Mundtrockenheit ist nicht immer harmlos

Oktober 2009 | Medizin & Trends

Der Speichel sorgt für die Immunabwehr im Mundraum – und ist damit wesentlich für die Gesundheit der Zähne und des gesamten Organismus verantwortlich. Problematisch also, wenn einem sprichwörtlich die Spucke wegbleibt und man unter trockenem Mund leidet. MEDIZIN populär informiert über mögliche Ursachen und Folgen.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Schon beim Gedanken ans Backhendl oder die Sachertorte läuft Ihnen das Wasser im Mund zusammen? Gut so – ist es doch Zeichen für einen funktionierenden Speichelfluss: Zwischen einem halben und eineinhalb Liter Speichel produzieren die Speicheldrüsen, die sich unter der Zunge und im gesamten Mundraum befinden, täglich. Der Körpersaft reinigt und remineralisiert die Zähne, durch das Befeuchten der Mundhöhle ermöglicht er das Sprechen, Schlucken und Schmecken. Rund 100 Millionen Bakterien finden sich in nur einem Milliliter Speichel, der zum Großteil aus Wasser sowie aus verschiedenen, teils antibakteriellen Substanzen besteht: Weil das Sekret Erreger abwehrt, erfüllt es eine wichtige Wächterfunktion im Mundraum. Problematisch wird es also erst, wenn einem beim Anblick diverser Leckereien der Mund nicht wässrig wird oder man sogar regelmäßig unter einem trockenen Mund leidet.

Die Ursachen

Mundtrockenheit, in der Fachsprache Xerostomie genannt, kann unterschiedliche Ursachen haben: Oft liegt der Grund einfach darin, dass man zu wenig getrunken hat, auch das Rauchen trocknet den Mundraum aus. Weiters können diverse Krankheiten wie Diabetes oder eine rheumatische Erkrankung wie Fibromyalgie oder das Sjögren-Syndrom für die Beschwerden verantwortlich sein. Auch psychische Störungen – seien es Depressionen, chronischer Stress, Angst- oder Panikzustände – sorgen mitunter dafür, dass einem die Spucke wegbleibt. Zur Mundtrockenheit kann es außerdem kommen, wenn im Zuge einer Tumorerkrankung eine Bestrahlung oder Chemotherapie durchgeführt werden muss. Außerdem kann die Einnahme verschiedener Medikamente – z. B. von Antidepressiva, Antihistaminika, Mittel gegen Bluthochdruck – die Speichelproduktion beeinträchtigen. Generell ist das Problem der Mundtrockenheit kein seltenes. „Mir schildern Patienten immer wieder, dass sie den Mund kaum aufbringen, weil er ausgetrocknet und die Mundhöhle komplett verklebt ist“, berichtet der Kardiologe und Internist AO Univ. Prof. Dr. Bernd Eber, Primar der II. Internen Abteilung mit Schwerpunkt Kardiologie des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern in Wels.

Hilfsmaßnahmen

Die logische Maßnahme, um den Speichelfluss wieder in Gang zu bringen: viel trinken; auch das Spülen mit Wasser oder Tee kann helfen. Außerdem regt der Kauvorgang die Speichelproduktion an – als probates, weil zahnfreundliches Mittel kann das Kauen von Zahnpflegekaugummi empfohlen werden. Wenn keine der einfachen Maßnahmen greift, sollte man ärztlichen Rat einholen: Auf Dauer ist ein ausgetrockneter Mund nämlich nicht nur unangenehm, sondern eine Gefahr für die Gesundheit.
Ist Mundtrockenheit beispielsweise die Folge einer allgemeinen körperlichen Austrocknung, kann dies sogar lebensbedrohlich sein. „Im Zuge einer Austrocknung kommt es meistens zu einer starken Verschiebung der Elektrolyte. Das kann schwere Herzrhythmusstörungen auslösen und im schlimmsten Fall zum Tod führen“, so Bernd Eber, der auch Vertrauensarzt des Österreichischen Herzverbandes ist. Im Fall einer Herzerkrankung kann die Ursache für die Austrocknung in der Medikation liegen. „Wenn wassertreibende Mittel zu hoch dosiert sind, trocknet der Patient aus“, erklärt der Kardiologe. „Das Medikament muss dann abgesetzt und Flüssigkeit zugeführt werden. Patienten, die nicht trinken können, erhalten Infusionen.“

Gefahrenzone Mundhöhle

Wenn der Speichel aufgrund der ausgetrockneten Mundschleimhaut seiner Reinigungsfunktion nicht mehr nachkommen kann, schadet das außerdem der Zahngesundheit – und kranke Zähne beeinträchtigen mitunter den gesamten Organismus: Keime im Mundraum – etwa Kariesbakterien – können nämlich auch Organe wie das Herz befallen. „Eine chronische Entzündung der Mundhöhle kann zum Beispiel zu einer Herzkranzgefäßentzündung führen“, erläutert Eber. „Je stärker die Entzündungs- und Eiterbildungen im Mund, desto größer ist die Gefahr einer Gefäßverkalkung, also einer Sklerose. Erwiesenermaßen besteht ein Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Parodontitis und Gefäßverkalkungen.“
Umgekehrt kann ein Zahnproblem auch von einer Herzerkrankung herrühren: Ein heftiger Unterkiefer-Zahnschmerz ist möglicherweise Ausdruck eines akuten Herzinfarkts. „Bei manchen Betroffenen treten bei einem Herzinfarkt isoliert Kiefer- und Zahnschmerzen auf“, weiß Bernd Eber. „Sind bei Zahnschmerzen die Zähne komplett in Ordnung, sollte man deshalb bedenken, dass der Schmerz auch vom Herzen auf die Zähne ausstrahlen kann.“

Mund- und Herzgesundheit

Das eingehende Betrachten des Mundraums ist jedenfalls Teil einer jeden kardiologischen Untersuchung. „Ich schaue mir dabei genau den Zustand der Mundhöhle und der Zunge an. Daraus lassen sich Rückschlüsse auf verschiedene Krankheiten ziehen“, bestätigt der Mediziner. Neben der Mundtrockenheit sind für den Kardiologen Veränderungen bzw. Verfärbungen von Zunge und Lippen wichtige Zeichen. Bei einer Zyanose sind z. B. die Lippen und/oder die Zunge in Folge eines Sauerstoffmangels blau verfärbt. „Die Zyanose kann Symptom für einen angeborenen Herzfehler sein“, berichtet der Facharzt. Doch längst nicht immer sind Probleme in der Mundhöhle Anzeichen einer Herzerkrankung: Ein trockener Mund und eine borkig belegte Zunge können auch Hinweise auf eine andere Erkrankung oder eine schwere Infektion sein. Eber: „Diese Symptome zeigen jedenfalls an, dass es dem Patienten sehr schlecht geht.“

Selbstuntersuchung

Was sollte man nun bei Beschwerden im Mundraum unternehmen? „Ich rate dazu, zuerst einmal selbst die Mundhöhle genau zu untersuchen, zum Beispiel, indem man sich mit einer Taschenlampe die Zähne genau anschaut, sie betastet, und feststellt, ob sie schmerzen. Außerdem sollte man schauen, ob die Zunge belegt ist“, empfiehlt der Kardiologe. Die Zunge spiegelt nicht nur den Zustand des Magens, sondern gibt generell Aufschluss über die körperlichen Befindlichkeiten. „Wenn man immer eine rosarote Zunge hat und plötzlich ist der Belag bräunlich, gräulich oder grünlich, stimmt etwas nicht“, betont Eber. Ist die Ursache für die Beschwerden unklar, so ist in jedem Fall ein Besuch beim Arzt angezeigt. Neben einer eingehenden Anamnese können verschiedene Tests (z. B. das Messen der Speichelfließrate, Bestimmung der Zusammensetzung des Speichels, Erregerabstrich der Mundhöhle etc.) Aufschluss über die mögliche Ursache geben.

DNA-Analyse: Kommissar Speichel

Mit einer Speichelprobe lässt sich auf einfache Weise der „genetische Fingerabdruck“ jedes Menschen ermitteln: Aus den bei einem Mundschleimhautabstrich gewonnenen Schleimhautzellen wird die DNA extrahiert und untersucht. Speichelproben verwendet man z. B. für Vaterschaftstests, in der Kriminalistik, um potenzielle Täter einer Straftat zu überführen, oder auch um den Missbrauch von bestimmten Substanzen nachzuweisen.

Stress, Speichel & Herz: Neue Krankheit entdeckt

Stress wirkt sich auf die Speichelproduktion und in der Folge auf die Gesundheit des Herzens aus. „Man hat mittlerweile erkannt, dass Stress akute Herzschädigungen verursachen kann“, so AO Univ. Prof. Dr. Bernd Eber, Primar der II. Internen Abteilung mit Schwerpunkt Kardiologie des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern in Wels. Erst vor rund fünf Jahren hat man eine neue Krankheit entdeckt: das Tako-Tsubo-Syndrom – benannt nach einer japanischen Tintenfischfalle.
Bei der Erkrankung kommt es im Zuge einer Stresssituation dazu, dass sich das Herz – ähnlich einem Tintenfisch in der Falle – ballonartig vergrößert.
„Bei einem akuten Stressschaden – typischerweise nach einem heftigen Streit oder traumatischen Ereignissen wie einem Überfall – kommt es zu einer ballonförmigen Auftreibung und Vergrößerung der linken Herzkammer. Das ist im Akutfall lebensgefährlich, weil Rhythmusstörungen auftreten können“, verdeutlicht Bernd Eber. „Nach vier bis fünf Tagen bildet sich die Auftreibung wieder zurück.“
Zwar bleiben von dem Ereignis keine Narben zurück, es besteht aber – ganz besonders bei Frauen mittleren Alters – die Gefahr, dass es sich wiederholt. Vor allem stresssensible Personen gelten als gefährdet. „Die Betroffenen berichten, dass sie bereits im Vorfeld Mundtrockenheit und Herzrhythmusstörungen wahrgenommen haben“, erklärt der Mediziner.

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