Vagina nach Maß: Intim-OPs im Trend

Januar 2009 | Gesellschaft & Familie

Die Schönheitschirurgie hat den Intimbereich erreicht. Schamlippenkorrekturen & Co werden immer öfter verlangt. MEDIZIN populär über die Gründe für den Boom und die Risiken, mit denen solche Eingriffe verbunden sind.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Im Internet, in persönlichen Beratungen und in Workshops bieten die Sexualberater vom Österreichischen Institut für Sexualpädagogik in Wien ihre Hilfe an. Die Ratsuchenden sind zum Großteil Jugendliche im Alter von zwölf bis 19 Jahren. Jedes Jahr wird Bilanz gezogen, auch über das, was die Teenies abseits der klassischen Sexualaufklärung so alles interessiert. Diesbezüglich stellte man zuletzt einen auffälligen neuen Trend fest. „Immer mehr Mädchen wollen etwas über Schönheitsoperationen im Intimbereich wissen“, sagt Sexualberaterin Bettina Weidinger. „Und wenn man dann näher nachfragt, stellt man fest, dass viele auch ernsthaft daran denken, sich selbst so einer Operation zu unterziehen, weil sie ihr Aussehen verunsichert.“ Eine 19-Jährige schrieb beispielsweise an das Beraterteam: „Hallo Ihr, ich schäme mich sehr für meine Vagina, meine inneren Schamlippen sind so riesig und lang, dass sie aus den äußeren heraushängen…“

Dass nicht nur immer mehr junge Mädchen den Wunsch nach einer Intim-OP haben, sondern auch eine stetig steigende Zahl erwachsener Frauen etwas an ihren Genitalien verändert haben möchte, weiß Univ. Doz. DDr. Barbara Maier von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Salzburg. Zwar würden in Österreich wie auch in den meisten anderen Ländern keine entsprechenden Statistiken geführt – nur der staatliche britische Gesundheitsdienst verfügt über Zahlen und gab kürzlich eine Versechsfachung der Schamlippenkorrekturen auf 800 in den Jahren 2004/05 gegenüber 1998/99 bekannt. Doch, so Maier: „Ich habe bei meiner Arbeit an der Klinik, in meiner Ordination und im FrauenGesundheitsZentrumSalzburg gemerkt , dass das Interesse an Intim-OPs auch unter Frauen um die 30 und darüber seit dem Jahr 2003 von Jahr zu Jahr größer geworden ist.“

Männerwünsche oder Vorbilder?
Den Anfragen in entsprechenden Internet-Foren nach zu urteilen, wollen so wie in Salzburg auch überall anderswo auf der Welt die weitaus meisten Interessentinnen die inneren Schamlippen verkleinert haben und/oder die äußeren Schamlippen verkleinert oder aufgepolstert. Es werden aber auch noch andere Eingriffe angeboten wie die Verengung der Vagina durch Eigenfett-Injektionen, die Verkleinerung oder Aufpolsterung des Schamhügels, die Entfernung der Vorhaut der Klitoris oder die Verdickung des G-Punkts durch Eigenfett-Injektionen. Ebenfalls machbar ist die chirurgische Erneuerung der Unschuld durch den Aufbau eines Hymenalsaums dort, wo einmal das Jungfernhäutchen war. In den USA lassen diesen Eingriff, wie es heißt, immer mehr ältere Frauen zusätzlich zu einigen anderen der erwähnten Operationen durchführen, um ihren Ehemännern mit einer „Vagina nach Maß“ ein besonderes Geschenk zu machen.

Sind es auch hierzulande Wünsche der Männer, die Frauen dazu veranlassen, an eine Intim-OP zu denken und sich letztendlich unters Messer zu legen? Maier sagt: „Ich denke, dass das sehr selten der Fall ist, und dass die große Mehrheit der Frauen nicht deswegen eine Intimoperation durchführen lässt, weil ihr Mann sich das wünscht, sondern aus vielen anderen Gründen.“
Eine wesentliche Rolle bei der Entscheidung spielen Vorbilder. Da die Entfernung des Schamhaars seit geraumer Zeit en vogue ist, ist heute sichtbar, was früher verborgen blieb. In der Sauna, auf Pornoseiten im Internet und in entsprechenden Zeitschriften sieht man, wie die Schamlippen von Frauen aussehen bzw. aussehen sollten. Maier: „Sehen die eigenen Schamlippen anders aus, kann das zu Verunsicherung und schließlich zu dem immer dringenderen Wunsch nach einer OP führen.“ Am weitaus häufigsten werden Schamlippen als Problem angesehen, die als zu groß empfunden werden. Manche Frauen halten ihre eigenen Schamlippen auch für zu breit oder zu dünn – alles Annahmen, die, wie Maier weiß, objektiv meistens nicht bestätigt werden können.

Doch was, wenn man tatsächlich große Schamlippen hat, die eine Belastung darstellen? Nach dem Vorbild niederländischer Kollegen versucht eine Arbeitsgruppe um die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Univ. Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger zu definieren, wann Betroffenen mit einer Schamlippenverkleinerung auch wirklich geholfen werden kann. „Wenn die Schamlippen an ihrer breitesten Stelle breiter als 4,5 Zentimeter sind“, sagt Maier, „ist es eher wahrscheinlich, dass die Betroffenen unter Schmerzen beim Radfahren und Reiten leiden, oder auch unter Hautreizungen, die dadurch entstehen, dass die großen Schamlippen an Slips oder Hosen scheuern.“

Eingriff und Folgen
Ehe operiert wird, sollen Frauen auf jeden Fall ausführlich gynäkologisch untersucht werden. Ein Beratungsgespräch, in dem sie über die Risiken des Eingriffs und mögliche unerwünschte Begleiterscheinungen wie Irritationen, Narbenbildungen und Sensibilitätsstörungen informiert werden, wie auch über mögliche enttäuschte Erwartungen, ist unbedingt erforderlich. Eine Sexualanamnese und eine psychologische Beratung sind ebenfalls vorauszusetzen. Erst wenn in all diesen Perspektiven angenommen werden kann, dass der Eingriff den Betroffenen zu einer besseren physischen und psychischen Situation verhelfen wird, operieren Maier und ihre Kolleginnen.
Doch wie läuft der häufigste Eingriff in der Intimchirurgie, die Schamlippenverkleinerung, überhaupt ab? Maier: „Erst wird die Patientin in Narkose versetzt, dann wird mit dem Skalpell das überschüssige Gewebe entfernt, und die Schnitte werden so vernäht, dass spätere Narben nicht sichtbar sind und nicht an Druckstellen verlaufen.“

Ein stationärer Aufenthalt ist ratsam, zur Schonung und um Nachblutungen zu verhindern. Die Fäden lösen sich mit der Zeit von selbst auf. Wie kann es dann weitergehen? Aus einer Studie mit 163 Patientinnen, die im Jahr 2000 in einem amerikanischen Fachjournal veröffentlicht wurde, weiß man, dass 64 Prozent der Operierten bis zum 60. Tag nach der Operation über Schmerzen klagten, 45 Prozent in derselben Zeit auch körperliche Beschwerden und 23 Prozent bis zu drei Monate nach der OP auch Sensibilitätsstörungen hatten. Sechs Monate nach dem Eingriff waren aber 90 Prozent mit dem Ergebnis zufrieden. Nur vier Prozent gaben an, sich nicht wieder einer solchen Operation unterziehen zu wollen, wenn sie noch einmal die Wahl hätten.

Weitere genitale ästhetische Eingriffe, die abgesehen von der Schamlippenverkleinerung durchgeführt werden, sind nach Häufigkeit gereiht die Aufpolsterung der äußeren Schamlippen (durch Eigenfett-Injektionen), die Verkleinerung der Vorhaut der Klitoris (durch einen Schnitt mit dem Skalpell), die Verengung der Vagina (durch Vaginal-Rejuvination).

Beratung und Bewusstsein
Was raten Dr. Maier und Sexualberaterin Weidinger einer Frau, die vorhat, sich einer Intim-OP zu unterziehen? Hier sind sich die beiden Expertinnen einig: Am besten sei es, sich von mehreren Gynäkologinnen beraten zu lassen und auch Freundinnen oder die Mutter zu Rate zu ziehen – und sich intensiv mit dem eigenen Körperbild auseinanderzusetzen, ehe die Entscheidung fällt. Denn immerhin bestehe abgesehen von den Risiken, die jede OP mit sich bringt, noch die Gefahr, dass der als unschön empfundene Körperteil gar nicht das Problem ist, sondern vielmehr mangelndes Körperbewusstsein und/oder mangelndes sexuelles Selbstbewusstsein sowie andere sexuelle Störungen.

Dazu fällt Weidinger eine 23-Jährige ein, die sich die Schamlippen in einer Privatklinik verkleinern ließ, wo viel Geld für den Eingriff zu bezahlen war. „Zuerst war sie glücklich, jetzt ist sie frustriert, weil sie erkannt hat, dass ihr der Eingriff nicht die erhoffte sexuelle Sicherheit beschert hat.“ Diese, wissen Weidinger und Maier, werde eben nur durch die Akzeptanz des eigenen Körpers erlangt und durch seine lustvolle Besetzung – nach dem Motto: „Meine Schamlippen sehen zwar anders aus als die der anderen, dafür sind es meine, sie gehören zu mir, sind Teil meiner Individualität und haben deswegen einen besonderen Wert.“

Die meisten Frauen, die sich für eine Intim-OP interessieren bzw. entscheiden, halten ihre Schamlippen für zu groß oder zu breit. Ob mit der Verkleinerung per Skalpell tatsächlich das Problem gelöst ist, steht laut Expertinnen auf einem anderen Blatt.

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Buchtipp

Turkof, Sonnleitner, Stirn
Schamlippenkorrektur
Enzyklopaedia Aesthetica
ISBN 978-3-85175-897-9
Verlag Maudrich, 2009
104 Seiten, € 16,­–

InfoTipp

www.sexualpaedagogik.at
www.sexualtherapien.at
www.frauengesundheitszentrum-salzburg.at

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