Stottern

Oktober 2009 | Gesellschaft & Familie

Was hilft gegen das Stottern?
 
Was hatten Marilyn Monroe und Winston Churchill gemeinsam?
Das Sto…Sto…Stottern. Auch 80.000 Österreicherinnen und Österreicher stolpern beim Sprechen und ernten nicht selten Spott und Hohn dafür. Wie kann den Betroffenen geholfen werden? MEDIZIN populär über die Behandlungsmöglichkeiten.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

„Ma…Ma…Mama, ich hab…hab…gestern eine…eine…Frau mit bbb…bb…blauen Haaren gesehen“, sagt Laura. Seit etwa einem Jahr hat die Vierjährige Probleme beim Sprechen. Anstatt ganze Sätze zu formulieren, wiederholt sie immer wieder einzelne Silben, einzelne Wörter, oder sie stolpert über Laute. Besonders schlimm sei es, wenn Laura aufgeregt ist und etwas sagen möchte, erzählt ihre Mutter. „Da zieht sie dann oft Grimassen, oder sie hört auf zu reden und läuft weg.“

Fünf Prozent der Kinder stottern

So wie Laura stottern hierzulande fünf Prozent der Kinder zwischen zweieinhalb Jahren und dem Beginn der Pubertät, weiß der Wiener Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde DDr. Peter Voitl. „Buben sind doppelt so häufig betroffen wie Mädchen, und bei 70 Prozent der stotternden Kinder liegt eine familiäre Häufung vor.“ Das heißt, auch die Geschwister, Elternteile oder Großeltern stottern, was sowohl durch Vererbung als auch durch den Nachahmungseffekt zustande komme, sagt Voitl. Ist das Stottern aber weder ererbt noch nachgeahmt, dann wurde es meistens durch seelische Belastungen ausgelöst, wie etwa bei Konflikten in der Familie oder im Freundeskreis. Oft gebe es aber auch gar keinen erkennbaren Auslöser. Voitl: „Die Kinder beginnen einfach so zu stottern, und hören nicht mehr damit auf, und man weiß nicht, warum das so ist.“
Was tun? Voitls Rat: „Man sollte einmal ein halbes Jahr abwarten, und wenn sich die Sprechstörungen bis dahin nicht gebessert haben, eine Therapie beginnen, denn je früher man das Stottern behandelt, desto besser kann man es heilen.“ Wobei Stottern zwar keine Krankheit sei, doch so belastend wie eine Krankheit werden könne  – schließlich ernten die Betroffenen dafür nicht selten Spott und Hohn.

Plüschhase als Therapeut

Aus diesem Grund hat sich auch Lauras Mutter für eine Therapie entschieden. Die Kleine lernt nun spielerisch, wieder flüssig zu sprechen. Als Hilfsmittel dient z. B. der Plüschhase, der hüpft und den Takt vorgibt, in dem entspannt gestottert werden darf: „Ha-Ha-Hase, hü-hü-hüpf.“ So werden Blockaden durch lockere Wiederholungen ersetzt. Bei den meisten Kindern führen Trainings wie diese schon nach wenigen Monaten zu einer Verbesserung des Redeflusses. Bei anderen dauere es länger, bis sich etwas tut, sagt Voitl. „Und bei einigen nützen Therapien leider nichts.“ Wenn das Stottern dann im Lauf der Pubertät auch nicht verschwindet, bleibe es den Betroffenen mit großer Wahrscheinlichkeit bis ins Erwachsenenalter erhalten.

Sprechtraining hilft

In der erwachsenen Bevölkerung liegt der Anteil der Stotternden bei einem Prozent, wobei Männer viermal häufiger betroffen sind als Frauen. Zu den Männern, die stottern, zählt Günther, 37 Jahre alt. „Ich stottere seit meinem fünften Lebensjahr und habe dadurch schon einiges mitgemacht. Aber seit ich vor einem Jahr mit einem Sprechtraining begonnen habe, geht es mir beim Sprechen besser“, sagt er.
Zwar könne man das Stottern bei Erwachsenen nicht mehr ganz wegbringen, wenn es bereits seit dem Kindesalter besteht, sagt Univ. Prof. DDr. Wolfgang Bigenzahn, Leiter der Klinischen Abteilung für Phoniatrie und Logopädie an der Medizinischen Universität Wien. „Es gibt aber verschiedene Therapien, die auch bei erwachsenen Stotterern den Redefluss verbessern können.“ Eine der bewährten Therapien wurde in den USA entwickelt: Die Fluency-Shaping („Weiches-Sprechen“) -Therapie, die hierzulande als „Kasseler Stottertherapie“ praktiziert wird. Die Betroffenen lernen dabei langsamer und weicher zu sprechen und in einem anderen Rhythmus zu atmen. Etwa zwei Drittel derjenigen, die so eine Therapie machen und danach weiter trainieren, behalten auch langfristig die Kontrolle über ihre Sprechmotorik – das zeigt eine Studie von Forschern der Universität Kassel. Magnetresonanztomographische Untersuchungen belegen außerdem, dass durch die Kasseler Stottertherapie Störungen in der linken Hirnhälfte kompensiert werden, indem die Therapie benachbarte Hirnregionen aktiviert.

Sprechtechniken wider das Stottern

Günther konnte seine Sprechweise mit einem anderen Training, der ebenfalls bewährten „Non-Avoidance“-Therapie nach Charles van Riper verbessern. Dabei lernen die Betroffenen im Wesentlichen, ihr Problem zu akzeptieren, verlieren so die Angst vor dem Stottern und verlernen Reaktionen, die das Stottern auslösen. Außerdem werden Sprechtechniken gelernt, die dazu dienen, etwaige doch noch auftretende Stotteranfälle besser zu bewältigen. Welche Techniken das sein können, haben berühmte Stotterer vorgezeigt: Marilyn Monroe gewöhnte sich beispielsweise an, die Laute beim Sprechen zu hauchen. Der britische Premierminister Winston Churchill vermied Wörter, über die er hätte stolpern können. Andere sprechtechnische Methoden, die Stotterern zumindest kurzfristig Erleichterung verschaffen können, sind der Wechsel von der Umgangssprache in die Hochsprache – oder auch in eine Fremdsprache. Wird die Fremdsprache allerdings zur zweiten „Muttersprache“, stottern die Stotterer auch in der Zweitsprache. Auch Stotterer, die ein Gedicht vortragen oder singen, stottern nicht, weil dann so wie beim Sprechen einer anderen Sprache andere Hirnareale als beim normalen Sprechen arbeiten.

Medikamente, Entspannungsübungen, Rhythmik & Co

Begleitend zu einer Sprachtherapie könne man erwachsenen Stotterern, die unter Angst- und Spannungszuständen leiden, mit entsprechenden Psychopharmaka helfen, sagt Bigenzahn. Nichtmedikamentöse Alternativen sind Erlernen und Anwendung von Entspannungstechniken wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung. Manchen Betroffenen helfe es, den Redefluss durch Redeübungen mit rhythmischen Mitbewegungen – wie z. B. das Klopfen mit dem Finger auf den Tisch oder mit dem Fuß auf den Boden – zu verbessern oder durch Übungen mit dem Metronom. Auch bestimmte Geräte, die wie Hörgeräte getragen werden und entweder die Eigenwahrnehmung der Sprache verhindern oder den Sprecher die eigenen Worte zeitlich verzögert hören lassen, können Stotterer unterstützen.

Was ist Stottern?

Stottern ist definiert durch die Unterbrechung des natürlichen Redeflusses, es kann sich in der Wiederholung von Silben oder Wörtern äußern (Gi-gi-gibst du mir mir mir…bitte das Buch) genauso wie in der Dehnung (Haaaaast du den Film schon gesehen?) und in der Blockade (Ssssseid ihr gut angekommen?). Als schweres Stottern gilt, wenn es bei jeder fünften Silbe zu einer Unterbrechung kommt.

Was tun beim Entwicklungsstottern?

Das so genannte Entwicklungsstottern tritt bei 80 Prozent der Kleinkinder zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr auf. Also dann, wenn die Sprachentwicklung des Kindes so weit fortgeschritten ist, dass es schneller denkt, als es sprechen kann. Das Entwicklungsstottern verschwindet in der Regel von selbst.

INTERVIEW

„Entlastung ist der erste Schritt“

Ulrike Haas ist Logopädin in Wien.
Die Stottertherapie zählt zu ihren Spezialgebieten.

MEDIZIN populär
Welche Therapie hilft am besten gegen das Stottern?

Ulrike Haas
Diese eine, bestimmte Therapie gibt es nicht. Meiner Erfahrung nach wirken Therapie-Pakete mit einem psychofunktionalen Ansatz am besten, die auf die Bedürfnisse der Betroffenen abgestimmt sind.

Angenommen, Eltern eines Dreijährigen, der stottert, wenden sich an Sie: Was machen Sie?

Wichtig ist mir, beruhigend und aufklärend tätig zu sein. Ich vermittle den Eltern, dass sie das Stottern zwar nicht tabuisieren, aber auch nicht zum wichtigsten Thema in der Familie machen dürfen. So entlasten sie ihr Kind, und ist es entlastet, stottert es meist schon weniger. Anschließend lernt es spielerisch mit seinem Stottern umzugehen, möglichst flüssig zu sprechen, zunächst einzeln, später dann eventuell in Gruppen.

Wie lang dauert es, bis sich Erfolge einstellen?

Grundsätzlich gilt: Je früher ein Kind zur Behandlung gebracht wird, desto schneller zeigen sich Fortschritte. Nach einem halben Jahr kann das Stottern auch schon verschwunden sein.

Bei älteren und erwachsenen Stotterern ist die Behandlung schwieriger?

Jenseits des Kleinkindalters ist das Stottern nicht mehr heilbar. In der Therapie älterer und erwachsener Stotterer steht deswegen im Vordergrund, den Umgang mit dem Stottern zu lernen sowie Techniken, die den Redefluss verbessern.

Manche versuchen, das Stottern medikamentös oder mit Geräten in den Griff zu kriegen…

Ich habe einen stotternden Mann erlebt, dem ein taktgebendes Gerät geholfen hat. Andere nehmen homöopathische Mittel, die ihnen die Aufregung vor dem Reden nehmen. Solche Hilfsmittel sind für den Moment gut, nur bleiben sie Hilfsmittel. Da kann eine Therapie schon mehr.

Buchtipps:
Friedrich, Bigenzahn, Zorowka, Phoniatrie und Pädaudiologie. Einführung in die medizinischen, psychologischen und linguistischen Grundlagen von Stimme, Sprache und Gehör.
ISBN 978-3-456-84508-1, 493 Seiten, € 39,95, Huber Verlag

Voitl, Was fehlt meinem Kind?
ISBN 978-3-902552-14-3, 344 Seiten, € 24,90, Verlagshaus der Ärzte

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