Gesund reisen im fortgeschrittenen Alter

Mai 2009 | Medizin & Trends

So urlauben Senioren sicher
 
Mit 80 Jahren um die Welt. Globetrotten in der Pension, mit 60, 70, 80 Jahren endlich die Welt sehen! Viele Menschen entdecken im fortgeschrittenen Alter die Lust am Reisen – in einer Zeit allerdings, in der die Gesundheit bereits besondere Bedürfnisse hat, vielleicht sogar schon ernste Risse zeigt. MEDIZIN populär gibt die wichtigsten Tipps für die richtige Reisevorbereitung und eine gesunde Wiederkehr.
 
Von Mag. Helga Schimmer

Niemand denkt gerne daran, dass er auch im Urlaub krank werden könnte. Doch Sorglosigkeit im Zusammenhang mit der Gesundheit kann sich gerade bei Senioren bitter rächen. Ihnen fällt es schwerer, sich an andere Klimabedingungen anzupassen und sich mit einer neuer Umgebung vertraut zu machen. Deshalb gilt es, schon in der Planungsphase die richtigen Weichen zu stellen. „Insbesondere ältere Menschen brauchen eine so genannte situationsangepasste Reisefähigkeitsprüfung“, sagt Univ. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Facharzt für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin in Wien. „Dazu ist zunächst die korrekte Diagnose bereits bestehender Grundkrankheiten von Bedeutung.“ Leidet ein Patient etwa an einer Erkrankung der Herzkranzgefäße oder einer schweren Lungenkrankheit, muss ein Arzt feststellen, ob dem Betreffenden ein Ortswechsel überhaupt zugemutet werden kann.

Fällt die Antwort positiv aus, folgt die Besprechung des Reiseprogramms nach gesundheitlichen Gesichtspunkten. Mit welchen Strapazen ist es verbunden? Welche Komplikationen könnten sich angesichts der körperlichen Konstitution des Urlaubers ergeben? Kann das Programm da oder dort umgestellt werden? Prof. Kollaritsch: „Will beispielsweise ein 70-Jähriger mit Herzschwäche eine Bahntour durch die Anden machen, würde ich ihm raten, den Reiseabschnitt, der über den 6000 Meter hohen Pass führt, wegzulassen.“ Bei Diabetes wiederum sollte im Vorfeld geklärt werden, ob die Insulinmenge optimal eingestellt ist, der Zuckerkranke über das Verhalten im Notfall Bescheid weiß und er seine Medikamente gut verträgt.

Medikamente, Impfungen

Apropos Medikamente: Die Kombination bestimmter vor bzw. während einer Reise einzunehmender Arzneimittel kann schwere Nebenwirkungen hervorrufen. „So können Tabletten zur Malaria-Prophylaxe mit einigen Antibiotika interagieren“, warnt Kollaritsch. Bezüglich des Impfschutzes gelten für Senioren prinzipiell dieselben Kriterien wie für Jüngere: Ein Blick in den Impfpass zeigt, ob man auch den für Österreich empfohlenen Schutz wie etwa die Vierfachkombination Tetanus, Diphtherie, Kinderlähmung und Keuchhusten auffrischen muss. Danach sollte gemeinsam mit einem erfahrenen Reisemediziner den speziellen Erkrankungsrisiken im Urlaubsland vorgebeugt werden. „Dabei ist zu bedenken, dass nicht nur an exotischen Destinationen potenzielle Gesundheitsgefahren lauern“, sagt Kollaritsch. „Auch beim Wandern in der Steiermark oder in Kärnten kann man sich eine durch Zecken übertragene Gehirnhautentzündung einhandeln.“ Neben der FSME-Vorbeugung empfiehlt der Reisemediziner für ältere Menschen die jährliche Grippeschutzimpfung und die im Abstand von fünf bis zehn Jahren durchzuführende Impfung gegen Pneumokokken, die Erreger der Lungenentzündung, denn die Ansteckungsgefahr ist insbesondere auf Kreuzfahrtschiffen und bei Gruppenreisen erhöht.

Reisethrombose vorbeugen

Nicht nur auf Langstreckenflügen, auch in Auto, Bus oder Bahn verlangsamt Bewegungsmangel durch beengtes Sitzen, geringe Flüssigkeitszufuhr und herabgesetzte Luftfeuchtigkeit den Blutfluss in den tiefen Beinvenen. Ein Gerinnsel kann sich bilden, das sich losreißt und auf seinem Weg durch die Blutbahn über das Herz in die Lunge gelangt. Dort verstopft der Thrombus ein Gefäß, wodurch für den Organismus rasch ein lebensbedrohender Zustand entsteht. Mitunter verläuft eine solche Lungenembolie tödlich. „Wie hoch das Thromboserisiko eines Menschen ist, hängt von bestimmten Risikofaktoren ab. Danach richten sich auch die Vorkehrungen, die ein Patient gemeinsam mit seinem Arzt treffen sollte“, erläutert Kollaritsch. Wer etwa erst vor kurzem operiert wurde, einen gelenkübergreifenden Gipsverband trägt oder an Krebs leidet, setzt sich auf Langstreckenreisen einem sehr hohen Thromboserisiko aus, das möglicherweise gegen die Tour oder zumindest für ihren Aufschub auf einen späteren Zeitpunkt spricht. Ein mittleres Erkrankungsrisiko haben Personen über 60 Jahre aber auf jeden Fall, speziell wenn sie rauchen, übergewichtig sind, Krampfadern haben oder Hormonpräparate einnehmen. Prof. Kollaritsch: „Hier kann nur die individuelle Beurteilung durch den Arzt klären, ob das Tragen von Stützstrümpfen zur Vorbeugung ausreicht oder niedermolekulare Heparine verabreicht werden müssen.“

Bewegung zählt jedenfalls zu den wichtigsten Vorsorgemaßnahmen gegen die Reisethrombose. Ist das Aufstehen und Gehen im Transportmittel nicht möglich, lassen sich Übungen im Sitzen wie das Kreisen der Füße oder das Anheben der Oberschenkel durchführen. Auch auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr sollte man achten. Als Faustregel gilt: Mindestens einen Viertelliter pro Stunde trinken – am besten kohlensäurefreies Mineralwasser. Verzichten Sie jedoch auf koffeinhaltige Getränke, Alkohol und Beruhigungsmittel.

Besondere Bedürfnisse melden

Ist Ihre Mobilität eingeschränkt, benötigen Sie Hilfe beim Ein- und Aussteigen oder brauchen Sie medizinische Betreuung während der Beförderung, geben Sie dem Reiseveranstalter oder der Fluglinie rechtzeitig Bescheid. Idealerweise geschieht das schon bei der Buchung, spätestens aber 48 Stunden vor Reiseantritt. Übrigens müssen Flughäfen im EU-Gebiet seit dem Vorjahr Personen mit besonderen Bedürfnissen das Reisen erleichtern, und eine Fluglinie darf die Beförderung nur aus sachlich gerechtfertigten Gründen verweigern, z. B. wenn der Rollstuhl eines Passagiers nicht in das Flugzeug passt.

Und damit insulinpflichtige Diabetiker keine Probleme bei der Sicherheitskontrolle bekommen: Immer ein ärztliches Attest in deutscher und englischer Sprache mitführen, aus dem hervorgeht, dass aus medizinischen Gründen Spritzen und Hilfsmittel zur Blutzucker-Selbstkontrolle im Handgepäck verfügbar sein müssen. Generell sollten Medikamente nur in originaler Verpackung inklusive Beipackzettel mitgeführt werden.

Zeit zum Eingewöhnen

„Leider begehen viele einen grundlegenden Fehler: Sie unternehmen zuerst die anstrengende Besichtigungstour und erholen sich erst danach beim Badeaufenthalt“, beschreibt Reisemediziner Kollaritsch ein Verhalten, das die Gefahr von Herzinfarkten und Sturzunfällen in der Fremde drastisch erhöht. „Gerade für Senioren ist die umgekehrte Reihefolge sinnvoller, um dem Körper Zeit zur Akklimatisation zu geben. Sich in einer neuen Umgebung einzugewöhnen, kann bis zu einer Woche dauern.“

Da etwa 40 Prozent der Interkontinentaltouristen mit Durchfallserkrankungen zu kämpfen haben, ist entsprechende Vorsicht bei der Verpflegung angebracht. Am besten hält man sich an die Maxime der kolonial erfahrenen Briten: „Cook it, peel it or forget it.“ Im Klartext bedeutet das, nur gekochte Speisen und geschälte Früchte zu essen, auf in Flaschen abgefüllte, original verschlossene Getränke zurückzugreifen und sich nicht vom gediegenen Hotelambiente täuschen zu lassen. Denn in tropischen Ländern sind oft schon die Lebensmittel und das Trinkwasser mit Krankheitserregern verunreinigt. Prof. Kollaritsch: „Grundsätzlich würde ich älteren Menschen empfehlen, bei der Auswahl ihres Reiseziels darauf zu achten, dass die medizinische Versorgung vor Ort annähernd westlichen Standards entspricht.“

Zurück zu Hause kann eine Nachsorge-Untersuchung notwendig sein, wenn eine Dauermedikation im Zusammenhang mit der Zeitumstellung Probleme macht. Tritt nach der Heimkehr Fieber auf, ist das ebenfalls ein Grund, sich unverzüglich an einen Arzt zu wenden, damit ein unliebsames Reiseandenken keine bleibenden Schäden hinterlässt.

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