Die Leiden des Joseph Haydn

April 2009 | Medizin & Trends

Pocken, Polypen, „englische Launen“
 
Im Haydn-Jahr 2009 stellt die Musikwelt das berühmte Werk des österreichischen Komponisten in den Mittelpunkt, MEDIZIN populär blickt auf eine stillere, kaum bekannte Seite: die vielen kleinen und großen Leiden, die Joseph Haydn (1732-1809) im Laufe seines 77-jährigen Lebens ertragen musste.
 
Von Mag. Karin Kirschbichler

„Blattermastiges Gesicht“
„Ich nehme mir die Freyheit, gehorsamst zu bitten, mir auf mein blattermastiges Gesicht hundert Gulden zu leihen“, schrieb Joseph Haydn im Jahre 1796 an einen betuchten Kaufmann. An akuter Geldnot litt Haydn dank seiner Erfolge und der Zuwendungen der Fürstenfamilie Esterházy selten. An den Spuren eines Leidens aus Kindertagen hatte er sein ganzes Leben lang zu tragen: Eine Pockeninfektion, so beschrieb es Haydns Biograph Albert Christoph Dies, bewirkte, dass „seine Habichtsnase sowie auch die übrigen Gesichtsteile stark mit Blatternarben, die Nase selbst mit Blatternähten bezeichnet waren, sodaß die Nasenlöcher jedes eine andere Form hatten“.

Dass Haydn von einer der damals häufigsten Infektionskrankheiten offensichtlich keine weiteren Schäden davongetragen hat, schreibt der österreichische Arzt und medizinische Wissenschaftler Univ. Prof. Dr. Anton Neumayr seiner Abstammung aus einem „gesunden und robusten Bauerngeschlecht“ im burgenländischen Rohrau zu. Neumayr, der Facharzt für Innere Medizin und Absolvent des Musikkonservatoriums Mozarteum in Salzburg ist, hat in vier Bänden „Berühmte Komponisten im Spiegel der Medizin“ betrachtet, Quellen gesichtet, Daten und Fakten gesammelt und die medizinische Sprache früherer Zeiten in heute verständliche Form gebracht (siehe Buchtipp).

„Übernatirlicher Cathar“
So soll das in vielen Quellen als „Kopffieber“ oder „Cathar“ bezeichnete Leiden, das Joseph Haydn im Laufe seines Lebens oftmals zu schaffen machte, ein viraler Infekt gewesen sein, der „mitunter länger dauernde Auswirkungen im Bereich der oberen Luftwege zur Folge hatte“. Dieses Leiden war, wie aus Dokumenten der Zeit hervorgeht, schuld daran, dass der Komponist zuweilen längere Zeit außer Gefecht gesetzt war. So schrieb Haydn am 27. Jänner 1783 an einen Verleger: „…sind Sie über mich nicht böse, indem ich wegen einen übernatirlichen Cathar 14 Tage im bette bleiben muste“, und wenige Zeit später berichtet er erneut über einen so „heftigen Cathar, dass ich ganze 3 Wochen unbrauchbar ware“. Und in einem Brief von 1801 heißt es: „Vater Haydn konnte Ihnen nicht schreiben; er liegt wieder an einem Kopffieber krank“.

„Polyp in der Nase“
Ursächlich dürfte die Anfälligkeit für virale Infekte, so Neumayr, „mit dem von der Mutter ererbten Nasenpolypen zusammenhängen, weil dadurch die Entstehung sekundärer Infektionen im Bereich etwa der Nasennebenhöhlen, aber auch der Bronchien, begünstigt wird“. 1783 schrieb Haydn über diese Geschwulst in der Nasenschleimhaut, die immer wieder so stark anwuchs, dass sie die Atmung behinderte und insgesamt drei Mal operativ entfernt werden sollte: „Mein widerholter unglücklicher Zustand, nemblich die gegenwärtige Operation eines Polyp in der nase, verursachte, dass ich bishero zu arbeith ganz unfähig war. Sie müssen sich danenhero wegen denen liedern noch 8 oder höchstens 14 Täge gedulden bis mein geschwächter Kopf mit Gottes Hülfe seine vorige stärcke erlangt.“

Eine operative Entfernung von Nasenpolypen war damals – lange vor Erfindung der Narkose! – eine qualvolle und riskante Angelegenheit. Und nach dem misslungenen Eingriff, den Johann Alexander Brambilla, damals Chefchirurg der österreichischen Armee, an Haydns Nase durchführte, ließ sich der Komponist zu keiner weiteren Behandlung überreden. „Schon mehrere Mal hatte sich Haydn chirurgischen Operationen unterworfen, und war, selbst unter den Händen des berühmten Brambilla, so unglücklich gewesen, ein Stück vom Nasenbein einzubüßen, ohne von dem Polypen ganz befreyet zu werden“, schreibt Biograph Dies. Und auch auf die Gefahr hin, dass es sein „Angesicht entstelle und die Frauen abschrecke“, beschließt Haydn, das Problem mit ins Grab zu nehmen: „Ich muß den Kerl nun schon unter der Erde verfaulen lassen; auch meine Mutter litt an diesem Ubel, ohne dass es ihr den Tod zugezogen hätte.“

„Englische Launen“
Nicht nur für den körperlichen, auch für den psychischen Zustand Joseph Haydns hat Arzt und Buchautor Neumayr viele Hinweise gesammelt. So drückten in den drei Jahrzehnten, die der Komponist bei den Esterházys zubrachte, Einsamkeit und Abgeschiedenheit zuweilen schwer auf seine Seele. „Ich war von der Welt abgesondert“, so Haydn, „niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen und quälen und so musste ich original werden.“ Auch aus seiner Londoner Zeit gibt es Berichte über „Tage voller Niedergeschlagenheit, ohne zu wissen, warum“. Und 1792 berichtet Haydn nach Hause: „Ich habe fast immer die englischen Launen, das sind melancholische.“

Verschlimmert hat sich die seelische Verfassung Haydns vor allem während der letzten zehn Jahre seines Lebens, in denen er in weitgehender Zurückgezogenheit seinen körperlichen und geistigen Verfall miterleben musste und laut Neumayr eine Altersdepression erlitt.

„Schwaches Gedächtnüss“
1799, zehn Jahre vor seinem Tod, beklagt der Künstler, dass ihn an „manchen Tag die schwache gedächtnüß und Nachlassung der Nerven dermassen zu boden drückt, dass ich in die traurigste Lage verfalle, und hiedurch viele Täge nachero ausser stand bin nur eine einzige Idee zu finden“. Nicht nur die geistigen, auch die körperlichen Kräfte verlassen Haydn mehr und mehr, das Komponieren und Musizieren wird zusehends schwieriger und schließlich ganz unmöglich.

In diesen Jahren zog sich Haydn immer mehr in sein Haus in Wien-Gumpendorf zurück, geschwollene Beine, Kopfschmerzen, Schwindel, immer wieder auftretende Erkältungskrankheiten und Nasennebenhöhlenentzündungen schwächten ihn zunehmend und machten ihm die Teilnahme am Leben außerhalb seiner vier Wände schwerer und schwerer. Haydns einzige Freude waren Besucher, denen er über die Erfolge aus besseren Tagen erzählen und stolz seine Auszeichnungen und Ehrenmedaillen zeigen konnte. „Ich zähle daran mein Leben rückwärts und werde auf Augenblicke wieder jung“, soll Haydn über die Kraft der positiven Erinnerungen gesagt haben.

Todesursache „Entkräftung“
Das lange Leiden hatte ein Ende, als Joseph Haydn am 31. Mai 1809 im Alter von 77 Jahren starb. Als Todesursache gibt das Totenprotokoll in der Pfarre Gumpendorf „Entkräftung“ an. 200 Jahre später liest sich die klinische Diagnose durch Univ. Prof. Dr. Anton Neumayr so: „Haydn starb an einem Leiden, das sich langsam während seines letzten Lebensjahrzehnts entwickelte und das in unserer heutigen Gesellschaft mit ihrem wesentlich höheren Durchschnittsalter zu den häufigsten Todesursachen zählt, nämlich einer altersbedingten Arteriosklerose der Herzkranzgefäße und der Gehirnarterien.“ Für den sich seit 1801 abzeichnenden „Verfall der Persönlichkeit“ Haydns sieht Neumayr zusätzlich einen degenerativen Prozess der Nervenzellen im Gehirn verantwortlich. All das zusammen hatte Haydn schon Jahre vor seinem Tod so zugesetzt, dass er nur mehr klagen konnte: „Hin ist alle meine Kraft, alt und schwach bin ich.“

BuchTipp
Neumayr
Berühmte Komponisten im Spiegel der Medizin
Band 1: Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beet­hoven, Franz Schubert
ISBN 978-3-85052-189-5
340 Seiten, € 33,–
Verlag Ibera/European University Press, 2007

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