Der Stress der Frauen

September 2009 | Medizin & Trends

Wie sich große Belastungen auf sie auswirken
 
Frauen werden mit anderen Belastungen konfrontiert als Männer. Und sie reagieren anders, wenn ihnen alles zuviel wird. Für MEDIZIN populär gibt ein Experte Einblick in die Zusammenhänge zwischen Stress und weiblichen Hormonen, Stress und (Frauen-) Krankheiten, erklärt das „Brutpflegeverhalten“ mancher Chefinnen und die Bedeutung von Magnesium.
 
Von Bettina Benesch

Wer den Karriereteil einer beliebigen österreichischen Tageszeitung durchblättert, wird auf folgende oder ähnliche Anforderungen stoßen: „Leadership Skills“ … „dynamisch“ … „performanceorientiert“ … „mentale Belastbarkeit“ … „Konfliktfähigkeit“ … und so weiter und so fort. Anforderungen, die Frauen mitunter auch nach Dienstschluss zu Hause erfüllen. Nicht immer ohne Folgen.

Über Jahre und Jahrzehnte hinweg fördert zu große Belastung das Krankheitsrisiko, zeigte die Allgemeinmedizinerin und Forscherin Dr. Dominique Hange von der Universität Göteburg in Schweden. Sie wertete Gesundheitsdaten aus, die über drei Jahrzehnte hinweg von über 1000 Frauen in Göteburg gesammelt wurden. Die Frauen wurden dabei zu ihren Symptomen befragt. Hanges Conclusio: Mentaler Stress hängt mit körperlichen Symptomen zusammen. „Symptome, die oft als psychosomatisch angesehen werden – wie Kopfschmerzen, Migräne, Magen-Darm-Beschwerden oder Beschwerden des Bewegungsapparats – treten häufiger bei Frauen auf, die mentalen Stress erleben“, schreibt Hange in ihrer abschließenden Arbeit. Zudem gebe es einen Zusammenhang zwischen mentalem Stress und erhöhter Sterblichkeit, und es gebe eine Verbindung zu Brustkrebs und Schlaganfall. Dieser Zusammenhang zeige sich mitunter erst nach Jahrzehnten.

Vom Brutpflegehormon zum Burnout

An und für sich sind Frauen von Natur aus gut gerüstet für ein Leben unter Druck, erklärt der Stressforscher und Hormonexperte Prof. Dr. Sepp Porta: Frauen können dank des höheren Östrogenspiegels mit Dauerbelastungen besser umgehen als Männer. Das Östrogen ist jedoch nur eine Seite der Medaille: „Frauen haben vorwiegend zwei Hormonwirkungen, die sie von Männern unterscheiden: Das ist neben der Wirkung von Östrogen auch die von Oxytocin. Oxytocin ist das Brutpflegehormon, das auch in den Beziehungen zwischen Mann und Frau eine Rolle spielt“, sagt Porta. Dank dieses Hormons falle es Frauen besonders schwer, ihre persönlichen Gefühle im Beruf aus dem Spiel zu lassen, schließt Porta. Die Wirkung des Hormons sei einerseits wichtig, um persönliche Bindungen zu halten und zu festigen, es zehre jedoch andererseits an den Energiereserven der Frau: „Wenn zum Beispiel eine Ärztin immer zu viele Gefühle in ihre Patienten investiert, ist das auf Dauer sehr belastend und erfordert unglaublich großen Stress, der sehr leicht ins Burnout führen kann.“ (zur Stressdefinition siehe Kasten „Was ist Stress?“)

Vom Blutwert zum Arbeitsklima

Porta leitet das Institut für Angewandte Stressforschung in Bad Radkersburg und untersucht im Auftrag von Firmen regelmäßig die Belastung der Mitarbeiter. Konkret geht es um die Effekte, die Stresshormone im Körper auslösen: Wer unter Druck steht, braucht beispielsweise mehr Sauerstoff, atmet mehr Kohlendioxid aus, benötigt mehr Energie.
„Wir können zum Beispiel aus dem Durchschnitt der Blutreaktionen einer Abteilung auf das Firmenklima schließen“, sagt Porta. „Man kann auch von der Art und Weise, wie Sie in der Früh in die Arbeit kommen, hochrechnen, was Sie leisten werden: Wenn das Arbeitsklima schlecht ist, kommen ganz besonders Frauen in der Früh mit Blutwerten zur Arbeit wie nach einem 5000-Meter-Lauf. Im Lauf des Tages normalisiert sich der Wert.“
 
Vom Magnesiummangel zu übertriebenen Reaktionen

Wer unter Druck steht, riskiert zudem einen wirren Mineralstoffwechsel. Im Zentrum von Portas Arbeit steht derzeit das Magnesium: „Magnesium hängt unheimlich stark mit Belastung und Stress zusammen. Wir sehen zum Beispiel einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Magnesiumkonzentrationen und Leistung.“ In den USA werden Frauen zu den so genannten Magnesiummangelgruppen gezählt, sind also meist unterversorgt mit dem Mineralstoff. Durch Stress, aber auch durch Diäten, sinken die Magnesiumwerte weiter. Parallel dazu sinkt die Kalziumkonzentration – und das Risiko für Knochenschwund (Osteoporose) steigt.
Und es gibt eine weitere fatale Wirkung: Menschen mit niedrigem Magnesiumlevel reagieren übermäßig stark auf Belastungen. „Sie sind sowieso schon etwas angeschlagen und reagieren noch übertrieben, weil das Magnesium den Energiemotor schmiert“, erklärt Porta. „Und wenn ein Kolben nicht gut geschmiert ist, braucht er mehr Benzin. Wenn Sie wenig Magnesium haben, brauchen sie viel zu viel Anstrengung für die gleiche Leistung.“
 
Vom Stress zum PMS

Kommt dazu die Menstruation ins Spiel, wird es eng: Die „Tage vor den Tagen“, das Prämenstruelle Syndrom (PMS), sind laut Porta nichts anderes als die Addition von hormonellem Stress und Ärger in der Arbeit oder zu Hause. Der Stressforscher rät Frauen daher, zu große Belastungen kurz vor der Menstruation zu vermeiden, „da sich die körperlichen Belastungen durch die herbeikommende Menstruation in überwältigender Weise mit den beruflichen und familiären Belastungen addieren. Ich halte diesen Zeitpunkt für einen zentralen Zeitpunkt für Frauen; eine große Chance in der Umwälzung. Diese Umwälzungen sollte man nicht negativ beeinflussen, die sollte man pflegen.“
Psychotherapeutin Mag. Sabine Zankl vom Frauengesundheitszentrum Graz rät Frauen zudem, Pausen im Kalender einzutragen und diese Termine auch einzuhalten. „Es ist wichtig, sich auf den Tag verteilt mindestens eine Stunde Zeit zu nehmen, in der man für sich ist, achtsam mit sich ist und nichts leisten muss.“ Außer vielleicht kurz darüber nachzudenken, was „Leadership Skills“ wirklich sind – und wie sich Fähigkeiten wie „mentale Belastbarkeit“ und „Konfliktfähigkeit“ über die Jahrzehnte retten lassen.

Was ist Stress?

Stress. Wer hat den heute nicht? Was aber ist Stress eigentlich? „Hat“ man Stress oder „macht“ man (sich) Stress?
Stress ist die individuelle Antwort des Körpers auf Reize oder Belastungen – egal ob akute Belastungen oder Dauerbelastungen im Alltag. Stress zu „haben“  ist also nichts per se Schlechtes, da er uns dabei hilft, mit belastenden Situationen umzugehen. Grob unterschieden wird bei Stress eine positive und eine negative Variante: Guter Stress ist laut Stressforscher Sepp Porta die Antwort auf eine bewältigbare, beherrschbare Herausforderung. Nicht bewältigbare Herausforderungen dagegen können schlechten Stress auslösen.

Buchtipp
Porta, Hlatky, Stress verstehen – Burnout besiegen
ISBN 978-3-902552-43-3
160 Seiten, € 14,90, Verlagshaus der Ärzte 2009

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