Sex: Geniestreich der Evolution

April 2008 | Partnerschaft & Sexualität

Zugegeben: Viel Romantik kommt nicht auf, wenn wir einen fachkundigen Blick auf die schönste Nebensache der Welt richten und erklären, nach welchen strengen Gesetzmäßigkeiten dieser Geniestreich der Evolution funktioniert. Aber: Faszinierende Einblicke sind Ihnen gewiss!
 
Von Dr. Marcus Franz & Dr. Karin Gruber

Es ist ein kleiner, feiner, aber äußerst folgenreicher Unterschied zwischen den Geschlechtern, der alle Phänomene und Dramen um Liebe und Fortpflanzung mit sich bringt: Ein kleines Chromosom in Form eines Ypsilons. Die Männer haben es, die Frauen nicht. Bei den Geschlechtschromosomen lautet die Zusammensetzung XX für Frauen und XY für Männer.

Sex ist eine der ganz großen Erfindungen der Evolution, das ist klar. Na ja – ganz so klar auch wieder nicht. Wir wissen zwar, dass dadurch eine gute Durchmischung der Gene erzielt und damit Anpassung, Veränderung und Weiterentwicklung der Lebewesen gefördert wird. Und auch die Tatsache, dass Körperzellen die genetische Information von Vater und Mutter, also einen doppelten Chromosomensatz enthalten, hat viele Vorteile.

Wir wissen aber auch, dass der Aufwand dafür enorm ist. Die sexuelle Fortpflanzung und das ganze Drumherum kostet die Lebewesen – also auch den Menschen – einen beträchtlichen Teil ihrer Lebenszeit und -energie. Die Evolution hat sich aber trotzdem für den Sex entschieden. Fast alle heute existierenden Lebewesen vermehren sich durch geschlechtliche Fortpflanzung. Gerade ein paar Zehntel Prozent der Tierarten sind bei der ungeschlechtlichen Variante geblieben. Weit gebracht haben sie es nicht. Die Manteltiere sehen so aus, wie ihr Name vermuten lässt, nämlich sackartig. Die paar Würmer, die Teile von sich zur Vermehrung verstreuen, sind auch nicht gerade die Krone der Schöpfung.

Männersache
Damit der Geniestreich der Evolution gelingen kann, braucht es natürlich einige wesentliche Voraussetzungen bei Mann und Frau. Zunächst zur Männersache: Die im Hodensack paarig angelegten Hoden (Testes) sind Drüsenorgane, in denen die Samenzellen (Spermien) und die männlichen Hormone (vor allem Testosteron) gebildet werden. Im Körperinneren wäre es für die Spermien zu warm und sie würden ihre Beweglichkeit verlieren, deshalb wurden die Hoden nach außen verlagert. Der vielfach geknäuelte Nebenhoden (Epididymis) liegt an den Hodendrüsen und dient als Samenreservoir und Transportorgan. Der Samenleiter (Ductus deferens) verbindet die Hoden mit der Harnröhre. Samenbläschen und Prostata sorgen für die richtige Konsistenz des Samens. Die etwa kastaniengroße Vorsteherdrüse (Prostata) produziert das saure, nach Edelkastanien riechende Sekret und die Enzyme, die für die Beweglichkeit der Samenzellen notwendig sind.

Durch entsprechende äußere sensorische Einflüsse und/oder gedankliche Sinnesreize kommt es zur sexuellen Erregung und zur Erektion. Blut strömt vermehrt in die drei Schwellkörper des Penis, gleichzeitig wird der venöse Abfluss gedrosselt. Dadurch vergrößern sich die Schwellkörper, bis der Penis steif wird. Bei der Ejakulation zieht sich die glatte Muskulatur im männlichen Geschlechtsapparat zusammen, der Samen wird mit Flüssigkeit durchmischt und schließlich als Ejakulat ausgeworfen. Hilfreich dabei sind ruckweise Kontraktionen des Beckenbodens.

Frauensache
Bei der Frau sind die paarig angelegten, etwa jeweils drei bis vier Zentimeter großen Geschlechtsdrüsen (Eierstöcke, Ovarien) zuständig für die Bildung der Eizellen (Follikel) und der weiblichen Geschlechtshormone (Östrogene und Progesteron). Die Reifung der Eizelle und mit ihr der weibliche Zyklus sind im Vergleich zur Reifung der Spermien wesentlich komplizierter. Auch zahlenmäßig herrschen hier im Mann-Frau-Vergleich gänzlich unterschiedliche Dimensionen. Während bei der Frau im Laufe des Lebens etwa 400 befruchtungsfähige Eizellen gebildet werden, enthält ein einziges männliches Ejakulat etwa 60 bis 120 Millionen Samenzellen.

Die beiden Eileiter (Tuben) nehmen die Eier auf und leiten sie in die Gebärmutter weiter. Dies geschieht mit Hilfe von Fangärmchen am eierstocknahen Ende der Tuben und Flimmerhärchen in den Eileitern. Für die Aufnahme und Reifung des Embryos ist die Gebärmutter (Uterus) zuständig. Der Uterus kann sich auf ein Vielfaches seiner ursprünglichen Größe ausdehnen. An seinem unteren Ende befindet sich der Muttermund (Cervix), er bildet den Übergang zur Scheide (Vagina).
Die Vagina ist ein muskulöses, etwa sieben bis neun Zentimeter langes, schlauchartiges und sehr dehnbares Gebilde, das als primär Samen-aufnehmendes Sexualorgan und als Geburtskanal fungiert. In der Vagina befinden sich aufgrund ihrer eher mechanischen Funktion nur wenige Nervenzellen. Sexuelle Reize werden von den allermeisten Frauen hauptsächlich an den äußeren Geschlechtsorganen wahrgenommen. Der Vaginaleingang und seine Umgebung (Vulva) wird von den äußeren und inneren Schamlippen (Labien) sowie vom weiblichen Lustempfindungszentrum, der Klitoris, gebildet.

Die Gebärmutterdrüsen und die Drüsen am Scheideneingang erzeugen Sekrete, die die Gleitfähigkeit der Vagina erhöhen und keimhemmend wirken. Sie können bei sexueller Erregung durchaus größere Mengen an Sekret absondern, man spricht deswegen gelegentlich auch von weiblicher Ejakulation. Für ein natürliches Scheidenklima sind auch die dort angesiedelten Milchsäurebakterien wichtig.

Orgasmus bei Mann und Frau
Warum die Lustkurve bei Männern und Frauen so unterschiedlich ausfällt – kürzer und steiler bei Männern, länger und Plateau-artig bei Frauen –, ist nur beim Mann wirklich erklärbar. Die raschere Erregbarkeit und die „zwanghafte“ Abgabe des Samens beim männlichen Orgasmus dürfte evolutionär sinnvoll sein. In Urzeiten war es wohl notwendig, eine Befruchtung auch in potenziell bedrohlichen Situationen und daher möglichst rasch vonstatten gehen zu lassen.

Frauen brauchen für eine Befruchtung keinen Orgasmus. Doch auch der weibliche Orgasmus könnte – abgesehen von seinem befriedigenden und genusserzeugenden Effekt – einen evolutionären Sinn haben. Denn dabei kommt es zu Kontraktionen des Uterus, die Samenzellen den Weg in Richtung Eileiter erleichtern können. Entsprechend vermutet man auch, dass Männer, die bei Frauen einen Orgasmus erzeugen können, eben deshalb einen Fortpflanzungsvorteil haben.

Zeugung: ein Neues Wunder entsteht
Der Zeugungsakt gehört zu den größten Wundern dieser Welt. Aus zwei mikroskopisch kleinen Zellen entsteht ein menschliches Wesen. Was dabei genau passiert, ist bei weitem noch nicht ganz geklärt. Wenn die „siegreiche“ Samenzelle in das wartende Ei eindringt, wird der Zeugungsvorgang gestartet. Die Wand der Eizelle wird blitzartig undurchdringlich, dafür sorgen spezielle Botenstoffe in der Eizelle.
Jetzt verschmelzen die beiden Chromosomensätze von Mutter und Vater. Dann beginnt sich die Eizelle zu teilen, der zukünftige Mensch besteht zunächst aus zwei Zellen, dann aus vier, acht, 16 Zellen. Etwa sechs bis acht Tage nach der Befruchtung ist aus diesem sich ständig teilenden Zellgebilde die Blastozyste entstanden. Dieser Zellverband lagert sich in die Gebärmutterschleimhaut ein und die Embryonalentwicklung beginnt.

Vom Urtierchen zum Menschen
In der Embryonalentwicklung jedes einzelnen Menschen wiederholt sich die Entwicklungsgeschichte der Lebewesen. Anfangs ähnelt der Mensch einem Urtierchen, später einem Wurm, danach einem Fisch. In den frühen Phasen ist der Embryo eines Löwen, eines Schweins oder eines Huhns auch mit den besten Mikroskopen nicht vom menschlichen Embryo zu unterscheiden.

Nach drei Monaten Schwangerschaft ist die Embryonalentwicklung abgeschlossen. Nun spricht man von einem Fötus. Alle Organe und Gliedmaßen sind ab dem dritten Monat fertig angelegt, der werdende Mensch ist jetzt eindeutig als solcher erkennbar. Föten können den Herzschlag der Mutter spüren und sie können hören.
Nach 40 Wochen ist die Stunde Null da: Verschiedene vom Fötus abgesonderte geburtsfördernde Proteine, höchstwahrscheinlich vor allem ein Eiweiß namens SPA, das die Lungenreife des Föten signalisiert, werden über die Plazenta in den mütterlichen Körper geschickt. Die Geburt kann beginnen.

Geburt: Ende eines Geniestreichs
Vor Beginn der eigentlichen Geburt treten vereinzelt Wehen auf, häufig platzt die Fruchtblase. Die Geburt selbst beginnt mit denjenigen Wehen, die zu Veränderungen am Muttermund führen: Er wird weiter und der Gebärmutterhals verkürzt sich. Der Uterus beginnt sich bei den einsetzenden Presswehen heftig zu kontrahieren. Dieser an sich unwillkürliche Vorgang muss durch den Einsatz der Bauchmuskulatur und spezielle Atemtechniken unterstützt werden – bis das Baby auf der Welt ist. Schließlich wird die Plazenta als Nachgeburt ausgestoßen, und falls der möglicherweise anwesende Vater nicht kollabiert ist und ärztlicher Versorgung bedarf, ist der eindrucksvollste Urvorgang der Menschheit nun erfolgreich beendet.

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Wie auf Wolken schweben
Verliebte tun’s wirklich!

Beim seligen Gefühl des Verliebtseins sind natürlich jede Menge biochemische Anteile im Spiel. Da wird zum Beispiel eine Reihe von Neurotransmittern wie Dopamin und Phenylethylamin ausgeschüttet. Sie wirken als äußerst effiziente Verstärker für Nervenimpulse. Und das sorgt dafür, dass wir in diesem Zustand den Boden nicht spüren, die Zeit nicht registrieren und auf Schlaf plötzlich fast völlig verzichten können. Das „Kuschelhormon“ Oxytocin macht die ruppigsten Zeitgenossen plötzlich sanft wie Lämmchen. Endorphine sorgen für ein ausgedehntes Hoch.

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MERK-WÜRDIGES ZUR FORTPFLANZUNG

  • Der Mechanismus der Morgenerektion ist nach wie vor ungeklärt. Die These, dass dies auf eine volle Harnblase zurückgeht, wurde inzwischen widerlegt. Wir wissen aber, dass Männer nächtlich mehrfach Erektionen bekommen, auch ohne sexuelle Träume. Möglicherweise handelt es sich dabei um „Trainings-Erektionen“, um die Durchblutung der Schwellkörper fit zu halten.
  • Die Samenqualität kann sehr stark schwanken und ist in hohem Maße von psychischen Faktoren wie Stress abhängig. Eine einmalige Samenuntersuchung sagt daher nicht viel über die Qualität des Ejakulates aus.
  • Die beste Samenqualität für eine erfolgreiche Befruchtung wird nach drei bis fünf Tagen Enthaltsamkeit erreicht. Bei häufigeren Ejakulationen vermindert sich die Spermienanzahl, bei selteneren Samenergüssen ist der Anteil älterer und nicht mehr so fitter Spermien zu hoch.
  • Bis die Spermien die Eizelle erreichen, dauert es ungefähr eine Stunde. Befruchtungsfähig bleiben sie bis zu drei Tage.
  • Bei künstlicher Befruchtung steigt der Anteil an Mehrlingsgeburten beträchtlich, weil dabei immer Hormonbehandlungen angewendet werden müssen.
  • Welche Eigenschaften ein Kind vom Vater und welche von der Mutter erben wird, lässt sich nicht vorhersagen.
  • Eigenschaften von den Ur-Ur-Großeltern können bei einem Kind wieder auftauchen, wenn die Anlage dafür in den Generationen dazwischen von der zweiten Chromosomenhälfte überdeckt worden ist.
  • Im Prinzip ist Intelligenz vererbbar, aber der Anteil an Umweltfaktoren ist so gewaltig, dass man nicht unbedingt damit rechnen kann. Außerdem kann Intelligenz von vielen Ereignissen während der Embryonalentwicklung beeinflusst werden.

BUCHTIPP
Franz, Gruber: Wunderwelt. Eine Geschichte des menschlichen Körpers,
152 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen
ISBN 978-3-902552-13-6, € 19,90, Verlagshaus der Ärzte
   

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