Skiunfälle vermeiden

Januar 2009 | Fitness & Entspannung

So schützen Sie sich vor Verletzungen
 
Harte Pisten, weicher Kunstschnee und schnelle Carvingskier sind nicht alleine schuld daran, dass Winter für Winter mehr Skiunfälle passieren. Was die Alpinsportler vor allem zu Fall bringt: Sie legen untrainiert oder nicht aufgewärmt los und riskieren zuviel. MEDIZIN populär hat Experten befragt, wo die Schwachstellen der Skifahrer liegen und wie sie sich vor Verletzungen schützen können.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Monatelang hat sich Familie G. auf den Skiurlaub gefreut, der diesmal gleich zu Neujahr beginnen sollte. Dass er so schnell enden würde, damit hatte niemand gerechnet: Die zehnjährige Tochter Julia war gleich am ersten Nachmittag derart unglücklich gestürzt, dass sie mit einem Oberschenkelbruch ins Spital gebracht werden musste.

Aufgrund der Unfallumstände muss Julia als „typisches Unfallopfer“ bezeichnet werden. Viele Skiunfälle ereignen sich nämlich am späten Nachmittag, wenn die Skifahrer müde werden, berichtet Prim. Univ. Prof. Dr. Karl Benedetto, Leiter der Unfallchirurgie im Landeskrankenhaus Feldkirch und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Unfallchirurgie. „Hobbysportler sind häufig nicht so trainiert, dass sie acht Stunden am Tag Ski fahren können. Deshalb passieren sehr viele Skiunfälle entweder kurz vor der Mittagspause oder am späteren Nachmittag, wenn die Kraft, die Konzentration und die Koordination nachlassen.“

Sein wichtigster Rat, um Unfällen vorzubeugen? „Ich empfehle, regelmäßig Pausen einzulegen. Wenn man sich nicht mehr fit fühlt, sollte man für den Tag Schluss machen – speziell Kinder sollten nicht fahren, bis der Lift zusperrt“, empfiehlt Benedetto. „Außerdem sollten sich Hobby-Skisportler mit Kraft-, Koordinations- und Ausdauertraining auf das Skifahren vorbereiten.“ Das Hauptproblem: Viele betreiben außerhalb des Skiurlaubs überhaupt keinen Sport und begeben sich quasi vom Hocker in die Hocke. Unfallvorsorge bedeutet aber, sich körperlich für den Aktivurlaub zu rüsten. „Man beginnt am besten zwei Monate vor dem Skiurlaub vorbereitend mit Skigymnastik, um den Strapazen besser gewachsen zu sein“, betont Prim. Univ. Prof. Dr. Franklin Genelin, Leiter der Unfallchirurgie am Kardinal Schwarzenberg’schen Krankenhaus in Schwarzach/Pongau. „Denn das Verletzungsrisiko hängt immer auch vom Trainingszustand des Einzelnen ab.“

Knie und Knochen

Mit vorbeugender Gymnastik lassen sich auch körperliche Schwachstellen stärken. Erwachsene Skifahrer etwa ziehen sich besonders häufig eine Knieverletzung zu. Der Grund? „Heutzutage sind Skier und Skischuhe starr miteinander verbunden – der erste Angriffspunkt ist das Kniegelenk“, erklärt Karl Benedetto. Entsprechend häufig komme es zu Bandverletzungen im Kniebereich sowie zu „extrem vielen Schienbeinkopfbrüchen“. Und die häufigsten Probleme der ganz jungen Skisportler? „Bei Kindern kommen, weil sie mehr Beweglichkeit im Skischuh haben, Unter- und Oberschenkelbrüche häufig vor“, berichtet der Mediziner. „Drehbrüche am Unter- und Oberschenkel sind auch infolge der kindlichen Knochenstruktur häufig.“ Mit zunehmendem Alter wiederum erhöht der Knochenabbau das Risiko, dass man sich bei einem Sturz etwas bricht. „Wir sehen viele Patientinnen und Patienten im Alter ab 45, 50 Jahren mit komplexen Frakturen“, so Benedetto.

„In der Computertomographie zeigt sich dann häufig ein Abbau der Knochenstruktur.“
Ob in jungen oder in reifen Jahren – im Jänner, wenn es oft besonders kalt ist und die Pisten sehr hart sind, kommt es bei den Alpinsportlern gehäuft zu Knochenbrüchen. „Wir sehen im Jänner generell mehr Frakturen, mehr Hüft- und Wirbelsäulenfrakturen“, erklärt Unfallchirurg Benedetto. „Auf einer harten Piste ist es, als würden die Skifahrer auf Asphalt stürzen.“ Ist der Schnee hingegen weich, kommt es zu „vielen Kreuzbandverletzungen“, denen oft kein massiver Sturz vorausgeht. Benedetto: „Die Ursache ist z. B. Überstrecken, spontanes Überbeugen oder eine Rotation, eine Drehung.“

Pisten und Schnee

Trotzdem: Im Allgemeinen wird den Skipisten ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt. „Die Pisten sind in einem tadellosen Zustand“, betont etwa Franklin Genelin. Auch der Kunstschnee, der dem Gros der Pisten als Unterlage dient, würde das Unfallrisiko keineswegs erhöhen. „Durch den Kunstschnee kommen apere Stellen und herausragende Steine, wie sie früher im Frühjahr gang und gäbe waren, nicht mehr vor – das Skifahren ist dadurch sicherer“, so der Facharzt.

Sportgerät und Sportler

Und obwohl die Statistiker Jahr für Jahr neue Rekordzahlen in Sachen Skiunfälle kolportieren – im Verhältnis zur Anzahl der aktiven Wintersportler nehmen die Unfälle nicht zu, ist Unfallchirurg Genelin überzeugt. „In den letzten zehn Jahren hat sich das Verhältnis von Verletzten zu Skifahrenden nicht verändert, es hat sich sogar eher verringert.“ Die vielen Unfälle im vergangenen Winter etwa seien auf den gestiegenen Andrang auf die heimischen Pisten zurückzuführen.
Auch bei den Snowboardern gebe es inzwischen weniger Verletzte als noch vor einigen Jahren: „Das führe ich darauf zurück, dass in den Anfangsjahren die Leute das Gerät weniger gut beherrschten als jetzt“, so Genelin. Zu den häufigen Verletzungen zählen bei den Snowboardern Handgelenksverletzungen, weil sie instinktiv versuchen, sich bei einem Sturz mit der Hand abzufangen.

Apropos Sportgerät: Auch wer auf Carvingskiern unterwegs ist, ist nicht stärker unfallgefährdet. „Die Skier sind kürzer und deshalb wahrscheinlich für viele leichter zum Fahren, was das Verletzungsrisiko sogar verringern könnte“, beobachtet Genelin. „Problematisch wird es, wenn die Skifahrer glauben, schneller fahren zu können, weil sie glauben, das Gerät besser zu beherrschen.“

Skihelm und Protektoren

Ob man auf Carving-, Alpinskiern oder dem Snowboard ins Tal saust – das Tragen eines Skihelms sollte für jeden Wintersportler selbstverständlich sein. „Rund die Hälfte der Skifahrer haben im vergangenen Winter bereits einen Helm benutzt“, sagt Genelin und nennt die Konsequenzen des Trends: „Die schweren Schädel-Hirn-Verletzungen sind dadurch eindeutig zurückgegangen.“
Auch das Tragen von spezieller Schutzbekleidung, Protektoren, sei empfehlenswert. „Durch sie lassen sich etwa Wirbelsäulenverletzungen mildern“, so der Unfallchirurg. Eine gute Ausrüstung sollte aber nicht dazu verleiten, zu viel zu riskieren – denn Selbstüberschätzung und ein riskanter Fahrstil zählen zu den wesentlichen Unfallursachen.

INTERVIEW

„Wen erwischt es?“

Prim. Univ. Prof. Dr. Karl Benedetto Im Gespräch mit einem Notarzt beim Hahnenkammrennen

„Irgendjemand verletzt sich in Kitzbühel immer“, sagt Prim. Univ. Prof. Dr. Karl Benedetto, der seit 20 Jahren dem Notarztteam auf der Streif angehört. In MEDIZIN populär spricht der Unfallchirurg über die besonderen ­Herausforderungen des Hahnenkammrennens.

MEDIZIN populär
Herr Primar, wie wappnet sich das Notarztteam für das Hahnenkammrennen?

Prim. Univ. Prof. Dr. Karl Benedetto
Wir haben entlang der Rennstrecke an allen neuralgischen Punkten insgesamt sieben Ärzte – Allgemeinmediziner mit Notfallausbildung und Unfallchirurgen – stehen, die allesamt gut Skifahren können. Und im Zielgelände stehen zwei Hubschrauber bereit.

Sind die Herausforderungen heute anders als vor 20 Jahren? Sind die Pisten wirklich schneller geworden?

Wenn sie schneller geworden sind, dann nur marginal. Die maximale Geschwindigkeit liegt bei Abfahrten bei 130 bis 140 Kilometer pro Stunde, das war früher auch nicht viel anders. Was sich verändert hat: Damit alle Rennläufer ähnliche Bedingungen vorfinden, sorgt man heute eher für vereiste Pisten. Entsprechend brauchen die Rennläufer mehr Kraft, um die Skier auf den härteren Pisten zu führen.

Was bedeuten die Bedingungen für das Training der Skiprofis?

Wenn man die heutigen Rennläufer mit jenen von vor 20 Jahren vergleicht, sieht man, dass sie viel muskulöser geworden sind. Toni Sailer war ohne Frage sehr talentiert und körperlich gut trainiert – aber heutzutage reichen Talent und fahrerisches Können nicht mehr aus. Der Skisport ist letztendlich ein Kraftsport geworden.

Stichwort Verletzungen: Was sind die größten Probleme der Skiprofis?

Die häufigsten Verletzungen sind – wie bei den Hobbysportlern – Knieverletzungen. Daneben gibt es alle paar Jahre jemanden mit einer schweren Kopf- bzw. Wirbelsäulenverletzung.

Und was erwarten Sie für das diesjährige Hahnenkammrennen?

Irgendjemand tut sich in Kitzbühel immer weh. Die Frage ist: Wen erwischt es und wie erwischt es ihn?

Stand 01/2009

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