Die Seele isst mit

Mai 2009 | Ernährung & Genuss

Die Zusammenhänge zwischen Essen und Emotionen
 
Ob Freude, Kummer oder Stress: Der psychische Zustand beeinflusst das Essverhalten. Das kennt jeder, der sich schon einmal mit einem Stück Schokolade getröstet hat. In jüngster Zeit beschäftigt man sich immer mehr mit dem umgekehrten Effekt: Wie beeinflusst Essen die Stimmung und kann es dabei gelingen, Stress besser zu bewältigen?
 
Von Mag. Helga Schimmer

An einer Enttäuschung schlucken, am Zweifel nagen, in den sauren Apfel beißen – der Volksmund weiß, dass Essen und Seele zusammenhängen. Wie stark sie einander beeinflussen, verdeutlicht die Wiener Ernährungswissenschafterin Mag. Karin Lobner: „Essen ist Belohnung. Auch Kinder, die nie Naschereien bekommen, erleben die Nahrungsaufnahme als positive Verstärkung, denn die Natur hat es so eingerichtet.“ Wie beim Sex werden auch beim Essen im Gehirn die Glückshormone Dopamin und Serotonin ausgeschüttet, um die Selbst- und die Arterhaltung zu sichern. Das ist der Grund, warum Essen bei getrübter Stimmung immer funktioniert – wenn uns langweilig ist, wir unter Spannung stehen oder traurig sind. Und meistens ist der Schokoriegel schneller zur Hand als die tröstenden Worte einer Freundin.
„Von Anfang an ist Essen mehr als bloße Nahrungsaufnahme und das Stillen des Hungers. Säuglinge erfahren dabei Nähe und Wärme, das Füttern beruhigt sie und stärkt die Eltern-Kind-Bindung“, sagt Lobner. Auch wird stets gespeist, wenn Erwachsene ihre Beziehungen vertiefen, ob nun beim Candlelight-Dinner, beim Weihnachts- und Ostermahl oder beim Leichenschmaus.

Essen als Gefühlsersatz

Wem ein Problem im Magen liegt, der kann seine Laune mit Leckereien bessern. Kakaobohnen etwa enthalten die essenzielle Aminosäure Tryptophan, die Vorstufe von Serotonin. So gesehen ist Schokolade der perfekte Trostspender. Allerdings hält der Effekt nur ein bis zwei Stunden an, wie Karin Lobner warnt: „Süße und fette Speisen wirken über verschiedene biochemische Abläufe im Gehirn zwar kurzfristig als Wohlfühlfaktoren. Gönnt man sich aber immer wieder Nachschub, bringt man schnell ein paar Kilo mehr auf die Waage.“
Zusätzlich begünstigt die Erfahrung, die man als Kind gemacht hat, das Naschen in Stimmungstiefs. Sind damals die Tränen geflossen, stand Oma schon mit Katzenzungen oder Gummibärchen bereit. „Die Nachwirkungen spüren wir Jahre später, indem wir uns selbst mit Süßem belohnen.“ Insbesondere warme Speisen können bei Einsamkeit oder Schwermut auch ein Ersatz für Berührung sein. „Oder sie fungieren als Panzer, der vor den Härten des Alltags schützt“, erläutert die Ernährungswissenschafterin. Ebenso kann die Nahrungsaufnahme Empfindungen betäuben: Wer sich überisst, spürt den seelischen Schmerz nicht mehr, sondern nur noch das Völlegefühl.

Stressesser – Stresshungerer

Während die einen mit Essen ihre Stimmung aufhellen und dabei Kummerspeck ansetzen, verschlägt es anderen in Stresssituationen den Appetit. „Wahrscheinlich führt die erhöhte Adrenalinausschüttung zu einer Aktivitätssenkung des Magen-Darm-Traktes. Wissenschaftlich geklärt ist das aber noch nicht“, so Lobner. Dieses gleichfalls vorübergehende Phänomen tritt oft bei heftiger Gemütsbewegung auf. Der Tod eines Angehörigen oder auch das Hochgefühl der Verliebtheit schnüren einem im wahrsten Sinne des Wortes die Kehle zu. „Hält der Appetitverlust jedoch lange über die belastende oder freudige Situation hinaus an, sollte man unbedingt fachliche Hilfe in Anspruch nehmen“, rät die Expertin.
Menschen mit depressiven Erkrankungen sind häufig nicht in der Lage, ausgewogen zu essen. Bei seelisch Gesunden spielt die Persönlichkeitsstruktur eine bedeutende Rolle: Kontrolle Esser, die sich streng an Diätpläne halten, haben überraschenderweise ein höheres Risiko, bei Stress in die Ess-Falle zu geraten. In der Anspannung verlieren diese Menschen leicht die Kontrolle über ihr Essverhalten und verspeisen dann meistens heimlich große Mengen an fett- und zuckerreichen Lebensmitteln. Daher ist es wichtig, sich auch bei Gewichtsproblemen nichts zu verbieten und die Kalorienbomben selten, aber mit Genuss zu essen.

Snack oder Sport

Untersuchungen haben gezeigt, dass vor allem Stress am Arbeitsplatz zu einer erhöhten Energieaufnahme führt. Schreibtischschubladen sind voll mit schnell verfügbaren Snacks, da bei einem dichten Terminkalender keine Zeit für vernünftiges Essen bleibt. Gegen den Müsliriegel nebenbei hat der Chef nichts einzuwenden, doch würde er vermutlich weniger erfreut reagieren, wenn Sie zehn Minuten Gymnastik machen. Obwohl Bewegung eine der effizientesten Methoden zum Stressabbau ist, gilt sie am Arbeitsplatz als gesellschaftlich unangepasst. Was also kann man tun?
„Die eigenen Möglichkeiten zur Stressbewältigung in der Freizeit erweitern“, empfiehlt Karin Lobner. „Man könnte zum Beispiel eine neue Sportart erlernen, ein entspannendes Bad nehmen oder ein schönes Buch lesen.“ Auf jeden Fall aber sollten wir unsere emotionalen Belastungen wahrnehmen, um adäquat darauf zu reagieren. Denn häufig füttern wir unseren Körper, obwohl die Seele nach Nahrung verlangt.

BUCHTIPP
Kiefer, Lalouschek, Stressfood. Mit Ernährung und Stressmanagement aus der Burnout-Falle, ISBN 978-3-7088-0459-0, 128 Seiten, € 14,90, Kneipp-Verlag 2009

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