten, die einen herben Geschmack hatten und nahezu ausschließlich von Männern genommen wurden, so wird der rauchfreie Tabak immer öfter mit Süßstoff versetzt und in kleineren Portionen verkauft. In dieser Form reizt der Tabak Frauen und sogar schon Kinder und das erhöht die Gefahr, dass die Mädchen und Buben nikotinsüchtig werden.

Der Lutschtabak steigert zudem das Risiko für Krebs und verschiedene Herz-Kreislauferkrankungen, außerdem verfärbt er die Zähne und schädigt das Zahnfleisch empfindlich. Der Wiener Umwelthygieniker Univ. Prof. Dr. Manfred Neuberger, Vizepräsident der Vereinigung „Ärzte gegen Raucherschäden“: „Von diesen Gefahren reden die Erzeuger nicht, weil sie erreichen wollen, dass ihr Produkt in ganz Europa verkauft werden darf. Sie verweisen lieber darauf, dass die Zahl von Lungenkrebskranken in Schweden vergleichsweise niedrig ist. Das ist zwar richtig, hat aber mit dem Gebrauch von Snus nichts zu tun und ist jedenfalls kein Argument dafür, diesen Oraltabak auch bei uns zuzulassen!“

Trend zu „rauchfrei“
Andere rauchfreie Tabakpräparate wie Kau- und Schnupftabak sind bei uns erlaubt und dürften in Zukunft beliebter werden. In den USA und in einigen Ländern Westeuropas geht der Trend jedenfalls bereits zum rauchlosen Tabak, das Hauptargument dafür ist, dass bei diesen Produkten jene Schadstoffe vermieden werden, die bei Zigaretten, Zigarren oder Pfeifen durch den Verbrennungsprozess entstehen.

Tatsächlich ist die Zigarette zweifellos das schädlichste Tabakprodukt, weil laut einer Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg mehr als 70 der rund 4800 Substanzen im Tabakrauch erwiesenermaßen krebserregend sind oder im Verdacht stehen, Krebs zu erzeugen. Nikotin macht süchtig und damit abhängig von dem Gift, Reizgase im Rauch können eine chronische Bronchitis oder Krebs auslösen, Teerstoffe fördern die Bildung von Karzinomen und Kohlenmonoxid vermindert den Sauerstofftransport im Körper.

Hohes Suchtpotenzial
Dennoch ist der Ersatz des Glimmstängels durch Tabak ohne Rauch nicht das Wahre, betont Prof. Neuberger: „Rauchfreie Produkte haben zwar gewisse Vorteile, das ist nicht zu bestreiten. Der größte ist, dass sie das Passivrauchen beseitigen, dass also andere nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Für jene Leute, die auf diese Art Nikotin konsumieren, sind sie aber trotzdem gefährlich.“ Schließlich birgt Tabak in jeder Form ein hohes Suchtpotenzial in sich, denn sowohl Kautabak als auch Lutsch- und Schnupftabak enthalten den Suchtstoff Nikotin, der in die Abhängigkeit führt, sowie mindestens 20 weitere Inhaltsstoffe, die gesundheitsschädlich sind. So haben beispielsweise Kautabak-Sorten aus Nordamerika einen hohen Anteil an Nitrosaminen – und das sind kanzerogene, also Krebs erregende Stoffe. Die Gesundheitsbehörden in den USA, wo rauchloser Tabak immer beliebter wird, warnen jedenfalls mit Nachdruck davor, weil dort die Folgen des Booms an den Krebsstatistiken ablesbar sind: Die Zahl der Fälle von Mundhöhlen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs, die mit dem Konsum von Tabak zusammenhängen, steigt an.

Nicht umsonst warnt die Weltgesundheitsorganisation WHO, dass Tabak in jeder Form schädlich ist. Prof. Neuberger: „Diese Feststellung kann man gar nicht deutlich genug unterstreichen, weil es in Europa seit Jahren Diskussionen gibt, das Verbot von rauchlosem Tabak zu lockern. Dazu besteht keinerlei Anlass!“ Schließlich ist es umstritten, ob rauchloser Tabak überhaupt als Hilfe für Leute geeignet ist, die sich den Slogan zu Herzen nehmen: „Ohne Rauch geht’s auch!“ Experten befürchten eher das Gegenteil, dass nämlich der Konsum von rauchlosem Tabak über den Umweg der Nikotinabhängigkeit die Bereitschaft erhöht, mit dem Rauchen anzufangen.

Skeptisch ist der Arzt auch angesichts der Propaganda für elektrische Zigaretten mit Nikotindepot, die rauchfrei sind, aber Nikotin an den Konsumenten abgeben: „Damit ist nicht viel gewonnen, denn der Organismus bezieht dann nach wie vor Nikotin und das ist und bleibt ein Gefäßgift mit schädlichen Wirkungen im Gehirn, im Nervensystem und der Lunge. Die positiven Effekte des Rauchverbotes, dass viele Menschen mit dem Rauchen aufgehört haben, würden durch die Nikotinzufuhr mit der elektrischen Zigarette aufgehoben.“

Hilfe aus der Apotheke
Was also sollen Raucher tun, die von ihrem Laster wegkommen wollen? Der Wiener Arzt: „Wer einen Nikotinersatz braucht, soll ein nach dem Arzneimittelgesetz getestetes Präparat nehmen, nicht in Eigenregie nach einem Ersatz suchen, der womöglich mehr schadet als nützt! In der Apotheke gibt es sehr wirksame Mittel, die beim Aufhören helfen. Dazu zwei wichtige Ratschläge: Erstens soll man zu diesen Ersatzmitteln nur greifen, wenn das Bedürfnis nach Nikotin wirklich sehr stark ist, und zweitens soll man es auf eigene Faust nicht länger als drei Monate einnehmen. Spätestens nach dieser Zeit sollte man den Arzt um Rat fragen, wenn man von der Zigarette noch nicht los gekommen ist.“

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650.000 Tabaktote jährlich in der EU
So giftig ist Nikotin

Nikotin gilt als eines der stärksten Gifte überhaupt. Eine Überdosis Nikotin löst Krämpfe aus und lähmt das Atemzentrum im Gehirn innerhalb weniger Sekunden. Statistiker haben berechnet, dass das Gehirn bei 20 Zigaretten mit je zehn Zügen pro Tag 73.000 mal im Jahr mit Nikotin überflutet wird. Auch bei rauchlosen Tabakwaren gelangt Nikotin in hohen Konzentrationen ins Gehirn. Es baut sich allerdings deutlich langsamer ab als bei Zigaretten und wirkt dadurch länger. Die Folgen: Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck ist erhöht, der Kreislauf wird stärker belastet. In der EU sind jedes Jahr etwa 650.000 Tabaktote zu beklagen.

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Tabak zum Lutschen
Beim Oraltabak Snus, der gelutscht wird, wird das Suchtgift Nikotin über die Mundschleimhaut aufgenommen. Außerdem geraten beim Konsum auch Krebs auslösende Substanzen in den Körper wie Aldehyde, Schwermetalle, Polonium 210 und vor allem Nitrosamine. Als Ersatz für den Glimmstängel ist Snus jedenfalls nicht geeignet, das betonen auch die schwedischen „Ärzte gegen Tabak“ sowie das schwedische Nationalinstitut für Öffentliche Gesundheit.
             

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